mitgehangen, mitgefangen? depression ist ein arschloch und ich eine angehörige – teil III.

ich sitze neben ihm und merke, dass ich schreien möchte. ich möchte erst schreien, ihn dann bei den schultern packen und schütteln. und dann nochmal anschreien. oder irgendetwas tun, damit diese lähmung abfällt, damit der zum vorschein kommt, den ich liebe.

ich tue stattdessen nichts dergleichen, ich bleibe still sitzen und betrachte ihn. sehe die kleine steile falte auf der stirn, sehe dahinter förmlich die gedanken rasen. ich sehe seinen mund, seine lippen, die so schmal sind, aufeinandergepresst, als möchte er mit aller gewalt verhindern, dass irgendein wort herauskommt. er ist da aber nicht da. er ist irgendwo in dieser parallelwelt der depression in die jemand ohne depression nie reinkommen wird. ich sehe den aufruhr in ihm an seiner körperhaltung, ich kann seine gedanken, sein befinden körperlich spüren. es ist als ob über die kurze distanz, die wir auf dem sofa auseinander sitzen, ein strom zwischen uns entsteht, in der all die schwere, die destruktivität, die lähmung direkt auf mich übergeht. ich habe den nichts entgegenzusetzen, denn ich bin da in einem echten dilemma.

ich liebe diesen menschen und deswegen bin ich offen. ich begegne ihm mit einem offenen herzen, einer offenen seele, einem offenen geist – das macht man so in beziehung, alles andere wäre ja auch quatsch. eer läuft schon geschlossen durch einen beziehung? gleichzeitig ist es genau dieses offen sein, das dazu führt, dass ich völlig ungeschützt der depression ausgesetzt bin. sie rauscht durch mich hindurch und ergreift mich mit ihrer ganzen stimmung. sie ist wie eine welle, die einen zu boden wirft, einem sand in den mund schaufelt, die luft nimmt und fest auf den boden drückt. weil ich aber nicht depressiv bin, reagiere ich „gesund“ darauf und wehre mich dagegen mit meinen mechanismen. ich kann gar nicht viel dagegen tun, es ist ein automatismus – ich höre ein problem und denke ah. und was kann ich jetzt tun? das macht stress. enormen. mir und meinem gegenüber. mir weil ich eine wahnsinnsenergie darauf verwende ein leben zusätzlich neben dem meinen mitzuleben und mitzudenken und meinem gegenüber, weil ich genau das tue. und damit den spiegel vorhalte, was er nicht schafft. gleichzeitig kann ich mich aber nicht verschliessen beziehungsweise ich wüsste gar nicht wie. ich habe es versucht, es ist mir nicht möglich. das gefühl mich zu verschließen führt bei mir zu der frage ob ich dann überhaupt noch liebe. oder anders: wie ist liebe möglich, wenn ich nicht offen bin für mein gegenüber? ich muss aber perspektivisch dafür sorgen, das hinzukriegen, denn ich hatte das schon einmal in meinem leben, dieses offenbleiben um jeden preis für den anderen, dieses stellvertretende mit-leben, es endete nicht gut. für mich nicht, für die beziehung nicht.

es ist das dilemma des angehörigen: liebe ich, tue ich etwas. tue ich nichts, liebe ich dann noch? schone ich, überfordere ich mich. schone ich nicht, überfordere ich den depressiven. der verbleib in diesem dilemma führt auf dauer zu erschöpfung und sehr unguten gefühlen. lebe ich das zweite leben „mit“, in gedanken, überlegungen und gefühlen, dann bleibt es nicht aus, dass eine erwartungshaltung entsteht. erstens die, dass sich doch jetzt auch bitte schön was ändern muss, weil „was soll ich eigentlich noch alles für vorschläge machen, da wird doch jetzt mal irgendwas dabei sein was umsetzbar ist!“ und zweitens die, dass es doch nicht sein kann, dass jemand so gar nichts von einem annimmt, „ja liebt der mich vielleich am ende gar nicht? bin ich dem denn egal mit meiner not?“ es ist die ungute, aber durchaus menschliche verknüpfung des gebens mir der erwartung. klar, eine zeit lang gibt man selbstlos jeden gedanken, jedes mitfühlen, jede tat und jede hilfe. denn zum einen ist das sehr profan erstmal ein super gefühl, wenn man für den anderen da ist und zum andern hat man, ich!, nicht wirklich auf dem radar, dass das hier kein kurzer anfall von schlechter laune ist oder verstimmung. Selbst in der jetzigen beziehung ist es mir so ergangen, dass ich das wort „depression“ hörte und trotz aller meiner erfahrung wieder in die denke fiel „ach so. ja. kenn ich. das geht schon wieder rum, musste nur genug mithelfen und unterstützen, dann passt das.“ ich bin manchmal sehr dumm. denn natürlich ist es auch diesmal keine angelegenheit von kurzer dauer.

erschwerend kommt oft noch hinzu, dass das umfeld in dem man lebt die eigene tendenz des sich selbst aufarbeitens unterstützt. unsere gesellschaft hat immer noch ein sehr selbstloses und selbstverständliches bild des helfens und fordert das oft unbewusst vom angehörigen ein „du kannst den/die doch jetzt nicht alleine lassen!“ „du bist gesund und stark, du schaffst das schon, ihn zu unterstützen!“ „er/sie würde das auch für dich tun!“ zum anderen hat auch das umfeld nur eine geringe frustrationstoleranz und bedeutet einem nach kurzer zeit, dass es doch jetzt auch endlich mal zeit sei, dass sich was ändert. „ja geht’s dem immer noch schlecht!“ war ein sehr oft gehörter satz in meiner vergangenheit – bei mir passierte jedesmal zweierlei: ich hatte das gefühl, immer noch zu wenig/nicht das richtige/das falsche zu tun, deswegen änderte sich nichts und – es verstärkte meine heimliche wut auf das unvermögen des depressiven an seinem zusatnd was zu ändern. wenn das nämlich auch schon andere so sehen, dann kann ich mit meiner annahme ja auch nicht wirklich falsch liegen. allein dieser gedanke setzte dann wieder die schuld in gang mit der folge, dass ich die dann entweder beim depressiven suchte oder bei mir und noch mehr tat. was nichts brachte, was die wut wieder verstärkte etc. kreislauf verstanden?

wut und ärger, zorn und ablehnung des geliebten menschen und damit verbunden die schuld ist ein zustand, der mich in beziehung mit einem depressiv erkrankten begleitet. das ist so unumstößlich wie die tatsache, dass die erde rund ist. jeder versuch, das zu negieren endet in schuld und einer weiteren verstrickung in den oben genannten kreislauf. es ist scheiße, dass der depressive seinen arsch nicht hochkriegt. es ist scheisse, dass ich kaum oder keine zuwendung bekomme, weil der depressive in seinem leid versinkt. es ist scheisse, dass ich mich ungesehen, ungeliebt und nicht begehrt fühle, weil der depressive in seiner welt lebt und dort ausschliesslich mit sich beschäftigt ist. (während ich das schreibe merke ich sofort, wie hoch mein bedürfnis ist den depressiven in schutz zu nehmen, er kann nichts dafür, er macht das nicht mit absicht….ich schreibe es bewusst mal nicht hin, sondern formuliere meine gefühle so plakativ wie sie nun mal bei mir auftauchen.) es ist scheisse, dass ich meine eigene unbeschwertheit verliere, meinen humor und meine gelassenheit. es ist scheisse, dass ich spüre wie meine liebe zu verschwinden droht. es ist scheisse, dass ich merke wie erleichtert ich manchmal bin, alleine sein zu können. mit einem depressiven zu leben, zusammen zu sein, ihn zu lieben ist anstrengend, verletzend, überfordernd, auslaugend, ungerecht, traurigmachend, verwirrend, ohnmächtig und nochmal: scheisse. Nicht immer, aber sehr oft.

und es ist an dieser stelle wichtig zu wissen: all diese gefühle ruft nicht der depressive hervor. rr ist lediglich der auslöser, der symptomträger. die depression ist die ursache. das ist die unterscheidung. und es ist wichtig, sich das immer und immer wieder ins gedächtnis zu rufen. denn die verschmelzung an der stelle, die übertragung der auswirkungen einer depression auf den charakter des depressiven ist nicht gerechtfertigt, sie sorgt für eine völlig verzerrte wahrnehmung, sie lässt beide leiden. das verschärfende problem an der sache ist, dass wir gesunden alle ein leistungsmuster in uns tragen, dass nicht-leistung schnell zur charakterfrage werden lässt. wir können uns nicht vorstellen, dass es irgendwas geben könnte, was sich sozusagen dazwischen schiebt zwischen mich und meine leistung. leiste ich nichts, muss das immer mit mir zu tun haben und somit ist es aber auch immer von mir wieder änderbar. es gibt einen unmittelbaren tun-ergehen zusammenhang. es ist eine ähnliche leistungsfalle, wie die des gesunden angehörigen. auch er gerät unter diesen blick, wenn er meint (oder ihm von außen suggeriert wird), dass er nicht genügend leistet, wenn es dem depressiven doch immer noch schlecht geht. das ist eine wichtige gemeinsamkeit. beide leiden unter einem leistungsanspruch, den sie nicht erfüllen können weil die krankheit depression das aktiv verhindert. es ist nicht das unvermögen des gesunden, den depressiven wieder gesund zu machen und es ist nicht das unvermögen des depressiven, sich doch bitte einfach aktiver an die lösung seiner probleme zu machen. es ist die depression, die wie ein eigenständiges wesen zwischen den beiden hin und her geistert und ihren schaden wirkt.

deswegen scheint es mir (und ich versuche das selbst täglich….) sinnig, ganz bewusst zu unterscheiden zwischen dem depressiven – dem gesunden – und der depression an sich. mit der bewussten trennung haben die gefühle beider beteiligten, ihre lebens und erfahrenswelt, absolute daseins berechtigung. das ist mir wichtig nochmal klar auszudrücken: die gefühlslage des angehörigen, was seine wut und seinen ärger, seine verletztheit und manchmal auch gleichgültigkeit angeht ist richtig. sie mag sich nicht schön anfühlen oder schön miterleben zu sein aber sie ist richtig und sie ist normal und vorallem darf sie sein. sie ist nicht der angehörige an sich, es ist das was die depression mit dem angehörigen macht. der angehörige ist immer noch ein empathischer, geduldiger, liebender mensch. aber die depression (verbunden mit den aussenbildern der gesellschaft von leistung und nicht-leistung, von krankheit und gesundheit, von schwäche und stärke denen allen der angehörige ja noch zusätzlich ausgeliefert ist) verändert ihn. sie legt sich auch auf ihn wie ein filter, verändert seine wahrnehmung, seine kraft und sein urteilsvermögen. das macht ihn aber ihn nicht zum schlechteren menschen, sondern die krankheit depression zu einer besonders perfiden und heimtückischen.

teil I 

teil II 

mitgehangen, mitgefangen? depression ist ein arschloch und ich eine angehörige – teil II.

ein erster schritt zur abgrenzung ist meiner erfahrung nach die selbstreflektion über die eigene geschichte. ich bin nach so langer zeit mit dem thema depression in meinem leben davon überzeugt, dass es eine bestimmte eigene grundstruktur braucht, die eine disposition dafür schafft, dass das thema depression einen platz im leben einnehmen kann. umgekehrt – ich kenne menschen in meinem leben, die werden in 100 jahren keine depressionserkrankte in ihrem umfeld haben. nicht, weil sie unempathisch wären oder persönlich was gegen depressive hätten. es ist ihre innerpsychische grundstruktur, die das verhindert. und es muss noch nicht mal bedeuten, dass diese menschen nicht ebenfalls erfahrungen mit depression in ihrer kindheit und jugend gemacht hätten – aber wie das so ist, der eine reagiert darauf so, der andere so. und weil es da einen unterschied zu geben scheint, ist es lohnenswert zu allererst in sich zu blicken. (das schöne daran ist, dass man erstmal mit sich selbst beschäftigt ist und sich auf sich besinnt – auch schon eine gute abgrenzung zur ständigen konfrontation mit dem depressiven partner und seinen themen.)

ich bin mein leben lang schon von depression umgeben. es begann mit meinem vater und bis heute herrscht in meiner familie ein mantel des schweigens über dieses thema. frage ich meine mutter, wiegelt sie ab, gibt erklärungen ab, die ich schon mein leben lang gehört und geglaubt habe, die aber mit zunehmender auseinandersetzung immer unglaubwürdiger wurden. beispiel? mein vater war augenarzt und musste für bessere untersuchungsergebnisse viel in abgedunkelten räumen sitzen. seine stimmungsschwankungen wurden stets damit begründet – bis heute kommt auf meine frage „war papa denn depressiv?“ immer die antwort „naja nein nicht wirklich. er sass halt oft im dunklen, da fehlt eben automatisch serotonin.“ er sass oft im dunklen – das ist wahrscheinlich dennoch sehr nah an der wirklichkeit.

ich erinnere meinen vater als stets abwesend. anwesend-abwesend. als kriegskind aufgewachsen, früh den eigenen vater ersetzt, der in kriegsgefangenschaft war und erst jahre nach dem krieg wieder nach hause kam, hatte er seine verantwortungen früh zu übernehmen. die mischung aus hohem leistungsanspruch, unausweichlichkeit der situation und viel verantwortungsgefühl führten ihn langsam aber sicher in die depression. ich vermute, er konnte eine lange zeit darüber hinwegtäuschen, drei kinder, eine praxis und ein reiches freizeitleben machten dies möglich. für die, die ausserhalb unserer familie standen. in der familie selber aber führte es früh zu einem vaterbild bei mir, das geprägt war von bedürftigkeit, ohnmacht und erstarrung. und ich übernahm von kindesbeinen an die selbstauferlegte aufgabe, ihn daraus zu erretten. er erschien mir immer im weggehen zu sein oder überhaupt weg zu sein. entweder war er das tatsächlich, weil er die wochenenden nutzte um sich, so vermute ich – im sport, den bergen oder dem radfahren zu spüren, oder aber er war da, aber für mich als kind immer gefühlt auf dem sprung. weg von mir. weg von der familie. in sich versunken. abgekoppelt vom familienleben. es sind bis heute sehr kindliche eindrücke, was sicherlich damit zusammenhängt, dass ich zu lebzeiten nie mit ihm darüber sprechen konnte und so bis heute in diesen kindlichen mutmaßungen stecke und sie nicht ersetzen kann durch eine erwachsene, überprüfte sicht. schaue ich heute auf den vater meiner kindheit und jugend, dann ist er wie ein geist. er war da, aber verfügbar für meine bedürfnisse, meine notwendigkeit liebe zu spüren und zu bekommen, sie tatsächlich zu hören, zu fühlen, zu erfahren war er nicht. ich reagierte darauf (und das ist eine spannende erkenntnis, wenn ich daran denke, was ich oben schrieb, wie unterschiedlich die reaktionen sein können und wie sie bis heute beeinflussen was wir warum bei wem tun) mit großer verlustangst. mein vater war scheints für mich die einzige möglichkeit wärme und zuwendung zu bekommen, meine mutter schien kein ausreichender ersatz dafür zu sein. das machte meinen vater für mich doppeltwichtig, denn ohne seine anwesenheit, psychisch wie physisch, stand ich alleine da. dh. jede „wegbewegung“ meines vaters von mir und auch von der familie, bedeutete verlust und alleingelassen sein. bezieht man die psychische abwesenheit meines vaters mit ein, dann war ich meine kindheit durchgehend vom alleingelassen werden bedroht. ein psychisches grundmuster, das sich tief in mich gegraben hat – bedeutet es doch bis heute, dass die verlassensangst sofort reaktiviert wird, sobald sich jemand, auch psychisch, zurückzieht. man ahnt vielleicht, wie anstrengend diesbezüglich partnerschaften mit depressiven männern für mich sein können…..

wie reagierte ich als kind auf dieses zurückziehen meines vaters?

ich gewöhnte mir an, meine eigenen bedürfnisse zur seite zur legen und mich an seinen, fatalerweise unausgesprochenen und daher meiner kindlichen phantasie überlassenen, bedürfnissen zu orientieren. ich vermied streit, ängste und ärger. ich passte mich an, war brav und bog mich in der hoffnung ihn in seiner starre und seinem rückzug zu erreichen. ich redete viel, ich erzählte die buntesten geschichten, ich machte mich groß, zur not auch mit lügen. ich wurde tapfer, mutig und stark. ich versuchte meinen vater stolz zu machen, mangels herausragender schulischer leistungen besonders durch ein immer größer werdendes empathisches handeln. jedes kind sucht sich das was es kann um anerkennung und zuwendung zu bekommen und, in meinem fall, um den depressiven vater vor dem verschwinden zu retten. ich konnte zuhören. ich konnte früh gut beobachten, ich ahnte stimmungen lange bevor sie zum ausdruck gebracht wurden. ich konnte trösten, ich war stark, belastbar und vorallem – ich blieb mit zunehmendem alter in krise ruhig. ich belastete nicht. ich half stattdessen. ich hatte humor und konnte eines besonders gut – ich konnte vergeben. jeden schlag. jedes bösen wort. jede nicht ausgesprochene entschuldigung. jedes wegsein. jedes unausgesprochene wort der zuwendung. jede verweigerung von nähe. ich litt, ich hatte angst, aber ich blieb standhaft. bis zum tod meines vaters änderte sich im grunde nichts an unserem umgang miteinander. im gegenteil, je älter ich wurde, je mehr ich auch beruflich den „helfenden“ weg ging, je komplexer die lebensthemen wurden, je mehr ich begriff und sah, wenn ich ihn ansah – um so stärker bestätigte sich immer wieder mein verhalten. denn meine art erbrachte mir die wenige anerkennung von ihm, aber immerhin, und zog ihn in manchem gespräch wieder aus der dunkelheit. selbst wenn ich gewollt hätte aus diesem muster auszubrechen – das ineinandergreifen von anerkennung bekommen und zeitgleichem verhindern des gehens verhinderte jeden ausbruch. es ist kein wunder, dass ich mit der aufarbeitung des themas erst nach dem tod meines vaters beginnen konnte.

warum erzähle ich das alles?

ich glaube, dass meine geschichte sehr gut zeigt, wieviel an heutiger haltung aus den erfahrungen der kindheit kommt. und wie sinnvoll es ist, dort einen anfang zu machen wenn man lernen will als angehörige eines depressiven empathisch und dennoch abgegrenzt mit ihm zu leben. die erfahrungen mit meinem depressionserkrankten vater, die permanente bedrohung durch verlust und meine persönlichen „lösungsstrategien“ haben mich auf eine art und weise geprägt, die dazu führen, dass die depression und ich bis heute immer wieder eng miteinander verwoben sind. auf bestimmte depressive grundmuster meines gegenübers reagiere ich bis bis heute im prinzip mit denselben strategien wie vor 30 jahren bei meinem vater. meine prägung hat mich immer wieder in die nähe von depressiven menschen gebracht – wobei es sicher eine wechselwirkung dabei gibt. ich weiß, dass meine stärke und lebendigkeit eine hohe anziehungskraft auf depressive hat. sowie eben auch die depression eines menschen ein mir sehr vertrautes muster bietet, in dem ich mich auskenne und zu hause fühle. das problem dabei ist nur, dass es mich überfordert und ich in alten haltungen lebe, die mich über meine grenzen gehen lassen, weil ich bis heute im umgang mit depressiven einen inneren auftrag zu erfüllen habe: “ ich mache dich wieder heil.“ dieser auftrag ist aber nicht mehr aktuell, er ist der auftrag des kindes, nicht der der erwachsenen und meiner erfahrung nach auch nicht der auftrag des depressiven gegenübers. mein erlernter umgang mit depression lautet also: ich tue alles um dich vor dem weiteren abrutschen in die dunkelheit zu bewahren und gehe dabei über meine eigenen grenzen und bedürfnisse, zum einen weil ich mich dir verpflichtet und verantwortlich fühle und zum anderen, weil ich im grunde große angst davor habe, verlassen zu werden.

jeder von uns hat diese grundstrukturen, die einen auf dinge reagieren und einen dinge tun lassen – die bewusstmachung dieser, im kontext der depression, ist der erste schritt zum neuen umgang. 

und damit kann man doch arbeiten.

mitgehangen, mitgefangen? depression ist ein arschloch und ich eine angehörige – teil I. 

die grösste schwierigkeit im umgang mit depressiven angehörigen ist ja, dass man nicht der natürlichen seelendynamik des einfühlen und mitgehen folgen darf, sondern in eine bewusste abgrenzung gehen muss. das klingt widersinnig und fühlt sich noch widersinniger an. der mensch den ich liebe berichtet von seinen schwärzesten gedanken und ich soll mich abgrenzen? die bewegung ist bei jedem halbwegs empathischen menschen die, alleine aus sorge und angst voll in die spirale des depressiven miteinzusteigen. sie begleiten zu wollen und aus der eigenen, nicht-depressiven haltung heraus lösungsvorschläge zu machen, ideen zu entwickeln und vorallem mit der kraft für zwei diese krise zu bewältigen. was aber in der folge passiert, ist ein noch tieferes reinschrauben in die depression, weil der erkrankte die schuldgefühle und das eigene unvermögen die lösungsvorschläge umzusetzen, nicht aushält und sich selbst dafür noch mehr hasst. dazu kommt das stete gefühl, schuld zu sein am kraftakt des gesunden und die verantwortung dafür zu haben. der angehörige widerrum folgt dieser abwärtsbewegung erneut, weil jede verschlechterung des depressiven zustandes ihn noch mehr in die lösung drängt – denn so funktioniert es doch: problem – nachdenken – lösung – gut. es ist als ob versucht wird, zwei völlig unterschiedliche schablonen überein zu bekommen. am ende aller versuche diese aneinander anzupassen, was im leben nicht funktioniert (man darf mir glauben ich hab das mit verbissener ernergie und kraft für zwei, jahrelang bis heute immer wieder bei den unterschiedlichsten  mir nahen menschen versucht), steht immer ein nach wie vor depressiver mensch und ein völlig erschöpfter angehöriger, dessen bisherige mutige und positive entschlossenheit zur lösung, umgeschlagen ist in wut, resignation und ja, auch hass. denn menschlich wie wir sind, koppelt der gesunde angehörige seine lösungsvorschläge nicht nur an selbstlosigkeit sondern eben auch an liebe und deren beweis. natürlich ist jedes mitdenken, jede idee, jeder vorschlag zeichen der liebe und fruchtet dieses so gar nicht, mehr noch wird nicht angenommen oder umgesetzt – dann kommt das nicht selten als beweis der angeblich mangelnden liebe des depressiv erkrankten zu seinem sich bemühenden angehörigen an. dh. der immer ratloser werdende angehörige muss aushalten, dass er offenbar nicht so geliebt wird, denn würde er das, würde der depressive doch jede hilfe dankbar annehmen und umsetzen! ich kann es keinem angehörigen verübeln, in diesen momenten der absoluten hilflosigkeit auch so etwas wie hass zu empfinden – ich denke mir manchmal, das sind diese situationen in denen die divergenz der schablonen am deutlichsten spürbar ist. und wo es auch gleichzeitig am legitimaten ist so zu fühlen. zu dürfen. 

es sind diese situationen, in denen der gesunde die spirale des erkrankten verlassen muss. zum eigenen schutz aber auch zum schutz der beziehung. ein zu langes verweilen im gedankenstrom des depressiven sowie ein zu langes kräftezehrendes sich dagegen anstemmen des gesunden führt zu verschleißerscheinungen, die – im fall einer partnerschaft – oft in trennung endet. 

was der angehörige hinkriegen muss ist, es auszuhalten, dass man weiter sein eigenes leben führen kann, darf und sogar muss. auch wenn es sich wie verrat am geliebten menschen anfühlt. „wie kannst du nur selbst so gut gelaunt sein, wenn es deinem partner so schlecht geht!“ ist ein innerer satz, den sicher viele angehörige kennen werden. es fühlt sich wider jeder humanen liebenden regung an, wie verrat und aufgabe, illoyalität und desinteresse. es steht konträr zur verinnerlichten haltung (die nicht nur im einzelnen sondern auch gesellschaftlich tiefverankert ist) des helfen wollens und müssen – jemand ist in not, ich helfe. gerade für angehörige mit starken inneren helfer-anteilen ist es zu beginn einer depression eines angehörigen ein ding der unmöglichkeit nicht zu helfen. eventuelle starke moralische anteile verstärken die dynamik noch zusätzlich. 

aus eigener erfahrung ist die durchbrechung dieser dynamik lange zeit nicht möglich. zum einen weil sie so selbstverständlich ist, dass man sie lange nicht hinterfragt. zum anderen weil die kräfte des gesunden angehörigen oft enorm sind, was durchhaltefähigkeit und selbstaufgabe angeht. und selbst wenn diese schwinden, ist die gefühlte moralische verpflichtung ein enormer antrieb über die eigenen kräfte hinaus weiterzumachen. ich bin ja gesund, der andere ist krank. ergo bin ich stark und er ist schwach. das ist das tiefverwurzelte bild dem beide – der depressiv-erkrankte wie der gesunde – aufsitzen. 

und dieses gilt es zu durchbrechen. und die frage die einen in diesem prozess begleitet lautet „wie kann ich eigentlich gleichzeitig empathisch sein und mich abgrenzen?“ 

über fragen. und fehlende antworten.

heute auf einer langen, einsamen wanderung in der toskana gedacht, dass ich die suche nach den antworten loslassen muss um wieder zur ruhe zu kommen.

ein suizid hat eine tür in mir aufgestossen zu einem raum, den es schon sehr lange in meinem leben gibt. seit ich denken kann, gibt es in meinem nahen umfeld menschen mit depressionen. der erste war mein vater – jahrzehntelang, immer wieder in schüben, schlich sich die depression in unsere familie. sie hatte nicht diesen namen, sie hiess „papa muss viel arbeiten und ist gerade deswegen müde.“ oder „wir streiten nicht wegen euch.“ oder „reiss dich zusammen, du kannst jetzt hier nicht rumjammern.“ über all die jahre bis heute war ich angehörige von depressiven menschen, die mir nahestanden beziehungsweise stehen. ich war gezwungen dieses thema auszuhalten und irgendwie damit klarzukommen. ich habe mich auf genau die art und weise mit dem thema beschäftigt, wie ich es von kindesbeinen an gelernt hatte: ich negierte es. ich riss mich zusammen, wenn die wut mich übermannte. dachte „faulheit! bequemlichkeit! rumjammern!“ und sagte „alles wird gut, ich mach das schon.“ ich verdrängte alles was mit diesem thema zusammenhing und wurde wahrscheinlich genau deshalb immer wieder damit konfrontiert. unausweichlich wurde es dann vorletzte woche – er, den ich so lange mit seinen depressionen kannte, brachte sich um. und die tür war aufgestossen und liess sich nicht mehr schliessen.

aus dem raum, den die tür bisher immer verschlossen hielt, drang vorallem ein: meine eigene unglaubliche angst. jeder bisherige widerstand gegen das thema depression schnurrte zusammen und enthüllte was in wirklichkeit dahinter stand, eine tiefe, grauenhafte angst vor verlust.

depression ist bereits ohne suizid durchgehend von verlust geprägt. man verliert den menschen an seiner seite an sie. sie verschlingt ihn vollständig und lässt einen selbst einsam zurück. man führt eine beziehung, die in sehr vielen bereichen im grunde keiner beziehung entspricht sondern einem alleingang, verbunden mit einem damoklesschwert über einem, dass der andere geht, psychisch wie physisch. wenn nicht für immer, dann aber doch in die untiefen seiner seele, wohin ihm niemand – trotz allem
verständnis, trotz aller beschäftigung, trotz allem willen – folgen kann. und soll. die depression des einen, ist die verlustangst des anderen. zumindest war und ist es bei mir so. die unerreichbarkeit des depressiven für alle überlebensstrategien eines nicht-depressiven, beraubt den angehörigen nach und nach seiner kraft und hinterlässt am ende, wenn wieder und wieder alle ideen und alle aktion versagt hat, eine grosse, unbeschreibliche angst.

diese angst ist es, die in meinem raum herrschte, die ich zu kontrollieren versuchte durch aktionismus, ratschläge, trotz und verweigerung. und mit der ich jetzt konfrontiert bin, mit der verschärfung, dass ich nun auch weiss, dass das „es geht schon.“ und funktionieren eines depressiven nichts, absolut nichts über seinen inneren seelenzustand aussagt. ich wage soweit zu gehen und zu sagen, dass vertrauen an der stelle kaum mehr möglich ist.

in den tagen nach dem suizid wollte ich alles wissen über depression. ich befragte zwei menschen in meinem leben, die mir sehr nahestehen und beide an depression leiden, was sie von dem thema halten. beide bestätigten mir, dass diese gedanken existieren, dass sie in einem sind, als letzte option dem leid ein ende zu bereiten. das war ein weiterer schlag in meine angst, auch wenn ich beiden unglaublich dankbar bin für ihre schonungslose ehrlichkeit, ich bin zutiefst davon überzeugt: ohne geht es nicht.

seitdem habe ich fragen, tausende, und kriege keine antworten. ich lese, ich denke nach, ich führe gespräche aber der depression komme ich keinen deut näher. sie hat zwei ebenen, die rationale und die emotionale, letztere ist in meinem augen nicht zu erfassen, so sehr ich es auch versuche. diese offenen fragen haben mich die letzten zwei wochen an den rand der erschöpfung gebracht. den der sich umbrachte kann ich nicht mehr fragen, warum er sich selbst das leben nahm, die lebenden will ich nicht mehr fragen weil ihre antworten mich zu tode ängstigen und ihre antworten sie selbst beschämen. ein depressiver mensch weiss sehr genau darum, was er seinem angehörigen zumutet und leidet darunter in einem kaum vorstellbaren ausmaß. das zumindest habe ich verstanden, das kann ich sogar nachfühlen, das ist mein licht wenn es für mich schwer wird in der begleitung.

und heute auf der wanderung plötzlich der eine satz in mir „Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten.“ und ich denke ja, so ist der weg. der weg ist das stehenlassen der fragen, weil die antworten noch nicht da sind und vielleicht auch nie kommen werden und weil ich vielleicht auch mit ihnen im moment nicht umgehen könnte. es ist ein leben mit den offenen fragen, in der hoffnung, so wie rilke es schreibt, eines tages, ohne es zu merken in die antworten hineinzuwachsen.

bis dahin will ich begreifen was zu begreifen geht. und das auszuhalten und loszulassen, für das es keine antworten gibt.

Sie sind so jung, so vor allem Anfang, und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.
rilke, brief an franz xaver kappus