herr kohl drückt mir die hand.

als helmut kohl kurz nach der wende in meiner heimatstadt wahlkampf betrieb, ging ich hin. ich war 15, hatte null politisches statement in mir und wollte einfach mal diesem riesigen mann die hand schütteln. ich drängte mich in der menge nach vorne als es ans Hände schütteln ging, er kam näher, sprach in dieser ihm eigenen verwaschenen sprache zu den menschen denen er die hand schüttelte und da! ja da endlich ergriff er meine hand und – die hand hatte den tonus eines toten fisches, kalt und schlaff. es war und ist seitdem ein großes staunen in mir, wie wenig kraft in einem derartigen fels von einem mann steckte und wann immer ich ihn in den folgejahren sah, musste ich daran denken. kohl mag der kanzler der einheit sein, für mich allerdings immer der mann mit dem enttäuschenden händedruck.

(m selben abend habe ich übrigens noch reinhard mey die hand geschüttelt – das war wie erwartet: fest und warm.)

Advertisements

dein leid, meine angst. 

ich meide immer mehr das grosse weite internet. schlage ich es auf springen mir streit, missgunst, besserwisserei und leid entgegen. gerade letzteres liess mich die tage nachdenken – wie war das eigentlich vor internetzeiten, sagen wir mal bei meinen eltern und in einem teil meines lebens, den ich schon durchaus bewusst und als erwachsene wahrgenommen habe? 

da gab es die gespräche meiner eltern am abendbrottisch über einzelne patienten. herr xy, der hat aber heute schlecht ausgesehen oder frau xx hat jetzt doch grünen star. manchmal wurde aus dem freundeskreis berichtet, wer da an was erkrankt war. das wars. leid, ungerechtigkeit, bürokratiewahnsinn, ablehnungsbescheide und ihr daraus resultierendes erneutes leid – tauchte nur auf, wenn man ganz unmittelbar betroffen war oder im näheren umfeld sich was ereignete. was bis zu einem gewissen alter nicht oft der fall war. 

heute ist das anders. heute mache ich das netz auf und werde bombadiert mit berichten über leid. globales, aber auch sehr sehr viel privates leid. menschen, deren partner schwer erkrankt ist und die kämpfen müssen. eltern, deren kind verstorben ist. menschen, die selbst schwer erkrankt sind und davon berichten. und jeder einzelne bericht geht mir ans herz weil ich empathisch bin und vieles zumindest nachfühlen kann – weil ich selbst kinder habe oder ein elternteil ebenfalls lange im sterben lag oder weil ich auch jemand nahes kenne, der an was auch immer schwer erkrankt ist. jeder bericht, jeder post, jedes bild rührt mich zutiefst an. und er macht noch was mit mir. er macht mir angst. 

ich lese berichte über behördenversagen, um nicht bewilligte kuren/rehas/therapien und denke ach du scheisse! bin ich ausreichend zusatzversichert (nein. scheint man eh nie zu sein.) ich lese von ertasteten knoten, operierten knoten, wiederkehrenden knoten und fahre mit der hand an meine brust, in der selbst eine menge (gutartiger) knoten sind und denke ach du scheisse! wächst der gerade? kippt jetzt gerade in diesem einen moment die gesunde zelle ins bösartige? und wann genau werde ich das mitkriegen? ich lese von herzstillständen, herzinfarkten und schlaganfällen und denke ach du scheisse! diese eine genusskippe gestern abend auf dem balkon, wird die jetzt dafür sorgen, dass ich morgen auf dem weg zur arbeit umkippe? 

ich könnte die reihe endlos fortsetzen und besonders mit all den leid und krankheitsgeschichten von kindern – da komme ich aus dem ach du scheisse! gar nicht mehr raus.

ich kann das alles nicht mehr lesen. nicht weil ich unempathisch oder gefühllos bin. noch nicht mal ignorant. ich kann das alles nicht mehr lesen, weil es zu viele geschichten sind. weil das internet es leider möglich macht – im gegensatz  zu früher- geschichten von menschen zu lesen, die mir zwar gänzlich unbekannt sind, die aber dennoch mitten in meinem wohnzimmer stehen und an deren leid ich nicht vorbeikomme weil jede schilderung immer auch eine parallele in mein leben zieht. überall gibt es berührungspunkte, nicht durch nähe und bekanntschaft, sondern alleine durch die möglichkeit des widerfahrens desselben leids im eigenen leben. und das widerrum versetzt mich jedesmal in angst. angst, die ohne das internet nicht in meinem leben wäre. 

in meinem leben ohne internet werde ich auch mit leid konfrontiert, beruflich wie privat. aber es ist dosiert, weil es bei weitem eben nicht so häufig und geballt daher kommt, wie versammelt im internet. ich erfahre von krankheit, tod oder leid und ich kann mich darauf einlassen. ich kann den prozess, wie ich damit umgehe selbst gestalten oder gemeinsam mit der person. ich kann mir einen weg der abgrenzung überlegen, in ruhe schauen was ich an mich ranlasse und was ich aber auch dem schicksal des einzelnen überlassen will. ich kann reden, fragen, hinterfragen, trösten, schweigen, umarmen. ich bin aktiv, selbst wenn ich nichts tue. ich habe gestaltungsmöglichkeiten und handlungsspielräume, sprich: ich habe eine form von kontrolle. und damit auch einen weg mit meiner angst umzugehen, denn natürlich ängstigt mich auch im privaten all die geschichten die mir und oder anderen passieren. aber die angst darf sein, sie wächst nicht ins diffuse, unermessliche weil sie so viele themen gleichzeitig berührt sondern eben eine bestimmte angst. ich kann ihr in ruhe begegnen und mit ihr arbeiten.

ich bin sicher kein unempathischer mensch. und gerade weil ich es nicht bin, muss ich mich schützen. ich werde künftig einen grossen bogen um all die persönlichen geschichten und erfahrungen machen und das leid und die unnötige, mich lähmende angst, dieses gefühl permanenter bedrohung meines lebens in den unterschiedlichsten formen, ausschliessen. wie oft wird gefragt, warum wir so eine ängstliche generation sind – es wundert mich nicht, haben wir doch ständig alle facetten lebensbedrohlicher möglichkeiten vor augen. 

auch hier will ich mich wieder reduzieren auf das was in meinem leben passiert und auf das der menschen in meinem nächsten umfeld. ihnen will ich in leid beistehen und meine kräfte zur verfügung stellen und den rest dieser für mich verwenden – darauf mich zu freuen, dass ich jetzt gesund bin ohne im kopf sämtliche eventualitäten zu haben. 

vom gehen und laufen.

seit dem 3.7.2016 bin ich kein einziges mal mehr gelaufen. davor 9 jahre 2-3x in der woche, ohne ausnahme, ohne gnade. am 3.7. lief ich meinen ersten volkslauf, danach dachte ich mir so „ach machste mal päusken von ein paar tagen, tut dir ja auch ständig immer alles weh.“ aus der pause wurde ein „also wenn ich nach den sommerferien im herbst wieder anfange und mal so richtig pause mache, dann passt das.“ und im september dachte ich dann plötzlich „nie mehr wieder werde ich mich schneller bewegen als gehen.“ und ich war völlig einverstanden damit. 

menschen die mir nahe sind waren völlig verblüfft: ausgerechnet ich lief nicht mehr? die, die im laufen alles fand – ruhe, ausgeglichenheit, die ihre wut rauslaufen konnte und zuverlässig zugang zu allem verdrängten fand wenn sie nur schnell und hart genug lief? bisherige trigger, wie menschen aus dem internet die plötzlich sport (wieder)entdeckten und enthusiatisch darüber berichteten oder jogger, die mir irgendwo entgegenkamen, liessen mich völlig kalt. es war mir schlicht egal – ich sah sie und genoss meine entschleunigung aus vollem herzen. ich nahm ab, weil ich muskelmasse verlor, mein körper wurde weicher, die schmerzen in beinen und kreuz waren weg. ich ging wandern und spazieren und fing vor ein paar monaten yoga an. damit hatte (und habe) ich endlich einen zugang zu meinem körper gefunden, der ihm überhaupt erstmal eine art stimme verlieh. zum ersten mal spürte ich emotionen in meinem körper, spürte was passierte wenn ich traurig war, wenn ich wütete oder wenn ich voller energie war. alles was ich vorher verdrängte und erst durchs laufen ans licht kam, weil die körperlichen schranken durch die anstrengung fielen, konnte ich jetzt durch ruhige, dehnende bewegungen, durch viele viele atemübungen ganz in ruhe ans licht holen. ich weiss mittlerweile relativ genau, welche yogaübung ich machen muss um mich aus welcher verfassung rauszuholen. ich lerne meinen körper immer besser kennen und lote seine grenzen völlig neu aus, ohne leistungsdruck wie all die jahre zuvor sondern durch waches beobachten und hinspüren. das hat in so vielen bereichen auswirkungen – ich bin seelisch ausgeglichen und wenn nicht, fange ich mich wesentlich schneller. ich habe so gut wie überhaupt keine schmerzen mehr in meinem skelett, etwas was ich mein leben lang kannte. meine migräne ist so gut wie weg und wenn sie mal kommt, erkenne ich sie schneller und kann oft präventiv reagieren. meine sexualität hat sich verändert weil mein körperbild und mein körperverständnis mittlerweile so viel facettenreicher und offener geworden ist. 

und immer wieder fragte ich mich,wann denn wohl wieder die lust am laufen kommt. ich wollte mein neues körpergefühl integrieren ins laufen, was lange zeit unmöglich schien, weil das, was laufen für mich war (leistung, über grenzen gehen, gewalt am körper und ingnoranz von schwäche) nicht übereinpasste mit meinem neuen körpergefühl und zugang zu meinem körper. 

dann las ich heute anke gröners blogpost und da machte es plötzlich ping. (das macht es bei anke übrigens sehr oft, wofür ich ihr sehr dankbar bin.) meine vorstellung davon wie ich zu laufen habe, weil alle welt so läuft, weil es überall so vorgegeben scheint, war so manifest in mir, dass ich tatsächlich aufhören musste zu laufen, um sie zu durchschauen und zu ersetzen. ich frage mich warum ich da vorher nicht drauf gekommen bin: es gibt keine vorgaben wie ein mensch sich zu bewegen hat. was „laufen“ denn genau ist, was „gehen“ und was „leistung“. ich entscheide das. ich bin diejenige die definiert was ich leisten will, ob ich 6 km gehen und 100m davon laufe. oder auch nicht. das klingt etwas bekloppt, ich gebs zu. aber für jemanden wie mich, der mit extrem starren leistungsidealen ausgestattet war (kann ich mittlerweile sagen), war das eine echte erkenntnis heute. eine befreiung nahezu, weil es plötzlich die integration des einen ins andere möglich macht. ich kann laufen, und kann das exakt so tun wie ich will. so wie es mir spass macht. es braucht kein ziel, keinen plan, keine zeit, keine vorgaben, kein ignorieren von grenzen um all das zu erreichen.

und so habe ich mir vorhin meine laufschuhe angezogen und bin losgelaufgangen. völlig ohne plan, lediglich meinem wohligen körpergefühl folgend. sensationell. 

danke, liebe frau gröner, für ihren guten blick auf die dinge. mir hat sich da echt heute ein fenster aufgetan! 

inselhopping. 

m. formulierte es neulich sehr treffend. „alles passiert im stakkato und nicht im fluss.“ ich lebe seit über einem jahr nun dieses hüpfen von insel zu insel, die alle unverbunden verstreut liegen und allmählich geht es mir auf den zeiger. ich war schon immer ein wirklich flexibler mensch, ging das eine nicht dann halt das andere. zu allem was es gibt, gibt es auch immer mehrere optionen, manchmal muss man um die ecke denken dann klappt das schon.

aber nun ist es so, dass mit verändertem beziehungsleben mehr menschen von der planung betroffen sind als früher – in meiner konstellation 5 kinder und 2 expartner plus eben zwei individuen die eine beziehung führen wollen. 9 menschen also, die termine, wünsche und bedürfnisse haben. hinzu kommt, dass m. und ich keine grossen patchworkfans sind. ich finde es irritierend wenn erwachsene ihr frisches liebesglück sofort ans kind tragen und damit zu erheblicher verunsicherung beitragen. vielleicht habe ich zuviele beispiele im kopf bei denen das gründlich schief ging. also schwiegen wir bisher, setzten expartner und partnerinnen in kenntnis und liessen die kinder erstmal aussen vor. wir schaffen es uns alle zwei wochenenden zu sehen, manchmal noch einmal in der woche. wir orientieren uns an der umgangsreglung von m., sie ist, anders als unsere, die völlig frei ist, nach wochen strukturiert und gibt somit unserer beziehung ebenso ihre zeitliche struktur. im umkehrschluss heisst das, dass jede zeitliche veränderung des familiären umgangs eine zeitliche veränderung unserer beziehung mit sich bringt. alles was wir als paar planen muss vorher mit kinderkalender und expartnerkalender abgeglichen werden. 

kennt jemand noch den kurfilm „balance“ aus den frühen 2000er? genauso fühlt sich mein und unser gemeinsames leben an. jeder von uns lebt ein leben als individuum mit seinen eigenen wünschen nach zeit für lesen, yoga, wandern, musik hören, theater spielen etc. wir leben ein leben als vater und mutter gemeinsam mit unseren kindern – schultermine, freizeittermine, lernen für proben dazu all die kleinen termine und gespräche und zeit im allgemeinen die familie mit sich bringt. wir leben ein leben als arbeitnehmer. wir sind beide in sozialen bereichen angestellt, m. ab herbst in leitender funktion, da wird sich nochmal alles verändern weil damit zusätzliche termine anfallen. wir leben ein leben als paar. wir wollen uns sehen, gemeinsam unsere beziehung leben und gestalten.  

das zusammenspiel unserer verschiedenen rollen ist ein diffiziler balanceakt zwischen dem was wir wollen und dem was schlicht ansteht und getan werden muss. zwischen dem was wir wollen und dem was die 7 anderen im system wollen oder auch brauchen. egal wie wir uns bewegen, es hat immer auswirkungen auf den rest der truppe – wir bewegen uns sehr oft sehr achtsam und ruhig, jede hektische bewegung führt zu krise für die wir keine kraft hätten und die auch völlig unnötig wäre. gott sei dank, denke ich sehr oft, haben wir expartner die gut mitgehen können bez. uns wenigstens keinen stein in den weg legen. kaum vorstellbar wenn das anders wäre. dafür tun wir aber beide auch viel – wir sind jeder auf seine art und weise in regem kontakt bis hin zu freundschaftlichem verhältnis mit unseren expartnern, wir sind auch dort sehr achtsam und sehr ruhig, auch hier wäre jede hektische, unabgesprochene bewegung scheisse und würde für irritation sorgen. 

und so haben unsere einzelnen rollen die form von inseln angenommen, auf die wir hüpfen und die jeweiligen anstehenden aufgaben und anforderungen erledigen und angehen und mitgestalten. und letztens spürten wir beide so sehr, wie anstrengend das ist. wie wenig verbunden die einzelnen inseln miteinander sind und dass das was sie miteinander verbinden würde wie zeit und alltag und gemeinsamkeit, kaum vorhanden ist auf grund der umstände.

im moment sind wir dabei zu überlegen mit welcher perspektive das zu verändern ist und ich merke erst nach und nach welche weiteren fässer wir damit aufmachen würde – alleine die wohnfrage, kombiniert mit den themen schulorte der kinder, umgänge, fahrtstrecken zur arbeit und hausbesitz mit all den verbundenen kauf und verkaufsthemen liess uns vergangenes wochenende die haare zu berge stehen. 

gott sei dank sind wir beides menschen, die in der lage sind, höchst individuelle lösungen zu finden und die sich beide nicht scheuen die dinge komplett anders als alle anderen zu machen. aber manchmal wird mir ganz schwummrig angesichts der herkulesaufgabe, das gesamte system in balance zu halten (und noch gibt es keine neuen partner bei den expartnern….man stelle sich vor die kommen auchnoch hinzu. plus eventuelle kinder. waahhh! :)) und immer wieder flexibel auf alle kleinen und grossen störungen, themen, bedürfnisse, konflikte, anfälligkeiten zu reagieren. 

ich hätte es nicht gedacht, ehrlich, aber es ist eine herausforderung. 

(ich glaube zb auch, dass das einer der gründe ist, warum es so viele alleinerziehende gibt – finde mal jemand, der die geduld und diplomatie und das geschick aufbringt all diese positionen zu vereinen. friedlich. eine single-eltern-börse müsste es geben.) 

Kindeswohl und Wechselmodell.

Kindeswohl ist durch das BGH Urteil zum Thema Wechselmodell ja gerade in aller Munde. Zu Recht gibt es von mehreren Seiten, aus unterschiedlichen Positionen her, die Kritik an der Sicht was denn nun eigentlich zum Wohl des Kindes bedeutet.

Kindeswohl ist eine sehr schwer zu definierende Sache, weil jeder, der mit einem Kind zu tun hat, seine eigene Definition von Kindeswohl hat und darüberhinaus auch noch jedes Kind unterschiedlich ist. In den vielen Jahren, die ich mittlerweile in der Kinder – und Jugendhilfe arbeite bin ich zur Überzeugung gelangt, dass es das Kindeswohl nicht gibt und dass gleichzeitig sehr oft das Kindeswohl missbraucht wird um die eigenen jeweiligen Interessen durchzusetzen. Wenn ich einen Elternteil habe, der mehr Umgang haben will, wird er dies ebenso mit dem Kindeswohl begründen, wie der Elternteil, der den erweiterten Umgang verhindern will. Hinzukommt, dass dann im Streitfall oft Gericht oder Jugendamt entscheiden soll, was denn das Kindeswohl ist – auch das ein unerträglicher Zustand: Richter können nur nach Aktenlage, allenfalls noch nach eventuellen Gesprächen mit dem Kind, entscheiden und haben oftmals von (entwicklungs)psychologischen Fakten keine Ahnung. Sie können also die Informationen über oder vom Kind, von wem auch immer, lediglich in einen rechtlichen Rahmen übertragen. Dabei geht aber eben oftmals der emotionale, soziale und psychologische Aspekt verloren. Etwas ähnliches ereilt das Jugendamt: auch hier wird von allen Seiten gefordert, doch bitte das Kindeswohl im Auge zu haben. Betrachtet man das allerdings genauer, dann hat das Jugendamt mit mehreren, oft völlig unvereinbaren, Ebenen zu tun. Nämlich zum einen mit den persönlichen Verletzungen eines Einzelnen innerhalb einer gescheiterten Paarbeziehung, mit den individuellen, väterlichen wie mütterlichen Ansichten über Kindeswohl, die allerdings widerrum mehr über die Bedürftigkeiten des Erwachsenen sagen (schaut, wie ICH (und nicht sie/er) mich ums Kind sorge!) als über das tatsächliche Kindeswohl und dann noch mit den Ansichten jeder einzelnen Institution, die auch noch am Kind mit dran hängt wie Schule, Kindergarten, Fürhförderung etc. Und als ob das alles noch nicht genug ist, muss man fairerhalber sagen, dass ja auch der Jugendamtsmitarbeiter an sich eine individuelle Definition von Kindeswohl hat, die zwar sicher eine hohe Fachlichkeit aber eben auch eine gehörige Portion persönliche Prägung hat. Nur als Beispiel: bin ich selbst Scheidungskind, aufgewachsen in hässlichen Szenen und Streitereien meiner Eltern, einem Gezerre um mich als Kind – dann definiere ich Kindeswohl als Sozialpädagogin im Jugendamt sicher sehr anders als die Kollegin, die behütet und friedlich in einem intakten Elternhaus aufgewachsen ist.

Wir haben also auf der einen Seite den Begriff „Kindeswohl“, der von sämtlichen am System „Familie“ beteiligten Personen auf Grund unterschiedlichster Motivation und lebensgeschichtlicher Prägung unterschiedlich definiert wird und auf der anderen Seite aber den unbedingten Wunsch von Seiten der Gesellschaft, des Rechts und der Politik eine Gußform für ein Zusammenleben nach der Trennung zu schaffen – sicher mit der hehren Absicht, sich für andere Lebensmodelle zu öffnen, allen Seiten gerecht zu werden und Klarheit zu schaffen. Nur leider geht das nicht.

Ich würde sagen 80% meiner Arbeit besteht aus Diskussionen, Gesprächsrunden, Einzelgesprächen, Gerichtsterminen etc. zum Thema Umgang. Kein anderes Thema kommt mehr in meiner Arbeit vor als genau dieses. Und meiner Erfahrung nach kann es das Modell nicht geben, weil es viel zu viele individuelle Haltungen zum Thema gibt – und das Heranziehen des Argumentes Kindeswohl ist nichts anderes als der hilflose Versuch in all der Unterschiedlichkeit doch vielleicht eine Definition zu finden, an der man alles festmachen kann. Kann man aber leider nicht. Ich habe zerstrittene Elternteile erlebt, die – nur mit anderen Worten – exakt dasselbe fürs Kind wollten und auf Grund ihrer Verletztheit nicht in der Lage waren das zu erkennen. Und auch dem Jugendamt ergeht es nicht anders und mich wundert immer wieder, wie selbstverständlich angenommen wird, wir müssten den Konflikt doch klären können. Hier sitzen Menschen, keine Maschinen. Und ja, auch im Jugendamt benutzt man das Wort Kindeswohl um endlich Ruhe in einen Fall zu bekommen und das passiert oft auf dem Weg, dass dann eben die Definition des Jugendamtsmitarbeiter gilt. Die nicht unbedingt der der Eltern entspricht….. Ich kenne schon das Gegenargument, was dann kommt: „ja aber das ist doch Euer Job sich um die Kinder zu kümmern! Ihr habt das doch studiert! Ihr müsst doch am besten wissen, was jetzt gemacht werden soll!“ Mal abgesehen davon, dass die Arbeit mit Menschen sich in ihrer Faktentreue und Präzision in höchstem Maße von allen anderen Arbeiten unterscheidet und stets sehr individuell ist, können wir es allen überhaupt nicht recht machen – selbst wenn ich mich als Mitarbeiterin des Jugendamtes auf eine, meine, Definition des Kindeswohls festlege, diese fachlich untermauern und vertreten kann vielleicht sogar noch den Segen meines Teams dazu habe, heisst das noch lange nicht, dass diese Entscheidung dann auch für die Elternteile passen. Dh. im Umkehrschluss, dass es letztendlich sehr oft nur darum geht, mit der eigenen Meinung (und Entscheidung) einem Elternteil zuzustimmen. Wie man es dreht und wendet, und ich unterstelle keine bösen Absichten und habe großes Verständnis und ein großes Mitgefühl für alle Beteiligten, man kann auf Basis des Kindeswohl so gut wie keine Entscheidung für ein weiteres gemeinsames Leben mit allem was ansteht, treffen.

Meine Devise, seit ich das erkannt habe ist, das gesamte System im Auge haben. Das kostet extrem Zeit und Mühe ALLER Beteiligten, aber es garantiert einem mehrere Dinge: zum einen habe ich es im besten Fall geschafft, allen alle versteckten Verletzungen und daraus resultierende Bedürfnislagen aufzuzeigen. Je mehr Information ein System über seine Mitglieder hat, umso besser kann Lösung gestaltet werden. Umso nachhaltiger auch, weil sich keiner benachteiligt fühlt. Zum anderen macht es den Weg frei, Lösungen völlig individuell zu gestalten und das ist letztendlich auch mein einziger Kritikpunkt am Wechselmodell: es ist zu starr. Es funktioniert nicht, einem lebenden, atmenden, fühlenden System wie Familie ein starres, von außen diktiertes Konstrukt überzustülpen. Ausgangspunkt ist immer die Familie (die sie nach wie vor ist und immer bleibt, egal wohin sich der Beziehungstatus der Eltern verschiebt) – sie diktiert auf Grundlage ihrer individuellen Bedürfnisse, Verletzungen, Wünsche, Finanzlage etc. ihr Lösungsmodell. Dieses unterliegt dem Motto „alles kann nichts muss und nichts ist fix“. Ich kenne schon die Argumentation vieler Frauen, dass ihr Mann da nie mitmachen würde, der würde ja am liebsten sich völlig aus der Verantwortung stehlen. Und so sehr ich diesen Frauen ihre Meinung laassen kann, so sehr muss ich aber aus meiner eigenen Erfahrung heraus wiedersprechen (und man darf mir glauben, ich hatte hier schon mehr als widerständige Männer…..): ich habe den vergangenen Jahren nicht einen (!!) einzigen Mann gehabt, der sich nicht am Ende an den Tisch gesetzt hat und mit geredet hat. Ich hatte umgekehrt auch noch nie eine Frau, die sich der Begegnung und Diskussion mit ihrem Expartner vollständig entzogen hat – auch hier: es gibt viel mehr Willen auf beiden Seiten, als das oft im ersten Augenblick rüberkommt. Und ich glaube, genau da setzt auch die Aufgabe des Jugendamtes an und genau da versagt es leider oft.

Da dieser Prozess unfassbar viel Zeit und Geduld in Anspruch nimmt, wird er oft vorzeitig abgebrochen oder erst gar nicht angegangen. Das Ergebnis ist dann leider sehr oft die Bestätigung der Verweigerungshaltung des anderen „siehste! Ich habs ja gesagt, der/die macht nicht mit!“ – ich finde das nachvollziehbar und verständlich. Und jammerschade, denn da wäre Lösung möglich gewesen. Von diesem Zeitpunkt an verhärten sich die Fronten und ja, dann ist tatsächlich oft überhaupt nichts mehr möglich. Eine Trennung hat nur ein winziges Zeitfenster, in der es möglich ist beide Seiten auf kinder- und familienfreundliche Spur zu bekommen – verpasst man es, ist es vorbei. Ab dann fahren die Geschütze auf und in den allermeisten Fällen wird’s häßlich. Aber es gibt dieses Zeitfenster. Und für dieses braucht es Begleitung, das schaffen die allerwenigsten Paare alleine. Und diese Begleitung ist in der Regel das Jugendamt, für dieses ist es in meinen Augen verantwortlich, an dieser Stelle liegt eine Deifinition des Kindeswohl, die Allgemeingültigkeit hat. Denn schaffe ich es, die Eltern an einen Tisch zu bekommen und miteinander die Dinge zu lösen, dann dient das unmittelbar dem Kindeswohl.

Es wäre also in meinen Augen weitaus wichtiger, sich diesem Zeitfenster und der Begleitung durch dieses zu widmen, als Modelle zu schaffen, die für die allermeisten Trennungspaare nicht umsetzbar sind bez. nicht mehr sind. Das Kindeswohl als einen gestaltbaren Rahmen zu begreifen wäre ein Anfang. Zu erkennen, dass es nicht das Kindeswohl gibt und diese Maßnahmen um es zu erlangen, sondern dass es sich entwickelt, erweitert, wachsen und gedeihen kann wenn die Eltern es schaffen, sich zu einigen. Und vielleicht auch anzuerkennen, dass das Kindeswohl alleine durch die Trennungssituation der Eltern bereit erheblich gestört ist. Der Ausgangspunkt dazu ist die Frage „Was wollen wir jetzt als Familie in dieser Situation tun? Wer kann was leisten?“ Dabei ist der Phantasie keine Grenzen gesetzt, es gibt nicht die eine Lösung, es gibt nur eine Lösung für die jeweilige Familie.

Aber das alles geht nicht ohne Hilfe und es ist so ärgerlich kurz gedacht, schon wieder diese Hilfe auszuklammern und stattdessen, wohlgemeint sicherlich, eine Hilfe vorzugeben. Hilfreich wäre es, das Jugendamt (und evtl. andere Institutionen wie Erziehungsberatungsstellen, freie Mediatoren ( und nicht dieser Unsinn mit Anwälten die eine Mediatorenausbildung haben!!) in diesen Prozess einzubinden, mit Fachpersonal, welches über ausreichend Zeit und Fachlichkeit dafür verfügt. Dort setzt die Veränderung der Trennungsverhältnisse an. Ich habe so oft die Erfahrung gemacht, dass selbst in den zerstrittensten Paaren eine enorm hohe Lösungskompetenz für ihre eigene Familie liegt. Denn jede Familie hat Ressourcen, die gewachsen sind und auf die in Krise zurückgegriffen werden kann, aber man muss Zeit und Raum geben, sie (wieder) zu finden. Warum sich im Lösungsprozess dann nicht genau diese Ressourcen und Kompetenzen zu Nutze machen? Die rechtliche Installation dieses Wechselmodells (wie gesagt, gut gemeint und auch ein guter Anfang) spricht in meinen Augen den Familien die eigene Lösungskompetenz ab, sie sollte es sein, die gestärkt werden soll durch Hilfe und Unterstützung von außen.

anderswo zum thema: werden und sein, mama-arbeitet, makoe.  

zum thema trump.

marco hat da wieder was sehr interessantes und fundiertes geschrieben – es ist ja wirklich sehr spannend, das augenblickliche geschehen mit historiker augen zu betrachten! das ernüchtert zwar sehr, gleichzeitig aber finde ich diese nüchternheit sehr entlastend in der momentanen krisenstimmung.

the donald

ich bin müde…

so entsetzlich müde. aber für eine verlinkung reicht es….diplix über den „verlauf der weltgeschichte„.

my guess is, what trump is trying to achive is not about a safer country, saving american lives or safety at all, it’s about blame. putting the blame to others, blaming people that look different, have the “wrong” faith or skin color. it’s about dividing the country and the people into “us” and “them” stirring up hate, creating chaos. it’s about eliminating the process of finding a reasonable middle ground, which i believe is the heart of democracy. democracy is not so much about the will or rule of the people (which might quickly lead to mob mentality), it’s about balance; balance of power, balance of interests and rule of law, justice and reason. trump is working hard to make all of that disapear, while giving you the illusion of safety.

das gute im leben am 17.1.2017

menschen, die mir einfach so eine insel schaffen.❤ 

(ich bin oft sehr erstaunt, das und was menschen für mich tun. wie an mich gedacht wird, was gemacht wird für mich. dafür, dass ich selbst so kantig bin in bezug auf freundschaft, so schräg und schwierig in der nähe. ich bin so unendlich dankbar für jede dieser begegnungen.)

fragen und antworten.

gestern hatten m. und ich den abschluss der mediation, die wir gemeinsam mit einem lehrerkollegium gemacht haben.es ging nochmal darum, was jeder einzelne zum gelingen des gemeinsamen auftrags beitragen kann. da war viel die rede vom fragen. ja, meinten viele, es wäre wichtig die dinge zu erfragen. wenn man merken würde, dass das gegenüber sich anders verhält als sonst oder wenn es sich zurückziehen würde oder dinge tun würde die man nicht versteht. dann, so die einhellige meinung, sei es wichtig zu fragen um herauszufinden was los ist. 

ich konnte dem nur zustimmen – aber ich merkte auch wie sehr ich noch was hinzufügen wollte: genauso wichtig wie das fragen bez. die bereitschaft zu fragen, ist die bereitschaft auch zu antworten. beides geht hand in hand. das eine macht ohne das andere keinen sinn.

ich stelle oft fragen auf die ich keine antworten bekomme – das tun wir alle. manchmal halten wir das aus, manchmal verstehen wir die stille die darauf folgt, oft aber auch verletzt die antwortlosigkeit ungemein. denn es ist was wahres dran, wenn man sagt keine antwort ist auch eine antwort. keine antwort ist zurückweisung, es ist der bewusste akt das gegenüber weiter im unklaren lassen zu wollen, sich nicht festlegen zu wollen, unberührbar zu bleiben, macht zu erhalten, kontrolle auch, sich nicht festlegen oder festmachen zu wollen. keine antwort auf eine frage zu geben oder zu erhalten ist die unterbrechung von kommunikation und beziehung. selbst „ich habe da im moment noch keine antwort drauf.“ ist eine angemessenere antwort als gar keine.
und so ist es sicherlich ein weiser rat, in konflikten oder eher noch zur vermeidung von konflikten, fragen zu stellen. damit disponiert man sich und liefert sich, gerade in heiklen kommunikations – und/oder beziehungssituationen, auch aus. jede frage ist eine positionierung „hier stehe ich. das will ich wissen weil.“ und weil das so ist, verdient das gegenüber eine antwort, in der sich die ebenbürtige haltung ausdrückt: denn auch mit einer antwort disponiere ich mich, stelle ich mich auf eine position „und das antworte ich dir.“ 
fragen und antworten ist eine sache, die nur in balance ist und zur lösung beiträgt, wenn beides erfüllt ist, beides auf augenhöhe stattfindet.
insofern war der rat gestern „haben sie mut fragen zu stellen“ gut und richtig, mit der ergänzung „und haben sie den mut antworten zu geben.“ 

mitgehangen, mitgefangen? depression ist ein arschloch und ich eine angehörige – teil III.

ich sitze neben ihm und merke, dass ich schreien möchte. ich möchte erst schreien, ihn dann bei den schultern packen und schütteln. und dann nochmal anschreien. oder irgendetwas tun, damit diese lähmung abfällt, damit der zum vorschein kommt, den ich liebe.

ich tue stattdessen nichts dergleichen, ich bleibe still sitzen und betrachte ihn. sehe die kleine steile falte auf der stirn, sehe dahinter förmlich die gedanken rasen. ich sehe seinen mund, seine lippen, die so schmal sind, aufeinandergepresst, als möchte er mit aller gewalt verhindern, dass irgendein wort herauskommt. er ist da aber nicht da. er ist irgendwo in dieser parallelwelt der depression in die jemand ohne depression nie reinkommen wird. ich sehe den aufruhr in ihm an seiner körperhaltung, ich kann seine gedanken, sein befinden körperlich spüren. es ist als ob über die kurze distanz, die wir auf dem sofa auseinander sitzen, ein strom zwischen uns entsteht, in der all die schwere, die destruktivität, die lähmung direkt auf mich übergeht. ich habe den nichts entgegenzusetzen, denn ich bin da in einem echten dilemma.

ich liebe diesen menschen und deswegen bin ich offen. ich begegne ihm mit einem offenen herzen, einer offenen seele, einem offenen geist – das macht man so in beziehung, alles andere wäre ja auch quatsch. eer läuft schon geschlossen durch einen beziehung? gleichzeitig ist es genau dieses offen sein, das dazu führt, dass ich völlig ungeschützt der depression ausgesetzt bin. sie rauscht durch mich hindurch und ergreift mich mit ihrer ganzen stimmung. sie ist wie eine welle, die einen zu boden wirft, einem sand in den mund schaufelt, die luft nimmt und fest auf den boden drückt. weil ich aber nicht depressiv bin, reagiere ich „gesund“ darauf und wehre mich dagegen mit meinen mechanismen. ich kann gar nicht viel dagegen tun, es ist ein automatismus – ich höre ein problem und denke ah. und was kann ich jetzt tun? das macht stress. enormen. mir und meinem gegenüber. mir weil ich eine wahnsinnsenergie darauf verwende ein leben zusätzlich neben dem meinen mitzuleben und mitzudenken und meinem gegenüber, weil ich genau das tue. und damit den spiegel vorhalte, was er nicht schafft. gleichzeitig kann ich mich aber nicht verschliessen beziehungsweise ich wüsste gar nicht wie. ich habe es versucht, es ist mir nicht möglich. das gefühl mich zu verschließen führt bei mir zu der frage ob ich dann überhaupt noch liebe. oder anders: wie ist liebe möglich, wenn ich nicht offen bin für mein gegenüber? ich muss aber perspektivisch dafür sorgen, das hinzukriegen, denn ich hatte das schon einmal in meinem leben, dieses offenbleiben um jeden preis für den anderen, dieses stellvertretende mit-leben, es endete nicht gut. für mich nicht, für die beziehung nicht.

es ist das dilemma des angehörigen: liebe ich, tue ich etwas. tue ich nichts, liebe ich dann noch? schone ich, überfordere ich mich. schone ich nicht, überfordere ich den depressiven. der verbleib in diesem dilemma führt auf dauer zu erschöpfung und sehr unguten gefühlen. lebe ich das zweite leben „mit“, in gedanken, überlegungen und gefühlen, dann bleibt es nicht aus, dass eine erwartungshaltung entsteht. erstens die, dass sich doch jetzt auch bitte schön was ändern muss, weil „was soll ich eigentlich noch alles für vorschläge machen, da wird doch jetzt mal irgendwas dabei sein was umsetzbar ist!“ und zweitens die, dass es doch nicht sein kann, dass jemand so gar nichts von einem annimmt, „ja liebt der mich vielleich am ende gar nicht? bin ich dem denn egal mit meiner not?“ es ist die ungute, aber durchaus menschliche verknüpfung des gebens mir der erwartung. klar, eine zeit lang gibt man selbstlos jeden gedanken, jedes mitfühlen, jede tat und jede hilfe. denn zum einen ist das sehr profan erstmal ein super gefühl, wenn man für den anderen da ist und zum andern hat man, ich!, nicht wirklich auf dem radar, dass das hier kein kurzer anfall von schlechter laune ist oder verstimmung. Selbst in der jetzigen beziehung ist es mir so ergangen, dass ich das wort „depression“ hörte und trotz aller meiner erfahrung wieder in die denke fiel „ach so. ja. kenn ich. das geht schon wieder rum, musste nur genug mithelfen und unterstützen, dann passt das.“ ich bin manchmal sehr dumm. denn natürlich ist es auch diesmal keine angelegenheit von kurzer dauer.

erschwerend kommt oft noch hinzu, dass das umfeld in dem man lebt die eigene tendenz des sich selbst aufarbeitens unterstützt. unsere gesellschaft hat immer noch ein sehr selbstloses und selbstverständliches bild des helfens und fordert das oft unbewusst vom angehörigen ein „du kannst den/die doch jetzt nicht alleine lassen!“ „du bist gesund und stark, du schaffst das schon, ihn zu unterstützen!“ „er/sie würde das auch für dich tun!“ zum anderen hat auch das umfeld nur eine geringe frustrationstoleranz und bedeutet einem nach kurzer zeit, dass es doch jetzt auch endlich mal zeit sei, dass sich was ändert. „ja geht’s dem immer noch schlecht!“ war ein sehr oft gehörter satz in meiner vergangenheit – bei mir passierte jedesmal zweierlei: ich hatte das gefühl, immer noch zu wenig/nicht das richtige/das falsche zu tun, deswegen änderte sich nichts und – es verstärkte meine heimliche wut auf das unvermögen des depressiven an seinem zusatnd was zu ändern. wenn das nämlich auch schon andere so sehen, dann kann ich mit meiner annahme ja auch nicht wirklich falsch liegen. allein dieser gedanke setzte dann wieder die schuld in gang mit der folge, dass ich die dann entweder beim depressiven suchte oder bei mir und noch mehr tat. was nichts brachte, was die wut wieder verstärkte etc. kreislauf verstanden?

wut und ärger, zorn und ablehnung des geliebten menschen und damit verbunden die schuld ist ein zustand, der mich in beziehung mit einem depressiv erkrankten begleitet. das ist so unumstößlich wie die tatsache, dass die erde rund ist. jeder versuch, das zu negieren endet in schuld und einer weiteren verstrickung in den oben genannten kreislauf. es ist scheiße, dass der depressive seinen arsch nicht hochkriegt. es ist scheisse, dass ich kaum oder keine zuwendung bekomme, weil der depressive in seinem leid versinkt. es ist scheisse, dass ich mich ungesehen, ungeliebt und nicht begehrt fühle, weil der depressive in seiner welt lebt und dort ausschliesslich mit sich beschäftigt ist. (während ich das schreibe merke ich sofort, wie hoch mein bedürfnis ist den depressiven in schutz zu nehmen, er kann nichts dafür, er macht das nicht mit absicht….ich schreibe es bewusst mal nicht hin, sondern formuliere meine gefühle so plakativ wie sie nun mal bei mir auftauchen.) es ist scheisse, dass ich meine eigene unbeschwertheit verliere, meinen humor und meine gelassenheit. es ist scheisse, dass ich spüre wie meine liebe zu verschwinden droht. es ist scheisse, dass ich merke wie erleichtert ich manchmal bin, alleine sein zu können. mit einem depressiven zu leben, zusammen zu sein, ihn zu lieben ist anstrengend, verletzend, überfordernd, auslaugend, ungerecht, traurigmachend, verwirrend, ohnmächtig und nochmal: scheisse. Nicht immer, aber sehr oft.

und es ist an dieser stelle wichtig zu wissen: all diese gefühle ruft nicht der depressive hervor. rr ist lediglich der auslöser, der symptomträger. die depression ist die ursache. das ist die unterscheidung. und es ist wichtig, sich das immer und immer wieder ins gedächtnis zu rufen. denn die verschmelzung an der stelle, die übertragung der auswirkungen einer depression auf den charakter des depressiven ist nicht gerechtfertigt, sie sorgt für eine völlig verzerrte wahrnehmung, sie lässt beide leiden. das verschärfende problem an der sache ist, dass wir gesunden alle ein leistungsmuster in uns tragen, dass nicht-leistung schnell zur charakterfrage werden lässt. wir können uns nicht vorstellen, dass es irgendwas geben könnte, was sich sozusagen dazwischen schiebt zwischen mich und meine leistung. leiste ich nichts, muss das immer mit mir zu tun haben und somit ist es aber auch immer von mir wieder änderbar. es gibt einen unmittelbaren tun-ergehen zusammenhang. es ist eine ähnliche leistungsfalle, wie die des gesunden angehörigen. auch er gerät unter diesen blick, wenn er meint (oder ihm von außen suggeriert wird), dass er nicht genügend leistet, wenn es dem depressiven doch immer noch schlecht geht. das ist eine wichtige gemeinsamkeit. beide leiden unter einem leistungsanspruch, den sie nicht erfüllen können weil die krankheit depression das aktiv verhindert. es ist nicht das unvermögen des gesunden, den depressiven wieder gesund zu machen und es ist nicht das unvermögen des depressiven, sich doch bitte einfach aktiver an die lösung seiner probleme zu machen. es ist die depression, die wie ein eigenständiges wesen zwischen den beiden hin und her geistert und ihren schaden wirkt.

deswegen scheint es mir (und ich versuche das selbst täglich….) sinnig, ganz bewusst zu unterscheiden zwischen dem depressiven – dem gesunden – und der depression an sich. mit der bewussten trennung haben die gefühle beider beteiligten, ihre lebens und erfahrenswelt, absolute daseins berechtigung. das ist mir wichtig nochmal klar auszudrücken: die gefühlslage des angehörigen, was seine wut und seinen ärger, seine verletztheit und manchmal auch gleichgültigkeit angeht ist richtig. sie mag sich nicht schön anfühlen oder schön miterleben zu sein aber sie ist richtig und sie ist normal und vorallem darf sie sein. sie ist nicht der angehörige an sich, es ist das was die depression mit dem angehörigen macht. der angehörige ist immer noch ein empathischer, geduldiger, liebender mensch. aber die depression (verbunden mit den aussenbildern der gesellschaft von leistung und nicht-leistung, von krankheit und gesundheit, von schwäche und stärke denen allen der angehörige ja noch zusätzlich ausgeliefert ist) verändert ihn. sie legt sich auch auf ihn wie ein filter, verändert seine wahrnehmung, seine kraft und sein urteilsvermögen. das macht ihn aber ihn nicht zum schlechteren menschen, sondern die krankheit depression zu einer besonders perfiden und heimtückischen.

teil I 

teil II