Kindeswohl und Wechselmodell.

Kindeswohl ist durch das BGH Urteil zum Thema Wechselmodell ja gerade in aller Munde. Zu Recht gibt es von mehreren Seiten, aus unterschiedlichen Positionen her, die Kritik an der Sicht was denn nun eigentlich zum Wohl des Kindes bedeutet.

Kindeswohl ist eine sehr schwer zu definierende Sache, weil jeder, der mit einem Kind zu tun hat, seine eigene Definition von Kindeswohl hat und darüberhinaus auch noch jedes Kind unterschiedlich ist. In den vielen Jahren, die ich mittlerweile in der Kinder – und Jugendhilfe arbeite bin ich zur Überzeugung gelangt, dass es das Kindeswohl nicht gibt und dass gleichzeitig sehr oft das Kindeswohl missbraucht wird um die eigenen jeweiligen Interessen durchzusetzen. Wenn ich einen Elternteil habe, der mehr Umgang haben will, wird er dies ebenso mit dem Kindeswohl begründen, wie der Elternteil, der den erweiterten Umgang verhindern will. Hinzukommt, dass dann im Streitfall oft Gericht oder Jugendamt entscheiden soll, was denn das Kindeswohl ist – auch das ein unerträglicher Zustand: Richter können nur nach Aktenlage, allenfalls noch nach eventuellen Gesprächen mit dem Kind, entscheiden und haben oftmals von (entwicklungs)psychologischen Fakten keine Ahnung. Sie können also die Informationen über oder vom Kind, von wem auch immer, lediglich in einen rechtlichen Rahmen übertragen. Dabei geht aber eben oftmals der emotionale, soziale und psychologische Aspekt verloren. Etwas ähnliches ereilt das Jugendamt: auch hier wird von allen Seiten gefordert, doch bitte das Kindeswohl im Auge zu haben. Betrachtet man das allerdings genauer, dann hat das Jugendamt mit mehreren, oft völlig unvereinbaren, Ebenen zu tun. Nämlich zum einen mit den persönlichen Verletzungen eines Einzelnen innerhalb einer gescheiterten Paarbeziehung, mit den individuellen, väterlichen wie mütterlichen Ansichten über Kindeswohl, die allerdings widerrum mehr über die Bedürftigkeiten des Erwachsenen sagen (schaut, wie ICH (und nicht sie/er) mich ums Kind sorge!) als über das tatsächliche Kindeswohl und dann noch mit den Ansichten jeder einzelnen Institution, die auch noch am Kind mit dran hängt wie Schule, Kindergarten, Fürhförderung etc. Und als ob das alles noch nicht genug ist, muss man fairerhalber sagen, dass ja auch der Jugendamtsmitarbeiter an sich eine individuelle Definition von Kindeswohl hat, die zwar sicher eine hohe Fachlichkeit aber eben auch eine gehörige Portion persönliche Prägung hat. Nur als Beispiel: bin ich selbst Scheidungskind, aufgewachsen in hässlichen Szenen und Streitereien meiner Eltern, einem Gezerre um mich als Kind – dann definiere ich Kindeswohl als Sozialpädagogin im Jugendamt sicher sehr anders als die Kollegin, die behütet und friedlich in einem intakten Elternhaus aufgewachsen ist.

Wir haben also auf der einen Seite den Begriff „Kindeswohl“, der von sämtlichen am System „Familie“ beteiligten Personen auf Grund unterschiedlichster Motivation und lebensgeschichtlicher Prägung unterschiedlich definiert wird und auf der anderen Seite aber den unbedingten Wunsch von Seiten der Gesellschaft, des Rechts und der Politik eine Gußform für ein Zusammenleben nach der Trennung zu schaffen – sicher mit der hehren Absicht, sich für andere Lebensmodelle zu öffnen, allen Seiten gerecht zu werden und Klarheit zu schaffen. Nur leider geht das nicht.

Ich würde sagen 80% meiner Arbeit besteht aus Diskussionen, Gesprächsrunden, Einzelgesprächen, Gerichtsterminen etc. zum Thema Umgang. Kein anderes Thema kommt mehr in meiner Arbeit vor als genau dieses. Und meiner Erfahrung nach kann es das Modell nicht geben, weil es viel zu viele individuelle Haltungen zum Thema gibt – und das Heranziehen des Argumentes Kindeswohl ist nichts anderes als der hilflose Versuch in all der Unterschiedlichkeit doch vielleicht eine Definition zu finden, an der man alles festmachen kann. Kann man aber leider nicht. Ich habe zerstrittene Elternteile erlebt, die – nur mit anderen Worten – exakt dasselbe fürs Kind wollten und auf Grund ihrer Verletztheit nicht in der Lage waren das zu erkennen. Und auch dem Jugendamt ergeht es nicht anders und mich wundert immer wieder, wie selbstverständlich angenommen wird, wir müssten den Konflikt doch klären können. Hier sitzen Menschen, keine Maschinen. Und ja, auch im Jugendamt benutzt man das Wort Kindeswohl um endlich Ruhe in einen Fall zu bekommen und das passiert oft auf dem Weg, dass dann eben die Definition des Jugendamtsmitarbeiter gilt. Die nicht unbedingt der der Eltern entspricht….. Ich kenne schon das Gegenargument, was dann kommt: „ja aber das ist doch Euer Job sich um die Kinder zu kümmern! Ihr habt das doch studiert! Ihr müsst doch am besten wissen, was jetzt gemacht werden soll!“ Mal abgesehen davon, dass die Arbeit mit Menschen sich in ihrer Faktentreue und Präzision in höchstem Maße von allen anderen Arbeiten unterscheidet und stets sehr individuell ist, können wir es allen überhaupt nicht recht machen – selbst wenn ich mich als Mitarbeiterin des Jugendamtes auf eine, meine, Definition des Kindeswohls festlege, diese fachlich untermauern und vertreten kann vielleicht sogar noch den Segen meines Teams dazu habe, heisst das noch lange nicht, dass diese Entscheidung dann auch für die Elternteile passen. Dh. im Umkehrschluss, dass es letztendlich sehr oft nur darum geht, mit der eigenen Meinung (und Entscheidung) einem Elternteil zuzustimmen. Wie man es dreht und wendet, und ich unterstelle keine bösen Absichten und habe großes Verständnis und ein großes Mitgefühl für alle Beteiligten, man kann auf Basis des Kindeswohl so gut wie keine Entscheidung für ein weiteres gemeinsames Leben mit allem was ansteht, treffen.

Meine Devise, seit ich das erkannt habe ist, das gesamte System im Auge haben. Das kostet extrem Zeit und Mühe ALLER Beteiligten, aber es garantiert einem mehrere Dinge: zum einen habe ich es im besten Fall geschafft, allen alle versteckten Verletzungen und daraus resultierende Bedürfnislagen aufzuzeigen. Je mehr Information ein System über seine Mitglieder hat, umso besser kann Lösung gestaltet werden. Umso nachhaltiger auch, weil sich keiner benachteiligt fühlt. Zum anderen macht es den Weg frei, Lösungen völlig individuell zu gestalten und das ist letztendlich auch mein einziger Kritikpunkt am Wechselmodell: es ist zu starr. Es funktioniert nicht, einem lebenden, atmenden, fühlenden System wie Familie ein starres, von außen diktiertes Konstrukt überzustülpen. Ausgangspunkt ist immer die Familie (die sie nach wie vor ist und immer bleibt, egal wohin sich der Beziehungstatus der Eltern verschiebt) – sie diktiert auf Grundlage ihrer individuellen Bedürfnisse, Verletzungen, Wünsche, Finanzlage etc. ihr Lösungsmodell. Dieses unterliegt dem Motto „alles kann nichts muss und nichts ist fix“. Ich kenne schon die Argumentation vieler Frauen, dass ihr Mann da nie mitmachen würde, der würde ja am liebsten sich völlig aus der Verantwortung stehlen. Und so sehr ich diesen Frauen ihre Meinung laassen kann, so sehr muss ich aber aus meiner eigenen Erfahrung heraus wiedersprechen (und man darf mir glauben, ich hatte hier schon mehr als widerständige Männer…..): ich habe den vergangenen Jahren nicht einen (!!) einzigen Mann gehabt, der sich nicht am Ende an den Tisch gesetzt hat und mit geredet hat. Ich hatte umgekehrt auch noch nie eine Frau, die sich der Begegnung und Diskussion mit ihrem Expartner vollständig entzogen hat – auch hier: es gibt viel mehr Willen auf beiden Seiten, als das oft im ersten Augenblick rüberkommt. Und ich glaube, genau da setzt auch die Aufgabe des Jugendamtes an und genau da versagt es leider oft.

Da dieser Prozess unfassbar viel Zeit und Geduld in Anspruch nimmt, wird er oft vorzeitig abgebrochen oder erst gar nicht angegangen. Das Ergebnis ist dann leider sehr oft die Bestätigung der Verweigerungshaltung des anderen „siehste! Ich habs ja gesagt, der/die macht nicht mit!“ – ich finde das nachvollziehbar und verständlich. Und jammerschade, denn da wäre Lösung möglich gewesen. Von diesem Zeitpunkt an verhärten sich die Fronten und ja, dann ist tatsächlich oft überhaupt nichts mehr möglich. Eine Trennung hat nur ein winziges Zeitfenster, in der es möglich ist beide Seiten auf kinder- und familienfreundliche Spur zu bekommen – verpasst man es, ist es vorbei. Ab dann fahren die Geschütze auf und in den allermeisten Fällen wird’s häßlich. Aber es gibt dieses Zeitfenster. Und für dieses braucht es Begleitung, das schaffen die allerwenigsten Paare alleine. Und diese Begleitung ist in der Regel das Jugendamt, für dieses ist es in meinen Augen verantwortlich, an dieser Stelle liegt eine Deifinition des Kindeswohl, die Allgemeingültigkeit hat. Denn schaffe ich es, die Eltern an einen Tisch zu bekommen und miteinander die Dinge zu lösen, dann dient das unmittelbar dem Kindeswohl.

Es wäre also in meinen Augen weitaus wichtiger, sich diesem Zeitfenster und der Begleitung durch dieses zu widmen, als Modelle zu schaffen, die für die allermeisten Trennungspaare nicht umsetzbar sind bez. nicht mehr sind. Das Kindeswohl als einen gestaltbaren Rahmen zu begreifen wäre ein Anfang. Zu erkennen, dass es nicht das Kindeswohl gibt und diese Maßnahmen um es zu erlangen, sondern dass es sich entwickelt, erweitert, wachsen und gedeihen kann wenn die Eltern es schaffen, sich zu einigen. Und vielleicht auch anzuerkennen, dass das Kindeswohl alleine durch die Trennungssituation der Eltern bereit erheblich gestört ist. Der Ausgangspunkt dazu ist die Frage „Was wollen wir jetzt als Familie in dieser Situation tun? Wer kann was leisten?“ Dabei ist der Phantasie keine Grenzen gesetzt, es gibt nicht die eine Lösung, es gibt nur eine Lösung für die jeweilige Familie.

Aber das alles geht nicht ohne Hilfe und es ist so ärgerlich kurz gedacht, schon wieder diese Hilfe auszuklammern und stattdessen, wohlgemeint sicherlich, eine Hilfe vorzugeben. Hilfreich wäre es, das Jugendamt (und evtl. andere Institutionen wie Erziehungsberatungsstellen, freie Mediatoren ( und nicht dieser Unsinn mit Anwälten die eine Mediatorenausbildung haben!!) in diesen Prozess einzubinden, mit Fachpersonal, welches über ausreichend Zeit und Fachlichkeit dafür verfügt. Dort setzt die Veränderung der Trennungsverhältnisse an. Ich habe so oft die Erfahrung gemacht, dass selbst in den zerstrittensten Paaren eine enorm hohe Lösungskompetenz für ihre eigene Familie liegt. Denn jede Familie hat Ressourcen, die gewachsen sind und auf die in Krise zurückgegriffen werden kann, aber man muss Zeit und Raum geben, sie (wieder) zu finden. Warum sich im Lösungsprozess dann nicht genau diese Ressourcen und Kompetenzen zu Nutze machen? Die rechtliche Installation dieses Wechselmodells (wie gesagt, gut gemeint und auch ein guter Anfang) spricht in meinen Augen den Familien die eigene Lösungskompetenz ab, sie sollte es sein, die gestärkt werden soll durch Hilfe und Unterstützung von außen.

anderswo zum thema: werden und sein, mama-arbeitet, makoe.  

downsizen.

derzeit liest man viel über diejenigen, die endlich gehört werden wollen, die endlich jemanden haben der ihnen zuhört und die deswegen rechts wählen, weil dort anscheinend eine menge zuhörer sitzen. und ich mache mir so meine gedanken, was dieses „gehört werden wollen“ eigentlich bedeutet, welches bedürfnis steckt da dahinter und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr möchte ich den blick von der masse über die berichtet wird runterbrechen auf den einzelnen. weil dort das verstehen liegt.

mir fällt der mann ein, der mails schreibt. immer wieder obwohl es ein klares nein gibt, eine klare abgrenzung, ein nicht-antworten und reagieren. und dennoch schreibt er, regelmäßig, immer wieder. schildert ungefragt seine sehnsucht, seine wünsche, sein leben und seinen frust.

mir fällt die frau ein, die unter einsamkeit leidet. die sich in allen gruppen fremd fühlt, die nicht weiß wohin sie gehört. die am wochenende in großraumdiscos menschennähe sucht und am sonntag abend völlig leer und alleine auf dem sofa sitzt.

die frau die jeden, wirklich jeden zutextet. die ungefragt zu einem kommt und viel zu distanzlos dinge aus ihrem leben erzählt, die keinen interessieren.

mir fallen zig menschen aus meinem beruflichen umfeld ein, menschen mit denen ich arbeite, die sich schreiend vor einen setzen, weil sie sich nicht gehört fühlen. menschen, die mit „ich weiss nicht mehr weiter“ anfangen und nach 30 minuten in tränen aufgelöst vor einem sitzen und von ihrer kindheit erzählen.

alle wollen sie gehört werden. wir alle wollen gehört werden. kaum einer der breiten masse der rechts wählenden gehört-werden-woller hat eine klassisch rechte haltung, hört rechte musik oder treibt sich haken.kreuz fahnen schwingend auf kundgebungen rum. wir reden hier nicht von politisch bewusst gebildeteten menschen, die sich intensiv mit inhalten auseinandersetzen und diese bewusst übernehmen. die breite masse, die gehört werden will kennzeichnet eine sache: sie alle werden bereits im allerkleinsten umfeld nicht gehört. nicht von ihrem ehepartner, lebenspartner, den kindern, den kollegen, den freunden. von niemandem. es ist eine große einsamkeit in ihnen und diese einsamkeit ist ein gesellschaftliches problem – und der rechtsruck das symptom welches aus ihr entsteht.

noch nie war einsamkeit ein so derart spürbares thema in unserer gesellschaft wie im moment. ich kann das seit jahren in meiner arbeit spüren, wie sie zunimmt. wie zb. gerichtsstreitereien in ihrer unsinnigkeit, vehemenz und aussichtslosigkeit geführt werden und sie sich in luft auflösen wenn ein rädchen im getriebe sich die mühe macht, mal zuzuhören. wir alle lassen uns in dieser zeit so ein auf die diskussionen um „wie links ist links“ und „wen muss ich verstehen“ und „was will rechts“ und „wem höre ich zu und wem nicht“ und „für wen muss ich verständnis aufbringen und für wen nicht“. das ist so unaushaltbar unsinnig für mich mittlerweile, weil das ein verschiebebahnhof der problematik ist. wir müssen viel tiefer tauchen, wir müssen das alles runterbrechen auf den einzelnen und damit ist nicht nur der andere gemeint sondern auch man selbst. mit wem rede ich eigentlich? wem höre ich zu? welchen kollegen lasse ich links liegen, weil mir sein geplapper auf den senkel geht? welche freundin habe ich nur, weil ich selbst einsam bin und was erzähle ich der eigentlich von mir? wie sehr lasse eigentlich ich mir in die karten sehen, erzähle von meinen sorgen und ängsten? was intellektualisiere ich vielleicht nur, damit nichts und niemand zu nah an mich rankommt? wo bin ich berührbar und wie zeige ich das? wo der andere? was bin ich bereit von meinem nächsten, in der direkten begegnung, anzunehmen? wieviel nehme ich wirklich wahr?

wir verheddern uns derat in metametameta diskussionen, in diskussionen um diskussionen über begriffsdefinitionen, während wir selbst zum 100.x im aufzug mit derselben personen stehen von der wir nichts wissen. der wir kein lächeln, keinen gruß, keine geste des „ich erkenne dich!“ senden.

wir sind kalte arschlöcher, die in der kleinsten zelle der begegnung von angesicht zu angesicht nicht in die karten sehen wollen und sich selbst nicht hineinblicken lassen und wir wundern uns ernsthaft warum es menschen gibt, die meinen ihnen wird nicht zugehört? wir führen super intellektuelle diskussionen über einen großteil der bevölkerung, schaffen uns ein bild ohne wirklich je sich auseinandergesetzt zu haben mit jedem einzelnen der uns begegnet. ich rede nicht von politischer aufklärung, herrgott es ist mir ehrlich gesagt mittlerweile wurscht wer afd wählt oder nicht – ich bekomme dieses thema nicht aus den menschen – nicht so!- , wenn ich nicht im ansatz bereit bin mich für sie sonst zu interessieren. wenn ich nicht irgendwo auf einer ebene erstmal einen kontakt herstelle, ein zuhören. wenn sich nirgends zuhörer finden für den frust, die sorgen und ängste, dann wende ich mich natürlich dem zu, der zuhört. und es sind eben nicht die großen themen wie zukunftsangst und fremdenangst die diese masse reitet, das sind nur schlagwörter unter denen sich die ganzen minifuzzikkleinen mikrothemen subsumieren: mein sohn schafft seine hausaufgaben nicht und ich kann es ihm nicht erklären, er wird keinen schulabschluss schaffen. mein mann geht ständig fremd und ich habe angst um unsere beziehung. meine freundin versteht mich nicht, wenn ich ihr sage dass ich nähe nicht aushalte. mein vater redet nicht mehr mit mir. meine mutter schlägt mich. ich bin überfordert von meiner arbeit.

ist das so schwer? es sind diese ununterbrochenen ängste, die ungehört und ungesagt in den menschen schwelen. ich weiss, ich habe den unendlichen vorteil, dass ich diese sorgen und ängste jeden tag höre und genau deswegen um sie weiss. aber können wir nicht einfach mal alle annehmen, dass der größte schreihals, der seine sorge über ausländer kundtut, vielleicht in seinem herzen der kleinste und ängstlichste mensch ist? der mit all dem scheiss in ihm nirgends hinkann? hat irgendeiner von euch wunderbar sozial eingebetteten und im notfall aufgefangenen, intellektuell ausreichend ausgestatteten menschen überhaupt einen blassen schimmer wie es in den allermeisten menschen tatsächlich aussieht? schliesst nicht immer von euch auf andere oder noch schlimmer – interpretiert das unverständliche verhalten andere nicht für euch auf basis eurer werte und normen sondern hört zu! redet endlich miteinander! setzt euch zu der person, mit der ihr noch nie kontakt hattet, fragt nach und noch viel mehr: fangt an von euch selbst zu reden. gebt einblick in eure konfusion, eure ängste, eure sorgen, schafft damit eine gemeinsamkeit, eine annäherung, selbst wenn sie sich unterscheiden. die gemeinsakeit ist nicht die gleiche sorge oder angst, es ist das gemeinse erleben, das gefühl, das damit verbunden ist.

werdet weich. öffnet euch, begegnet einander. nicht in irren intellektuellen diskussionen. sondern im fahrstuhl, an der kasse im supermarkt, im fitneßstudio oder auf der arbeit. die gesellschaft ändert sich nicht in der diskussion über sie. sie ändert sich auch nicht in der be- oder verurteilung derjenigen die man nicht versteht. sie ändert sich nicht über sozialstudien um „die“ zu verstehen. sie ändert sich noch nicht mal im politischen diskurs mit dem einzelnen.

noch tiefer! wir müssen noch tiefer gehen, noch mehr reduzieren: auf die begegnung mit dem gegenüber, dem sich selbst öffnen, mit dem nachfragen, dem wie geht’s dir, dem zuhören, dem aushalten, dem da sein – mit einem wortlosen freundlichen blick, einem lächeln oder einem wort. wollen wir was ändern, müssen wir gründlich arbeiten. ganz von vorne beginnen.

 

die frage ist ob wir das wirklich wollen. denn es wird uns hinterfragen. und das ist weitaus schwieriger und unangenehmer als immer den anderen zu hinterfragen.

 

 

 

nur ein satz.

ich tue mich in politischen diskussionen oft sehr schwer. das hat zum einen damit zu tun, dass ich in den allermeisten themen wirklich nur semi-gebildet bin. die dinge sind oft zu komplex um sagen zu können „oh hier! Ich hab meinung!“, es ist ein ständiges erneutes abwägen, umdenken und neu positionieren nötig, will man dieser komplexität gerecht werden. das fasert meinung ziemlich aus und macht mich gefühlt sehr unklar und fähnchenhaft. das widerrum mag ich nicht und weil ich keine zeit und energiekapazitäten habe, ignoriere ich eben einen großteil der wichtigen politischen themen und weiche den diskussionen über diese aus. darüberhinaus geht es in politischen fragen dieser tage recht schnell hoch her, es wird aggressiv und laut, beides dinge mit denen ich extrem schlecht umgehen kann. der, der es schafft trotz der komplexität „meinung!“ zu haben hats leicht und schreit die eben raus, ungeachtet aller anderen möglichen positionen zu diesem thema. und weil auch das nicht mein stil ist, hab ich irgendwie gar keinen stil in diskussionen sondern halte mich raus. so wie mir scheint es vielen zu gehen und ich glaube, viele sind damit nicht glücklich. ich zumindest bin es nicht.

neulich las ich einen artikel, den ich leider nicht mehr wiederfinde und daher nicht verlinken kann (doof, ja. ich ärgere mich auch.), der aber sinngemäß folgendes sagte: wenn man der laut hassenden masse die stimmführung überlässt, geht unter, dass die reflektierten und klugen eigentlich (noch) in der mehrzahl sind. aus verschiedenen gründen, unter anderem weil es jahrelang hiess „don`t feed the trolls“, schweigen mittlerweile immer mehr und ziehen sich zurück oder verstricken sich in nervenauftreibende und zugleich sinnlose trolldiskussionen. dadurch entsteht der eindruck einer schieflage, was widerrum dazu führt, dass die klugen und reflektierten und stillen und komplexer denkenden noch mehr verstummen weil dieses „es bringt eh nix“ gefühl so stark ist.

was also tun? der artikel macht da einen schönen vorschlag, der im grunde sehr simpel ist: er schlägt vor, jedem kommentar digital wie analog einen einzigen ausdruck des nicht-einverstanden seins entgegen zu setzen. das kann ein „ich stimme da nicht mit dir überein“ sein bis zu einer kurzen ergänzung „…weil….“ – aber mehr nicht. ein statement, das nicht darauf abzielt das gegenüber von der eigenen meinung überzeugen zu wollen oder davon, dass die meinung des gegenübers schlicht falsch ist. ein statement, das nicht unfruchtbare diskussionen und agressionen hervorruft sondern lediglich dazu dient im allerkleinsten die eigene haltung zum ausdruck zu bringen. mich hat das sehr angesprochen, weil es mich zum einen aus meiner sprachlosigkeit und hilflosigkeit rausholt. zum anderen, weil ich denke ein satz ist gut leistbar. ich habe ja eine haltung, ich habe ja eine meinungstendenz, auch wenn ich die nicht gut und meinen ansprüchen nach differenziert genug rüberbringe. dieser tendenz kann ich ausdruck verleihen, sie macht meine position klar ohne sie zu erklären. denn in meinen augen braucht es einfach auch nicht immer eine erklärung, es darf auch ok sein einfach zu sagen: nein. dem was du sagst stimme ich dir nicht zu.

und schlussendlich meine ich, dass man widerstand und seinen ausdruck damit gut im kleinen lernen kann, um ihn dann im großen auch vertreten zu können. wenn ich im kleinen „übe“ widerstand zu äussern und ihn auch auszuhalten, dann gerate ich erstmal nicht in die überforderung und anschliessend in die frustration und resignation, wie bei all den fruchtlosen diskussionen die nie, wirklich nie konsens bringen weil m.e. eh kaum einer auf konsens aus ist. es ist auch eine gute möglichkeit für das eigene positionieren und sich selbst ausloten. wo läuft eigentlich genau meine grenze? an welcher stelle positioniere ich mich ganz klar, an welcher stelle weiss ich eigentlich noch gar nicht genau wo die grenze langläuft? wo ist sie nachgiebig, wo braucht sie noch informationen? zwischen unklarheit und agressiver diskussion und ignoranz und frust liegt der eigene weg. und der darf in kleinen schritten verlaufen. erweitern kann ich meine meinung an den stellen, wo ich ahne oder weiß, dass es früchte tragen kann. im freundeskreis, vielleicht auch bei kollegen. da wo ich mich traue, wo ich auf eine gesprächskultur stoße, die eine auseinandersetzung und einen konsens möglich macht.

ich lerne im kleinen. sonst kann ichs im großen nie.