crazy little thing called vereinbarkeit.

ich war und bin seit langer zeit fan von vereinbarkeit. ich glaube fest daran, dass dinge die man will auch umsetzbar sind – mal leichter, mal schwerer, mal mit wenig externen mittel und nur einer kleinen veränderung der haltung, mal mit viel externem aufwand und unter einbeziehung aller am system beteiligten.

vereinbarkeit ist für mich auch nie nur das klassische themenfeld arbeit-familie, sondern bezieht eigentlich immer alle bereichen individuellen lebens mit ein in den unterschiedlichsten kombis. in meinem fall ist das thema vereinbarkeit im bereich patchwork verankert.

seit 4 jahren und seit 2 jahren insbesondere arbeite ich an der vereinbarkeit getrennter familienverhältnisse und ihrer individuelle bedürfnisse. wie wunderschön abstrakt das klingt denke ich gerade, im grunde geht es darum wie bekomme ich mich, meine arbeit, die arbeit von zwei weiteren erwachsenen und die bedürfnisse von 5 kindern inkl. der individuellen terminplanung einer weitern erwachsenen person unter einen hut. und das klingt jetzt irgendwie weit weniger wunderbar. es klingt nämlich nach arbeit.

seit ein paar wochen geht mir bezüglich meines unbändigen vereinbarkeitswillens ein wenig der atem aus. die konstellation bringt feste grössen mit sich, die nicht veränderbar sind – zum beispiel wohnsitze, arbeitsstätten und schulsprengel. sie bringt variablen mit, die nur bedingt variabel sind – familieninterne umgangsregelungen und kindliche eigenheiten zum beispiel. und natürlich bringt sie ein haufen altlasten mit sich, alte abmachungen, alte verletzungen, unaufgearbeitetes was nun nach der trennung sicher nicht mehr angegangen wird und eben mit rumwabert. all das verhindert flexibilität, welche eine unabdingbare voraussetzung für vereinbarkeit ist, spontanität und ein stückweit individualität. ok sie bringt auch stabilität und beständigkeit, aber sind wir ehrlich: davon profitieren die kinder. was toll ist. aber der erwachsene rest beisst sich die zähne an flexibilität und spontanität aus.

und als ich etwas verzweifelt neulich an dieses thema dachte, musste ich abbitte leisten all den anderen gruppen gegenüber, die ebenfalls mit vereinbarkeit kämpfen respektive mütter und/oder väter, und denen ich in den letzten jahren oft mangelnden wille und jammerei vorgeworfen habe. denn es ist eben leider nicht immer nur ein frage des willens. sondern auch eine frage der belastbarkeit, deren beantwortung sehr oft von anderen lebensumständen abhängt. eine kosten nutzen frage, nicht nur finanziell sondern auch des krafteinsatz her wegen. eine frage der bereitschaft, die völlig unabhängig davon ist, wie sehr ich bereit zu allem bin – es reicht ein rädchen im getriebe, welches blockiert und bockt und mein wille ist im nu fremd-blockiert. die kraft, die es mich die letzten jahre gekostet hat an der vereinbarkeit getrennter familienverhältnisse zu arbeiten, war vorallem darin investiert, alle zu einen. was aber im umkehrschluss heisst, dass ich bei jedweder vereinbarkeitslösung eben auch jeden beteiligten im boot haben muss, sonst rädchen -> blockiert -> tschüss vereinbarkeit. denn vereinbarkeit gegen den willen eines einzelnen ist nun mal keine, nicht umsonst heisst es vereinbarkeit.

das alles ist verbunden mit einer menge aufwand – aufwand, der neben meinem völlig unbeeindruckt weirer laufenden leben geschieht. die eintragung von gemeinsamen terminen in schicken familienplanern ist der allerkleinste anteil und geschieht am ende einer langen kette von oft unzähligen gesprächen.

die gemeinsame zeit des freundes und mir orientiert sich an seinem 50:50 wechselmodell und unserem ich nenns mal co-parenting modell. das erlaubt uns alle 2 wochen gemeinsame zeit von freitag abend bis mittwoch früh, 4 tage. das steht im familienkalender. daran halten sich – dankenswerter weise – beide expartner. aber auch diese sind machtlos bei unerwarteten kinderterminen, ungeplanten notwendigen arztbesuchen, manchmal eigener schusseligkeit (was ok ist weil hej, wir alle bemühen uns derbst da dürfen auch mal fehler sein) arbeitsterminen etc. die unwägbarkeiten gibt es. taucht eine auf, müssen rücksprachen gehalten werden: mit dem jeweiligen ehemaligen partner, eventuell noch mit den jeweiligen geschwisterkinder, die immer mal wieder auch in terminkollusion geraten weil irgendwo anders im system ein dominosteinchen umgeflogen ist. das können in summe bis zu 5 gespräche werden, oft kurze, manchmal aber auch sehr sehr komplizierte weil befindlichkeiten und bedürfnisse angeditscht wurden, die es dann vor klärung von allem anderen erstmal gilt zu berücksichtigen. und das sind beispiele, die klein sind, alltagsgekröse. da gibt es noch weitaus umfassendere themen.

ich sags ganz offen: wir sind alle kommunikationseeprobt und uns einander gütlich zugetan, ich frage mich jedesmal wie all dieser summs funzen soll, wenn man diese basis nicht hat. es ist nicht vorstellbar. denn das ist die erfahrung von mir bezüglich vereinbarkeit und ich schwöre das gilt für jedes familie/lebensmodell und jedes thema welches vereinbarkeit braucht: es geht nicht ohne zu sprechen und es geht nicht ohne ein mindestmaß an respekt, freundlichkeit und miteinander auskommen können. fehlt eines und sei es auch nur bei einem einzelnen rädchen, ist vereinbarkeit nicht möglich. man kann es versuchen, aber es ist ein kräfteverschleiss ohne ende, der in der eigenen erschöpfung endet die widerrum in der aufgabe dieses vereinbarkeitsdings mündet.

wunsch und wille sind lediglich der anfang. und man darf mir glauben – ich habe beides und ich habe das glück weitere 8 menschen im boot zu haben, die mitziehen. aber selbst mit diesen idealvoraussetzungen ist es ein kraftakt und ich verstehe jeden und jede, der/die nach viel bemühen ohne erfolg irgendwann aufgibt und die segel streicht. deshalb nützt auch der satz „du muss das wollen! dann klapt das schon!“ nichts. man muss sich die mühe machen genau hinzusehen und zu fragen „was genau klappt nicht? welcher anteil stellt sich quer? welcher umstand gehört zuerst verändert und welche konsequenz hätte das? und ist die dann passend?“ man muss schauen wer nicht im boot sitzt, denn immer ist es die person die nicht im boot sitzt, welche die meiste aufmerksamkeit braucht – auch wenn man vor lauter wut darüber hauen möchte vielleicht weil es eben schon wieder! genau die person ist, die immer überall sitzt aber nicht im boot. man muss genau hinsehen und definieren, was eigentlich vereinbart werden soll, genau hinschauen wo sich geheime wünsche verstecken, die aus dem hintergrund den prozess steuern während alle noch denken es geht ums verhandeln von betreuungszeiten o.ä. dabei wird gerade das thema individuelle selbstverwirklichung verhandelt.

und das allerwichtigste: wir dürfen nicht (sowieso nie!! 😃) von uns auf andere schliessen – wir dürfen uns allerhöchstens glücklich schätzen oder auch gerne auf die schulter klopfen, dass unsere vereinbarkeit mit unseren vorgaben und parametern funktioniert. und dann mit unseren rückfragen und unserem verständnis für individualität vielleicht dafür sorgen, dass es auch woanders klappt.

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