Kindeswohl und Wechselmodell.

Kindeswohl ist durch das BGH Urteil zum Thema Wechselmodell ja gerade in aller Munde. Zu Recht gibt es von mehreren Seiten, aus unterschiedlichen Positionen her, die Kritik an der Sicht was denn nun eigentlich zum Wohl des Kindes bedeutet.

Kindeswohl ist eine sehr schwer zu definierende Sache, weil jeder, der mit einem Kind zu tun hat, seine eigene Definition von Kindeswohl hat und darüberhinaus auch noch jedes Kind unterschiedlich ist. In den vielen Jahren, die ich mittlerweile in der Kinder – und Jugendhilfe arbeite bin ich zur Überzeugung gelangt, dass es das Kindeswohl nicht gibt und dass gleichzeitig sehr oft das Kindeswohl missbraucht wird um die eigenen jeweiligen Interessen durchzusetzen. Wenn ich einen Elternteil habe, der mehr Umgang haben will, wird er dies ebenso mit dem Kindeswohl begründen, wie der Elternteil, der den erweiterten Umgang verhindern will. Hinzukommt, dass dann im Streitfall oft Gericht oder Jugendamt entscheiden soll, was denn das Kindeswohl ist – auch das ein unerträglicher Zustand: Richter können nur nach Aktenlage, allenfalls noch nach eventuellen Gesprächen mit dem Kind, entscheiden und haben oftmals von (entwicklungs)psychologischen Fakten keine Ahnung. Sie können also die Informationen über oder vom Kind, von wem auch immer, lediglich in einen rechtlichen Rahmen übertragen. Dabei geht aber eben oftmals der emotionale, soziale und psychologische Aspekt verloren. Etwas ähnliches ereilt das Jugendamt: auch hier wird von allen Seiten gefordert, doch bitte das Kindeswohl im Auge zu haben. Betrachtet man das allerdings genauer, dann hat das Jugendamt mit mehreren, oft völlig unvereinbaren, Ebenen zu tun. Nämlich zum einen mit den persönlichen Verletzungen eines Einzelnen innerhalb einer gescheiterten Paarbeziehung, mit den individuellen, väterlichen wie mütterlichen Ansichten über Kindeswohl, die allerdings widerrum mehr über die Bedürftigkeiten des Erwachsenen sagen (schaut, wie ICH (und nicht sie/er) mich ums Kind sorge!) als über das tatsächliche Kindeswohl und dann noch mit den Ansichten jeder einzelnen Institution, die auch noch am Kind mit dran hängt wie Schule, Kindergarten, Fürhförderung etc. Und als ob das alles noch nicht genug ist, muss man fairerhalber sagen, dass ja auch der Jugendamtsmitarbeiter an sich eine individuelle Definition von Kindeswohl hat, die zwar sicher eine hohe Fachlichkeit aber eben auch eine gehörige Portion persönliche Prägung hat. Nur als Beispiel: bin ich selbst Scheidungskind, aufgewachsen in hässlichen Szenen und Streitereien meiner Eltern, einem Gezerre um mich als Kind – dann definiere ich Kindeswohl als Sozialpädagogin im Jugendamt sicher sehr anders als die Kollegin, die behütet und friedlich in einem intakten Elternhaus aufgewachsen ist.

Wir haben also auf der einen Seite den Begriff „Kindeswohl“, der von sämtlichen am System „Familie“ beteiligten Personen auf Grund unterschiedlichster Motivation und lebensgeschichtlicher Prägung unterschiedlich definiert wird und auf der anderen Seite aber den unbedingten Wunsch von Seiten der Gesellschaft, des Rechts und der Politik eine Gußform für ein Zusammenleben nach der Trennung zu schaffen – sicher mit der hehren Absicht, sich für andere Lebensmodelle zu öffnen, allen Seiten gerecht zu werden und Klarheit zu schaffen. Nur leider geht das nicht.

Ich würde sagen 80% meiner Arbeit besteht aus Diskussionen, Gesprächsrunden, Einzelgesprächen, Gerichtsterminen etc. zum Thema Umgang. Kein anderes Thema kommt mehr in meiner Arbeit vor als genau dieses. Und meiner Erfahrung nach kann es das Modell nicht geben, weil es viel zu viele individuelle Haltungen zum Thema gibt – und das Heranziehen des Argumentes Kindeswohl ist nichts anderes als der hilflose Versuch in all der Unterschiedlichkeit doch vielleicht eine Definition zu finden, an der man alles festmachen kann. Kann man aber leider nicht. Ich habe zerstrittene Elternteile erlebt, die – nur mit anderen Worten – exakt dasselbe fürs Kind wollten und auf Grund ihrer Verletztheit nicht in der Lage waren das zu erkennen. Und auch dem Jugendamt ergeht es nicht anders und mich wundert immer wieder, wie selbstverständlich angenommen wird, wir müssten den Konflikt doch klären können. Hier sitzen Menschen, keine Maschinen. Und ja, auch im Jugendamt benutzt man das Wort Kindeswohl um endlich Ruhe in einen Fall zu bekommen und das passiert oft auf dem Weg, dass dann eben die Definition des Jugendamtsmitarbeiter gilt. Die nicht unbedingt der der Eltern entspricht….. Ich kenne schon das Gegenargument, was dann kommt: „ja aber das ist doch Euer Job sich um die Kinder zu kümmern! Ihr habt das doch studiert! Ihr müsst doch am besten wissen, was jetzt gemacht werden soll!“ Mal abgesehen davon, dass die Arbeit mit Menschen sich in ihrer Faktentreue und Präzision in höchstem Maße von allen anderen Arbeiten unterscheidet und stets sehr individuell ist, können wir es allen überhaupt nicht recht machen – selbst wenn ich mich als Mitarbeiterin des Jugendamtes auf eine, meine, Definition des Kindeswohls festlege, diese fachlich untermauern und vertreten kann vielleicht sogar noch den Segen meines Teams dazu habe, heisst das noch lange nicht, dass diese Entscheidung dann auch für die Elternteile passen. Dh. im Umkehrschluss, dass es letztendlich sehr oft nur darum geht, mit der eigenen Meinung (und Entscheidung) einem Elternteil zuzustimmen. Wie man es dreht und wendet, und ich unterstelle keine bösen Absichten und habe großes Verständnis und ein großes Mitgefühl für alle Beteiligten, man kann auf Basis des Kindeswohl so gut wie keine Entscheidung für ein weiteres gemeinsames Leben mit allem was ansteht, treffen.

Meine Devise, seit ich das erkannt habe ist, das gesamte System im Auge haben. Das kostet extrem Zeit und Mühe ALLER Beteiligten, aber es garantiert einem mehrere Dinge: zum einen habe ich es im besten Fall geschafft, allen alle versteckten Verletzungen und daraus resultierende Bedürfnislagen aufzuzeigen. Je mehr Information ein System über seine Mitglieder hat, umso besser kann Lösung gestaltet werden. Umso nachhaltiger auch, weil sich keiner benachteiligt fühlt. Zum anderen macht es den Weg frei, Lösungen völlig individuell zu gestalten und das ist letztendlich auch mein einziger Kritikpunkt am Wechselmodell: es ist zu starr. Es funktioniert nicht, einem lebenden, atmenden, fühlenden System wie Familie ein starres, von außen diktiertes Konstrukt überzustülpen. Ausgangspunkt ist immer die Familie (die sie nach wie vor ist und immer bleibt, egal wohin sich der Beziehungstatus der Eltern verschiebt) – sie diktiert auf Grundlage ihrer individuellen Bedürfnisse, Verletzungen, Wünsche, Finanzlage etc. ihr Lösungsmodell. Dieses unterliegt dem Motto „alles kann nichts muss und nichts ist fix“. Ich kenne schon die Argumentation vieler Frauen, dass ihr Mann da nie mitmachen würde, der würde ja am liebsten sich völlig aus der Verantwortung stehlen. Und so sehr ich diesen Frauen ihre Meinung laassen kann, so sehr muss ich aber aus meiner eigenen Erfahrung heraus wiedersprechen (und man darf mir glauben, ich hatte hier schon mehr als widerständige Männer…..): ich habe den vergangenen Jahren nicht einen (!!) einzigen Mann gehabt, der sich nicht am Ende an den Tisch gesetzt hat und mit geredet hat. Ich hatte umgekehrt auch noch nie eine Frau, die sich der Begegnung und Diskussion mit ihrem Expartner vollständig entzogen hat – auch hier: es gibt viel mehr Willen auf beiden Seiten, als das oft im ersten Augenblick rüberkommt. Und ich glaube, genau da setzt auch die Aufgabe des Jugendamtes an und genau da versagt es leider oft.

Da dieser Prozess unfassbar viel Zeit und Geduld in Anspruch nimmt, wird er oft vorzeitig abgebrochen oder erst gar nicht angegangen. Das Ergebnis ist dann leider sehr oft die Bestätigung der Verweigerungshaltung des anderen „siehste! Ich habs ja gesagt, der/die macht nicht mit!“ – ich finde das nachvollziehbar und verständlich. Und jammerschade, denn da wäre Lösung möglich gewesen. Von diesem Zeitpunkt an verhärten sich die Fronten und ja, dann ist tatsächlich oft überhaupt nichts mehr möglich. Eine Trennung hat nur ein winziges Zeitfenster, in der es möglich ist beide Seiten auf kinder- und familienfreundliche Spur zu bekommen – verpasst man es, ist es vorbei. Ab dann fahren die Geschütze auf und in den allermeisten Fällen wird’s häßlich. Aber es gibt dieses Zeitfenster. Und für dieses braucht es Begleitung, das schaffen die allerwenigsten Paare alleine. Und diese Begleitung ist in der Regel das Jugendamt, für dieses ist es in meinen Augen verantwortlich, an dieser Stelle liegt eine Deifinition des Kindeswohl, die Allgemeingültigkeit hat. Denn schaffe ich es, die Eltern an einen Tisch zu bekommen und miteinander die Dinge zu lösen, dann dient das unmittelbar dem Kindeswohl.

Es wäre also in meinen Augen weitaus wichtiger, sich diesem Zeitfenster und der Begleitung durch dieses zu widmen, als Modelle zu schaffen, die für die allermeisten Trennungspaare nicht umsetzbar sind bez. nicht mehr sind. Das Kindeswohl als einen gestaltbaren Rahmen zu begreifen wäre ein Anfang. Zu erkennen, dass es nicht das Kindeswohl gibt und diese Maßnahmen um es zu erlangen, sondern dass es sich entwickelt, erweitert, wachsen und gedeihen kann wenn die Eltern es schaffen, sich zu einigen. Und vielleicht auch anzuerkennen, dass das Kindeswohl alleine durch die Trennungssituation der Eltern bereit erheblich gestört ist. Der Ausgangspunkt dazu ist die Frage „Was wollen wir jetzt als Familie in dieser Situation tun? Wer kann was leisten?“ Dabei ist der Phantasie keine Grenzen gesetzt, es gibt nicht die eine Lösung, es gibt nur eine Lösung für die jeweilige Familie.

Aber das alles geht nicht ohne Hilfe und es ist so ärgerlich kurz gedacht, schon wieder diese Hilfe auszuklammern und stattdessen, wohlgemeint sicherlich, eine Hilfe vorzugeben. Hilfreich wäre es, das Jugendamt (und evtl. andere Institutionen wie Erziehungsberatungsstellen, freie Mediatoren ( und nicht dieser Unsinn mit Anwälten die eine Mediatorenausbildung haben!!) in diesen Prozess einzubinden, mit Fachpersonal, welches über ausreichend Zeit und Fachlichkeit dafür verfügt. Dort setzt die Veränderung der Trennungsverhältnisse an. Ich habe so oft die Erfahrung gemacht, dass selbst in den zerstrittensten Paaren eine enorm hohe Lösungskompetenz für ihre eigene Familie liegt. Denn jede Familie hat Ressourcen, die gewachsen sind und auf die in Krise zurückgegriffen werden kann, aber man muss Zeit und Raum geben, sie (wieder) zu finden. Warum sich im Lösungsprozess dann nicht genau diese Ressourcen und Kompetenzen zu Nutze machen? Die rechtliche Installation dieses Wechselmodells (wie gesagt, gut gemeint und auch ein guter Anfang) spricht in meinen Augen den Familien die eigene Lösungskompetenz ab, sie sollte es sein, die gestärkt werden soll durch Hilfe und Unterstützung von außen.

anderswo zum thema: werden und sein, mama-arbeitet, makoe.  

ist dem modell ehe noch zu helfen?

gestern abend im gespräch mit einer freundin festgestellt, dass wir so gut wie keine beziehung/ehe in unserem umfeld kennen, in der nicht fremdgegangen wurde oder noch aktuell wird. nun könnte man daraus natürlich auch schliessen, dass wir uns mit besonders treulosen menschen umgeben – dem ist aber nicht so. die allermeisten dieser menschen waren jahrelang treu, in freud und leid verbunden. auffällig ist, dass es am meisten in ehen mit kinder vorkommt und die ehe schon ein paar jahre dauert. darüberhinaus sind es öfters frauen die zuerst aus der ehe ausbrechen als männer – männer scheinen zumindest eine zeitlang noch die flucht in die karriere anzutreten. was frauen (immer noch), die zu hause die kinderbetreuung in vollzeit übernommen haben, verwehrt ist. vielleicht ist da der frust schneller spürbar. es scheint niemand davor gefeit, früher oder später scheint es jeden zu erwischen und wir ertappten uns beim ansehen von hochzeitsbildern eines befreundeten paares, wie wir bereits jetzt mutmaßungen über das wann und wie anstellten.

das alles machte uns nicht glücklich, diese haltung, diese abgeklärtheit, diese bankrotterklärung der ehe. und wir rätselten – wo ist der punkt an dem es kippt? und was die möglichkeit rechtzeitig einzuhaken und den prozess aufzuhalten? klar scheint, dass es oft mangelnde indivuation zu sein scheint, die ins aussen treiben lässt. was ich mir selbst an anerkennung und aufmerksamkeit und selbstwert nicht geben kann, suche ich im aussen. das konnte der eigene partner eine zeitlang befriedigen, dann eine zeitlang die kinder oder arbeit aber dann folgt oft die grosse gähnende anerkennungsleere. ich persönlich glaube, dass es dieser zeitpunkt  ist an dem man unbedingt auf sich schauen muss. was war? was ist? was soll sein? wo stehe ich? wo bekomme sinnhaftigkeit in mein leben, die ich selbst schaffe und die unabhängig von personen in meinem leben sind? 

ganz oft wird dieser entwicklungsschritt dann  nach der trennung vollzogen. plötzlich können sich die vormals von seelischer zufütterung des partners abgängigen, sehr gut selbst seelisch versorgen und leben ein selbstbestimmtes leben. (ich halte zb eine midlifecrisis für teil dieses prozesses und daher für durchaus normal und gesund) die darauffolgende neue beziehung wiederrum ist dann oft gekennzeichnet von klaren grenzen und räumen – innerlichen wie äusserlichen. 

könnte man diese annahmen bereits frühzeitig in ehen leben und damit auseinanderleben und trennung verhindern? und wie würde sich diese, von beiden seiten gelebte, haltung auf familie auswirken? wie auf bindung und erziehung? wie auf das immer noch akute ungleichgewicht in der care-arbeit? würde es zb einen geburtenrückgang geben weil schon vorgeburtlich eher klar wäre, dass man das als paar nicht schafft – auf sich zu achten, auf die partnerschaft und auf das kind? würden familienverbünde offener und durchlässiger weil erwachsene mehr zeit für sich selbst brauchen und auf andere betreuungspersonen zurückgreifen würden? was würde das mit den kindern machen? würde zb. das helikoptern aufhören weil eltern sich ihren sinn selbst schaffen und nicht kinder dafür verantwortlich machen? und was wäre mit dem aufkommenden trend des eltern-burnout? könnte der aufgehalten werden, weil mann und frauen neben mutter und vater einfach auch sie selbst sein dürfen?

ich kenne die antworten nicht, finde aber die gedanken – aus eigener erfahrung – sehr spannend weil ich sie nicht nur für eine wachstumschance für paarbeziehung finde sondern auch für gesellschaft im allgemeinen.
ich habe neulich mal den satz gelesen „wenn jeder für sich selbst gut sorgt, ist für jeden gut gesorgt.“ – es wäre schön wenn das gelingen würde.

muss es denn immer normal sein?

heute gedacht, dass ich so sehr versuche, normalität zu leben. und dabei erkannt, dass ein teil meines lebens aber einfach nicht der norm entspricht. und plötzlich eine enorme erleichterung gespürt.

es ist nun mal so, dass unser gelebtes familienmodell nach unserer trennung nicht mehr dem üblichen bild der familie entspricht. die kinder leben beim vater, dieser arbeitet von zu hause und hat dadurch eine alltagspräsenz, die ich als arbeitende frau mit vollem terminkalender in keinster weise erreichen kann. dennoch bin ich jeden tag im alten zu hause, mache hausaufgaben mit den kindern, esse gemeinsame mahlzeiten und bin durchaus auch am abend noch da und fahre erst später in meine eigene wohnung. ich bin jedes zweite wochenende weg und habe zumindest eines der beiden kinder 2x in der woche bei mir, das andere kommt wie es lust hat – was völlig ok ist.

wir leben familie aber nicht im klassischen sinne wie mutter vater kind(er) unter einem dach. seit wir so wohnen bemühe ich mich, unser modell als normalität zu begreifen und es als gleichberechtigt neben die normfamilie zu stellen. ich vollziehe dafür einen irren spagat zwischen mir, meinem individuellen leben, dem leben als mutter und dem leben als arbeitende person, zwischen zwei haushalten, einer neuen beziehung und einer sehr gut funktionierenden beziehung zwischen meinem mann und mir und zwischen allen ansprüchen die damit verbunden sind. und versuche sowohl mir als auch meinem umfeld ständig klar zu machen: „jaa, das ist nicht ganz so wie halt andere aber im grunde gibt es keinen unterschied.“ und merke heute plötzlich wie sehr ich im grunde am umstand leide, dass ich versuche so zu tun als sei das normal.

ist es nämlich nicht. man kann sich gegen das klassische familien bild der triade mutter-vater-kind wehren wie man will. man kann sämtliche patchwork-, wechsel- und andere lebensmodelle dagegen halten, sich für diversität aussprechen, werben und sie leben, toleranz einfordern und sich darüber aufregen wie hinterwäldlerisch das klassische modell sein mag, mit seinen klassischen rollenbilder und aufgabenverteilungen – frage ich am ende ein kind gleich welchen alters, gleich welcher familienstruktur es entspringt, die antwort auf die frage „wie sieht für dich familie aus“ wird immer lauten „mama und papa und kind, die alle zusammen in einem haus wohnen.“ man darf mir glauben, ich habe meine arbeit als empirisches feld für diese frage benutzt.

ich will damit nicht sagen, dass ich hinter diesem modell stehe und es bedauere, dass ich es nicht mehr lebe. ich will damit auch nicht sagen, dass dieses modell das alleine glücklichmachende ist und nicht hinterfragt werden muss, mit all seinem retrocharme und verbesserungsbedarf. aber: es ist nun mal das gängige und in dem fall normale modell. es ist das modell, das hier auf dem land nahezu alleingültig ist und damit jede andere form der familie als etwas nicht normales im sinne von nicht normativ darstellt. und natürlich weiß ich, dass es notwendig ist, dass es mehr diversität geben muss, mehr gelebte andersartigkeit um diese traditionellen krusten aufzulockern, um platz zu schaffen für vielfalt und andere lebensmodelle. ich trage ja im übrigen aktiv dazu bei, in dem ich bez wir unser modell in einem 1000 seelen dorf leben und vertreten.

was aber eine ganz wichtige erkenntnis für mich dabei ist: ich muss es vor mir selbst nicht als normal ansehen. ich darf zulassen, dass wir in einer besonderen situation leben, die kein vorbild hat (aber hoffentlich vorbildfunktion), in der ich fast täglich dazuangehalten werde meinen standpunkt, meine ideen und vorstellungen von familie und miteinander, von mutterrolle neu zu hinterfragen und zu definieren. ich lebe in einem nicht normativen modell, in dem wir die rollenbilder wenn nicht gar getauscht so doch erheblich verändert haben, zumindest für meine begriffe. es ist ein lebensmodell, in dem ich mich völlig auf mich alleine gestellt fühle, weil es niemanden gibt, der weiß wovon ich spreche. der meine versagensängste teilt, meine fragen und auch meine antworten. ich agiere auf völlig blankem papier, jeden tag aufs neue. ich habe keine sicherheit durch die masse, denn das ist es, was normalität gibt– sicherheit. es gibt immer noch irgendwo einen, der es auch so macht und schon ist man zu zweit und zu zweit ist man weniger alleine. meine anstrengungen, unser model so normal wie möglich zu leben ist der versuch, mir sicherheit zu verschaffen. normalität schafft tatsächlich sicherheit, sie kategorisiert und ordnet und erklärt somit die dinge, abgesegnet von der breiten masse. aber mein versuch ist utopisch – denn wir sind getrennt, wir wohnen nicht zusammen, wir teilen uns die kinder (zumindest hin und wieder) auf, ich bin nicht so präsent wie ich das war und wie andere mütter im klassischen modell es sind.

das was wir tun ist nicht normal. das ist gut so, für uns und vielleicht auch für den ein oder anderen, der nicht weiß wie ers anstellen soll mit der trennung und den kindern. ich muss nicht den anspruch an mich selbst erheben, unbedingte normalität zu schaffen. ich darf anders sein und ich darf deswegen auch scheitern. und muss nicht normalität propagieren, weil ich die spannung der andersartigkeit nicht aushalte.