fragen und antworten.

gestern hatten m. und ich den abschluss der mediation, die wir gemeinsam mit einem lehrerkollegium gemacht haben.es ging nochmal darum, was jeder einzelne zum gelingen des gemeinsamen auftrags beitragen kann. da war viel die rede vom fragen. ja, meinten viele, es wäre wichtig die dinge zu erfragen. wenn man merken würde, dass das gegenüber sich anders verhält als sonst oder wenn es sich zurückziehen würde oder dinge tun würde die man nicht versteht. dann, so die einhellige meinung, sei es wichtig zu fragen um herauszufinden was los ist. 

ich konnte dem nur zustimmen – aber ich merkte auch wie sehr ich noch was hinzufügen wollte: genauso wichtig wie das fragen bez. die bereitschaft zu fragen, ist die bereitschaft auch zu antworten. beides geht hand in hand. das eine macht ohne das andere keinen sinn.

ich stelle oft fragen auf die ich keine antworten bekomme – das tun wir alle. manchmal halten wir das aus, manchmal verstehen wir die stille die darauf folgt, oft aber auch verletzt die antwortlosigkeit ungemein. denn es ist was wahres dran, wenn man sagt keine antwort ist auch eine antwort. keine antwort ist zurückweisung, es ist der bewusste akt das gegenüber weiter im unklaren lassen zu wollen, sich nicht festlegen zu wollen, unberührbar zu bleiben, macht zu erhalten, kontrolle auch, sich nicht festlegen oder festmachen zu wollen. keine antwort auf eine frage zu geben oder zu erhalten ist die unterbrechung von kommunikation und beziehung. selbst „ich habe da im moment noch keine antwort drauf.“ ist eine angemessenere antwort als gar keine.
und so ist es sicherlich ein weiser rat, in konflikten oder eher noch zur vermeidung von konflikten, fragen zu stellen. damit disponiert man sich und liefert sich, gerade in heiklen kommunikations – und/oder beziehungssituationen, auch aus. jede frage ist eine positionierung „hier stehe ich. das will ich wissen weil.“ und weil das so ist, verdient das gegenüber eine antwort, in der sich die ebenbürtige haltung ausdrückt: denn auch mit einer antwort disponiere ich mich, stelle ich mich auf eine position „und das antworte ich dir.“ 
fragen und antworten ist eine sache, die nur in balance ist und zur lösung beiträgt, wenn beides erfüllt ist, beides auf augenhöhe stattfindet.
insofern war der rat gestern „haben sie mut fragen zu stellen“ gut und richtig, mit der ergänzung „und haben sie den mut antworten zu geben.“ 

mitgehangen, mitgefangen? depression ist ein arschloch und ich eine angehörige – teil III.

ich sitze neben ihm und merke, dass ich schreien möchte. ich möchte erst schreien, ihn dann bei den schultern packen und schütteln. und dann nochmal anschreien. oder irgendetwas tun, damit diese lähmung abfällt, damit der zum vorschein kommt, den ich liebe.

ich tue stattdessen nichts dergleichen, ich bleibe still sitzen und betrachte ihn. sehe die kleine steile falte auf der stirn, sehe dahinter förmlich die gedanken rasen. ich sehe seinen mund, seine lippen, die so schmal sind, aufeinandergepresst, als möchte er mit aller gewalt verhindern, dass irgendein wort herauskommt. er ist da aber nicht da. er ist irgendwo in dieser parallelwelt der depression in die jemand ohne depression nie reinkommen wird. ich sehe den aufruhr in ihm an seiner körperhaltung, ich kann seine gedanken, sein befinden körperlich spüren. es ist als ob über die kurze distanz, die wir auf dem sofa auseinander sitzen, ein strom zwischen uns entsteht, in der all die schwere, die destruktivität, die lähmung direkt auf mich übergeht. ich habe den nichts entgegenzusetzen, denn ich bin da in einem echten dilemma.

ich liebe diesen menschen und deswegen bin ich offen. ich begegne ihm mit einem offenen herzen, einer offenen seele, einem offenen geist – das macht man so in beziehung, alles andere wäre ja auch quatsch. eer läuft schon geschlossen durch einen beziehung? gleichzeitig ist es genau dieses offen sein, das dazu führt, dass ich völlig ungeschützt der depression ausgesetzt bin. sie rauscht durch mich hindurch und ergreift mich mit ihrer ganzen stimmung. sie ist wie eine welle, die einen zu boden wirft, einem sand in den mund schaufelt, die luft nimmt und fest auf den boden drückt. weil ich aber nicht depressiv bin, reagiere ich „gesund“ darauf und wehre mich dagegen mit meinen mechanismen. ich kann gar nicht viel dagegen tun, es ist ein automatismus – ich höre ein problem und denke ah. und was kann ich jetzt tun? das macht stress. enormen. mir und meinem gegenüber. mir weil ich eine wahnsinnsenergie darauf verwende ein leben zusätzlich neben dem meinen mitzuleben und mitzudenken und meinem gegenüber, weil ich genau das tue. und damit den spiegel vorhalte, was er nicht schafft. gleichzeitig kann ich mich aber nicht verschliessen beziehungsweise ich wüsste gar nicht wie. ich habe es versucht, es ist mir nicht möglich. das gefühl mich zu verschließen führt bei mir zu der frage ob ich dann überhaupt noch liebe. oder anders: wie ist liebe möglich, wenn ich nicht offen bin für mein gegenüber? ich muss aber perspektivisch dafür sorgen, das hinzukriegen, denn ich hatte das schon einmal in meinem leben, dieses offenbleiben um jeden preis für den anderen, dieses stellvertretende mit-leben, es endete nicht gut. für mich nicht, für die beziehung nicht.

es ist das dilemma des angehörigen: liebe ich, tue ich etwas. tue ich nichts, liebe ich dann noch? schone ich, überfordere ich mich. schone ich nicht, überfordere ich den depressiven. der verbleib in diesem dilemma führt auf dauer zu erschöpfung und sehr unguten gefühlen. lebe ich das zweite leben „mit“, in gedanken, überlegungen und gefühlen, dann bleibt es nicht aus, dass eine erwartungshaltung entsteht. erstens die, dass sich doch jetzt auch bitte schön was ändern muss, weil „was soll ich eigentlich noch alles für vorschläge machen, da wird doch jetzt mal irgendwas dabei sein was umsetzbar ist!“ und zweitens die, dass es doch nicht sein kann, dass jemand so gar nichts von einem annimmt, „ja liebt der mich vielleich am ende gar nicht? bin ich dem denn egal mit meiner not?“ es ist die ungute, aber durchaus menschliche verknüpfung des gebens mir der erwartung. klar, eine zeit lang gibt man selbstlos jeden gedanken, jedes mitfühlen, jede tat und jede hilfe. denn zum einen ist das sehr profan erstmal ein super gefühl, wenn man für den anderen da ist und zum andern hat man, ich!, nicht wirklich auf dem radar, dass das hier kein kurzer anfall von schlechter laune ist oder verstimmung. Selbst in der jetzigen beziehung ist es mir so ergangen, dass ich das wort „depression“ hörte und trotz aller meiner erfahrung wieder in die denke fiel „ach so. ja. kenn ich. das geht schon wieder rum, musste nur genug mithelfen und unterstützen, dann passt das.“ ich bin manchmal sehr dumm. denn natürlich ist es auch diesmal keine angelegenheit von kurzer dauer.

erschwerend kommt oft noch hinzu, dass das umfeld in dem man lebt die eigene tendenz des sich selbst aufarbeitens unterstützt. unsere gesellschaft hat immer noch ein sehr selbstloses und selbstverständliches bild des helfens und fordert das oft unbewusst vom angehörigen ein „du kannst den/die doch jetzt nicht alleine lassen!“ „du bist gesund und stark, du schaffst das schon, ihn zu unterstützen!“ „er/sie würde das auch für dich tun!“ zum anderen hat auch das umfeld nur eine geringe frustrationstoleranz und bedeutet einem nach kurzer zeit, dass es doch jetzt auch endlich mal zeit sei, dass sich was ändert. „ja geht’s dem immer noch schlecht!“ war ein sehr oft gehörter satz in meiner vergangenheit – bei mir passierte jedesmal zweierlei: ich hatte das gefühl, immer noch zu wenig/nicht das richtige/das falsche zu tun, deswegen änderte sich nichts und – es verstärkte meine heimliche wut auf das unvermögen des depressiven an seinem zusatnd was zu ändern. wenn das nämlich auch schon andere so sehen, dann kann ich mit meiner annahme ja auch nicht wirklich falsch liegen. allein dieser gedanke setzte dann wieder die schuld in gang mit der folge, dass ich die dann entweder beim depressiven suchte oder bei mir und noch mehr tat. was nichts brachte, was die wut wieder verstärkte etc. kreislauf verstanden?

wut und ärger, zorn und ablehnung des geliebten menschen und damit verbunden die schuld ist ein zustand, der mich in beziehung mit einem depressiv erkrankten begleitet. das ist so unumstößlich wie die tatsache, dass die erde rund ist. jeder versuch, das zu negieren endet in schuld und einer weiteren verstrickung in den oben genannten kreislauf. es ist scheiße, dass der depressive seinen arsch nicht hochkriegt. es ist scheisse, dass ich kaum oder keine zuwendung bekomme, weil der depressive in seinem leid versinkt. es ist scheisse, dass ich mich ungesehen, ungeliebt und nicht begehrt fühle, weil der depressive in seiner welt lebt und dort ausschliesslich mit sich beschäftigt ist. (während ich das schreibe merke ich sofort, wie hoch mein bedürfnis ist den depressiven in schutz zu nehmen, er kann nichts dafür, er macht das nicht mit absicht….ich schreibe es bewusst mal nicht hin, sondern formuliere meine gefühle so plakativ wie sie nun mal bei mir auftauchen.) es ist scheisse, dass ich meine eigene unbeschwertheit verliere, meinen humor und meine gelassenheit. es ist scheisse, dass ich spüre wie meine liebe zu verschwinden droht. es ist scheisse, dass ich merke wie erleichtert ich manchmal bin, alleine sein zu können. mit einem depressiven zu leben, zusammen zu sein, ihn zu lieben ist anstrengend, verletzend, überfordernd, auslaugend, ungerecht, traurigmachend, verwirrend, ohnmächtig und nochmal: scheisse. Nicht immer, aber sehr oft.

und es ist an dieser stelle wichtig zu wissen: all diese gefühle ruft nicht der depressive hervor. rr ist lediglich der auslöser, der symptomträger. die depression ist die ursache. das ist die unterscheidung. und es ist wichtig, sich das immer und immer wieder ins gedächtnis zu rufen. denn die verschmelzung an der stelle, die übertragung der auswirkungen einer depression auf den charakter des depressiven ist nicht gerechtfertigt, sie sorgt für eine völlig verzerrte wahrnehmung, sie lässt beide leiden. das verschärfende problem an der sache ist, dass wir gesunden alle ein leistungsmuster in uns tragen, dass nicht-leistung schnell zur charakterfrage werden lässt. wir können uns nicht vorstellen, dass es irgendwas geben könnte, was sich sozusagen dazwischen schiebt zwischen mich und meine leistung. leiste ich nichts, muss das immer mit mir zu tun haben und somit ist es aber auch immer von mir wieder änderbar. es gibt einen unmittelbaren tun-ergehen zusammenhang. es ist eine ähnliche leistungsfalle, wie die des gesunden angehörigen. auch er gerät unter diesen blick, wenn er meint (oder ihm von außen suggeriert wird), dass er nicht genügend leistet, wenn es dem depressiven doch immer noch schlecht geht. das ist eine wichtige gemeinsamkeit. beide leiden unter einem leistungsanspruch, den sie nicht erfüllen können weil die krankheit depression das aktiv verhindert. es ist nicht das unvermögen des gesunden, den depressiven wieder gesund zu machen und es ist nicht das unvermögen des depressiven, sich doch bitte einfach aktiver an die lösung seiner probleme zu machen. es ist die depression, die wie ein eigenständiges wesen zwischen den beiden hin und her geistert und ihren schaden wirkt.

deswegen scheint es mir (und ich versuche das selbst täglich….) sinnig, ganz bewusst zu unterscheiden zwischen dem depressiven – dem gesunden – und der depression an sich. mit der bewussten trennung haben die gefühle beider beteiligten, ihre lebens und erfahrenswelt, absolute daseins berechtigung. das ist mir wichtig nochmal klar auszudrücken: die gefühlslage des angehörigen, was seine wut und seinen ärger, seine verletztheit und manchmal auch gleichgültigkeit angeht ist richtig. sie mag sich nicht schön anfühlen oder schön miterleben zu sein aber sie ist richtig und sie ist normal und vorallem darf sie sein. sie ist nicht der angehörige an sich, es ist das was die depression mit dem angehörigen macht. der angehörige ist immer noch ein empathischer, geduldiger, liebender mensch. aber die depression (verbunden mit den aussenbildern der gesellschaft von leistung und nicht-leistung, von krankheit und gesundheit, von schwäche und stärke denen allen der angehörige ja noch zusätzlich ausgeliefert ist) verändert ihn. sie legt sich auch auf ihn wie ein filter, verändert seine wahrnehmung, seine kraft und sein urteilsvermögen. das macht ihn aber ihn nicht zum schlechteren menschen, sondern die krankheit depression zu einer besonders perfiden und heimtückischen.

teil I 

teil II 

luftdingsi. 

ich hatte gestern supervision. ein eingebrachtes thema von meinem kollegen führte zu der vorstellung der 4 elemente-lehre. ich halte wenig von modellen dieser art. mir ist das zu festgelegt, das erinnert mich immer alles ein bisschen an sternzeichen – da sagen dann immer alle ach ja klar bist du das! du bist ja voll so und so und derjenige nickt dann, weil klar ist immer irgendwas dabei was passt. man kann einen zwilling auch als wassermann verkaufen wenn man das will. lustig sind diese modelle dennoch, besonders bei menschen, die ansonsten nicht viel reflektieren – für die ist es oft ein gute gerüst um überhaupt mal in so etwas wie eine selbsterkundung zu kommen. und mir persönlich macht es spass, weil es manchmal ganz aufschlußreich ist in sehr plakativen bildern zu sprechen, sowohl in der rückmeldung für andere als auch für mich.jedenfalls ging es recht schnell um die konstellation kollege und ich. denn wir beide sind scheints prototypen zweier elemente. er erde, ich luft – wer hätte es gedacht. es gibt immer zwei gegensätze die sich besonders anziehen, einmal erde-luft, einmal wasser-feuer. jeder mensch hat ein hauptelement, zwei begleitende elemente und ein element, das kein bisschen in einem vorhanden ist, wohin aber – und das finde ich spannend – das sehnen hingeht. mein hauptelement ist luft, die begleiter feuer (wenig) und wasser (viel) und mein gegensatz ist erde. deshalb klappt das zb. auch so wunderbar mit meinem kollegen. wir kollidieren quasi nie. bei gegensätzen ist theoretisch (denn niemand ist „nur“) die anziehungskraft so groß, dass sie sich perfekt ergänzen bez. sich nicht stören. und weil er seeehr erde und ich seeehr luft bin führen wir eine sehr entspannte arbeitsehe, wenn wir nicht weiterkommen wird er einfach still und ich gehe. beste beziehungsvoraussetzungen. so in etwa. kollisionen entstehen, wenn die elemente sich beginnen zu stören. wenn zb. ein sehr luftiger mensch mit einem sehr feurigen zusammen kommt. das kann zu beginn sehr leidenschaftlich und passend sein, aber zuviel wind bei feuer….fläschenbrandgefaahr! oder wenn ein wassermensch mit einem erdmenschen zusammen kommt, da kanns dann durchaus auch mal zu überschwemmungen kommen, wenn der wassermensch zu überbordend sensibel aufgetreten ist.

clou dieses modell ist nun, dass man sich erstens selber einzuschätzen weiss und zweitens sein gegenüber. denn davon kann ich gut ableiten, was ich zb. als luftmensch tunlichst unterlassen sollte. so weiß ich aus eigener erfahrung, dass erdmenschen mit widerstand und verweigerung reagieren, wenn ich zu schnell wehe. erdmenschen brauchen eeeeineee laaaangsaaaaame aaanääääheeeeruuuung uuunddd viiiieeeeeeeeeeeeeeeeeel zeeeiit. die ich als wind echt nicht habe. weiß ich das aber, dann kann ich zumindest vorbereitend schon mal ein bisschen luft ablassen und mich dem erdmenschen für ihn angemessen nähern.

wir hatten gestern ziemlich viel spass, uns gegenseitig in diesem modell zu positionieren. und dabei ist mir eine frage eingefallen – was wäre eigentlich, wenn ich gar kein luftmensch bin. wenn ich zwar handle wie einer und das tue ich mit großer sicherheit und jeder mich auch recht schnell als so einen wahrnimmt, ich das aber nicht bin. sondern mein leben und meine prägung mich zu einem solchen gemacht haben. was wäre wenn ich eigentlich in meinem grundelement ein erdmensch bin, da wo meine tatsächliche wirklich große sehnsucht hingeht, wo die höchste anziehungskraft herrscht und mich nur mein leben dazugebracht hat, luftmenschzu werden, weil nur mit diesen eigenschaften meine kindheit und jugend zu meistern waren? ist vielleicht jedes sehnen in einem nicht genau der anteil, der eigentlich ganz unverbrüchlich zu einem gehört, von dem man aber meint man hat ihn sicher nicht? liegt dann vielleicht all unser sehnen nach einem bestimmten „sein“ nicht schon längst in uns und wir müssen nichts antrainieren oder erarbeiten sonder „nur“ befreien?

schaue ich auf mich, so beginne ich erst seit kurzer zeit zu verstehen, welche sehnsucht ich nach diesen ich sag mal „erdanteilen“ ich habe. ich habe so viele jahre unstets und alles andere als statisch verbracht. selbst jetzt ist mein leben ein einziges mobile aus unglaublich vielen teilen, die fein austariert in mir sind und die mich selten zur ruhe kommen lassen. aber gleichzeitig kommen in den letzten 2-3 jahren menschen in mein leben, die genau diese erdanteile haben. die beständigkeit, ruhe und gelassenheit ausstrahlen. die bleiben, statt zu gehen. die ruhen statt zu hetzen. die es geschafft haben, altes in neues zu integrieren und nicht einfach altes wegschmeissen oder durch neues ersetzen. ich bin vor ein paar wochen mit dem freund durch den stadtteil gelaufen in dem er wohnt und er konnte mir an nahezu jedem haus eine geschichte erzählen die mit dem satz begann „als kind war da…“ ich finde das ungemein anziehend, denn ich halte den freund zeitgleich für einen sehr neugierigen und offenen menschen. er hat auf eine art und weise altes in neues integriert und miteinander verbunden, was ihn im kopf frei macht, aber mit tiefen wurzeln stehen lässt. ich finde das unglaublich beneidenswert und sehr anziehend und spüre, wie sehr mein eigenes sehnen dahin geht. ich habe in meinem leben so oft altes abgestriffen, niedergerissen und wirklich aus meinem leben geworfen um neues hineinzulassen. ich dachte immer das gehört so – altes muss weg, damit neues platz hat. und ich erkenne plötzlich, dass das nicht so sein muss. ganz im gegenteil: dass es mir nicht gut tut. emanzipation ist nicht die beseitigung von altem sondern die integration ins neue. trenne ich das eine vom andere, zerreisse ich mich. (das lässt sich übrigens prima auf feminismus, genderfragen und ähnliches übertragen…..) das ist, wenn ich noch einen schritt für mich weiter schaue, vielleicht auch das problem für mich bei diesem trend zum minimalimus in unserer gesellschaft im moment. was mich schon immer daran so gestört hat, ist das verbannen des alten und abgelegten, auch wenn ich weiß, dass der vergleich nicht ganz stimmt und ich den sehr guten und notwendigen seiten des minimalismus auch als konsumkritik damit unrecht tue. aber für mich hat er nie gepasst, ich könnte dieses konzept schlecht für mich umsetzen, vielleicht genau aus dieser haltung heraus die ich bei mir beobachte. es ist sozusagen nur ein weiterer beweis für meine persönliche veränderung in dieser hinsicht.

vielleicht bin ich ja schon immer erdmensch gewesen und all die menschen im moment in meinem leben, die so verwurzelt sind in dem wo sie herkommen, was sie geprägt hat und was sie verbindet, sind dazu da, um mich daran zu erinnern und mir zu zeigen, wie man es schafft das alte ins neue zu integrieren.

ist dem modell ehe noch zu helfen?

gestern abend im gespräch mit einer freundin festgestellt, dass wir so gut wie keine beziehung/ehe in unserem umfeld kennen, in der nicht fremdgegangen wurde oder noch aktuell wird. nun könnte man daraus natürlich auch schliessen, dass wir uns mit besonders treulosen menschen umgeben – dem ist aber nicht so. die allermeisten dieser menschen waren jahrelang treu, in freud und leid verbunden. auffällig ist, dass es am meisten in ehen mit kinder vorkommt und die ehe schon ein paar jahre dauert. darüberhinaus sind es öfters frauen die zuerst aus der ehe ausbrechen als männer – männer scheinen zumindest eine zeitlang noch die flucht in die karriere anzutreten. was frauen (immer noch), die zu hause die kinderbetreuung in vollzeit übernommen haben, verwehrt ist. vielleicht ist da der frust schneller spürbar. es scheint niemand davor gefeit, früher oder später scheint es jeden zu erwischen und wir ertappten uns beim ansehen von hochzeitsbildern eines befreundeten paares, wie wir bereits jetzt mutmaßungen über das wann und wie anstellten.

das alles machte uns nicht glücklich, diese haltung, diese abgeklärtheit, diese bankrotterklärung der ehe. und wir rätselten – wo ist der punkt an dem es kippt? und was die möglichkeit rechtzeitig einzuhaken und den prozess aufzuhalten? klar scheint, dass es oft mangelnde indivuation zu sein scheint, die ins aussen treiben lässt. was ich mir selbst an anerkennung und aufmerksamkeit und selbstwert nicht geben kann, suche ich im aussen. das konnte der eigene partner eine zeitlang befriedigen, dann eine zeitlang die kinder oder arbeit aber dann folgt oft die grosse gähnende anerkennungsleere. ich persönlich glaube, dass es dieser zeitpunkt  ist an dem man unbedingt auf sich schauen muss. was war? was ist? was soll sein? wo stehe ich? wo bekomme sinnhaftigkeit in mein leben, die ich selbst schaffe und die unabhängig von personen in meinem leben sind? 

ganz oft wird dieser entwicklungsschritt dann  nach der trennung vollzogen. plötzlich können sich die vormals von seelischer zufütterung des partners abgängigen, sehr gut selbst seelisch versorgen und leben ein selbstbestimmtes leben. (ich halte zb eine midlifecrisis für teil dieses prozesses und daher für durchaus normal und gesund) die darauffolgende neue beziehung wiederrum ist dann oft gekennzeichnet von klaren grenzen und räumen – innerlichen wie äusserlichen. 

könnte man diese annahmen bereits frühzeitig in ehen leben und damit auseinanderleben und trennung verhindern? und wie würde sich diese, von beiden seiten gelebte, haltung auf familie auswirken? wie auf bindung und erziehung? wie auf das immer noch akute ungleichgewicht in der care-arbeit? würde es zb einen geburtenrückgang geben weil schon vorgeburtlich eher klar wäre, dass man das als paar nicht schafft – auf sich zu achten, auf die partnerschaft und auf das kind? würden familienverbünde offener und durchlässiger weil erwachsene mehr zeit für sich selbst brauchen und auf andere betreuungspersonen zurückgreifen würden? was würde das mit den kindern machen? würde zb. das helikoptern aufhören weil eltern sich ihren sinn selbst schaffen und nicht kinder dafür verantwortlich machen? und was wäre mit dem aufkommenden trend des eltern-burnout? könnte der aufgehalten werden, weil mann und frauen neben mutter und vater einfach auch sie selbst sein dürfen?

ich kenne die antworten nicht, finde aber die gedanken – aus eigener erfahrung – sehr spannend weil ich sie nicht nur für eine wachstumschance für paarbeziehung finde sondern auch für gesellschaft im allgemeinen.
ich habe neulich mal den satz gelesen „wenn jeder für sich selbst gut sorgt, ist für jeden gut gesorgt.“ – es wäre schön wenn das gelingen würde.

the woods are lovely dark and deep…

beziehungen gleich welcher natur gestalten sich in den 20/30ern wie ein parcour, von dem man einen grossteil der hindernisse nicht kennt und nicht sieht. weder die eigenen noch die des gegenübers. vor einem liegt ein weites feld oder ein übersichtliches waldstück. manchmal erkennt man in der ferne einen umgestürzten baum oder ein kleines fettnäpfchen – ansonsten sieht das ganze aber recht freigeräumt aus. man hat nebeneinander platz auf dem weg, trampelpfade oder abkürzungen gibt es in diesem lebensabschnitt oft noch nicht. ebenso so wenig wie die angst, irgendwo anzurennen oder das gegenüber ausversehen ins dornengebüsch zu schubsen. mit viel platz und ohne angst lässt es sich entspannt in beziehung gehen und die dinge nehmen wie sie kommen. gespenster lauern nämlich in dieser lebensphase auch noch recht selten hinter der nächsten biegung. 

je älter man aber wird umso voller wird der parcours. fettnäpfchen in poolgrösse, ganze gefällte baumreihen, versteckte löcher die einen ins bodenlose fallen lassen oder fallen, die einem die füsse vom boden ziehen. und das sind nur die eigenen, mit zunehmendem alter bringt ja auch das gegenüber seine ganze vielfalt an parcourhindernissen mit. und so erinnert beziehung in etwas späteren jahren manchmal an die geschichte von hänsel und gretel im finsteren wald. konfrontiert mit allerei ungemach, das einem in form von gespenstern aus der vergangenheit, verlustängsten die unnachgiebig wie spinnennetze über dem weg hängen oder auch einfach nur einem holzweg begegnet, stolpert man zu zweit durch die dunkelheit und haut sich in regelmässigen abständen die knie blutig. und manch einer geht einem im dickicht verloren und ward nie mehr gesehen. 

aber manchmal hat man grosses glück und geht mit jemandem, mit dem man hand hält in der dunkelheit und pfeift gegen die angst. mit dem wartet man das heraufziehende tageslicht ab, klopft sich gegenseitig den schmutz aus den kleidern, verarztet die wunden, küsst sich und geht einfach weiter. 

denn mal ehrlich – was ist ein parcours ohne hindernisse? 

muss es denn immer normal sein?

heute gedacht, dass ich so sehr versuche, normalität zu leben. und dabei erkannt, dass ein teil meines lebens aber einfach nicht der norm entspricht. und plötzlich eine enorme erleichterung gespürt.

es ist nun mal so, dass unser gelebtes familienmodell nach unserer trennung nicht mehr dem üblichen bild der familie entspricht. die kinder leben beim vater, dieser arbeitet von zu hause und hat dadurch eine alltagspräsenz, die ich als arbeitende frau mit vollem terminkalender in keinster weise erreichen kann. dennoch bin ich jeden tag im alten zu hause, mache hausaufgaben mit den kindern, esse gemeinsame mahlzeiten und bin durchaus auch am abend noch da und fahre erst später in meine eigene wohnung. ich bin jedes zweite wochenende weg und habe zumindest eines der beiden kinder 2x in der woche bei mir, das andere kommt wie es lust hat – was völlig ok ist.

wir leben familie aber nicht im klassischen sinne wie mutter vater kind(er) unter einem dach. seit wir so wohnen bemühe ich mich, unser modell als normalität zu begreifen und es als gleichberechtigt neben die normfamilie zu stellen. ich vollziehe dafür einen irren spagat zwischen mir, meinem individuellen leben, dem leben als mutter und dem leben als arbeitende person, zwischen zwei haushalten, einer neuen beziehung und einer sehr gut funktionierenden beziehung zwischen meinem mann und mir und zwischen allen ansprüchen die damit verbunden sind. und versuche sowohl mir als auch meinem umfeld ständig klar zu machen: „jaa, das ist nicht ganz so wie halt andere aber im grunde gibt es keinen unterschied.“ und merke heute plötzlich wie sehr ich im grunde am umstand leide, dass ich versuche so zu tun als sei das normal.

ist es nämlich nicht. man kann sich gegen das klassische familien bild der triade mutter-vater-kind wehren wie man will. man kann sämtliche patchwork-, wechsel- und andere lebensmodelle dagegen halten, sich für diversität aussprechen, werben und sie leben, toleranz einfordern und sich darüber aufregen wie hinterwäldlerisch das klassische modell sein mag, mit seinen klassischen rollenbilder und aufgabenverteilungen – frage ich am ende ein kind gleich welchen alters, gleich welcher familienstruktur es entspringt, die antwort auf die frage „wie sieht für dich familie aus“ wird immer lauten „mama und papa und kind, die alle zusammen in einem haus wohnen.“ man darf mir glauben, ich habe meine arbeit als empirisches feld für diese frage benutzt.

ich will damit nicht sagen, dass ich hinter diesem modell stehe und es bedauere, dass ich es nicht mehr lebe. ich will damit auch nicht sagen, dass dieses modell das alleine glücklichmachende ist und nicht hinterfragt werden muss, mit all seinem retrocharme und verbesserungsbedarf. aber: es ist nun mal das gängige und in dem fall normale modell. es ist das modell, das hier auf dem land nahezu alleingültig ist und damit jede andere form der familie als etwas nicht normales im sinne von nicht normativ darstellt. und natürlich weiß ich, dass es notwendig ist, dass es mehr diversität geben muss, mehr gelebte andersartigkeit um diese traditionellen krusten aufzulockern, um platz zu schaffen für vielfalt und andere lebensmodelle. ich trage ja im übrigen aktiv dazu bei, in dem ich bez wir unser modell in einem 1000 seelen dorf leben und vertreten.

was aber eine ganz wichtige erkenntnis für mich dabei ist: ich muss es vor mir selbst nicht als normal ansehen. ich darf zulassen, dass wir in einer besonderen situation leben, die kein vorbild hat (aber hoffentlich vorbildfunktion), in der ich fast täglich dazuangehalten werde meinen standpunkt, meine ideen und vorstellungen von familie und miteinander, von mutterrolle neu zu hinterfragen und zu definieren. ich lebe in einem nicht normativen modell, in dem wir die rollenbilder wenn nicht gar getauscht so doch erheblich verändert haben, zumindest für meine begriffe. es ist ein lebensmodell, in dem ich mich völlig auf mich alleine gestellt fühle, weil es niemanden gibt, der weiß wovon ich spreche. der meine versagensängste teilt, meine fragen und auch meine antworten. ich agiere auf völlig blankem papier, jeden tag aufs neue. ich habe keine sicherheit durch die masse, denn das ist es, was normalität gibt– sicherheit. es gibt immer noch irgendwo einen, der es auch so macht und schon ist man zu zweit und zu zweit ist man weniger alleine. meine anstrengungen, unser model so normal wie möglich zu leben ist der versuch, mir sicherheit zu verschaffen. normalität schafft tatsächlich sicherheit, sie kategorisiert und ordnet und erklärt somit die dinge, abgesegnet von der breiten masse. aber mein versuch ist utopisch – denn wir sind getrennt, wir wohnen nicht zusammen, wir teilen uns die kinder (zumindest hin und wieder) auf, ich bin nicht so präsent wie ich das war und wie andere mütter im klassischen modell es sind.

das was wir tun ist nicht normal. das ist gut so, für uns und vielleicht auch für den ein oder anderen, der nicht weiß wie ers anstellen soll mit der trennung und den kindern. ich muss nicht den anspruch an mich selbst erheben, unbedingte normalität zu schaffen. ich darf anders sein und ich darf deswegen auch scheitern. und muss nicht normalität propagieren, weil ich die spannung der andersartigkeit nicht aushalte.

realität ist was ich für sie halte.

ich lese zur zeit ein buch einer amerikanischen systemikerin (meine herren, wie anders – man muss sich schon sehr an das amerikanische empowerment gewöhnen, so als eher rationale und spröde europäerin). grundgedanke des buches ist die iIdee, dass gedanken die wir denken, nicht der realität entsprechen sondern unsere eigene interpretation abbilden – so geraten wir in ständigen streit mit der realität. warum ruft er nicht an? und zack entstehen durch unsere gedanken eine ganz eigene interpretation (sie nennt sie geschichten) um die frage. wir können die frage aber nicht beantworten, es sei denn wir würden anrufen zb und fragen. alles andere ist interpretation, die leid bringt – denn „geschichten sind ungeprüfte theorien, die uns sagen, was diese dinge angeblich bedeuten. dabei ist uns nicht einmal klar, dass es sich nur um theorien handelt.“*

so las ich das gestern abend und war durchaus angefixt von der Idee. es war ein erkennen nach dem motto „was für eine erleichterung es wäre wenn das stimmen würde“ da, aber auch enormer rationaler widerstand: „wie jetzt? aber wenn doch meine kollegin tatsächlich im Büro sitzt und gerade über mich lästert! das weiß ich doch! ich kenn sie doch!“….man kennt das. irgendwann legte ich das buch mit so einem latenten verwörrungsgefühl zur seite,  die sache noch nicht ganz durchstiegen zu haben.

und dann träumte ich. ich träumte, dass man mir eine tüte neuerworbener schuhe geklaut hätte. von einem mann, der in keinster weise irgendwie auf mein bitten reagierte mir die tüte wieder auszuhändigen und auch keinen hehl daraus machte, dass er die tüte in seinem besitz hatte. er sass zusammen mit seinen freunden an einem tisch, wälzte reisekataloge zu den teuersten reisezielen der welt und ich versuchte von charme über diplomatie bis hin zu aggression (am besten gefiel mir mein wütender ausspruch, ich wäre sozialpäpdagogin und würde so derart wenig verdienen im gegensatz zu ihnen, die hier teure reiseziele aussuchen könnten, sie sollen mir jetzt die scheißschuhe aushändigen!) – nichts half. alle blieben freundlich, aber ich erreichte nichts. dann fiel mein blick auf einen kinderwagen mit älterem kind drin. also packte ich die ganz heftige keule aus: ich würde sofort das örtliche jugendamt verständigen, wenn ich jetzt nicht sofort meine schuhe zurückbekommen würde, denn der kinderwagen hätte nicht mal eine bremse und außerdem hätte das kind in dem alter noch einen schnuller (und nein, diese argument bilden nicht meine tatsächliche professionelle haltung ab…) plötzlich kam bewegung in den mann – ja na guuuut, er würde dann mal die schuhe holen. ich kündigte an von 10 abwärts zu zählen und bei 0 sofort die polizei zu verständigen, wenn ich die schuhe bis dahin nicht in der hand hätte. ich begann zu zählen und beobachtete dabei den mann, wie er betont langsam losging und die schuhe suchte. bei null angekommen, hielt ich mein handy in der hand und rief, ebenfalls ziemlich betont, die polizei an. diese meldete sich und zeitgleich merkte ich, dass der mann an dem ich mir bisher die zähne ausgebissen hatte lachend auf mich zukam und „reingelegt!“ rief – ich war bei versteckter kamera gelandet. was ich für die realität gehalten hatte, war einzig meine interpretation der situation, die aber nicht der realität entsprach.

beim aufwachen musste ich erstmal schallend lachen – zum einen, weil das ein ganz wunderbar lustiger traum war, weil mein unterbewusstsein so ein schönes beispiel gefunden hatte und weil mir mit einem schlag klar wurde, was katie byron meint.

wie wunderbar doch das unterbewusstein sein kann. und jetzt probiere ich das heute einfach aus – und sehe meine gedanken mal als geschichten, die ich mir um die realität spinne. mal sehen was passiert.

 

 

  • aus byron katie „lieben was ist.“ ich halte die methode nicht für besonders neu, ich muss nur in den buddhismus oder die zen-lehre schauen, da finde ich sie wieder. das macht das buch aber nicht weniger hilfreich – ich kann es allen wärmstens empfehlen, die sich gerne heftig destruktiv in gedankenschlaufen verheddern. allerdings mit dem nochmaligen hinweis auf die amerikanische art und weise der buchsprache:) phasenweise kam ich mir vor wie in den systemischen schulen der 70er jahre, das muss man aushalten, ich fands amüsant.

now and then.

ich hab immer gedacht, wenn ich nochmal eine neue beziehung beginne, dann weiss ich wie der beziehungshase läuft. ich habe mir das alles sehr entspannt vorgestellt – glückdurchströmt sah ich mich hand in hand über blühende wiesen hüpfen, einen mensch an meiner seite, der mich wortlos verstehen würde, mir jeden wunsch von den augen, lippen und sonstwo abliest, vereint in allen grundsätzlichen meinungen, werten, wahrnehmungen und wünschen. nach zwei gescheiterten langen beziehungen war für mich klar, dass ich jetzt! endlich! begriffen hatte, wie beziehung geht. eliteendboss level 100 durchgespielt, alles klar.

das dachte ich genau so lange, wie dieser eine mensch in mein leben trat. und ich feststellen durfte – neben hüpfen und glücksdurchströmt und vereint gibt es da auch eine menge stolpern, fallen und das gefühl manchmal ein alien vor sich stehen zu haben. ich vermute sehr schwer, das beruht auf gegenseitigkeit.

im grunde vergeht kaum ein sehen wo nicht klar wird, was eigentlich beziehungsarbeit bedeutet und auch wenn es rosa dioptrien gibt – das zunehmende alter und die erfahrung gescheiterter ehen sorgt für einen wachsameren blick auf die themen und ein schnelleres absetzen der brille als noch vor 20 jahren. und auch wenn es mich manchmal extrem stresst und auch hier denke ich gibt es durchaus das gefühl von gegenseitigkeit, so merke ich doch, wie schnell sich die spreu vom weizen trennt und sich der wert oder vielmehr die qualität von beziehung zeigt. wo ich früher noch gezögert und abgewartet hätte, ob sich die erwünschte änderung nicht von selbst einstellt (ein wunder! ein wunder!) spreche ich heute die dinge an oder werde angesprochen. ich erlebe das als ein brandneues feature, das sicherlich anstrengend ist, aber ich habe tatsächlich keine lust mehr, meine beziehungszeit mit abwarten und ungeklärtheiten zu verbringen. damit lässt es sich für mich, auch in vielen anderen bereichen meines lebens, mittlerweile nämlich ganz schlecht leben. das leben wartet einfach nicht mehr  – nicht mehr so wie noch vor ein paar jahren. ich bin mir meiner selbst mit all meinen bedürfnissen, ecken und kanten zu bewusst um sie ignorieren zu können oder aber auch mein gegenüber zu verschonen.

es könnte manchmal vielleicht tatsächlich leichter und unkomplizierter oder auch ruhiger sein. aber was ich gewinne an augenhöhe, klarheit, eigenem wachstum aber vorallem liebe – das wiegt alles auf und gibt es mir doppelt und dreifach zurück.

und das beruht hoffenlich auch auf gegenseitigkeit.