tour de france.

ich bin mit der tour de france groß geworden. als in deutschland sich noch niemand für die tour interessierte, als die stars der tour noch lemond und fignon hiessen, sassen mein vater und ich bereits in süddeutschland vor dem fernsehen und fieberten mit.

es gab damals noch kein kabelfernsehen und auch die öffentlich-rechtlichen in deutschland übertrugen noch keine tour de france, allerdings wohnten wir nahe des bodensees und hatten daher 3 zusätzliche programme im angebot: das deutsche, französische und italienische schweizer fernsehen. je nachdem wo man die zimmerantenne platzierte, sah man so die deutschschweiz in grisseligem bunt, die französische schweiz in grisseligem schwarz-weiss und die italienische schweiz in stark grisseligem schwarz-weiss mit bildausfällen. die guten tage waren die, wo die etappen durch die deutschschweizer übertragen wurden, die schlechten die, wo besonders schnelle etappen von den italienern ausgestrahlt wurden. das waren die etappen wo alleine durch die bildausfälle die spannung erhöht wurde, weil der vermeintliche leader VOR dem bildausfall NACH dem bildausfall plötzlich weg war und man erstmal rausfinden musste, ob er jetzt vom peloton geschluckt worden oder sonst irgendwas passiert war.

da die übertragung ja in der regel zu arbeitszeiten aber ausserhalb der schulzeiten stattfand, war ich dafür verantwortlich die etappen anzusehen und meinen vater, der immer zwischen zwei patienten aus der praxis im erdgeschoß in den ersten stock gehechtet kam, kurz zu briefen – wo war sein favorit, wo meiner, was machte das hauptfeld, welche gipfel waren schon erklommen, wer war gestürzt….man glaubt nicht, was es alles in kürzester zeit zu berichten gab. bei den großen bergetappen, die wirklich jedes mal unfassbar spannend waren, wo um sekunden gekämpft wurde, wo oft genug die tour entschieden wurde, kam es vor, dass die arzthelferinnen aus der praxis anriefen um meinen vater daran zu erinnern, dass es noch was zu tun gab „kannst du deinem vater bitte mal sagen, dass herr xy schon 3x nachgefragt hat wann er endlich drankommt!?“ wenn die bergetappe im vollsten gang war und es für meinen vater kein auskommen mehr gab und er wieder in die praxis musste, hatte ich die aufgabe ihn jeweils bei der bergankunft anzurufen und mitzuteilen, wer gewonnen hatte. das waren sehr lustige dialoge, weil mein vater nie mehr als ja oder aha oder ach sagen konnte, ich ihm aber mit großer freude mitteilen konnte, dass mein favorit in der gesamtwertung vor seinen gerutscht war.

schwierig waren manchmal die italienischen übertragungen, weil wir beide nichts verstanden und uns aus den bildern selber zusammenreimen mussten was passiert war. es kam immer wieder vor, dass wir am nächsten tag, als die deutschen oder franzosen wieder dran waren, unsere erkenntnisse revidieren mussten und ich vermute französisch habe ich nur deshalb im abitur als prüfungsfach genommen, weil ich durch diese ganzen tourübertragungen richtig gut drin war.

einmal waren wir dann in frankreich im urlaub und haben uns eine etappenankunft in bordeaux angesehen – stundenlanges stehen in brütender hitze, das vorbeifahren diverser werbefahrzeugen und dann machte es ca. 10 sekunden lang „zisch“ und das feld war vorbei. ohne scheiss, man hat nichts gesehen, eine bunte masse, ein surren der ketten und das wars. ich war selten so enttäuscht.

den rest der tour, der zeitlich zufällig auf unseren frankreichurlaub fiel, verbrachten wir ab nachmittags in dunklen französischen dorfkneipen irgendwo in der tiefsten auvergne, wo wir wahrscheinlich noch heute im gespräch sind als die seltsamen deutschen, die ende der 80er in radsportklamotten in kneipen rumstanden und die tour gemeinsam mit jacques, francois und antoine ansahen „tu t´en souviens? les allemands? haha. ridicule!“

uns wars wurscht, ich kaufte halb frankreich leer von irgendwelchen sportzeitschriften und freute mich daran, diesen wahnsinnigen sportlern ganz nahe zu sein. die faszination verschwand nie, wurde aber extremst gedämpft, als die ersten dopingfälle aufkamen. sie waren ja nicht die ersten, aber es war das erste mal, dass doping einen solchen stellenwert in der berichterstattung bekam, dass auch der letzten- sprich mir – klar wurde, dass auch schon meine lieblingsfahrer allesamt gedopt bis unter die hutschnur waren. jahrelang schielte ich zumindest auf die schlusswertung in paris, irgendwann kannte ich keinen einzigen namen mehr.

und dann habe ich letztens die wirklich tolle doku auf netflix angesehen „tour de france – im hauptfeld“ und ich war wie entzündet. all die begeisterung für diesen sport, für die taktik, das leiden, die verausgabung, das extreme, die teams war mit einem schlag wieder da. es dauerte keine 3 folgen, da hatte ich die app „tour tracker“ runtergeladen, keine 5 um zu wissen für wen ich bei der tour `23 die daumen drücke. und so sitze ich gerade vor dem bildschirm, schaue mir die 3. etappe an, fiebere mit und würde mich am liebsten gleich auf mein eigenen rennrad schwingen.

wiederentdekcte leidenschaft – einfach beste.