mitgehangen, mitgefangen? depression ist ein arschloch und ich eine angehörige – teil II.

ein erster schritt zur abgrenzung ist meiner erfahrung nach die selbstreflektion über die eigene geschichte. ich bin nach so langer zeit mit dem thema depression in meinem leben davon überzeugt, dass es eine bestimmte eigene grundstruktur braucht, die eine disposition dafür schafft, dass das thema depression einen platz im leben einnehmen kann. umgekehrt – ich kenne menschen in meinem leben, die werden in 100 jahren keine depressionserkrankte in ihrem umfeld haben. nicht, weil sie unempathisch wären oder persönlich was gegen depressive hätten. es ist ihre innerpsychische grundstruktur, die das verhindert. und es muss noch nicht mal bedeuten, dass diese menschen nicht ebenfalls erfahrungen mit depression in ihrer kindheit und jugend gemacht hätten – aber wie das so ist, der eine reagiert darauf so, der andere so. und weil es da einen unterschied zu geben scheint, ist es lohnenswert zu allererst in sich zu blicken. (das schöne daran ist, dass man erstmal mit sich selbst beschäftigt ist und sich auf sich besinnt – auch schon eine gute abgrenzung zur ständigen konfrontation mit dem depressiven partner und seinen themen.)

ich bin mein leben lang schon von depression umgeben. es begann mit meinem vater und bis heute herrscht in meiner familie ein mantel des schweigens über dieses thema. frage ich meine mutter, wiegelt sie ab, gibt erklärungen ab, die ich schon mein leben lang gehört und geglaubt habe, die aber mit zunehmender auseinandersetzung immer unglaubwürdiger wurden. beispiel? mein vater war augenarzt und musste für bessere untersuchungsergebnisse viel in abgedunkelten räumen sitzen. seine stimmungsschwankungen wurden stets damit begründet – bis heute kommt auf meine frage „war papa denn depressiv?“ immer die antwort „naja nein nicht wirklich. er sass halt oft im dunklen, da fehlt eben automatisch serotonin.“ er sass oft im dunklen – das ist wahrscheinlich dennoch sehr nah an der wirklichkeit.

ich erinnere meinen vater als stets abwesend. anwesend-abwesend. als kriegskind aufgewachsen, früh den eigenen vater ersetzt, der in kriegsgefangenschaft war und erst jahre nach dem krieg wieder nach hause kam, hatte er seine verantwortungen früh zu übernehmen. die mischung aus hohem leistungsanspruch, unausweichlichkeit der situation und viel verantwortungsgefühl führten ihn langsam aber sicher in die depression. ich vermute, er konnte eine lange zeit darüber hinwegtäuschen, drei kinder, eine praxis und ein reiches freizeitleben machten dies möglich. für die, die ausserhalb unserer familie standen. in der familie selber aber führte es früh zu einem vaterbild bei mir, das geprägt war von bedürftigkeit, ohnmacht und erstarrung. und ich übernahm von kindesbeinen an die selbstauferlegte aufgabe, ihn daraus zu erretten. er erschien mir immer im weggehen zu sein oder überhaupt weg zu sein. entweder war er das tatsächlich, weil er die wochenenden nutzte um sich, so vermute ich – im sport, den bergen oder dem radfahren zu spüren, oder aber er war da, aber für mich als kind immer gefühlt auf dem sprung. weg von mir. weg von der familie. in sich versunken. abgekoppelt vom familienleben. es sind bis heute sehr kindliche eindrücke, was sicherlich damit zusammenhängt, dass ich zu lebzeiten nie mit ihm darüber sprechen konnte und so bis heute in diesen kindlichen mutmaßungen stecke und sie nicht ersetzen kann durch eine erwachsene, überprüfte sicht. schaue ich heute auf den vater meiner kindheit und jugend, dann ist er wie ein geist. er war da, aber verfügbar für meine bedürfnisse, meine notwendigkeit liebe zu spüren und zu bekommen, sie tatsächlich zu hören, zu fühlen, zu erfahren war er nicht. ich reagierte darauf (und das ist eine spannende erkenntnis, wenn ich daran denke, was ich oben schrieb, wie unterschiedlich die reaktionen sein können und wie sie bis heute beeinflussen was wir warum bei wem tun) mit großer verlustangst. mein vater war scheints für mich die einzige möglichkeit wärme und zuwendung zu bekommen, meine mutter schien kein ausreichender ersatz dafür zu sein. das machte meinen vater für mich doppeltwichtig, denn ohne seine anwesenheit, psychisch wie physisch, stand ich alleine da. dh. jede „wegbewegung“ meines vaters von mir und auch von der familie, bedeutete verlust und alleingelassen sein. bezieht man die psychische abwesenheit meines vaters mit ein, dann war ich meine kindheit durchgehend vom alleingelassen werden bedroht. ein psychisches grundmuster, das sich tief in mich gegraben hat – bedeutet es doch bis heute, dass die verlassensangst sofort reaktiviert wird, sobald sich jemand, auch psychisch, zurückzieht. man ahnt vielleicht, wie anstrengend diesbezüglich partnerschaften mit depressiven männern für mich sein können…..

wie reagierte ich als kind auf dieses zurückziehen meines vaters?

ich gewöhnte mir an, meine eigenen bedürfnisse zur seite zur legen und mich an seinen, fatalerweise unausgesprochenen und daher meiner kindlichen phantasie überlassenen, bedürfnissen zu orientieren. ich vermied streit, ängste und ärger. ich passte mich an, war brav und bog mich in der hoffnung ihn in seiner starre und seinem rückzug zu erreichen. ich redete viel, ich erzählte die buntesten geschichten, ich machte mich groß, zur not auch mit lügen. ich wurde tapfer, mutig und stark. ich versuchte meinen vater stolz zu machen, mangels herausragender schulischer leistungen besonders durch ein immer größer werdendes empathisches handeln. jedes kind sucht sich das was es kann um anerkennung und zuwendung zu bekommen und, in meinem fall, um den depressiven vater vor dem verschwinden zu retten. ich konnte zuhören. ich konnte früh gut beobachten, ich ahnte stimmungen lange bevor sie zum ausdruck gebracht wurden. ich konnte trösten, ich war stark, belastbar und vorallem – ich blieb mit zunehmendem alter in krise ruhig. ich belastete nicht. ich half stattdessen. ich hatte humor und konnte eines besonders gut – ich konnte vergeben. jeden schlag. jedes bösen wort. jede nicht ausgesprochene entschuldigung. jedes wegsein. jedes unausgesprochene wort der zuwendung. jede verweigerung von nähe. ich litt, ich hatte angst, aber ich blieb standhaft. bis zum tod meines vaters änderte sich im grunde nichts an unserem umgang miteinander. im gegenteil, je älter ich wurde, je mehr ich auch beruflich den „helfenden“ weg ging, je komplexer die lebensthemen wurden, je mehr ich begriff und sah, wenn ich ihn ansah – um so stärker bestätigte sich immer wieder mein verhalten. denn meine art erbrachte mir die wenige anerkennung von ihm, aber immerhin, und zog ihn in manchem gespräch wieder aus der dunkelheit. selbst wenn ich gewollt hätte aus diesem muster auszubrechen – das ineinandergreifen von anerkennung bekommen und zeitgleichem verhindern des gehens verhinderte jeden ausbruch. es ist kein wunder, dass ich mit der aufarbeitung des themas erst nach dem tod meines vaters beginnen konnte.

warum erzähle ich das alles?

ich glaube, dass meine geschichte sehr gut zeigt, wieviel an heutiger haltung aus den erfahrungen der kindheit kommt. und wie sinnvoll es ist, dort einen anfang zu machen wenn man lernen will als angehörige eines depressiven empathisch und dennoch abgegrenzt mit ihm zu leben. die erfahrungen mit meinem depressionserkrankten vater, die permanente bedrohung durch verlust und meine persönlichen „lösungsstrategien“ haben mich auf eine art und weise geprägt, die dazu führen, dass die depression und ich bis heute immer wieder eng miteinander verwoben sind. auf bestimmte depressive grundmuster meines gegenübers reagiere ich bis bis heute im prinzip mit denselben strategien wie vor 30 jahren bei meinem vater. meine prägung hat mich immer wieder in die nähe von depressiven menschen gebracht – wobei es sicher eine wechselwirkung dabei gibt. ich weiß, dass meine stärke und lebendigkeit eine hohe anziehungskraft auf depressive hat. sowie eben auch die depression eines menschen ein mir sehr vertrautes muster bietet, in dem ich mich auskenne und zu hause fühle. das problem dabei ist nur, dass es mich überfordert und ich in alten haltungen lebe, die mich über meine grenzen gehen lassen, weil ich bis heute im umgang mit depressiven einen inneren auftrag zu erfüllen habe: “ ich mache dich wieder heil.“ dieser auftrag ist aber nicht mehr aktuell, er ist der auftrag des kindes, nicht der der erwachsenen und meiner erfahrung nach auch nicht der auftrag des depressiven gegenübers. mein erlernter umgang mit depression lautet also: ich tue alles um dich vor dem weiteren abrutschen in die dunkelheit zu bewahren und gehe dabei über meine eigenen grenzen und bedürfnisse, zum einen weil ich mich dir verpflichtet und verantwortlich fühle und zum anderen, weil ich im grunde große angst davor habe, verlassen zu werden.

jeder von uns hat diese grundstrukturen, die einen auf dinge reagieren und einen dinge tun lassen – die bewusstmachung dieser, im kontext der depression, ist der erste schritt zum neuen umgang. 

und damit kann man doch arbeiten.

mitgehangen, mitgefangen? depression ist ein arschloch und ich eine angehörige – teil I. 

die grösste schwierigkeit im umgang mit depressiven angehörigen ist ja, dass man nicht der natürlichen seelendynamik des einfühlen und mitgehen folgen darf, sondern in eine bewusste abgrenzung gehen muss. das klingt widersinnig und fühlt sich noch widersinniger an. der mensch den ich liebe berichtet von seinen schwärzesten gedanken und ich soll mich abgrenzen? die bewegung ist bei jedem halbwegs empathischen menschen die, alleine aus sorge und angst voll in die spirale des depressiven miteinzusteigen. sie begleiten zu wollen und aus der eigenen, nicht-depressiven haltung heraus lösungsvorschläge zu machen, ideen zu entwickeln und vorallem mit der kraft für zwei diese krise zu bewältigen. was aber in der folge passiert, ist ein noch tieferes reinschrauben in die depression, weil der erkrankte die schuldgefühle und das eigene unvermögen die lösungsvorschläge umzusetzen, nicht aushält und sich selbst dafür noch mehr hasst. dazu kommt das stete gefühl, schuld zu sein am kraftakt des gesunden und die verantwortung dafür zu haben. der angehörige widerrum folgt dieser abwärtsbewegung erneut, weil jede verschlechterung des depressiven zustandes ihn noch mehr in die lösung drängt – denn so funktioniert es doch: problem – nachdenken – lösung – gut. es ist als ob versucht wird, zwei völlig unterschiedliche schablonen überein zu bekommen. am ende aller versuche diese aneinander anzupassen, was im leben nicht funktioniert (man darf mir glauben ich hab das mit verbissener ernergie und kraft für zwei, jahrelang bis heute immer wieder bei den unterschiedlichsten  mir nahen menschen versucht), steht immer ein nach wie vor depressiver mensch und ein völlig erschöpfter angehöriger, dessen bisherige mutige und positive entschlossenheit zur lösung, umgeschlagen ist in wut, resignation und ja, auch hass. denn menschlich wie wir sind, koppelt der gesunde angehörige seine lösungsvorschläge nicht nur an selbstlosigkeit sondern eben auch an liebe und deren beweis. natürlich ist jedes mitdenken, jede idee, jeder vorschlag zeichen der liebe und fruchtet dieses so gar nicht, mehr noch wird nicht angenommen oder umgesetzt – dann kommt das nicht selten als beweis der angeblich mangelnden liebe des depressiv erkrankten zu seinem sich bemühenden angehörigen an. dh. der immer ratloser werdende angehörige muss aushalten, dass er offenbar nicht so geliebt wird, denn würde er das, würde der depressive doch jede hilfe dankbar annehmen und umsetzen! ich kann es keinem angehörigen verübeln, in diesen momenten der absoluten hilflosigkeit auch so etwas wie hass zu empfinden – ich denke mir manchmal, das sind diese situationen in denen die divergenz der schablonen am deutlichsten spürbar ist. und wo es auch gleichzeitig am legitimaten ist so zu fühlen. zu dürfen. 

es sind diese situationen, in denen der gesunde die spirale des erkrankten verlassen muss. zum eigenen schutz aber auch zum schutz der beziehung. ein zu langes verweilen im gedankenstrom des depressiven sowie ein zu langes kräftezehrendes sich dagegen anstemmen des gesunden führt zu verschleißerscheinungen, die – im fall einer partnerschaft – oft in trennung endet. 

was der angehörige hinkriegen muss ist, es auszuhalten, dass man weiter sein eigenes leben führen kann, darf und sogar muss. auch wenn es sich wie verrat am geliebten menschen anfühlt. „wie kannst du nur selbst so gut gelaunt sein, wenn es deinem partner so schlecht geht!“ ist ein innerer satz, den sicher viele angehörige kennen werden. es fühlt sich wider jeder humanen liebenden regung an, wie verrat und aufgabe, illoyalität und desinteresse. es steht konträr zur verinnerlichten haltung (die nicht nur im einzelnen sondern auch gesellschaftlich tiefverankert ist) des helfen wollens und müssen – jemand ist in not, ich helfe. gerade für angehörige mit starken inneren helfer-anteilen ist es zu beginn einer depression eines angehörigen ein ding der unmöglichkeit nicht zu helfen. eventuelle starke moralische anteile verstärken die dynamik noch zusätzlich. 

aus eigener erfahrung ist die durchbrechung dieser dynamik lange zeit nicht möglich. zum einen weil sie so selbstverständlich ist, dass man sie lange nicht hinterfragt. zum anderen weil die kräfte des gesunden angehörigen oft enorm sind, was durchhaltefähigkeit und selbstaufgabe angeht. und selbst wenn diese schwinden, ist die gefühlte moralische verpflichtung ein enormer antrieb über die eigenen kräfte hinaus weiterzumachen. ich bin ja gesund, der andere ist krank. ergo bin ich stark und er ist schwach. das ist das tiefverwurzelte bild dem beide – der depressiv-erkrankte wie der gesunde – aufsitzen. 

und dieses gilt es zu durchbrechen. und die frage die einen in diesem prozess begleitet lautet „wie kann ich eigentlich gleichzeitig empathisch sein und mich abgrenzen?“ 

2016. 

ganz grob auf einer skala von 1-10: wie war dein jahr? 

eine glatte 9. ich nehme nur deshalb nicht die 10 weil ich immer platz nach oben lassen möchte. das jahr war übrigens gerade weil es ein paar heftige seelische untiefen hatte, eine 9. 

Zugenommen oder abgenommen? 

abgenommen. und das obwohl ich vor einem halben jahr von heut auf morgen mit joggen aufgehört habe und angefangen habe zu essen, wie und wann und nach was mir gerade ist. sehr faszinierend seinen körper und dessen bedürfnisse völlig neu zu erfahren.

Haare länger oder kürzer? 

gleich kurz. ich werde in diesem leben auch nicht mehr langhaarig. sämtliche versuche enden noch über den ohren. um es mit halle berry zu sagen: „I find when I have short hair, I feel like I have nothing to hide behind anymore.“ 

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?

die situationen, in denen ich als kurzsichtige meine brille hochnehmen muss um in der nähe besser zu sehen, häufen sich….

Mehr Geld oder weniger? 

dank tariflicher gehaltserhöhung mehr. ist aber jetzt nicht so doll spürbar wenn ich ehrlich bin. aber ich bin zufrieden.

Mehr ausgegeben oder weniger? 

ich denke etwas mehr wegen schwer erkranktem fiat. 

Der hirnrissigste Plan?

anzunehmen, dass der wechsel des ältesten kindes aufs gymnasium gefälligst ohne besondere vorkommnisse von statten gehen soll. mittlerweile hat sich alles eingespielt, aber das war familiensystemisch und persönlich ein echter schleudergang. 

Die gefährlichste Unternehmung?

gabs nicht. ich mag kalkuliertes risiko, deshalb überrascht mich letztendlich nichts wirklich. 

Die teuerste Anschaffung?

der italienurlaub wie jedes jahr 🙂 die fiatreparatur und mein finanzierungsplan für 2 kronen und 2 implantate 2017. 

Das leckerste Essen?

das himbeer-baiser häufchen im cafe schatz in salzburg und so ziemlich alles was der mann gekocht hat dieses jahr. und diese eine frittaten-suppe im bluntautal. ach und das frittierte gemüse und obst im „la posta“ in irgendeinem winzigen italienischen kaff in der maremma. 

Das beeindruckenste Buch? 

jack kornfield „das weise herz“ – 576 seiten die viel in mir bewegt haben, haltungen korrigiert und hinterfragt haben. 

Der ergreifendste Film? 

ich sehe kaum mehr filme. erweitere ich auf serien dann ist da sicher „the good wife“ und „river“ mit dabei. aber auch „bloodline“ oder „marcella“ oder „sense 8“.

Die beste Serie?

oh. die frage gibts ja! siehe oben.

Die beste CD?

die selbstgebrannte von m. immer wieder. 

Das schönste Konzert?

wanda in wien im april. 

Die meiste Zeit verbracht mit…?

nachdenken, neu orientieren, innere bilder revidieren, an mir arbeiten.

Die schönste Zeit verbracht mit…? 

mit den menschen die mich lieben. 

Vorherrschendes Gefühl 2016?

what!? ok. dann mal schauen wie ich jetzt damit umgehe. 

2016 zum ersten Mal getan? 

um 2 menschen getrauert die suizid begangen haben.

2016 nach langer Zeit wieder getan?

gewandert. and i won’t stop. 

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? 

tod
immer wieder der kampf gegen die verlustangst
das gefühl nicht gemocht zu werden

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?

mich, von mir selbst. 

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe? 

da müsste man die menschen in meinem leben fragen 🙂 (ziemlich sicher kind I mit seinem hearthstone kartenpack zu weihnachten!) 

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?

mit mir gemeinsam am selben strang zu ziehen. freundschaft.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?

„du bist eben fight-club.“

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe? 

das müsste man dann mal erfragen…

2016 war mit 1 Wort…?

wachstum. 

von guten mächten. 

heute plötzlich, 4 tage nach der nachricht von seinem tod, stand dieser gedanke in meinem kopf, dass ich tatsächlich innerhalb von 5 monaten zwei sehr wichtige und untrennbar mit meiner geschichte verbundene menschen verloren habe. beide durch suizid, wenn auch aus sehr unterschiedlichen gründen. beide haben mich auf ihre sehr eigene art begleitet und vorallem geprägt. die letzten 5 jahre meines lebens waren sie teil von mir – ich würde fast sagen, dass sie mich ein stück zu dem gemacht haben wer ich heute bin. den einen verlust immer noch nicht ganz verarbeitet, kommt nun der zweite hinzu – und ich spüre, dass es da um noch mehr geht als um die trauer um zwei menschen. so ganz kann ich es noch nicht greifen aber es scheint um so was wie alleine laufen müssen zu gehen. ich fühle mich im stich gelassen, verlassen. es ist so ein „ihr könnt doch nicht einfach abhauen!“ in mir. es geht auch um das ende eines lebensabschnittes, jetzt kommen andere themen, andere inhalte und sie kommen ohne die beiden. es macht mich beim schreiben irre, dass ich das nicht besser in worte fassen kann. 

mir fällt gerade ein, dass es ein ähnliches motiv manchmal in märchen gibt – der mensch, der eine zeitlang von guten mächten beschützt und begleitet wird, um mit ihnen und durch sie zu lernen allein in der welt zurecht zu kommen. und die auch verschwinden, von jetzt auf gleich, weils kein probeleben gibt sondern eben immer den sprung ins kalte wasser. beide haben mir für diesen sprung viel mitgegeben, besonders einer, wofür ich ihm mein leben lang dankbar sein werde. 

sie haben mein leben verlassen und ich schwimme jetzt los. 

.

vi sejler ikke, fordi der er et hav.
men fordi der er en havn. 
vi leder ikke først efter fjerne mål. 
vi søger først beskyttelse. 

ich hoffe, du hast ihn gefunden und kannst endlich heimkommen und in frieden ruhen. 

danke für alles.

herr a. 

der vater mit abgelehntem asylantrag aber geduldet, die letzten 2 jahre im gefängnis, ein 6 jähriges kind das ihn noch nie gesehen hat. und jetzt möchte er kontakt und er möchte seine tochter wieder zu sich holen. seine familie hier in deutschland wie in seinem heimatland weiss nichts von dem kind, wüssten sie etwas würden sie ihm die hölle heiss machen wieso er zugelassen hat, dass das kind erst bei der mutter und anschliessend in einer pflegefamilie untergebracht wurde. 

der mann steht unter druck, man merkt es ihm sofort an. er ist freundlich, sehr höflich, er hört angestrengt zu, fragt einzelne wörter nach, seine hände sind ineinander verknotet und es dauert eine zeit bis ich begreife, dass er angst hat. als ich ihn darauf anspreche, schiessen ihm die tränen in die augen, er erzählt von seinen schlechten erfahrungen mit der bürokratie, den paragraphen, dem jugendamt. ich fühle sehr mit ihm – das ist alles ein riesen mist und schwer zu verstehen wie so institutionen ticken, das geht ja mir schon so und ich sass nicht im knast und kann die sprache sprechen.

ich beschliesse völlig ehrlich die karten auf den tisch zu legen, erkläre ihm, dass es nie zu einer rückführung kommen wird, dass ich ein erstes treffen mit seiner tochter gerne planen werde, aber wirklich nicht sagen kann wie es danach weiter geht. er ist so gefangen in seinen erfahrungen mit behördlichen dinge, dass er ständig paragraphen hören will von mir und wie die anwaltlichen chancen sind. ich arbeite so nicht, ich hasse gerichte, ich vermeide jeden kontakt mit anwälten in meiner arbeit, also kann ich ihm damit nicht dienen und versuche immer wieder die welt seiner tochter zu erklären, warum sie dort wo sie ist zu hause ist, dass mich die erwachsenen bedürfnisse nur soweit interessieren wie sie zum wohl des kindes sind. 

ich merke wie er ungehalten wird, ich verstehe seinen druck, der aus seiner familiengeschichte und seiner herkunft, seinen werten und normen entspringt und in diesem kleinen beratungszimmer in einem oberbayerischen jugendamt ist es plötzlich mit den händen greifbar, wie schwierig integration ist, wie schwierig die balance zwischen deutschen regeln und einer kulturellen prägung die ihn als mann und vater ausmachen. wie starr es hier in diesem land manchmal sein kann wenn es um menschliche bedürfnisse geht. dass sie so oft keinen platz finden zwischen den paragraphen und vorschriften, wie sehr sie das gegenüber entpersonalisieren. das was plötzlich greifbar wird zwischen uns beiden, ist alles soviel mehr als „ja hätte er sich mal benommen und hätte sich um sein kind gekümmert!“ und „selbst schuld!“ und „scheiss aus.länder!“ – es übersteigt für einen moment völlig meinen eigenen horizont, mein ganzes denken, weil der unterschied und die abhängigkeiten und die ohnmacht die daraus resultiert, so heftig und unüberwindbar zwischen uns steht. 

ich schaue ihn bedauernd an, zimmer ihm einen fahrplan zurecht, etwas woran er sich halten kann, was ihm eine art augenhöhe verschafft, weil es ihm ein „tun“ ermöglicht, ein raus aus der ohnmacht. und habe dennoch den eindruck, dass er nur eins mitnimmt: ich krieg mein kind nicht und meine familie reisst mir deswegen den kopf ab.

und mit einem mal wird mir auch bewusst, was für eine arbeit integration ist. was es von beiden seiten abverlangt, wie entsetzlich langsam sie sein kann und wie ermüdend für alle beteiligten. und wieviel leichter es wäre manchmal einfach aufzugeben. 

ein kind kommt. 

am 11.1. 2017 wird ein kind auf die welt kommen. es gibt keine hebamme, keine eingekaufte kleidung, kein eingerichtetes zimmer, keinen kinderwagen, keinen namen, nichts. in der mutter des kindes ist grosse ratlosigkeit und es gibt wirklich keine vorstellung davon was das kind braucht, verändert, bedeutet. die mutter ist über 18, daher gibt es keine stelle die sich darum kümmert. ab geburt kümmert sich dann das jugendamt sprich ich werde das kind ab geburt aller voraussicht nach noch im krankenhaus in obhutnehmen. es wird zu pflegeeltern kommen, die selbst kinderlos sind. der säugling wird alle bindungsrelevanten schritte mit den pflegeeltern durchlaufen weil die junge mutter weiterhin keine ansätze von verhaltensänderung machen wird. wie auch, sie ist sozial gesehen ungefähr 14, woher also die reife nehmen wenn nicht stehlen. es wird umgänge geben, die nur deswegen stattfinden weil ich die junge mutter seit jahren kenne, ich ein bisschen einfluss nehmen kann und ich sie über meinen job hinaus ins auto verfrachte und den umgang begleiten werde. irgendwann wird sie mir wegbrechen, entweder weil sie einen neuen freund hat oder wegzieht oder abrutscht. die pflegeeltern derweil werden sich immer stärker ans kind binden und dieses an sie, mit glück schaffe ich es durch hunderte von gesprächen die tür zur leiblichen mutter offen zu halten, damit sie wenigstens die chance behält, als besuchsmutter im leben ihres kindes zu bleiben. nach 2 jahren pflege, in denen die bindungsrelevante zeit nahezu abgeschlossen ist, die mutter sich nicht gross verändert hat, ist dann auch das recht auf seiten der pflegeeltern und eine rückführung weder rechtlich noch pädagogisch noch psychologisch gerechtfertigt. wenn es nicht schon bis dahin passiert ist, ist das oft der zeitpunkt an dem die mutter erneut schwanger wird. das erste kind wird langsam ausgeblendet, die umgänge weniger, oft ganz eingestellt. die pflegeeltern sind mama und papa für das kind, jahre später wird über eine namensänderung nachgedacht werden. das kind wird wurzeln schlagen in einer familie, die nicht die seine ist und obwohl das gut und rettend fürs kind ist, wird es das sein leben lang spüren. die lücke in ihm, die seine mutter hinterlassen hat, wird bleiben und kann nicht gefüllt werden. mit glück verheilen.

vielleicht hatte bukowski ja pflegekinder im kopf als er schrieb

„there is a place in the heart that will never be filled.“

dicht an dicht.

obwohl das die entspannteste vorweihnachtszeit seit 100 jahren für mich ist, ist sie dennoch derart dicht im moment. neben meiner arbeit her die, obwohl viel zu tun ist, mich gerade extrem langweilt (vielleicht bin ich durch die ganzen krisen mittlerweile so abgestumpft, dass es schon wirkliche ausnahmesituationen geben muss, um mehr als nur mit den augen zu rollen und gelangweilt die krisenintervention anzugehen. ist ja auch irgendwann viel wiederholung….) habe ich mit m. zusammen einen mediationsauftrag an einer volksschule in österreich. m. macht das ja nebenberuflich und kam vor 4 wochen mit der anfrage um die ecke, ob ich nicht lust habe mitzumachen – es bot sich an, weil ich vor vielen jahren selbst eine mediatorenausbildung gemacht habe und ich immer lust auf arbeit mit gruppen habe. ich finde es persönlich recht herausfordernd, weil ich in meiner jugendamtsarbeit und auch in meiner systemisch-therapeutischen arbeit ja immer eher im einzelgespräch, allenfalls mal im kleinstgruppengespräch bin. ein gesamtes lehrerkollegium vor sich zu haben ist da nochmal ein ganz anderer schnack und ein schöner schritt raus aus meiner beruflichen komfortzone. da ist es sehr hilfreich, dass m. sehr grosse berufliche erfahrung u.a. mit gruppen hat und ich mich im prozess ganz wunderbar entspannen kann weil er da ist und immer wieder die zügel in der hand hat und (nach)steuert. spannend auch zu sehen, wie gut wir uns beruflich ergänzen, wie leicht wir unsere rollen finden vor dieser gruppe – sie bilden auch ab, dass wir aus unterschiedlichen arbeitsfeldern kommen und ich lerne gerade viel neues. 

dann der übliche schulstress vor weihnachten, aus dem ich begonnen habe innerlich auszusteigen. betrachtet man schulsystem von aussen, kann man gut erkennen wieviele stressfaktoren, die im grunde nicht meine sind, mit in die familie getragen werden. dem externen leistungsdruck verwehre ich mich immer mehr – keines unserer kinder muss die supernoten heimbringen. durchschnitt und durchkommen reicht mir völlig. ich habe wunderbare, kluge kinder, das bildet sich nicht in noten und leistung ab. kann schon, aber für mich muss das nicht sein. ich muss nur auf mein eigenes leben und meine schulzeit blicken…..

insofern: alles ist sehr gut gerade. 

sind wir nicht alle ein bisschen extremistisch?

extremismus ist vorallem der ausdruck nicht befriedigter grundbedürfnisse wie anerkennung, zuwendung, identität oder lebensperspektive und sinnhaftigkeit. das sagte sinngemäß die leitung einer beratungsstelle extremismus.

diese erkenntnis lässt sich weit ab von dschihadismus oder rechtsradikalität auf alle formen von erbittertem streit um und seltsam starrer beschäftigung mit lebensmodellen übertragen. beobachte ich zb die wenig flexiblen argumentationen und diskussionen rund um feminismus, gender, mutter/vaterrolle, dann kommt mir diese erkenntnis (abseits von tatsächlich notwendiger poltischer und sozialer arbeit an den themen)  als sehr erhellend vor und ich kann manches eigene innere aufwallen von „himmelherrgott! das ist eine diskussion und keine feindbildmanifestation!“ – gefühlen zur seite schieben.

die anerkennung eventueller persönlicher, unbefriedigter bedürfnislagen könnte den dialog egal über welches thema friedlicher gestalten und den fokus wieder auf den oft notwendigen und wichtigen inhaltlichen diskurs legen. es würde unter umständen auch dieses „allianzieren“ innerhalb der einzelnen gruppierungen unterbinden, gegen deren front man nicht mehr ankommt in diskussionen. ich gewinne bei vielen diskussionen in den kommentarspalten mittlerweile den eindruck, dass es zum einen um „bist du nicht für mich bist du gehen mich“ geht, mit einem anscheinend interesse am offenen dialog, der aber tatsächlich nicht gewünscht ist. und zum anderen, dass es gerade bei der bestätigung durch die allianzen um eben diese og. bedürfnisbefriedigung geht und nicht um eine tatsächliche inhaltliche auseinandersetzung.

und noch was ist mir aufgefallen: ich habe in den vergangenen zwei tagen im zuge der tagung „extremismus“ oft von der gesprächskultur extremistischer vereinigungen gehört und vieles erinnerte mich an die diskussionskultur im netz – ohne einer extremistischen gruppierung anzugehören, unterscheidet sich zb. die kultur des diskurses zwischen müttern, frauen, vätern und müttern etc. kaum von der einer extremistischen gruppierung und ihrer diskurssprache. hüben wie drüben werden feindbilder geschürt, fakten ausser acht gelassen oder vollkommen neu geschaffen und andersdenkende ausgeschlossen oder offen angefeindet. im umgang mit jugendlichen, die im begriff sind sich einer extremistischen vereinigung anzuschliessen oder dies bereits getan haben, wird genauso daran gearbeitet wie ich oben beschrieb: es findet eine bedürfniserkundung statt, eine auseinandersetzung mit dem was fehlt und warum man es unbedingt auf diese art kompensieren will. ich glaube, dass der wunsch nach gruppenzugehörigkeit und gruppenidentität in den einzelnen filterblasen genauso hoch ist wie bei vielen der menschen, die sich extremistischen gruppierungen und ihren „vorläufern“ wie zb der afd oder in österreich der fpö anschliessen. es ist nur anders kaschiert, weil man zb. einer stillenden mutter, die sich über nicht-stillende mütter echauffiert und sich dazu in gruppe zusammenfindet, nun mal keinen extremismus vorwirft – die still-mafia ist noch nicht indiziert 😉 aber der wunsch nach identität durch gruppenzugehörigkeit und vorallem auch der wunsch sich abgrenzen zu wollen, ist derselbe. an dem ist ja auch nichts schlechtes – ton, haltung und ausdruck ist aber genauso vergiftend ist wie der des extremismus.

ich komme da noch nicht weiter, das liegt alles noch sehr brach in mir – ich habe in den letzten zwei tagen so viele eindrücke und gedanken gesammelt. aber irgendwie wurde ich den eindruck nicht los, dass sich vieles überschneidet in der art wie ein thema betrachtet und verargumentiert wird. und nur weil die konsequenzen darauf andere sind, macht es das nicht besser.