männer.

3 beobachtungen der letzten zeit: ich trete an das bett eines männlichen patienten, er trägt eine boxershorts, alles ist sichtbar da er sein gesundes bein abgewinkelt hat. er ist völlig vertieft in die beantwortung meiner fragen und beginnt sich im schritt zu kratzen. so wie sich eine träge katze in der sonne entspannt bisschen kratzt. kratzen und schieben. als ich ihn bitte sein bein wieder anzuwinkeln oder sich seine decke rüberzuziehen wird er knallrot. er hats einfach nicht gemerkt.

in der u- bahn steht ein mann neben mir, der eine maske trägt deren schlaufen seine ohren abknicken. die ohren sind sehr rot, an der knickstelle ist die haut weiss. er scheint die maske schon sehr lange so zu tragen und es verursacht mir fast körperliche schmerzen – das hinsehen und das nicht einfach zurecht zuppeln der maske.

im fitnessstudio neben mir ein mann mittleren alters an einem kraftgerät. er hat fast die höchste gewichtszahl eingestellt. er reisst an den stangen, verzerrt sein gesicht, stöhnt laut auf und seine haltung bei der durchführung zeigt, dass ihm das eigentlich recht weh tun müsste was er da tut. er reisst erneut und tut dies hintereinander in schneller abfolge, leicht schief sitzend, mit viel zu viel gewicht ca. 40x. ich bin keine physiotherapeutin, stimmt, aber gesund sieht das nicht aus. auch nicht normal.

keine der drei beobachteten szenen haben ich je bei einer frau gesehen. und ich komme nicht umhin zu überlegen, ob männer von ihrem körpergefühl oft so entfremdet sind, dass sie bestimmte dinge rund um ihren körper gar nicht spüren oder ihn angemessen wahrnehmen in einem raum oder einer bewegung oder einem schmerz. mir fällt der begriff „männergrippe“ ein, ein sprachsymbol für jammernde männer, für die sich eine einfache erkältung offenbar schlimm anfühlt. ich denke auch an die männer, die mit blutenden eingeweiden irgendwo sitzen und schneeweiß im gesicht noch abwinken und sagen alles sei eigentlich ganz ok. mir fallen die männer in meiner arbeit ein, die auch auf mehrfaches nachfragen wie sie sich fühlen nicht in der lage sind darauf zu antworten und mir stattdessen weiterhin ihre fakten nennen. und es ist nicht so, dass ich von einer bestimmten generation, herkunft oder schicht spreche, da ist alles dabei. und jedesmal fühle ich mit, was für einen stress, was für eine abwehr, was für eine angst, was für eine ohnmacht aus all ihrem verhalten spricht und wie weit der weg ist, ihnen da raus zu helfen.

ich habe keine ahnung, was dagegen tun. ich habe nur immer wieder das gefühl, dass wir männer nicht aufgeben dürfen. und gleichzeitig ahne ich, dass nicht wir frauen diejenigen sein können, die männer aus ihrem patriarchat befreien können. es muss aus den eigenen reihen kommen, so wie es auch frauen selbst schaffen müssen sich aus dem patriarchat zu befreien und das bereits tun und einen weiten vorsprung haben. was wiederum für so große verwirrung bei den männern sorgt und erheblichen widerstand gepaart mit großer hilflosigkeit. heute abend zb hatte ich ein telefonat mit einem mann, der der exfrau die sorgerechtsvollmacht verwehrt, einfach nur, weil er nicht weiß wie er aushalten soll, dass sie sich unabhängig gemacht hat von ihm. diese scheiss sorgerechtsvollmacht ist das einzige stück „beziehung“, dass es noch gibt, es ist eine scheiß beziehung, kein mensch will sowas. aber er kann nicht lassen davon weil – was stattdessen? und ich zwinge ihn hinzusehen, ich hake nach, ich drehe eine fragerunde nach der anderen, zwischendurch stockt er und schweigt und ich merke, dass er merkt, dass da noch was anderes ist in ihn und dann sagt er doch wieder „nein, kriegt sie nicht.“ keine begründung, keine erklärung nichts. nur dieses „nein“ um des neins willen und in ermangelung von alternativen in ihm. und ich bin empathisch, ich fühle diese wut, ich verstehe sie sogar. was ich nicht verstehe ist die konsequente verweigerung in sich zu blicken. denn glücklich und das ist der witz, glücklich ist er nicht. und mit diesem unglücklichsein verbunden ist der latente hass auf frauen. wie oft ich den erlebe. das geht über schlichte verweigerungen bis hin zu gewalt, auch hier alle altersstufen, alle herkünfte, alle schichten. und ich wage zu behaupten, dass es nicht eine reaktion auf die beziehungsgeschichte ist, die ist oft nur öl ins feuer. es ist ganz oft das unvermögen von anfang an zu spüren was in einem ist und vor allem zu sagen was in einem ist. die frauen stehen oft in jahrelangem rätselraten vor diesen männern, opfern sich auf, geben erklärungsbeispiele und erreichen nichts. ausser ihre ausgebranntheit, ihre wut und ihren frust – kein wunder wollen frauen nicht mehr männern die welt erklären.

was also tun? ich wünschte ich wüsste es. im grunde weiss ich es, aber dafür ist keine zeit – wer hat schon zeit uralte patriarchale (alleine dieses scheißwort ist so schwierig zu schreiben, dass ich schreien möchte) muster aufzubrechen? aber wir werden nicht drum herum kommen – es sind so viele. ich kann mittlerweile anhand 5 minuten gespräch herausfinden, mit was für einem typ mann ich es zu tun habe, wie weit ich in eine lösung komme und wie die verhandlung endet. und ich sags wies ist: das ist scheisse und enervierend. weil es auch so wenig bemühen gibt von seiten der männer sich einfach mal auf was neues einzulassen – während frauen ständig an ihren seelen rumzuppeln, da reinhorchen, dort hinblicken machen die meisten männer irgendwie gefühlt – nichts. und sie machen es glaube ich nicht, weil sie das alles doof finden, sondern weil sie nicht wissen wie! und man komme mir nicht mit irgendwelchen männerseminaren, wo gemeinsam getrommelt wird, der weihrauch raucht und sich am ende alle in den armen liegen und jetzt ihre mitte und weiblichen anteile gefunden haben. das ist bullshit. das sind 1 % und die restlichen 99% lachen drüber. man muss so einen bestimmten ton finden, auch als frau (schon wieder müssen wir irgendwas aber ja sorry! isso!) einen ton zwischen ernstnehmen, ehrlichem ernstnehmen der ohnmacht und hilflosigkeit und in den arsch treten, nicht liebevoll sondern konkret. einen patriarchalen ton, den sie kennen und verstehen gemischt mit was neuem. ich habe die erfahrung gemacht, dass das geht. aber den rest müssen sie selbst leisten und noch mehr diejenigen männer, die vielleicht schon näher dran sind an ihren gefühlen. und DAS ist leider auch so ein manko: diejenigen, die da schon mehr zugang haben, mehr begriffen haben, weiter gedacht haben – die bleiben irgendwie unter sich. als seien sie froh, der qual des patriarchat entkommen zu sein und nie mehr zurückzublicken.

das ganze ding hier hat kein ende und erst recht keine lösung. es hat keinen aufforderungscharakter für frauen, weiter den erklärbär zu machen für männer, aber einen aufforderungscharakter an die männer, die schon eine ahnung haben, wie es sich anfühlt das P. zu verlassen und neue wege zu gehen. seid vorbild, redet, immer wieder, zeigt wege auf, alternativen, macht die befreiung attraktiv! und erzieht eure söhne anders. seid mutig, sprecht, weint, erzählt von eurem leben, eurem leiden, euren gefühlen. lebt vor. irgendwie muss es klappen, sonst wirds echt finster.

am ende noch ein zitat von bell hooks aus „männer, männlichkeit und liebe. der wille zur veränderung“ das diesen beitrag irgendwie gut zusammenfasst: „das patriarchat als symbol hat männern den zugang zu umfassendem emotionalem wohlbefinden verwehrt, was nicht dasselbe ist wie das gefühl, erfolgreich oder mächtig zu sein, weil man die kontrolle über andere ausüben kann. um den männlichen schmerz und die männliche krise wirklich anzugehen, müssen wir bereit sein, die harte realität aufzudecken, dass das patriarchat männer in der vergangenheit geschädigt hat und auch in der gegenwart schädigt. (…) wir müssen zufluchtsorte schaffen, in denen jungen lernen können, so zu sein, wie sie sind, und nicht gezwungen werden, sich den patriarchalen männlichkeitsvorstellungen anzupassen. um jungen richtig zu lieben, müssen wir ihr innenleben so wertschätzen, dass wir sowohl im privaten als auch im öffentlichen bereich welten schaffen, in denen ihr recht auf ganzheitlichkeit konsequent bestätigt und gefeiert werden kann, in denen ihr bedürfnis zu lieben und geliebt zu werden erfüllt werden kann.“

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13 Gedanken zu “männer.

  1. Das ist ein unglaublich, unglaublich guter Text. So präzise beobachtet und begründet gedeutet, dass mir die Kinnlade runterklappt. Ganz großartig.
    (PS: Kann man Dir irgendwo auf Social Media folgen? So eine kluge Frau wie Dich hätte ich gerne öfter auf dem Schirm und ich bin lausig darin, Blogs auf den Spuren zu bleiben.)

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    • hej meike – das sind wahnsinnig tolle worte die du da findest, danke schön! gerade wenn sie von dir kommen….
      du kannst mir gerne auf insta folgen, obs immer klug zugeht kann ich nicht versprechen 😃 ich schick die über insta dm den link zum account!

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  2. Das ist alles so wahr, so klar hab ich das noch nie gelesen. Danke, das speichere ich mir irgendwo hin und spreche mit meinem Mann drüber, er ist schon sehr weit auf dem Weg, hat dadurch aber auch immer wieder Schwierigkeiten mit anderen und manchmal bin ich überrascht, wie tief er gedanklich doch wieder in patriarchalen Strukturen festhängt.
    Dankeschön! Darf ich Dir auch auf Insta folgen? (inapoe)

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  3. Interessant. Wenn Männer strukturell benachteiligt sind, dann müssen sie sich selbst helfen. Wenn Frauen strukturell benachteiligt sind, muss sich aber wohl die Welt ändern.

    Ich bin nun Anfang 40 und männlich. Ich unterhalte mich gerne mit Menschen in meinem Umfeld, die meisten Leute (m/w/d) sind da so 30 bis 45 und sich meist einig, dass ihre Väter beim Thema Emotion komplett behindert sind. Als wäre Emotion eine sehr verwegene Fremdsprache. Nimmt sich ein Sohn den Vater zum Vorbild, dann wird er halt auch so. Frauen wissen nicht, wie sie mit Männern umgehen sollen, da die Väter als Rollenbilder immer irgendwie diffus ungreifbar waren. Und die Mütter scheinen jedenfalls nichts dagegen gehalten zu haben in ihrer Erziehung.

    Die Emanzipation läuft allerdings eher darauf heraus, dass Frauen genauso blöd leben und handeln wie Männer und dafür in Führungspositionen kommen. Und so bleibt das Leben ein Kampf und Krieg die Maximierung desselben. Der nächste Putin wird wohl kein Vladimir sondern eine Natascha sein.

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    • hej! danke für den gedanken „Frauen wissen nicht, wie sie mit Männern umgehen sollen, da die Väter als Rollenbilder immer irgendwie diffus ungreifbar waren.“ den finde ich sehr bedenkenswert….. ich würde das „als rollenbilder“ zwar rausstreichen – aber ja, sie waren diffus in dieser generation (bin selber in den 40ern) und spreche ich von mir selber, dann habe ich umgang mit männern sicher nicht bei meinem vater lernen können. hm. schrägerweise habe ich diesen ansatz noch nie bedacht – shame on me. auch das mit den müttern in der erziehung ihrer töchter stimmt – noch mehr: sie waren da wirklich kein gutes vorbild.

      ich werd mir das mal zu herzen nehmen! danke dafür.

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      • Ich denke, der Vater ist sowas wie der nullte Mann im Leben einer Frau, oder die Mutter die nullte Frau im Leben eines Mannes. (Jaja, Klassische Rollenverteilung und so, jetzt mal einfach etwas abstrakter sehen…)

        Es gibt viele Parallelen wie man sich später im Leben mit PartnerInnen verhält zu dem, wie man das entsprechende Elternteil erlebt hat. Zum Beispiel, ob man Angst hat, verlassen zu werden, die gar nicht durch das Verhalten der/des PartnerIn begründbar ist.

        Der nur körperlich anwesende Vater ist bei all dem sicher das sonderbarste Exemplar. Man kann sich eigentlich gar nicht an ihm abarbeiten, weder im Positiven noch im Negativen. Eigentlich kann man(n) mit ihm nur irgendwie ratlos zurückbleiben und sich selbst auf die Suche machen (oder so werden wie er).

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        • letzter absatz ist gold!! auch frau bleibt ratlos zurück und arbeitet sich dann an männern ab. es ist wirklich für männer wie frauen schwierig – aber machbar, vorallem
          wenn man immer auch die den/die andere im kopf hat, deren erleben, deren prägung…..

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  4. Pingback: Der entmenschlichte Mann – Frau Meike

  5. Danke für diesen Artikel!

    Ich bin da allerdings sehr skeptisch, was

    > seid vorbild, redet, immer wieder, zeigt wege auf, alternativen, macht die befreiung attraktiv!
    > und erzieht eure söhne anders. seid mutig, sprecht, weint, erzählt von eurem leben, eurem
    > leiden, euren gefühlen.

    angeht (bis auf die Erziehung der Söhne). Wenn mann sich so wie oben beschrieben verhält, macht er sich angreifbar, ist ungeschützt — und die Männer, die überhaupt keinen Zugang zu sich selber haben, handeln dann halt so, wie sie es gelernt haben.

    Das ist meiner Meinung nach der Grund, warum die ,,befreiten“ Männer dann doch lieber unter sich bleiben (Safe space, sozusagen).

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