Kindeswohl und Wechselmodell.

Kindeswohl ist durch das BGH Urteil zum Thema Wechselmodell ja gerade in aller Munde. Zu Recht gibt es von mehreren Seiten, aus unterschiedlichen Positionen her, die Kritik an der Sicht was denn nun eigentlich zum Wohl des Kindes bedeutet.

Kindeswohl ist eine sehr schwer zu definierende Sache, weil jeder, der mit einem Kind zu tun hat, seine eigene Definition von Kindeswohl hat und darüberhinaus auch noch jedes Kind unterschiedlich ist. In den vielen Jahren, die ich mittlerweile in der Kinder – und Jugendhilfe arbeite bin ich zur Überzeugung gelangt, dass es das Kindeswohl nicht gibt und dass gleichzeitig sehr oft das Kindeswohl missbraucht wird um die eigenen jeweiligen Interessen durchzusetzen. Wenn ich einen Elternteil habe, der mehr Umgang haben will, wird er dies ebenso mit dem Kindeswohl begründen, wie der Elternteil, der den erweiterten Umgang verhindern will. Hinzukommt, dass dann im Streitfall oft Gericht oder Jugendamt entscheiden soll, was denn das Kindeswohl ist – auch das ein unerträglicher Zustand: Richter können nur nach Aktenlage, allenfalls noch nach eventuellen Gesprächen mit dem Kind, entscheiden und haben oftmals von (entwicklungs)psychologischen Fakten keine Ahnung. Sie können also die Informationen über oder vom Kind, von wem auch immer, lediglich in einen rechtlichen Rahmen übertragen. Dabei geht aber eben oftmals der emotionale, soziale und psychologische Aspekt verloren. Etwas ähnliches ereilt das Jugendamt: auch hier wird von allen Seiten gefordert, doch bitte das Kindeswohl im Auge zu haben. Betrachtet man das allerdings genauer, dann hat das Jugendamt mit mehreren, oft völlig unvereinbaren, Ebenen zu tun. Nämlich zum einen mit den persönlichen Verletzungen eines Einzelnen innerhalb einer gescheiterten Paarbeziehung, mit den individuellen, väterlichen wie mütterlichen Ansichten über Kindeswohl, die allerdings widerrum mehr über die Bedürftigkeiten des Erwachsenen sagen (schaut, wie ICH (und nicht sie/er) mich ums Kind sorge!) als über das tatsächliche Kindeswohl und dann noch mit den Ansichten jeder einzelnen Institution, die auch noch am Kind mit dran hängt wie Schule, Kindergarten, Fürhförderung etc. Und als ob das alles noch nicht genug ist, muss man fairerhalber sagen, dass ja auch der Jugendamtsmitarbeiter an sich eine individuelle Definition von Kindeswohl hat, die zwar sicher eine hohe Fachlichkeit aber eben auch eine gehörige Portion persönliche Prägung hat. Nur als Beispiel: bin ich selbst Scheidungskind, aufgewachsen in hässlichen Szenen und Streitereien meiner Eltern, einem Gezerre um mich als Kind – dann definiere ich Kindeswohl als Sozialpädagogin im Jugendamt sicher sehr anders als die Kollegin, die behütet und friedlich in einem intakten Elternhaus aufgewachsen ist.

Wir haben also auf der einen Seite den Begriff „Kindeswohl“, der von sämtlichen am System „Familie“ beteiligten Personen auf Grund unterschiedlichster Motivation und lebensgeschichtlicher Prägung unterschiedlich definiert wird und auf der anderen Seite aber den unbedingten Wunsch von Seiten der Gesellschaft, des Rechts und der Politik eine Gußform für ein Zusammenleben nach der Trennung zu schaffen – sicher mit der hehren Absicht, sich für andere Lebensmodelle zu öffnen, allen Seiten gerecht zu werden und Klarheit zu schaffen. Nur leider geht das nicht.

Ich würde sagen 80% meiner Arbeit besteht aus Diskussionen, Gesprächsrunden, Einzelgesprächen, Gerichtsterminen etc. zum Thema Umgang. Kein anderes Thema kommt mehr in meiner Arbeit vor als genau dieses. Und meiner Erfahrung nach kann es das Modell nicht geben, weil es viel zu viele individuelle Haltungen zum Thema gibt – und das Heranziehen des Argumentes Kindeswohl ist nichts anderes als der hilflose Versuch in all der Unterschiedlichkeit doch vielleicht eine Definition zu finden, an der man alles festmachen kann. Kann man aber leider nicht. Ich habe zerstrittene Elternteile erlebt, die – nur mit anderen Worten – exakt dasselbe fürs Kind wollten und auf Grund ihrer Verletztheit nicht in der Lage waren das zu erkennen. Und auch dem Jugendamt ergeht es nicht anders und mich wundert immer wieder, wie selbstverständlich angenommen wird, wir müssten den Konflikt doch klären können. Hier sitzen Menschen, keine Maschinen. Und ja, auch im Jugendamt benutzt man das Wort Kindeswohl um endlich Ruhe in einen Fall zu bekommen und das passiert oft auf dem Weg, dass dann eben die Definition des Jugendamtsmitarbeiter gilt. Die nicht unbedingt der der Eltern entspricht….. Ich kenne schon das Gegenargument, was dann kommt: „ja aber das ist doch Euer Job sich um die Kinder zu kümmern! Ihr habt das doch studiert! Ihr müsst doch am besten wissen, was jetzt gemacht werden soll!“ Mal abgesehen davon, dass die Arbeit mit Menschen sich in ihrer Faktentreue und Präzision in höchstem Maße von allen anderen Arbeiten unterscheidet und stets sehr individuell ist, können wir es allen überhaupt nicht recht machen – selbst wenn ich mich als Mitarbeiterin des Jugendamtes auf eine, meine, Definition des Kindeswohls festlege, diese fachlich untermauern und vertreten kann vielleicht sogar noch den Segen meines Teams dazu habe, heisst das noch lange nicht, dass diese Entscheidung dann auch für die Elternteile passen. Dh. im Umkehrschluss, dass es letztendlich sehr oft nur darum geht, mit der eigenen Meinung (und Entscheidung) einem Elternteil zuzustimmen. Wie man es dreht und wendet, und ich unterstelle keine bösen Absichten und habe großes Verständnis und ein großes Mitgefühl für alle Beteiligten, man kann auf Basis des Kindeswohl so gut wie keine Entscheidung für ein weiteres gemeinsames Leben mit allem was ansteht, treffen.

Meine Devise, seit ich das erkannt habe ist, das gesamte System im Auge haben. Das kostet extrem Zeit und Mühe ALLER Beteiligten, aber es garantiert einem mehrere Dinge: zum einen habe ich es im besten Fall geschafft, allen alle versteckten Verletzungen und daraus resultierende Bedürfnislagen aufzuzeigen. Je mehr Information ein System über seine Mitglieder hat, umso besser kann Lösung gestaltet werden. Umso nachhaltiger auch, weil sich keiner benachteiligt fühlt. Zum anderen macht es den Weg frei, Lösungen völlig individuell zu gestalten und das ist letztendlich auch mein einziger Kritikpunkt am Wechselmodell: es ist zu starr. Es funktioniert nicht, einem lebenden, atmenden, fühlenden System wie Familie ein starres, von außen diktiertes Konstrukt überzustülpen. Ausgangspunkt ist immer die Familie (die sie nach wie vor ist und immer bleibt, egal wohin sich der Beziehungstatus der Eltern verschiebt) – sie diktiert auf Grundlage ihrer individuellen Bedürfnisse, Verletzungen, Wünsche, Finanzlage etc. ihr Lösungsmodell. Dieses unterliegt dem Motto „alles kann nichts muss und nichts ist fix“. Ich kenne schon die Argumentation vieler Frauen, dass ihr Mann da nie mitmachen würde, der würde ja am liebsten sich völlig aus der Verantwortung stehlen. Und so sehr ich diesen Frauen ihre Meinung laassen kann, so sehr muss ich aber aus meiner eigenen Erfahrung heraus wiedersprechen (und man darf mir glauben, ich hatte hier schon mehr als widerständige Männer…..): ich habe den vergangenen Jahren nicht einen (!!) einzigen Mann gehabt, der sich nicht am Ende an den Tisch gesetzt hat und mit geredet hat. Ich hatte umgekehrt auch noch nie eine Frau, die sich der Begegnung und Diskussion mit ihrem Expartner vollständig entzogen hat – auch hier: es gibt viel mehr Willen auf beiden Seiten, als das oft im ersten Augenblick rüberkommt. Und ich glaube, genau da setzt auch die Aufgabe des Jugendamtes an und genau da versagt es leider oft.

Da dieser Prozess unfassbar viel Zeit und Geduld in Anspruch nimmt, wird er oft vorzeitig abgebrochen oder erst gar nicht angegangen. Das Ergebnis ist dann leider sehr oft die Bestätigung der Verweigerungshaltung des anderen „siehste! Ich habs ja gesagt, der/die macht nicht mit!“ – ich finde das nachvollziehbar und verständlich. Und jammerschade, denn da wäre Lösung möglich gewesen. Von diesem Zeitpunkt an verhärten sich die Fronten und ja, dann ist tatsächlich oft überhaupt nichts mehr möglich. Eine Trennung hat nur ein winziges Zeitfenster, in der es möglich ist beide Seiten auf kinder- und familienfreundliche Spur zu bekommen – verpasst man es, ist es vorbei. Ab dann fahren die Geschütze auf und in den allermeisten Fällen wird’s häßlich. Aber es gibt dieses Zeitfenster. Und für dieses braucht es Begleitung, das schaffen die allerwenigsten Paare alleine. Und diese Begleitung ist in der Regel das Jugendamt, für dieses ist es in meinen Augen verantwortlich, an dieser Stelle liegt eine Deifinition des Kindeswohl, die Allgemeingültigkeit hat. Denn schaffe ich es, die Eltern an einen Tisch zu bekommen und miteinander die Dinge zu lösen, dann dient das unmittelbar dem Kindeswohl.

Es wäre also in meinen Augen weitaus wichtiger, sich diesem Zeitfenster und der Begleitung durch dieses zu widmen, als Modelle zu schaffen, die für die allermeisten Trennungspaare nicht umsetzbar sind bez. nicht mehr sind. Das Kindeswohl als einen gestaltbaren Rahmen zu begreifen wäre ein Anfang. Zu erkennen, dass es nicht das Kindeswohl gibt und diese Maßnahmen um es zu erlangen, sondern dass es sich entwickelt, erweitert, wachsen und gedeihen kann wenn die Eltern es schaffen, sich zu einigen. Und vielleicht auch anzuerkennen, dass das Kindeswohl alleine durch die Trennungssituation der Eltern bereit erheblich gestört ist. Der Ausgangspunkt dazu ist die Frage „Was wollen wir jetzt als Familie in dieser Situation tun? Wer kann was leisten?“ Dabei ist der Phantasie keine Grenzen gesetzt, es gibt nicht die eine Lösung, es gibt nur eine Lösung für die jeweilige Familie.

Aber das alles geht nicht ohne Hilfe und es ist so ärgerlich kurz gedacht, schon wieder diese Hilfe auszuklammern und stattdessen, wohlgemeint sicherlich, eine Hilfe vorzugeben. Hilfreich wäre es, das Jugendamt (und evtl. andere Institutionen wie Erziehungsberatungsstellen, freie Mediatoren ( und nicht dieser Unsinn mit Anwälten die eine Mediatorenausbildung haben!!) in diesen Prozess einzubinden, mit Fachpersonal, welches über ausreichend Zeit und Fachlichkeit dafür verfügt. Dort setzt die Veränderung der Trennungsverhältnisse an. Ich habe so oft die Erfahrung gemacht, dass selbst in den zerstrittensten Paaren eine enorm hohe Lösungskompetenz für ihre eigene Familie liegt. Denn jede Familie hat Ressourcen, die gewachsen sind und auf die in Krise zurückgegriffen werden kann, aber man muss Zeit und Raum geben, sie (wieder) zu finden. Warum sich im Lösungsprozess dann nicht genau diese Ressourcen und Kompetenzen zu Nutze machen? Die rechtliche Installation dieses Wechselmodells (wie gesagt, gut gemeint und auch ein guter Anfang) spricht in meinen Augen den Familien die eigene Lösungskompetenz ab, sie sollte es sein, die gestärkt werden soll durch Hilfe und Unterstützung von außen.

anderswo zum thema: werden und sein, mama-arbeitet, makoe.  

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downsizen.

derzeit liest man viel über diejenigen, die endlich gehört werden wollen, die endlich jemanden haben der ihnen zuhört und die deswegen rechts wählen, weil dort anscheinend eine menge zuhörer sitzen. und ich mache mir so meine gedanken, was dieses „gehört werden wollen“ eigentlich bedeutet, welches bedürfnis steckt da dahinter und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr möchte ich den blick von der masse über die berichtet wird runterbrechen auf den einzelnen. weil dort das verstehen liegt.

mir fällt der mann ein, der mails schreibt. immer wieder obwohl es ein klares nein gibt, eine klare abgrenzung, ein nicht-antworten und reagieren. und dennoch schreibt er, regelmäßig, immer wieder. schildert ungefragt seine sehnsucht, seine wünsche, sein leben und seinen frust.

mir fällt die frau ein, die unter einsamkeit leidet. die sich in allen gruppen fremd fühlt, die nicht weiß wohin sie gehört. die am wochenende in großraumdiscos menschennähe sucht und am sonntag abend völlig leer und alleine auf dem sofa sitzt.

die frau die jeden, wirklich jeden zutextet. die ungefragt zu einem kommt und viel zu distanzlos dinge aus ihrem leben erzählt, die keinen interessieren.

mir fallen zig menschen aus meinem beruflichen umfeld ein, menschen mit denen ich arbeite, die sich schreiend vor einen setzen, weil sie sich nicht gehört fühlen. menschen, die mit „ich weiss nicht mehr weiter“ anfangen und nach 30 minuten in tränen aufgelöst vor einem sitzen und von ihrer kindheit erzählen.

alle wollen sie gehört werden. wir alle wollen gehört werden. kaum einer der breiten masse der rechts wählenden gehört-werden-woller hat eine klassisch rechte haltung, hört rechte musik oder treibt sich haken.kreuz fahnen schwingend auf kundgebungen rum. wir reden hier nicht von politisch bewusst gebildeteten menschen, die sich intensiv mit inhalten auseinandersetzen und diese bewusst übernehmen. die breite masse, die gehört werden will kennzeichnet eine sache: sie alle werden bereits im allerkleinsten umfeld nicht gehört. nicht von ihrem ehepartner, lebenspartner, den kindern, den kollegen, den freunden. von niemandem. es ist eine große einsamkeit in ihnen und diese einsamkeit ist ein gesellschaftliches problem – und der rechtsruck das symptom welches aus ihr entsteht.

noch nie war einsamkeit ein so derart spürbares thema in unserer gesellschaft wie im moment. ich kann das seit jahren in meiner arbeit spüren, wie sie zunimmt. wie zb. gerichtsstreitereien in ihrer unsinnigkeit, vehemenz und aussichtslosigkeit geführt werden und sie sich in luft auflösen wenn ein rädchen im getriebe sich die mühe macht, mal zuzuhören. wir alle lassen uns in dieser zeit so ein auf die diskussionen um „wie links ist links“ und „wen muss ich verstehen“ und „was will rechts“ und „wem höre ich zu und wem nicht“ und „für wen muss ich verständnis aufbringen und für wen nicht“. das ist so unaushaltbar unsinnig für mich mittlerweile, weil das ein verschiebebahnhof der problematik ist. wir müssen viel tiefer tauchen, wir müssen das alles runterbrechen auf den einzelnen und damit ist nicht nur der andere gemeint sondern auch man selbst. mit wem rede ich eigentlich? wem höre ich zu? welchen kollegen lasse ich links liegen, weil mir sein geplapper auf den senkel geht? welche freundin habe ich nur, weil ich selbst einsam bin und was erzähle ich der eigentlich von mir? wie sehr lasse eigentlich ich mir in die karten sehen, erzähle von meinen sorgen und ängsten? was intellektualisiere ich vielleicht nur, damit nichts und niemand zu nah an mich rankommt? wo bin ich berührbar und wie zeige ich das? wo der andere? was bin ich bereit von meinem nächsten, in der direkten begegnung, anzunehmen? wieviel nehme ich wirklich wahr?

wir verheddern uns derat in metametameta diskussionen, in diskussionen um diskussionen über begriffsdefinitionen, während wir selbst zum 100.x im aufzug mit derselben personen stehen von der wir nichts wissen. der wir kein lächeln, keinen gruß, keine geste des „ich erkenne dich!“ senden.

wir sind kalte arschlöcher, die in der kleinsten zelle der begegnung von angesicht zu angesicht nicht in die karten sehen wollen und sich selbst nicht hineinblicken lassen und wir wundern uns ernsthaft warum es menschen gibt, die meinen ihnen wird nicht zugehört? wir führen super intellektuelle diskussionen über einen großteil der bevölkerung, schaffen uns ein bild ohne wirklich je sich auseinandergesetzt zu haben mit jedem einzelnen der uns begegnet. ich rede nicht von politischer aufklärung, herrgott es ist mir ehrlich gesagt mittlerweile wurscht wer afd wählt oder nicht – ich bekomme dieses thema nicht aus den menschen – nicht so!- , wenn ich nicht im ansatz bereit bin mich für sie sonst zu interessieren. wenn ich nicht irgendwo auf einer ebene erstmal einen kontakt herstelle, ein zuhören. wenn sich nirgends zuhörer finden für den frust, die sorgen und ängste, dann wende ich mich natürlich dem zu, der zuhört. und es sind eben nicht die großen themen wie zukunftsangst und fremdenangst die diese masse reitet, das sind nur schlagwörter unter denen sich die ganzen minifuzzikkleinen mikrothemen subsumieren: mein sohn schafft seine hausaufgaben nicht und ich kann es ihm nicht erklären, er wird keinen schulabschluss schaffen. mein mann geht ständig fremd und ich habe angst um unsere beziehung. meine freundin versteht mich nicht, wenn ich ihr sage dass ich nähe nicht aushalte. mein vater redet nicht mehr mit mir. meine mutter schlägt mich. ich bin überfordert von meiner arbeit.

ist das so schwer? es sind diese ununterbrochenen ängste, die ungehört und ungesagt in den menschen schwelen. ich weiss, ich habe den unendlichen vorteil, dass ich diese sorgen und ängste jeden tag höre und genau deswegen um sie weiss. aber können wir nicht einfach mal alle annehmen, dass der größte schreihals, der seine sorge über ausländer kundtut, vielleicht in seinem herzen der kleinste und ängstlichste mensch ist? der mit all dem scheiss in ihm nirgends hinkann? hat irgendeiner von euch wunderbar sozial eingebetteten und im notfall aufgefangenen, intellektuell ausreichend ausgestatteten menschen überhaupt einen blassen schimmer wie es in den allermeisten menschen tatsächlich aussieht? schliesst nicht immer von euch auf andere oder noch schlimmer – interpretiert das unverständliche verhalten andere nicht für euch auf basis eurer werte und normen sondern hört zu! redet endlich miteinander! setzt euch zu der person, mit der ihr noch nie kontakt hattet, fragt nach und noch viel mehr: fangt an von euch selbst zu reden. gebt einblick in eure konfusion, eure ängste, eure sorgen, schafft damit eine gemeinsamkeit, eine annäherung, selbst wenn sie sich unterscheiden. die gemeinsakeit ist nicht die gleiche sorge oder angst, es ist das gemeinse erleben, das gefühl, das damit verbunden ist.

werdet weich. öffnet euch, begegnet einander. nicht in irren intellektuellen diskussionen. sondern im fahrstuhl, an der kasse im supermarkt, im fitneßstudio oder auf der arbeit. die gesellschaft ändert sich nicht in der diskussion über sie. sie ändert sich auch nicht in der be- oder verurteilung derjenigen die man nicht versteht. sie ändert sich nicht über sozialstudien um „die“ zu verstehen. sie ändert sich noch nicht mal im politischen diskurs mit dem einzelnen.

noch tiefer! wir müssen noch tiefer gehen, noch mehr reduzieren: auf die begegnung mit dem gegenüber, dem sich selbst öffnen, mit dem nachfragen, dem wie geht’s dir, dem zuhören, dem aushalten, dem da sein – mit einem wortlosen freundlichen blick, einem lächeln oder einem wort. wollen wir was ändern, müssen wir gründlich arbeiten. ganz von vorne beginnen.

 

die frage ist ob wir das wirklich wollen. denn es wird uns hinterfragen. und das ist weitaus schwieriger und unangenehmer als immer den anderen zu hinterfragen.

 

 

 

nur ein satz.

ich tue mich in politischen diskussionen oft sehr schwer. das hat zum einen damit zu tun, dass ich in den allermeisten themen wirklich nur semi-gebildet bin. die dinge sind oft zu komplex um sagen zu können „oh hier! Ich hab meinung!“, es ist ein ständiges erneutes abwägen, umdenken und neu positionieren nötig, will man dieser komplexität gerecht werden. das fasert meinung ziemlich aus und macht mich gefühlt sehr unklar und fähnchenhaft. das widerrum mag ich nicht und weil ich keine zeit und energiekapazitäten habe, ignoriere ich eben einen großteil der wichtigen politischen themen und weiche den diskussionen über diese aus. darüberhinaus geht es in politischen fragen dieser tage recht schnell hoch her, es wird aggressiv und laut, beides dinge mit denen ich extrem schlecht umgehen kann. der, der es schafft trotz der komplexität „meinung!“ zu haben hats leicht und schreit die eben raus, ungeachtet aller anderen möglichen positionen zu diesem thema. und weil auch das nicht mein stil ist, hab ich irgendwie gar keinen stil in diskussionen sondern halte mich raus. so wie mir scheint es vielen zu gehen und ich glaube, viele sind damit nicht glücklich. ich zumindest bin es nicht.

neulich las ich einen artikel, den ich leider nicht mehr wiederfinde und daher nicht verlinken kann (doof, ja. ich ärgere mich auch.), der aber sinngemäß folgendes sagte: wenn man der laut hassenden masse die stimmführung überlässt, geht unter, dass die reflektierten und klugen eigentlich (noch) in der mehrzahl sind. aus verschiedenen gründen, unter anderem weil es jahrelang hiess „don`t feed the trolls“, schweigen mittlerweile immer mehr und ziehen sich zurück oder verstricken sich in nervenauftreibende und zugleich sinnlose trolldiskussionen. dadurch entsteht der eindruck einer schieflage, was widerrum dazu führt, dass die klugen und reflektierten und stillen und komplexer denkenden noch mehr verstummen weil dieses „es bringt eh nix“ gefühl so stark ist.

was also tun? der artikel macht da einen schönen vorschlag, der im grunde sehr simpel ist: er schlägt vor, jedem kommentar digital wie analog einen einzigen ausdruck des nicht-einverstanden seins entgegen zu setzen. das kann ein „ich stimme da nicht mit dir überein“ sein bis zu einer kurzen ergänzung „…weil….“ – aber mehr nicht. ein statement, das nicht darauf abzielt das gegenüber von der eigenen meinung überzeugen zu wollen oder davon, dass die meinung des gegenübers schlicht falsch ist. ein statement, das nicht unfruchtbare diskussionen und agressionen hervorruft sondern lediglich dazu dient im allerkleinsten die eigene haltung zum ausdruck zu bringen. mich hat das sehr angesprochen, weil es mich zum einen aus meiner sprachlosigkeit und hilflosigkeit rausholt. zum anderen, weil ich denke ein satz ist gut leistbar. ich habe ja eine haltung, ich habe ja eine meinungstendenz, auch wenn ich die nicht gut und meinen ansprüchen nach differenziert genug rüberbringe. dieser tendenz kann ich ausdruck verleihen, sie macht meine position klar ohne sie zu erklären. denn in meinen augen braucht es einfach auch nicht immer eine erklärung, es darf auch ok sein einfach zu sagen: nein. dem was du sagst stimme ich dir nicht zu.

und schlussendlich meine ich, dass man widerstand und seinen ausdruck damit gut im kleinen lernen kann, um ihn dann im großen auch vertreten zu können. wenn ich im kleinen „übe“ widerstand zu äussern und ihn auch auszuhalten, dann gerate ich erstmal nicht in die überforderung und anschliessend in die frustration und resignation, wie bei all den fruchtlosen diskussionen die nie, wirklich nie konsens bringen weil m.e. eh kaum einer auf konsens aus ist. es ist auch eine gute möglichkeit für das eigene positionieren und sich selbst ausloten. wo läuft eigentlich genau meine grenze? an welcher stelle positioniere ich mich ganz klar, an welcher stelle weiss ich eigentlich noch gar nicht genau wo die grenze langläuft? wo ist sie nachgiebig, wo braucht sie noch informationen? zwischen unklarheit und agressiver diskussion und ignoranz und frust liegt der eigene weg. und der darf in kleinen schritten verlaufen. erweitern kann ich meine meinung an den stellen, wo ich ahne oder weiß, dass es früchte tragen kann. im freundeskreis, vielleicht auch bei kollegen. da wo ich mich traue, wo ich auf eine gesprächskultur stoße, die eine auseinandersetzung und einen konsens möglich macht.

ich lerne im kleinen. sonst kann ichs im großen nie.

 

würzburg.

die berichterstattung im fall des 17 jährigen, der in würzburg vier menschen angegriffen und zt lebengefährlich verletzt hat, macht mich sehr verrückt. mir gefällt das nahezu schon reflexhafte verorten in is nähe überhaupt nicht – in meinen augen wird zuviel gemutmasst, zuviel ausser acht gelassen….fast wirkt es so als ob dieser junge mensch jetzt einfach terrorist sein muss also schreibt man ihn zu einem. es versteht sich von selbst, dass ich die tat verurteile. aber die be-urteilung geht eben nicht immer so einfach, wie sie sich gerade gemacht wird.

ich möchte dem gerne ein paar gedanken entgegensetzen.

die bildzeitung spekuliert heute, dass der junge mann gar nicht 17 gewesen sei sondern älter und sich mit absicht jünger gemacht hat um leichter nach deutschland zu kommen. intendiert wird durch den tonfall des berichtes, dass hier etwas schlimm illegales, bereits terroristisches motiviertes unternommen worden ist.

ich habe den letzten sommer vermehrt in einer polizeiinspektion an einer autobahn und direkter grenznähe zu österreich verbracht. ich musste dort bei jugendlichen, die schleuser irgendwo ausgesetzt hatten, eine alterseinschätzung vornehmen, denn – unter 18 jugendhilfe (und damit ist das jugendamt zuständig) über 18 sozialamt. in der konkreten umsetzung bedeutet das ganz kurz gefasst: jugendhilfe gleich unterkunft in sozialverträglichem gut begleiteten rahmen mit unterstützung in behördengängen etc sowie schulbesuch sowie unterstützung bei lehrstellensuche sprich versorgt und aufgehoben. sozialamt gleich sammelunterkunft, einer von vielen, keine unterstützung. alle wussten das und wo wir zu beginn als wir noch nicht abschätzen konnten welche massen da kommen, noch genau geschaut und gefragt haben was das alter angeht, war spätestens ab mai nur noch durchwinken angesagt. natürlich wurden die wirklich alt aussehenden nicht durchgewunken, aber ob der angeblich 17 jährige in wirklichkeit 19 oder 20 war – wer konnte das denn schon wissen so ohne papiere und das örtliche gesundheitsamt, welches eine genauere alterermittlung hätte durchführen können, komplett überlastet. es ist also durchaus ohne irgendwelche terroristische und betrügerische absicht möglich, dass es afghanen, syrer, somalis etc in deutschland gibt, die älter als 18 sind und dennoch unter 18 aufgeführt sind. wahrscheinlich war da einfach jemand genauso menschlich oder auch überfordert wie wir damals an der ö-d grenze und hat gedacht „welchen sinn macht flucht für so einen jungen menschen wenn er sofort in der perspektivlosigkeit landet?“

ich denke darüber nach, dass der 17 jährige zwei tage zuvor eine todesnachricht eines guten freund übermittelt bekommen hat, denke an eventuelle traumatisierungen die zuvor bereits durch flucht und krieg bez. politische bedrohung entstanden sein könnten und überlege mir, inwieweit eine solche nachricht auch re-traumtisierend wirken kann. was genau wissen wir, was in einem jungen passiert, der bisher als ruhig, freundlich und kein bisschen politisiert bis radikalisiert beschrieben wird und der nur zwei tage nach einer solchen nachricht urplötzlich in dieser form gewalttätig ausbricht? was wissen wir von seinem kontext in dem er aufgewachsen und sozialisiert worden ist? was wissen wir genau von seinen innerpsychischen prozessen, die bereits ein deutscher muttersprachler oft nicht zu formulieren weiss geschweige denn ein junger mann aus einem anderen kulturkreis, mit anderer sprache?

ich denke daran, dass er seit zwei wochen in einer pflegefamilie untergebracht war. und ich denke daran, dass ich selber in diesem bereich im jugendamt arbeite und sehr genau weiß, wie pflegeeltern im vorfeld geprüft werden, aber auch wie jugendliche überprüft werden ob sie in diese familien passen. einer solchen unterbringung geht ein mindestens 3 monatiger in 90% der fälle aber eine mehrmonatiger aufenthalt in einer sozialen einrichtung voraus. dort arbeiten sozialpädagogen eng mit den jugendlichen zusammen. natürlich ist damit nicht gewährleistet, dass diese eine radikalisierung oder sagen wir problematisierung erkennen können aber sicher ist, dass er bei einer auffälligkeit in irgendeiner form unterstützung bekommen hätte und klar ist auch, dass es defitnitv ein engmaschiges helfernetz gab. dh. gab es anzeichen, dann kann man durchaus nochmal andere rückschlüsse auf die tat ziehen, gab es keine, dann ist die tat nicht mit radikalisierung oder is-verbundenheit zu begründen. aber man muss auch auf diese seite blicken – da liegt eine fülle von informationen, zu denen ich bisher noch kein einziges wort gehört habe.

der zentralrat der muslime in deutschland sprach heute davon, dass dieser jugendliche genau in die kerbe der verunsicherung gehauen hätte und damit maßgeblich und absichtlich zum mißtrauen gegen menschen mit islamischen glauben beigetragen hätte. Ich halte das für eine sehr schwerwiegende einschätzung – ich denke mit derartiger gedanklicher vorsetzlichkeit überschätzt man die gedankenleistung eines 17 jährigen erheblich. zum anderen denke ich gehört dieser vorwurf den medien gemacht, die ohne viel zu wissen viel schreiben, kaum mehr fragen stellen, vorverurteilen, tendenziös berichterstatten und damit in meinen augen diejenigen sind, die maßgeblich zur vorverurteilung von muslimen in deutschland beitragen.

ich bin zutiefst davon überzeugt, dass diese tat nur ein vorgeschmack sein wird auf das was unsere gesellschaft in zukunft erwartet. nicht, weil wir es mit einer sich einschleichenden radikalisierung zu tun haben (die läuft an anderer stelle), sondern weil im letzten jahr unsere gesellschaft junge, vorwiegend männliche jugendliche aufgenommen hat von denen sie so gut wie nichts weiß – nichts über deren herkunft und sozialisation und prägung, nichts über deren psychischen innenleben, nichts über deren traumatisierungen. wir werden in zukunft vermehrt gewaltausbrüche erleben, die hoffentlich nicht immer in dieser gewalttäigkeit einhergehen, aber die uns erschrecken werden. was wir brauchen sind dolmetscher und traumatherapeuten – nichts davon ist in ausreichender zahl vorhanden. nichts von beidem, insbesondere letzteres, wird als wichtig genug erachtet um beschafft zu werden.

 

wir werden uns noch wundern. und brauchen uns nicht zu wundern.

 

 

 

„melde hohes aggressionspotential!“

ich habe ein sehr ambivalentes gefühl zu wut. auf der einen seite fürchte ich wut sehr, es ist ein erfahrungswert in meinem leben was wut anrichten kann, wieviel sie nachhaltig zerstören kann. auf der anderen seite bewundere ich menschen die wüten können. manchmal denke ich, dass es kein wunder ist, mit welchem – oft sehr wütendem – klientel ich arbeite. ich mag deren spontanität, die unreflektiertheit und ungefilterheit von wut. ich selber hätte mich nicht als wütenden menschen bezeichnet, zumindest bis gestern.

denn gestern wurde mir bewusst, dass es seit jahren in mir kocht. klar habe ich mich früher auch schon aufgeregt, ich konnte und kann sehr wütend werden wenn es um themen geht, die weg von mir sind – gesellschaftliche, soziale, politische. das ist eine sehr kontrollierbare und ungefährliche wut. gefährlich wird wut für mich dann, wenn sie zu nah an mir selbst ist. ich hatte gestern einen termin bei einer traumatherapeutin, die nach dem sehr körperorientierten konzept von peter levine arbeitet. es geht darum, dass traumaerfahrung durchaus kognitiv verarbeitet werden kann und man damit eine zeit gut leben kann, dass aber der körperliche stress, den trauma verursacht und den wir in sehr also wirklich sehr frühen Zeiten durch fluchtreaktionen ausagieren konnten, in uns „steckengeblieben“ ist. es ist der zustand der erstarrung, den wir aus dem Tierreich kennen – von allen möglichen Reaktionen wie fight – flight – freeze, stecken traumatisierte körperlich gesehen im freeze zustand. levine sagt, jetzt sehr verkürzt, dass zur auflösung von trauma, der körper aus dem zustand des freeze in den fluchtmodus gebracht werden muss. dazu durchlebt der klient in kleinen prozessschritten die körperlich manifestierten emotionen zu der jeweilig traumatisierenden situation und agiert sie körpelich bewusst aus. das kann in spontanen bewegungsimpulsen geschehen oder aber durch gezielte führung durch den therapeuten. levine hat damit in den 70ern  in den USA eine relativ neue richtung in der traumatherapie geschaffen, die bis heute zu den führenden traumatherapien zählt. er arbeitet bis heute vorrangig mit kriegsveteranen – wer sich da mal einlesen möchte dem empfehle ich das buch „sprache ohne worte“. ich bin, obwohl aus persönlichen gründen kein fan von körperarbeit, davon mittlerweile sehr überzeugt. zumal es für die therapie nicht notwendig ist, zu tief ins trauma einsteigen zu müssen – der körper erinnert ohnehin besser als jeder kopf und jede seele. das war und ist einer der großen vorteile, da diese therapieform eine retraumatisierung durch therapie (was sehr oft vorkommt) nahezu ausschliesst. soviel zur theorie.

in der praxis stand ich also gestern da und konnte spüren, wie meine wut zu kochen begann. und in dem augenblick, als mir das bewusst wurde, verzog sie sich auch schon wieder beziehungsweise wurde verdrängt von zwei sehr wunderbaren, aber leider auch sehr wutverhindernden anteilen in mir: dem zwang nach radikaler ehrlichkeit mir selbst gegenüber, die jede meiner spontanen wahrnehmung in sekunden zerpflückt in „aber ehrlicher weise musst du zugeben, dass das ja jetzt eher daher kommt und nicht so ist….“ verbunden mit dem anderen anteil, der ein nahezu episches verständnis für jede person und jede haltung und jede meinung hat. ich kann aus der größten gequirlten scheiße die eine person von sich gibt noch irgendwas herausziehen, wo ich sie verstehe. oder zumindest will. das macht mich zu einem sehr angenehmen gegenüber denke ich, verhindert aber in hohem maße meine wut über die gequirlte scheisse. ich habe diese anteile aus gründen entwickelt, sie sind gut und wichtig (wie übrigens alle in anteile in einem, man muss nur hinter ihren sinn kommen), aber als ich gestern sie für eine weile zur seite legen konnte – war sie da, diese helle, lodernde wut. in teilen zielgerichtet, in teilen auch nicht. und ich habe mich selten so lebendig und im einklang mit mir empfunden.

und da kamen mir mehrere gedanken. der erste war, dass mir plötzlich auffiel in was für einer extrem wutarmen gesellschaft wir eigentlich leben. und wie gross die gesellschaftlichen anteile sind, die den meinen gar nicht so unähnlich sind und die eine konstruktive wut und den umgang mit ihr verhindern: eine nahezu schon extremistisch eingeforderte toleranz gegenüber alles und jedem und jeder meinung. bist du nicht für bist du gegen. und wos kompliziert wird, wird so lange und verzweifelt nach konsens gesucht, dass man darüber leicht vergisst um was es eigentlich ging. das steht in krassem gegensatz zu einer art „wutspitzen“, in denen wut gewalttätig und destruktiv ausgelebt wird – wutbürger haben diese wut oft, sie zeigt sich in ubahn überfällen, angriffen auf migranten, frauen, queere menschen. sie ist eruptiv und gefährlich. und schlage ich nochmal den bogen zu mir (denn alles beginnt immer in einem selber und will ich das große ganze verstehen, muss ich mich verstehen), dann kenne ich das im kleinen auch. all die jahre in denen ich so wenig wütend über bestimmte themen war, obwohl so offensichtlich ungerecht und verletztend, war ich an anderer, völlig uneinsichtiger stelle wütend. statt meinen vater anzuschreien, schrie ich meine partner an. statt meine mutter anzuschreien, schrie ich meine kinder an. ich lebte meine wut ständig mit stellvertretern aus und nicht bei denen, zu denen meine wut gehörte. das machte mich zu einem im grunde sehr wütenden menschen, aber dadurch, dass ich aus gründen die wut nicht dort lebte wo sie hingehörte, war die wut destruktiv und völlig falsch angebracht. ich habe gestern in einem ersten schritt erfahren wie es ist, die wut dort zu lassen und auszuagieren wo sie entstand und wo sie hingehört. es befreit ungemein und machte mir etwas anderes klar: um mit dingen zu einem abschluß zu kommen oder zu einer lösung muss man die wut darüber erfahren, erlebt und gespürt haben. man kann die wut nicht auslassen und gleich in die klärung kommen – dann ist die klärung keine klärung sondern nur eine vertagung. wer nicht sagt was ihn stört, wer nicht wütet, gegen das was ihn belastet, ärgert, frustriert und ungerecht behandelt, bleibt damit alleine und nimmt sich damit selbst die chance auf wachstum. und läuft darüber hinaus gefahr, die wut an einer stelle auszuagieren, wo sie nicht hingehört.

ich wünsche mir selbst nach der erfahrung von gestern, dass mein mut wächst, meine wut mehr zu zeigen. das ich aus einer schonhaltung mir selbst und anderen gegenüber rauskomme. was nicht heissen soll, dass ich jetzt unreflektiert und voller boshaftigkeit wie rumpelstilzchen durch die gegend laufe und meine wut vor mir hertrage. das ist nämlich auch so ein trugschluss, dass ich meinte das gegenteil von verständnisvoll und tolerant sei wütend und unfair. man kann auch in wut fair und gerecht sein. ich glaube sogar man kann nur mit wut auch fair und gerecht sein.

wütend zu sein macht einen klarer, sich selbst und anderen gegenüber. man ist einschätzbarer und pointierter. man verliert nicht seine diplomatie und sein geschick in konflikten – es ist wie immer im leben eine frage der balance. aber sie beginnt im kleinen, bei sich. 

wir sollten alle viel öfter einen wutausbruch haben.

 

die grosse kampflinie.

ein bewegendes und sehr grossartiges interview in der aktuellen printausgabe des spiegel mit lea delaria. 

sp: die grosse kampflinie unserer zeit scheint über die sexualität zu verlaufen. 

delaria: nach innen wie in der abgrenzung nach außen, ja. 

sp: die debatte darüber, welche öffentlichen toiletten transsexuelle benutzen sollen, der streit um die homosexuelle ehe, der aufschrei über das geringe strafmaß für einen studenten der universität oxford, jetzt das massaker in orlanda. 

delaria: sexualität hat damit zu tun, wer wir sind. und wenn uns das fremd erscheint oder anders, ist es bedrohlich. das große andere.

ich spüre diese kampflinie schon länger, hätte das aber nie so formulieren können. und auch wenn dieses bild im kontext des interviews eher gesamtgesellschaftlich verwendet wird, fielen mir seltsamerweise zb. als alles erstes ehen ein und das dortige bemühen über sexualität wieder zueinander zu finden. bez. wegen sexualität auseinander zu gehen. polyamourie, affären, swingen etc. das alles ist in meinen augen ein sehr konzentrierter versuch gelingende oder scheiternde sexualität über ehe entscheiden zu lassen. die wenigsten paare versuchen es mit kommunikationsworkshops.

und sieht man attraktivität und körperkult auch noch im erweiterten kontext von sexualität, dann kann man auch da eine kampflinie finden.

ich bin noch nicht durch mit dem denken, ist nur mal so angedacht – das interview lege ich darüberhinaus aber wirklich sehr ans herz.

ist dem modell ehe noch zu helfen?

gestern abend im gespräch mit einer freundin festgestellt, dass wir so gut wie keine beziehung/ehe in unserem umfeld kennen, in der nicht fremdgegangen wurde oder noch aktuell wird. nun könnte man daraus natürlich auch schliessen, dass wir uns mit besonders treulosen menschen umgeben – dem ist aber nicht so. die allermeisten dieser menschen waren jahrelang treu, in freud und leid verbunden. auffällig ist, dass es am meisten in ehen mit kinder vorkommt und die ehe schon ein paar jahre dauert. darüberhinaus sind es öfters frauen die zuerst aus der ehe ausbrechen als männer – männer scheinen zumindest eine zeitlang noch die flucht in die karriere anzutreten. was frauen (immer noch), die zu hause die kinderbetreuung in vollzeit übernommen haben, verwehrt ist. vielleicht ist da der frust schneller spürbar. es scheint niemand davor gefeit, früher oder später scheint es jeden zu erwischen und wir ertappten uns beim ansehen von hochzeitsbildern eines befreundeten paares, wie wir bereits jetzt mutmaßungen über das wann und wie anstellten.

das alles machte uns nicht glücklich, diese haltung, diese abgeklärtheit, diese bankrotterklärung der ehe. und wir rätselten – wo ist der punkt an dem es kippt? und was die möglichkeit rechtzeitig einzuhaken und den prozess aufzuhalten? klar scheint, dass es oft mangelnde indivuation zu sein scheint, die ins aussen treiben lässt. was ich mir selbst an anerkennung und aufmerksamkeit und selbstwert nicht geben kann, suche ich im aussen. das konnte der eigene partner eine zeitlang befriedigen, dann eine zeitlang die kinder oder arbeit aber dann folgt oft die grosse gähnende anerkennungsleere. ich persönlich glaube, dass es dieser zeitpunkt  ist an dem man unbedingt auf sich schauen muss. was war? was ist? was soll sein? wo stehe ich? wo bekomme sinnhaftigkeit in mein leben, die ich selbst schaffe und die unabhängig von personen in meinem leben sind? 

ganz oft wird dieser entwicklungsschritt dann  nach der trennung vollzogen. plötzlich können sich die vormals von seelischer zufütterung des partners abgängigen, sehr gut selbst seelisch versorgen und leben ein selbstbestimmtes leben. (ich halte zb eine midlifecrisis für teil dieses prozesses und daher für durchaus normal und gesund) die darauffolgende neue beziehung wiederrum ist dann oft gekennzeichnet von klaren grenzen und räumen – innerlichen wie äusserlichen. 

könnte man diese annahmen bereits frühzeitig in ehen leben und damit auseinanderleben und trennung verhindern? und wie würde sich diese, von beiden seiten gelebte, haltung auf familie auswirken? wie auf bindung und erziehung? wie auf das immer noch akute ungleichgewicht in der care-arbeit? würde es zb einen geburtenrückgang geben weil schon vorgeburtlich eher klar wäre, dass man das als paar nicht schafft – auf sich zu achten, auf die partnerschaft und auf das kind? würden familienverbünde offener und durchlässiger weil erwachsene mehr zeit für sich selbst brauchen und auf andere betreuungspersonen zurückgreifen würden? was würde das mit den kindern machen? würde zb. das helikoptern aufhören weil eltern sich ihren sinn selbst schaffen und nicht kinder dafür verantwortlich machen? und was wäre mit dem aufkommenden trend des eltern-burnout? könnte der aufgehalten werden, weil mann und frauen neben mutter und vater einfach auch sie selbst sein dürfen?

ich kenne die antworten nicht, finde aber die gedanken – aus eigener erfahrung – sehr spannend weil ich sie nicht nur für eine wachstumschance für paarbeziehung finde sondern auch für gesellschaft im allgemeinen.
ich habe neulich mal den satz gelesen „wenn jeder für sich selbst gut sorgt, ist für jeden gut gesorgt.“ – es wäre schön wenn das gelingen würde.

muss es denn immer normal sein?

heute gedacht, dass ich so sehr versuche, normalität zu leben. und dabei erkannt, dass ein teil meines lebens aber einfach nicht der norm entspricht. und plötzlich eine enorme erleichterung gespürt.

es ist nun mal so, dass unser gelebtes familienmodell nach unserer trennung nicht mehr dem üblichen bild der familie entspricht. die kinder leben beim vater, dieser arbeitet von zu hause und hat dadurch eine alltagspräsenz, die ich als arbeitende frau mit vollem terminkalender in keinster weise erreichen kann. dennoch bin ich jeden tag im alten zu hause, mache hausaufgaben mit den kindern, esse gemeinsame mahlzeiten und bin durchaus auch am abend noch da und fahre erst später in meine eigene wohnung. ich bin jedes zweite wochenende weg und habe zumindest eines der beiden kinder 2x in der woche bei mir, das andere kommt wie es lust hat – was völlig ok ist.

wir leben familie aber nicht im klassischen sinne wie mutter vater kind(er) unter einem dach. seit wir so wohnen bemühe ich mich, unser modell als normalität zu begreifen und es als gleichberechtigt neben die normfamilie zu stellen. ich vollziehe dafür einen irren spagat zwischen mir, meinem individuellen leben, dem leben als mutter und dem leben als arbeitende person, zwischen zwei haushalten, einer neuen beziehung und einer sehr gut funktionierenden beziehung zwischen meinem mann und mir und zwischen allen ansprüchen die damit verbunden sind. und versuche sowohl mir als auch meinem umfeld ständig klar zu machen: „jaa, das ist nicht ganz so wie halt andere aber im grunde gibt es keinen unterschied.“ und merke heute plötzlich wie sehr ich im grunde am umstand leide, dass ich versuche so zu tun als sei das normal.

ist es nämlich nicht. man kann sich gegen das klassische familien bild der triade mutter-vater-kind wehren wie man will. man kann sämtliche patchwork-, wechsel- und andere lebensmodelle dagegen halten, sich für diversität aussprechen, werben und sie leben, toleranz einfordern und sich darüber aufregen wie hinterwäldlerisch das klassische modell sein mag, mit seinen klassischen rollenbilder und aufgabenverteilungen – frage ich am ende ein kind gleich welchen alters, gleich welcher familienstruktur es entspringt, die antwort auf die frage „wie sieht für dich familie aus“ wird immer lauten „mama und papa und kind, die alle zusammen in einem haus wohnen.“ man darf mir glauben, ich habe meine arbeit als empirisches feld für diese frage benutzt.

ich will damit nicht sagen, dass ich hinter diesem modell stehe und es bedauere, dass ich es nicht mehr lebe. ich will damit auch nicht sagen, dass dieses modell das alleine glücklichmachende ist und nicht hinterfragt werden muss, mit all seinem retrocharme und verbesserungsbedarf. aber: es ist nun mal das gängige und in dem fall normale modell. es ist das modell, das hier auf dem land nahezu alleingültig ist und damit jede andere form der familie als etwas nicht normales im sinne von nicht normativ darstellt. und natürlich weiß ich, dass es notwendig ist, dass es mehr diversität geben muss, mehr gelebte andersartigkeit um diese traditionellen krusten aufzulockern, um platz zu schaffen für vielfalt und andere lebensmodelle. ich trage ja im übrigen aktiv dazu bei, in dem ich bez wir unser modell in einem 1000 seelen dorf leben und vertreten.

was aber eine ganz wichtige erkenntnis für mich dabei ist: ich muss es vor mir selbst nicht als normal ansehen. ich darf zulassen, dass wir in einer besonderen situation leben, die kein vorbild hat (aber hoffentlich vorbildfunktion), in der ich fast täglich dazuangehalten werde meinen standpunkt, meine ideen und vorstellungen von familie und miteinander, von mutterrolle neu zu hinterfragen und zu definieren. ich lebe in einem nicht normativen modell, in dem wir die rollenbilder wenn nicht gar getauscht so doch erheblich verändert haben, zumindest für meine begriffe. es ist ein lebensmodell, in dem ich mich völlig auf mich alleine gestellt fühle, weil es niemanden gibt, der weiß wovon ich spreche. der meine versagensängste teilt, meine fragen und auch meine antworten. ich agiere auf völlig blankem papier, jeden tag aufs neue. ich habe keine sicherheit durch die masse, denn das ist es, was normalität gibt– sicherheit. es gibt immer noch irgendwo einen, der es auch so macht und schon ist man zu zweit und zu zweit ist man weniger alleine. meine anstrengungen, unser model so normal wie möglich zu leben ist der versuch, mir sicherheit zu verschaffen. normalität schafft tatsächlich sicherheit, sie kategorisiert und ordnet und erklärt somit die dinge, abgesegnet von der breiten masse. aber mein versuch ist utopisch – denn wir sind getrennt, wir wohnen nicht zusammen, wir teilen uns die kinder (zumindest hin und wieder) auf, ich bin nicht so präsent wie ich das war und wie andere mütter im klassischen modell es sind.

das was wir tun ist nicht normal. das ist gut so, für uns und vielleicht auch für den ein oder anderen, der nicht weiß wie ers anstellen soll mit der trennung und den kindern. ich muss nicht den anspruch an mich selbst erheben, unbedingte normalität zu schaffen. ich darf anders sein und ich darf deswegen auch scheitern. und muss nicht normalität propagieren, weil ich die spannung der andersartigkeit nicht aushalte.

hier wie dort.

drei syrer stehen unter meinem wohnzimmer und unterhalten sich mit meiner vermieterin. sie wollen ausrangiertes schlafzimmermöbiliar abholen, es gibt diskussionen wie das alles in den kleinen hänger passen soll, den die drei mitgebracht haben. meine vermieterin redet dabei konsequent bayerisch, die drei syrer konsequent arabisch. sie lachen und erzählen sich alles mögliche – meine vermieterin von der uroma, die jetzt ins heim muss und deswegen das schlafzimmer aufgelöst wird, sie erzählt die geschichte des 3 höfe weilers in dem wir leben und die syrer erzählen auch sehr viel. am ende umarmen sich alle, der hänger ist irgendwie beladen, schert grad keinen ob das hält, „woast eh is sonntag, sonst darats des oafach wieda von der stross klaube!“ und dann trennt sich das grüppchen.

das fremde – es kommt an hier unten auf dem land. es zeigt sich in sprache, aussehen, umgang, auftreten und es wird angenommen als das was es wird, wenn man sich drauf einlässt ohne angst um den eigenen identitätsverlust: alles menschen. hier wie dort.