eine leberkäsbreze am aschermittwoch – ein fall fürs heimatministerium.

heute vormittag hatte ich hunger. in einer kette in der kleinen oberbayerischen stadt in der ich arbeite, gibt es die leckersten brezen belegt mit leberkäs. in meinem kopf ist der 14. februar, es ist valentinstag.

in der bäckerei eine lange schlange. als ich dran komme sage ich „eine leberkäsbreze bitte!“ der laden verstummt. denn es ist nicht nur valentinstag sondern auch aschermittwoch. ja, windet sich die verkäuferin, das ginge nicht. es sei ja aschermittwoch und da gäbs so die tradition kein fleisch, ich könne die breze mit käse oder ei belegt haben, auch lachs aber nein, leberkäs geht nicht. die schlange im laden blickt mich gespannt an. ich sage erstmal nur aha, weil ich dieses fleischlos-ding an aschermittwoch zwar kenne, es aber keinerlei bedeutung in meinem leben hat. das sage ich ihr dann auch, die schlange wendet ihre gesichter gen verkäuferin. tja sagt diese. da muss ich erstmal den chef fragen. wie – wegen einer nicht praktizierenden christin jetzt auch noch den chef befragen? ich überlass es ihr, sie ruft ihren chef an. mittlerweile haben auch die anderen bäckereifachverkäuferinnen ihre arbeit niedergelegt, die gesamte filiale lauscht dem telefonat: „ja….ja….na, a brezen mit leberkäs…ja. na. ok.“ sie legt auf, wendet sich mir zu und spricht zu mir in einem sehr bedauernden ton: „okeeee….wenn sie des verantworten kenna, mach i eana a brezn mit leberkäs.“ ich möchte fast applaudieren. der laden kommt wieder in bewegung, die menge tuschelt miteinander und ich drücke mich etwas verlegen an die wand und warte auf die breze, die extra! für mich! an aschermittwoch! in oberbayern!! gemacht wird !!1!

und noch immer bin ich mir unsicher: finde ich das jetzt eigentlich ziemlich grossartig, weil eine sehr weltliche angelegenheit in sehr weltlichen zeiten fast schon anarchistisch durchgezogen wird oder bescheuert, weil überflüssig wie ein kropf und nicht zeitgemäss? aber was wäre daran nicht zeitgemäss? wäre es nicht eigentlich mal lustig, in nahezu rituallosen zeiten ein ritual aufleben zu lassen? und in zeiten in denen jeder zu allem das recht zu haben scheint oder es zumindest haben will, einfach mal zack ein geistlich-begründetes verbot vor die nase zu setzen? ich stelle mir die aufregung auf twitter vor und möchte mir spontan popcorn machen.

ich hab ja noch bis karfreitag zeit drüber nachzudenken…..

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mehr trigger bitte!

ich habe heute in der printausgabe des spiegels einen artikel über die bilder „hylas und die nymphen“ und „thérèse, träumend“ und die damit verbundene diskussion über sexismus in der kunst gelesen und ob die debatte um das geschlechterverhältnis die freiheit der kunst bedroht.

und ich war gelinde gesagt ein bisschen entsetzt über das was ich da las. man verstehe mich nicht falsch: ich bin unbedingt dafür, dass nicht alles richtig sein muss weil es seit hundert jahren wo hängt oder gesagt wurde oder sachen immer so waren. ich bin dafür, dass nicht alles immer ausgehalten werden muss. aber deswegen muss nicht auch alles gleich abgeschafft werden was nicht aushaltbar ist. meine frage, die sich mir angesicht sämtlicher strömungen der #metoo debatte stellt ist eher die – welchen neuzugang kann man zu bestimmten themen schaffen ohne deswegen gleich alles abzuschaffen.

beim lesen kam mir heute der begriff trigger in den sinn. beide bilder, ebenso wie auch das gomringer-gedicht zb., sind trigger. sie erinnern uns an themen, die wir heute zeitgemässiger interpretiert haben wollen. sie abzuschaffen, abzuhängen oder zu übermalen bedeutet die nivellierung und beseitigung an reizen bez. triggern, die aber gesellschaft braucht um sich weiter entwickeln zu können. so ist es übrigens auch mit vielen anderen reizthemen unserer zeit erziehung, politik, genderfragen und so weiter. wir sind immer alle so damit beschäftigt standpunkte gleichwelcher art radikal zu beseitigen, im genannten beispiel sogar sichtbar, dass wir ganz übersehen welche chance für unsere meinungsbildung und in perspektive auch für die implementierung neuer denkstrukturen in allen sichtbaren und wahrgenommenen triggerthemen liegt.

einen standpunkt, eine meinung, ein gemälde, ein gedicht wegzuwischen und zu beseitigen und zu meinen damit sei jetzt das thema gelöst und könne durch was neues ersetzt werden hat noch bei keiner revolution wirklich funktioniert. einen prozess zu gestalten, in dessen mittelpunkt der trigger steht und stehenbleiben darf, an dem sich jeder abarbeiten darf um zu einer eigenen reformierten haltung dazu zu kommen und ihn dann stehen zu lassen als trigger für andere, auch andere zeitgeiste die ihn eh wieder neuinterpretieren werden, halte ich für den nachhaltigeren weg. wenn etwas aus den augen und dem sinn ist, ist es deswegen nicht weg. man sieht es nur nicht mehr. es ist die kürzest mögliche art mit triggern umzugehen, da muss man nur ins traumatherapeutische feld zu schauen: dort würde man einer getriggerten person auch nicht raten, den trigger entweder zu meiden oder ihn wegzuschliessen oder zu beseitigen. im gegenteil, die heilung liegt in der direkten konfrontation mit all den mit dem trigger verbundenen emotionen. gerade indem der trigger bleibt, benannt, und betrachtet werden kann und muss, kann man ihn auf sicht loslassen. weil die veränderte haltung einen erst zum loslassen bemächtigt.

in anlehnung an die traumatherapie ahne ich, dass es auch bei so „harmlosen“ themen wie triggernde bilder, letztendlich um angst geht. und angst will bekanntlich schnellstmöglichst aus dem weg geräumt werden. aber darin liegt nicht die lösung. nicht im abhängen, nicht im übermalen, nicht im ignorieren oder überschreien. sie liegt im aushalten, hinsehen und konfrontieren mit dem was der trigger vorallem an emotionen! auslöst.

eine gesellschaft, die diese trigger nicht aushält verflacht, wird (noch) ängstlicher und rigider in ihrer meinung. sie wächst nicht an den themen sondern erstarrt.

das p-wort.

es gibt zwei dinge rund ums thema kinder, die mich derzeit schwer nerven: der umgang mit dem thema pubertät und die verwendung des wortes pubertier. beides lässt mich manchmal spontan kotzen oder schweigend aus den angeregten diskussionen schleichen. das eine ist mittlerweile eine von eltern zur krisenzeit hochstilisierte angelegenheit, die oft ausdruck völliger elterlicher hilfosigkeit ist und das andere ein abwertendes unwort, um seiner hilflosigkeit ausdruck zu verleihen und klein und lächerlich zu machen, was man nicht fassen kann.

manchmal habe ich eltern vor mir sitzen mit kleinen neunjährigen jungs und mädchen, die schlicht durch ihre unerzogenheit auffallen oder aber sich völlig altersangemessen wild, trotzig und widerständig benehmen oder auch einfach nur schlecht gelaunt sind, die mir völlig verzweifelt berichten wie pubertär sich die kleinen benehmen….“sie/er ist halt echt schon pubertär“. jedes verhalten abseits des gewünschten funktionierens der kinder wird mit „pubertär“ oder noch besser „präpubertär“ bezeichnet. letzteres wenn selbst den eltern auffällt wie bescheuert es ist bei einer/m neunjährigen von pubertät zu sprechen.

es ist unbestritten, dass die pubertät einschneidend ist – so einschneidend wie eben jede veränderung ist. und da der heranwachsende niemand ist, der alleine in einer höhle vor sich hin wächst, tangiert dieses wachsen eben auch diejenigen die ihm am nächsten sind. spannend finde ich vorallem, wie mit dieser veränderung, diesem aushebeln alles bisher bekanntem von der schon immer bestehenden regel bis hin zu grenzen, moral und werte, umgegangen wird. die zunahme von gesellschaftlicher verunsicherung was normabweichungen angeht findet sein abbild auch im familiensystem. es scheint kaum raum für frustrationstoleranz, kaum ein raum für grenztestungen, ein raum für das so nötige biegen und dehnen um zu wachsen.

stattdessen hilflosigkeit. und die einzige lösung scheint die überdramatisierung zu sein und die pubertät mutiert zur entschuldigung für einfach alles. schlechte noten, unhöfliches verhalten, unerzogenheit, schlechtes eltern-kind-verhältnis, für alles muss die pubertät herhalten.

ich würde mir sehr einen entspannteren umgang mit dem thema wünschen – eine neuinterpretation dieser zeit als eine wachstumszeit von der auch die eltern profitieren können. so ein grosswerden schafft nämlich auch raum für eine veränderung was die rollenzuschreibungen vater und mutter angeht. sie schafft raum als eltern wieder mehr zum individuum zu werden – vielleicht liegt ja auch gerade in diesem punkt die angst der eltern von der pubertät: sie bedeutet einen spiegel für sich selbst, ein zurückgeworfen sein auf das was man jenseits der versorgungs- und hausarbeit ist. findet man dort gähnende leere, verstehe ich die angst die das auslösen kann und verstehe warum pubertät plötzlich ein thema ist. deswegen halte auch ich mich selbst bei diesem thema daran, woran ich schon mein ganzes mutterleben festhalte: die eigenen themen, auf die einen die kinder stossen, identifizieren und sich mit ihnen auseinandersetzen. und sie nicht den eigenen kindern wieder als unsichtbare päckchen mit aufschnallen.

kein platz im körbchen.

ich weiss nicht was mit mir los ist, aber am besten lässt sich dieser zustand mit leere bezeichnen. oder ich komm nicht aus dem knick. oder bin erschöpft, fertig, alle, hab keinen bock mehr, funktioniere, sucht euch was aus ich mag mich noch nicht festlegen.

für mich fühlt sich das unaushaltbar an. ich kenne mich energiegeladen und mit tatendrang aber seit ein paar monaten ist bei mir die energie weg. ich hänge lustlos rum, funktioniere für die aufgaben die anstehen und gemacht werden müssen, aber darüber hinaus bleibt nicht mehr viel übrig. zum beispiel für kreativität, spontanität oder neugierde auf was neues. rückzug auf so vielen ebenen. irgendwie scheine ich auf irgendwas zu warten, ich kann aber nicht sagen auf was. es nervt mich kolossal, ich kämpfe dagegen an, das frisst widerrum energie und ich möchte eigentlich auch einfach nur noch schlafen oder irgendwo sitzen und in ruhe gelassen werden.

ganz empfindlich reagiere ich auf durchhalteparolen oder so stramme protestantische haltungen wie „einfach mal zusammenreissen!“ – ich habe das jahrzehntelang so gehandhabt, mittlerweile reagiere ich auf die eigenen motivationsversuche entweder mit einem herzhaften „fick dich!“ oder trotzigem ins bett legen und decke über den kopf ziehen. als ob ich in der pubertät wär.

vielleicht muss ich diesen zustand jetzt einfach mal aushalten lernen. ein drüberhinweggehen funktioniert jedenfalls nicht mehr. vielleicht reicht es im moment halt nur für arbeit, familie und freund. aber diese ungeduld im herzen, dieses gefühl was zu verpassen – immer dieses gefühl ich verpasse was….nur was? was wäre stattdessen? ich habe keine ahnung. ich habe das gefühl mir rennt die zeit weg und ich steh nur rum und warte. oder verharre. alles geht mir in sekunden auf den zeiger, ich ertrage keinen artikel, keinen tweet, kein instabild mehr. alles nervt mich, am allermeisten ich mich selbst. ich habe kein verständnis mehr, keines mehr für die unsägliche dummheit mancher menschen, leider auch kein verständnis mehr für die unfähigkeit oder auch das leiden einiger menschen. ich winke nur noch ab, reisst euch halt mal zusammen oder lasst es bleiben. schuhe, die mir hingestellt werden und in die ich all die jahre mit anlauf reingesprungen bin, ignoriere ich oder trete wutentbrannt und trotzig nach ihnen. alles liegt quer in mir, kaum was erkenne ich wieder oder vielleicht will ich es auch nicht erkennen weil es mir eigentlich bekannt ist, aber jahrelang bezähmt irgendwo in mir rumlag und still hielt. ich weiss nicht wohin mit mir.

ich hatte in meiner kindheit und jugend einen hund, der sich in seinem körbchen erst minutenlang um die eigene achse drehen musste bevor er sich zum schlafen niederliess. immer schien ihm die position nicht richtig zu sein, also nochmal hoch, wieder drehen.

so komm ich mir vor. ständig am drehen um die eigene achse.

heimat.

vor vier jahren bin ich alleine in eine wohnung auf diesen bauernhof gezogen, oberhalb beider seen. es war die zweite wohnung die ich mir angesehen habe. die vermieterin der ersten zog pikiert die braue nach oben als ich ihr erzählte, dass ich alleine einziehe während die kinder beim vater wohnen bleiben. meine jetzige vermieterin hingegen unterbrach meine erklärungen mit den worten „du musst mir nichts erklären. so ist leben.“ und übergab mir die schlüssel. an diesem hof ist nichts modernes – stallungen, wohnhaus, viel holz, viel bauernhausstil, gestickte segenssprüche im treppenhaus, meine wohnungen (ich habe zwei ehemalige ferienwohnungen, die nebeneinanderliegen) haben türen, deren schlüssel ich entweder nicht habe oder aber verlegt habe und bis auf eine nachträglich hinzugebaute holzwand, die mir eine art vorraum geschaffen hat, ist alles offen für den der hinein will. wir leben dicht und dennoch mit einem klaren raum für privatsphäre, abends höre ich m. in ihrer wohnung stubenmusi üben und vom stall her die pferde schnauben und morgens die hühner gackern und die ziegen meckern. nichts ist schnell in diesem haus, das internet reicht nicht mal für youtube videos und mein fernseher empfängt seit der dbtv sache nur noch 5 programme – es schaut ohnehin niemand. m. ist eine seele von frau, die mir plätzchen bäckt und mich in den arm nimmt, wenn ich es brauche. wenn es einen ort gäbe den ich als heimat bezeichnen würde, dann wäre es dieser ort. mit ihm wird meine seele ruhig. an diesem ort ist nichts unruhiges, böses, nerviges, er ist frieden durch und durch. ich habe in meinem leben schon an den unterschiedlichsten orten und in verschiedensten wohnungen gewohnt – nichts reicht ran an diesen ort, der ohne was dafür zu verlangen mir alles gibt was ich brauche. und ich bin so oft so unendlich dankbar, dass ich ihn mein zuhause nennen darf.

ein schritt.

ein schritt nach vorne um wegzukommen, in bewegung zu bleiben, vorwärts zu kommen, weiterzugehen.

ein schritt zur seite um platz zu machen, die perspektive zu wechseln, in die distanz zu gehen, innezuhalten.

ein schritt zurück um zu rekapitulieren, abzuwarten, rückschau zu halten, um zu erinnern.

jeder schritt eine gute wahl.

geschwister.

mein bruder nannte sie mal „energie und ausdauer“ – und bis heute kann ich die spitznamen bestätigen. sie sind nur 14 monate auseinander und auch wenn ich bis heute unter einer teilamnesie leide was die ersten lebensjahre der beiden angeht, erlebe ich es heute als ein geschenk, dass beide so kurz hintereinander auf die welt gekommen sind. die reibungen sind phasenweise sehr stark – grosse nähe erzeugt immer auch den grossen wunsch nach abgrenzung, hinzu kommt eine frappierende unterschiedlichkeit in ihrer art. aber genauso gross ist die verbundenheit der beiden, das geschwisterliche verschwören, die einheit und das füreinander da sein.

ich beobachte sie so gerne in ihrem miteinander grosswerden und sich finden. und solche momente wie gestern abend- die sind gold, verwahrt in meinem herzen für immer.

crazy little thing called vereinbarkeit.

ich war und bin seit langer zeit fan von vereinbarkeit. ich glaube fest daran, dass dinge die man will auch umsetzbar sind – mal leichter, mal schwerer, mal mit wenig externen mittel und nur einer kleinen veränderung der haltung, mal mit viel externem aufwand und unter einbeziehung aller am system beteiligten.

vereinbarkeit ist für mich auch nie nur das klassische themenfeld arbeit-familie, sondern bezieht eigentlich immer alle bereichen individuellen lebens mit ein in den unterschiedlichsten kombis. in meinem fall ist das thema vereinbarkeit im bereich patchwork verankert.

seit 4 jahren und seit 2 jahren insbesondere arbeite ich an der vereinbarkeit getrennter familienverhältnisse und ihrer individuelle bedürfnisse. wie wunderschön abstrakt das klingt denke ich gerade, im grunde geht es darum wie bekomme ich mich, meine arbeit, die arbeit von zwei weiteren erwachsenen und die bedürfnisse von 5 kindern inkl. der individuellen terminplanung einer weitern erwachsenen person unter einen hut. und das klingt jetzt irgendwie weit weniger wunderbar. es klingt nämlich nach arbeit.

seit ein paar wochen geht mir bezüglich meines unbändigen vereinbarkeitswillens ein wenig der atem aus. die konstellation bringt feste grössen mit sich, die nicht veränderbar sind – zum beispiel wohnsitze, arbeitsstätten und schulsprengel. sie bringt variablen mit, die nur bedingt variabel sind – familieninterne umgangsregelungen und kindliche eigenheiten zum beispiel. und natürlich bringt sie ein haufen altlasten mit sich, alte abmachungen, alte verletzungen, unaufgearbeitetes was nun nach der trennung sicher nicht mehr angegangen wird und eben mit rumwabert. all das verhindert flexibilität, welche eine unabdingbare voraussetzung für vereinbarkeit ist, spontanität und ein stückweit individualität. ok sie bringt auch stabilität und beständigkeit, aber sind wir ehrlich: davon profitieren die kinder. was toll ist. aber der erwachsene rest beisst sich die zähne an flexibilität und spontanität aus.

und als ich etwas verzweifelt neulich an dieses thema dachte, musste ich abbitte leisten all den anderen gruppen gegenüber, die ebenfalls mit vereinbarkeit kämpfen respektive mütter und/oder väter, und denen ich in den letzten jahren oft mangelnden wille und jammerei vorgeworfen habe. denn es ist eben leider nicht immer nur ein frage des willens. sondern auch eine frage der belastbarkeit, deren beantwortung sehr oft von anderen lebensumständen abhängt. eine kosten nutzen frage, nicht nur finanziell sondern auch des krafteinsatz her wegen. eine frage der bereitschaft, die völlig unabhängig davon ist, wie sehr ich bereit zu allem bin – es reicht ein rädchen im getriebe, welches blockiert und bockt und mein wille ist im nu fremd-blockiert. die kraft, die es mich die letzten jahre gekostet hat an der vereinbarkeit getrennter familienverhältnisse zu arbeiten, war vorallem darin investiert, alle zu einen. was aber im umkehrschluss heisst, dass ich bei jedweder vereinbarkeitslösung eben auch jeden beteiligten im boot haben muss, sonst rädchen -> blockiert -> tschüss vereinbarkeit. denn vereinbarkeit gegen den willen eines einzelnen ist nun mal keine, nicht umsonst heisst es vereinbarkeit.

das alles ist verbunden mit einer menge aufwand – aufwand, der neben meinem völlig unbeeindruckt weirer laufenden leben geschieht. die eintragung von gemeinsamen terminen in schicken familienplanern ist der allerkleinste anteil und geschieht am ende einer langen kette von oft unzähligen gesprächen.

die gemeinsame zeit des freundes und mir orientiert sich an seinem 50:50 wechselmodell und unserem ich nenns mal co-parenting modell. das erlaubt uns alle 2 wochen gemeinsame zeit von freitag abend bis mittwoch früh, 4 tage. das steht im familienkalender. daran halten sich – dankenswerter weise – beide expartner. aber auch diese sind machtlos bei unerwarteten kinderterminen, ungeplanten notwendigen arztbesuchen, manchmal eigener schusseligkeit (was ok ist weil hej, wir alle bemühen uns derbst da dürfen auch mal fehler sein) arbeitsterminen etc. die unwägbarkeiten gibt es. taucht eine auf, müssen rücksprachen gehalten werden: mit dem jeweiligen ehemaligen partner, eventuell noch mit den jeweiligen geschwisterkinder, die immer mal wieder auch in terminkollusion geraten weil irgendwo anders im system ein dominosteinchen umgeflogen ist. das können in summe bis zu 5 gespräche werden, oft kurze, manchmal aber auch sehr sehr komplizierte weil befindlichkeiten und bedürfnisse angeditscht wurden, die es dann vor klärung von allem anderen erstmal gilt zu berücksichtigen. und das sind beispiele, die klein sind, alltagsgekröse. da gibt es noch weitaus umfassendere themen.

ich sags ganz offen: wir sind alle kommunikationseeprobt und uns einander gütlich zugetan, ich frage mich jedesmal wie all dieser summs funzen soll, wenn man diese basis nicht hat. es ist nicht vorstellbar. denn das ist die erfahrung von mir bezüglich vereinbarkeit und ich schwöre das gilt für jedes familie/lebensmodell und jedes thema welches vereinbarkeit braucht: es geht nicht ohne zu sprechen und es geht nicht ohne ein mindestmaß an respekt, freundlichkeit und miteinander auskommen können. fehlt eines und sei es auch nur bei einem einzelnen rädchen, ist vereinbarkeit nicht möglich. man kann es versuchen, aber es ist ein kräfteverschleiss ohne ende, der in der eigenen erschöpfung endet die widerrum in der aufgabe dieses vereinbarkeitsdings mündet.

wunsch und wille sind lediglich der anfang. und man darf mir glauben – ich habe beides und ich habe das glück weitere 8 menschen im boot zu haben, die mitziehen. aber selbst mit diesen idealvoraussetzungen ist es ein kraftakt und ich verstehe jeden und jede, der/die nach viel bemühen ohne erfolg irgendwann aufgibt und die segel streicht. deshalb nützt auch der satz „du muss das wollen! dann klapt das schon!“ nichts. man muss sich die mühe machen genau hinzusehen und zu fragen „was genau klappt nicht? welcher anteil stellt sich quer? welcher umstand gehört zuerst verändert und welche konsequenz hätte das? und ist die dann passend?“ man muss schauen wer nicht im boot sitzt, denn immer ist es die person die nicht im boot sitzt, welche die meiste aufmerksamkeit braucht – auch wenn man vor lauter wut darüber hauen möchte vielleicht weil es eben schon wieder! genau die person ist, die immer überall sitzt aber nicht im boot. man muss genau hinsehen und definieren, was eigentlich vereinbart werden soll, genau hinschauen wo sich geheime wünsche verstecken, die aus dem hintergrund den prozess steuern während alle noch denken es geht ums verhandeln von betreuungszeiten o.ä. dabei wird gerade das thema individuelle selbstverwirklichung verhandelt.

und das allerwichtigste: wir dürfen nicht (sowieso nie!! 😃) von uns auf andere schliessen – wir dürfen uns allerhöchstens glücklich schätzen oder auch gerne auf die schulter klopfen, dass unsere vereinbarkeit mit unseren vorgaben und parametern funktioniert. und dann mit unseren rückfragen und unserem verständnis für individualität vielleicht dafür sorgen, dass es auch woanders klappt.

1 ort 1 begegnung.

ich stehe im spar an der kasse. hinter mir 5 menschen. es ist montag, 11 uhr. die kassiererin hat die ruhe weg. es ist nicht diese provozierende ruhe, die kassenmenschen an den tag legen können wenn sie sich gehetzt fühlen, was ich nachvollziehen kann – jeder beruf kennt seine eigenen methoden auszubremsen. es ist mehr so eine tiefe gelassenheit, ein ausblenden der umgebung, der ungeduld und hetze der anderen menschen in der schlange. als ich dran bin mit zahlen, reiche ich ihr 2 scheine. sie sind zweimal gefaltet, kein origami. sie nimmt sie, lehnt sich im kassenstuhl zurück, entfaltet sie langsam und beginnt sie sanft glatt zu streichen. streicheln eher. die schlange hält ein bisschen den atem an – und ich frage mich plöttlich besorgt, ob sie meine scheine vielleicht nicht annimmt weil sie verknittert sind. mittlerweile ist eine knappe minute verstrichen, das ist viel zeit in so einer situation. als die groben falten geglättet sind, stutzt sie kurz und beginnt dann die ganz kleinen knicke an den außenkanten glatt zu streichen. ich weiß nicht, ob überhaupt noch wer in dieser schlange atmet – niemand beschwert sich, alle schauen gebannt diesem schauspiel zu. plötzlich, und ich schwöre wir sind alle zusammengezuckt, reisst sie beim glattstreichen eine kleine ecke ab. geht mir weg mit netflix, der wahre thrill findet sich hier. sie stutzt erneut, sagt „na!“, empört fast, wie sich dieser fitzel ihren streicheleinheiten so widersetzt, beugt sich hinunter zu ihrem rollcontainer, holt einen tesafilm raus und beginnt diese kleinerfingernagel-grosse ecke anzukleben.

und da fällt mir das wort ein, was das hier ist. es ist ein akt der rebellion. ein akt der rebellion an einer stelle im alltäglichen gewusel, die darauf ausgerichtet ist, zügig von statten zu gehen. eine verlangsamung an dieser stelle, gar ein solcher ausstieg aus dem üblichen wie sie es tut, ist so eine klare abgrenzung, ein nein zur vorschrift, dass es im grunde eine helle freude ist, sowas mit erleben zu dürfen.

ich lache sie also an, lehne mich innerlich sehr entspannt zurück und lasse mich ein bisschen von ihrer rebellion anstecken.