lena.

ich sitze im gastraum des hotels wo ich übernachte. ein tisch weiter sitzen ein vater um die 70 mit seinem sohn um die 45. plus minus. ich kann jedes wort verstehen, wir sitzen allein in dem raum und die beiden reden lautes hochdeutsch.

jedenfalls geht es zu beginn des gesprächs um den enkel und dessen mutter, in der folge immer kindsmutter genannt. männer, die die mutter ihres kinder kindsmutter nennen, haben in der regel keine gute geschichte mit dieser. so auch hier: sein 6 jähriger sohn wohnt bei der kindsmutter und er sieht ihn kaum. das ist wessen schuld? genau. und ausserdem: das kind macht keinen sport. ja sagt der grossvater, er hätte auch schon überlegt, was er denn mal mit seinem enkel machen könne. grosse ratlosigkeit beim vater, dann zählt er random sportarten auf, die passen könnten – von tennis bis klettern alles dabei, am rande erfahre ich, dass er in münchen lebt und damit wird mir auch einiges klar.

jedenfalls, fährt der vater fort, sei es auch wichtig, dass der sohn mal andere freunde hat. seine jetzigen seien so behäbig, jaja das sei nichts, behäbige freunde, nickt der grossvater. ja vorallem sei das so schwierig dann mit denen was zu machen, weil ja auch die väter denen kein vorbild seien – die würde ja auch nur vor dem pc sitzen und hätten nie zeit für ihre söhne, er sagt söhne, nicht kinder, und am ende wäre es eh die kindsmutter, die ja auch keine lust hat, das kind „an den sport heran zu führen, was soll ich da machen?“

schweigen, für den kleinen scheint es derzeit keine grosse hoffnung mehr zu geben, thema durch.

dann berichtet der sohn von seiner neuen freundin – weißrussin aus berlin. für den alten drängt sich die wichtigste frage auf: was hält sie von lukaschenko? nichts. ach gott sei dank. dann nochnal die nachfrage „ist das deine meinung oder ihre?“ ihre, nochmal gott sei dank.

und dann beginnt der sohn mit dem vater ein werbegespräch über diese frau. er erzählt und erzählt und mit jedem weiteren erzählen wird er kleiner. jemand schrieb mal von den ewigen kindern in der gegenwart der eltern und genau das passiert: er wird zum ewigen kind, das um die absolution, bestätigung, gunst, whatever, des vaters buhlt. und plötzlich gibts irgendeinen systemischen ruck, etwas verschiebt sich und auch der vater wird zum ewigen vater und es wird so deutlich: das thema der buhlschaft kennen die beiden schon ihr leben lang. je weniger der vater reagiert umso mehr agiert der sohn. „ja lena möchte ja jetzt eine ausbildung zur steuerfachgehilfin machen!“ „ach. das gibts.“ „ja und sie macht das toll, sie kann ja kaum deutsch, sie versucht das für ihre zukunft auch ihrer tochter zu schaffen.“ „ach. aha.“ schweigen. es ist der cringe in reinform, ich versinke vor fremdscham in meinem salat, ich möchte rüberrennen, mich an den tisch setzen, sagen „leute! darf ich euch mal was rückmelden?“ das ganze auflösen, ihnen erklären was da gerade passiert, ich kralle mich an messer und gabel fest und bleibe sitzen.

der sohn erzählt weiter von besuchen in weißrußland, vom meer und joggen am strand und der vater kriegt nicht mehr raus als „aha.“ oder „ach.“ ich möchte schreien und gleichzeitig gibt es einen anteil den ich wiedererkenne, dieses „aha.“ und „ach.“ während man als elternteil versucht das gehörte zu verarbeiten und zu hinterfragen: geht es meinem kind gut? ist es glücklich? was wenn nicht? wer ist diese frau? will sie ihm gutes? all diese gedanken sind in diesen achs und ahas. im besten fall.

irgendwann verstummt das gespräch. bis der sohn plötzlich sagt, dass es schwierig sei für ihn, da sein 6 jähriger sohn, da die 4 jährige tochter. wie soll das gehen, wie bringt man die beiden zusammen und als was? geschwister? freunde? ich blicke rüber weil ich die reaktion des vaters sehen will, auf den moment wo sein sohn das erste mal persönlich wird. er blickt auf seinen salat und sagt nichts. der sohn schaut ihm dabei zu. sagt nochmal „es ist so anstrengend, wie soll ich lena kennenlernen, wenn wir diese zwei kleinen kinder immer dabei haben?“ es ist echte ratlosigkeit, echte unsicherheit, ein echter wunsch nach einer antwort. sie kommt nicht. ich kämpfe mit den tränen. ich kenne diese männer, die fragen die sie bewegen, die unfähigkeit mit den damit verbundenen emotionen unzugehen aber auch die unfähigkeit der umgebung mit ihrer unsicherheit umzugehen, es rührt mich zutiefst diesem leid zuzusehen. denn es ist leid, da kann mir keiner was anderes erzählen, egal worin dieses leid am ende mündet.

das gespräch verstummt erneut. der kellner kommt, fragt nach, beide antworten erleichtert „die rechnung bitte!“ um dann darüber zu diskutieren wer jetzt zahlt. bis der sohn sagt, er zahle, es sei doch schön wenn man wenigstens mal die rechnung übernehmen kann, wenn man sich schon so lange nicht mehr gesehen hat. beide stehen auf und gehen, der sohn hat kurze hosen an, der vater vorweg.

der ewige sohn.

der ewige vater.