vom gehen und laufen.

seit dem 3.7.2016 bin ich kein einziges mal mehr gelaufen. davor 9 jahre 2-3x in der woche, ohne ausnahme, ohne gnade. am 3.7. lief ich meinen ersten volkslauf, danach dachte ich mir so „ach machste mal päusken von ein paar tagen, tut dir ja auch ständig immer alles weh.“ aus der pause wurde ein „also wenn ich nach den sommerferien im herbst wieder anfange und mal so richtig pause mache, dann passt das.“ und im september dachte ich dann plötzlich „nie mehr wieder werde ich mich schneller bewegen als gehen.“ und ich war völlig einverstanden damit. 

menschen die mir nahe sind waren völlig verblüfft: ausgerechnet ich lief nicht mehr? die, die im laufen alles fand – ruhe, ausgeglichenheit, die ihre wut rauslaufen konnte und zuverlässig zugang zu allem verdrängten fand wenn sie nur schnell und hart genug lief? bisherige trigger, wie menschen aus dem internet die plötzlich sport (wieder)entdeckten und enthusiatisch darüber berichteten oder jogger, die mir irgendwo entgegenkamen, liessen mich völlig kalt. es war mir schlicht egal – ich sah sie und genoss meine entschleunigung aus vollem herzen. ich nahm ab, weil ich muskelmasse verlor, mein körper wurde weicher, die schmerzen in beinen und kreuz waren weg. ich ging wandern und spazieren und fing vor ein paar monaten yoga an. damit hatte (und habe) ich endlich einen zugang zu meinem körper gefunden, der ihm überhaupt erstmal eine art stimme verlieh. zum ersten mal spürte ich emotionen in meinem körper, spürte was passierte wenn ich traurig war, wenn ich wütete oder wenn ich voller energie war. alles was ich vorher verdrängte und erst durchs laufen ans licht kam, weil die körperlichen schranken durch die anstrengung fielen, konnte ich jetzt durch ruhige, dehnende bewegungen, durch viele viele atemübungen ganz in ruhe ans licht holen. ich weiss mittlerweile relativ genau, welche yogaübung ich machen muss um mich aus welcher verfassung rauszuholen. ich lerne meinen körper immer besser kennen und lote seine grenzen völlig neu aus, ohne leistungsdruck wie all die jahre zuvor sondern durch waches beobachten und hinspüren. das hat in so vielen bereichen auswirkungen – ich bin seelisch ausgeglichen und wenn nicht, fange ich mich wesentlich schneller. ich habe so gut wie überhaupt keine schmerzen mehr in meinem skelett, etwas was ich mein leben lang kannte. meine migräne ist so gut wie weg und wenn sie mal kommt, erkenne ich sie schneller und kann oft präventiv reagieren. meine sexualität hat sich verändert weil mein körperbild und mein körperverständnis mittlerweile so viel facettenreicher und offener geworden ist. 

und immer wieder fragte ich mich,wann denn wohl wieder die lust am laufen kommt. ich wollte mein neues körpergefühl integrieren ins laufen, was lange zeit unmöglich schien, weil das, was laufen für mich war (leistung, über grenzen gehen, gewalt am körper und ingnoranz von schwäche) nicht übereinpasste mit meinem neuen körpergefühl und zugang zu meinem körper. 

dann las ich heute anke gröners blogpost und da machte es plötzlich ping. (das macht es bei anke übrigens sehr oft, wofür ich ihr sehr dankbar bin.) meine vorstellung davon wie ich zu laufen habe, weil alle welt so läuft, weil es überall so vorgegeben scheint, war so manifest in mir, dass ich tatsächlich aufhören musste zu laufen, um sie zu durchschauen und zu ersetzen. ich frage mich warum ich da vorher nicht drauf gekommen bin: es gibt keine vorgaben wie ein mensch sich zu bewegen hat. was „laufen“ denn genau ist, was „gehen“ und was „leistung“. ich entscheide das. ich bin diejenige die definiert was ich leisten will, ob ich 6 km gehen und 100m davon laufe. oder auch nicht. das klingt etwas bekloppt, ich gebs zu. aber für jemanden wie mich, der mit extrem starren leistungsidealen ausgestattet war (kann ich mittlerweile sagen), war das eine echte erkenntnis heute. eine befreiung nahezu, weil es plötzlich die integration des einen ins andere möglich macht. ich kann laufen, und kann das exakt so tun wie ich will. so wie es mir spass macht. es braucht kein ziel, keinen plan, keine zeit, keine vorgaben, kein ignorieren von grenzen um all das zu erreichen.

und so habe ich mir vorhin meine laufschuhe angezogen und bin losgelaufgangen. völlig ohne plan, lediglich meinem wohligen körpergefühl folgend. sensationell. 

danke, liebe frau gröner, für ihren guten blick auf die dinge. mir hat sich da echt heute ein fenster aufgetan!