dein leid, meine angst. 

ich meide immer mehr das grosse weite internet. schlage ich es auf springen mir streit, missgunst, besserwisserei und leid entgegen. gerade letzteres liess mich die tage nachdenken – wie war das eigentlich vor internetzeiten, sagen wir mal bei meinen eltern und in einem teil meines lebens, den ich schon durchaus bewusst und als erwachsene wahrgenommen habe? 

da gab es die gespräche meiner eltern am abendbrottisch über einzelne patienten. herr xy, der hat aber heute schlecht ausgesehen oder frau xx hat jetzt doch grünen star. manchmal wurde aus dem freundeskreis berichtet, wer da an was erkrankt war. das wars. leid, ungerechtigkeit, bürokratiewahnsinn, ablehnungsbescheide und ihr daraus resultierendes erneutes leid – tauchte nur auf, wenn man ganz unmittelbar betroffen war oder im näheren umfeld sich was ereignete. was bis zu einem gewissen alter nicht oft der fall war. 

heute ist das anders. heute mache ich das netz auf und werde bombadiert mit berichten über leid. globales, aber auch sehr sehr viel privates leid. menschen, deren partner schwer erkrankt ist und die kämpfen müssen. eltern, deren kind verstorben ist. menschen, die selbst schwer erkrankt sind und davon berichten. und jeder einzelne bericht geht mir ans herz weil ich empathisch bin und vieles zumindest nachfühlen kann – weil ich selbst kinder habe oder ein elternteil ebenfalls lange im sterben lag oder weil ich auch jemand nahes kenne, der an was auch immer schwer erkrankt ist. jeder bericht, jeder post, jedes bild rührt mich zutiefst an. und er macht noch was mit mir. er macht mir angst. 

ich lese berichte über behördenversagen, um nicht bewilligte kuren/rehas/therapien und denke ach du scheisse! bin ich ausreichend zusatzversichert (nein. scheint man eh nie zu sein.) ich lese von ertasteten knoten, operierten knoten, wiederkehrenden knoten und fahre mit der hand an meine brust, in der selbst eine menge (gutartiger) knoten sind und denke ach du scheisse! wächst der gerade? kippt jetzt gerade in diesem einen moment die gesunde zelle ins bösartige? und wann genau werde ich das mitkriegen? ich lese von herzstillständen, herzinfarkten und schlaganfällen und denke ach du scheisse! diese eine genusskippe gestern abend auf dem balkon, wird die jetzt dafür sorgen, dass ich morgen auf dem weg zur arbeit umkippe? 

ich könnte die reihe endlos fortsetzen und besonders mit all den leid und krankheitsgeschichten von kindern – da komme ich aus dem ach du scheisse! gar nicht mehr raus.

ich kann das alles nicht mehr lesen. nicht weil ich unempathisch oder gefühllos bin. noch nicht mal ignorant. ich kann das alles nicht mehr lesen, weil es zu viele geschichten sind. weil das internet es leider möglich macht – im gegensatz  zu früher- geschichten von menschen zu lesen, die mir zwar gänzlich unbekannt sind, die aber dennoch mitten in meinem wohnzimmer stehen und an deren leid ich nicht vorbeikomme weil jede schilderung immer auch eine parallele in mein leben zieht. überall gibt es berührungspunkte, nicht durch nähe und bekanntschaft, sondern alleine durch die möglichkeit des widerfahrens desselben leids im eigenen leben. und das widerrum versetzt mich jedesmal in angst. angst, die ohne das internet nicht in meinem leben wäre. 

in meinem leben ohne internet werde ich auch mit leid konfrontiert, beruflich wie privat. aber es ist dosiert, weil es bei weitem eben nicht so häufig und geballt daher kommt, wie versammelt im internet. ich erfahre von krankheit, tod oder leid und ich kann mich darauf einlassen. ich kann den prozess, wie ich damit umgehe selbst gestalten oder gemeinsam mit der person. ich kann mir einen weg der abgrenzung überlegen, in ruhe schauen was ich an mich ranlasse und was ich aber auch dem schicksal des einzelnen überlassen will. ich kann reden, fragen, hinterfragen, trösten, schweigen, umarmen. ich bin aktiv, selbst wenn ich nichts tue. ich habe gestaltungsmöglichkeiten und handlungsspielräume, sprich: ich habe eine form von kontrolle. und damit auch einen weg mit meiner angst umzugehen, denn natürlich ängstigt mich auch im privaten all die geschichten die mir und oder anderen passieren. aber die angst darf sein, sie wächst nicht ins diffuse, unermessliche weil sie so viele themen gleichzeitig berührt sondern eben eine bestimmte angst. ich kann ihr in ruhe begegnen und mit ihr arbeiten.

ich bin sicher kein unempathischer mensch. und gerade weil ich es nicht bin, muss ich mich schützen. ich werde künftig einen grossen bogen um all die persönlichen geschichten und erfahrungen machen und das leid und die unnötige, mich lähmende angst, dieses gefühl permanenter bedrohung meines lebens in den unterschiedlichsten formen, ausschliessen. wie oft wird gefragt, warum wir so eine ängstliche generation sind – es wundert mich nicht, haben wir doch ständig alle facetten lebensbedrohlicher möglichkeiten vor augen. 

auch hier will ich mich wieder reduzieren auf das was in meinem leben passiert und auf das der menschen in meinem nächsten umfeld. ihnen will ich in leid beistehen und meine kräfte zur verfügung stellen und den rest dieser für mich verwenden – darauf mich zu freuen, dass ich jetzt gesund bin ohne im kopf sämtliche eventualitäten zu haben. 

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2 Gedanken zu “dein leid, meine angst. 

  1. (Bei mir ist es genau umgekehrt, sowas berührt mich in der Regel gar nicht. Weder Medien noch Geschichten aus dem Internet. Und irgendwie beunruhigt mich das auch wieder auf eine Weise, weil ich manchmal Angst habe, zu sehr „abgestumpft“ zu sein. Ich bin ja eigentlich auch ein empathischer Mensch. Oder war es mal. 😉 So oder so, Du hast sehr recht, wenn Du schreibst, dass es alles zu viel ist, dass so viel ungefiltert auf uns herein prasselt. Es wirkt sich vermutlich nur verschieden aus bei verschiedenen Menschen.)

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  2. Ich glaube, deswegen nutze ich das Netz fast nur ganz unprivat oder picke mir immer noch sehr genau raus, was ich in einem privaten Sinne für relevant halte. Sonst ist da tatsächlich eine große Gefahr des Überdrusses da.

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