mitgehangen, mitgefangen? depression ist ein arschloch und ich eine angehörige – teil II.

ein erster schritt zur abgrenzung ist meiner erfahrung nach die selbstreflektion über die eigene geschichte. ich bin nach so langer zeit mit dem thema depression in meinem leben davon überzeugt, dass es eine bestimmte eigene grundstruktur braucht, die eine disposition dafür schafft, dass das thema depression einen platz im leben einnehmen kann. umgekehrt – ich kenne menschen in meinem leben, die werden in 100 jahren keine depressionserkrankte in ihrem umfeld haben. nicht, weil sie unempathisch wären oder persönlich was gegen depressive hätten. es ist ihre innerpsychische grundstruktur, die das verhindert. und es muss noch nicht mal bedeuten, dass diese menschen nicht ebenfalls erfahrungen mit depression in ihrer kindheit und jugend gemacht hätten – aber wie das so ist, der eine reagiert darauf so, der andere so. und weil es da einen unterschied zu geben scheint, ist es lohnenswert zu allererst in sich zu blicken. (das schöne daran ist, dass man erstmal mit sich selbst beschäftigt ist und sich auf sich besinnt – auch schon eine gute abgrenzung zur ständigen konfrontation mit dem depressiven partner und seinen themen.)

ich bin mein leben lang schon von depression umgeben. es begann mit meinem vater und bis heute herrscht in meiner familie ein mantel des schweigens über dieses thema. frage ich meine mutter, wiegelt sie ab, gibt erklärungen ab, die ich schon mein leben lang gehört und geglaubt habe, die aber mit zunehmender auseinandersetzung immer unglaubwürdiger wurden. beispiel? mein vater war augenarzt und musste für bessere untersuchungsergebnisse viel in abgedunkelten räumen sitzen. seine stimmungsschwankungen wurden stets damit begründet – bis heute kommt auf meine frage „war papa denn depressiv?“ immer die antwort „naja nein nicht wirklich. er sass halt oft im dunklen, da fehlt eben automatisch serotonin.“ er sass oft im dunklen – das ist wahrscheinlich dennoch sehr nah an der wirklichkeit.

ich erinnere meinen vater als stets abwesend. anwesend-abwesend. als kriegskind aufgewachsen, früh den eigenen vater ersetzt, der in kriegsgefangenschaft war und erst jahre nach dem krieg wieder nach hause kam, hatte er seine verantwortungen früh zu übernehmen. die mischung aus hohem leistungsanspruch, unausweichlichkeit der situation und viel verantwortungsgefühl führten ihn langsam aber sicher in die depression. ich vermute, er konnte eine lange zeit darüber hinwegtäuschen, drei kinder, eine praxis und ein reiches freizeitleben machten dies möglich. für die, die ausserhalb unserer familie standen. in der familie selber aber führte es früh zu einem vaterbild bei mir, das geprägt war von bedürftigkeit, ohnmacht und erstarrung. und ich übernahm von kindesbeinen an die selbstauferlegte aufgabe, ihn daraus zu erretten. er erschien mir immer im weggehen zu sein oder überhaupt weg zu sein. entweder war er das tatsächlich, weil er die wochenenden nutzte um sich, so vermute ich – im sport, den bergen oder dem radfahren zu spüren, oder aber er war da, aber für mich als kind immer gefühlt auf dem sprung. weg von mir. weg von der familie. in sich versunken. abgekoppelt vom familienleben. es sind bis heute sehr kindliche eindrücke, was sicherlich damit zusammenhängt, dass ich zu lebzeiten nie mit ihm darüber sprechen konnte und so bis heute in diesen kindlichen mutmaßungen stecke und sie nicht ersetzen kann durch eine erwachsene, überprüfte sicht. schaue ich heute auf den vater meiner kindheit und jugend, dann ist er wie ein geist. er war da, aber verfügbar für meine bedürfnisse, meine notwendigkeit liebe zu spüren und zu bekommen, sie tatsächlich zu hören, zu fühlen, zu erfahren war er nicht. ich reagierte darauf (und das ist eine spannende erkenntnis, wenn ich daran denke, was ich oben schrieb, wie unterschiedlich die reaktionen sein können und wie sie bis heute beeinflussen was wir warum bei wem tun) mit großer verlustangst. mein vater war scheints für mich die einzige möglichkeit wärme und zuwendung zu bekommen, meine mutter schien kein ausreichender ersatz dafür zu sein. das machte meinen vater für mich doppeltwichtig, denn ohne seine anwesenheit, psychisch wie physisch, stand ich alleine da. dh. jede „wegbewegung“ meines vaters von mir und auch von der familie, bedeutete verlust und alleingelassen sein. bezieht man die psychische abwesenheit meines vaters mit ein, dann war ich meine kindheit durchgehend vom alleingelassen werden bedroht. ein psychisches grundmuster, das sich tief in mich gegraben hat – bedeutet es doch bis heute, dass die verlassensangst sofort reaktiviert wird, sobald sich jemand, auch psychisch, zurückzieht. man ahnt vielleicht, wie anstrengend diesbezüglich partnerschaften mit depressiven männern für mich sein können…..

wie reagierte ich als kind auf dieses zurückziehen meines vaters?

ich gewöhnte mir an, meine eigenen bedürfnisse zur seite zur legen und mich an seinen, fatalerweise unausgesprochenen und daher meiner kindlichen phantasie überlassenen, bedürfnissen zu orientieren. ich vermied streit, ängste und ärger. ich passte mich an, war brav und bog mich in der hoffnung ihn in seiner starre und seinem rückzug zu erreichen. ich redete viel, ich erzählte die buntesten geschichten, ich machte mich groß, zur not auch mit lügen. ich wurde tapfer, mutig und stark. ich versuchte meinen vater stolz zu machen, mangels herausragender schulischer leistungen besonders durch ein immer größer werdendes empathisches handeln. jedes kind sucht sich das was es kann um anerkennung und zuwendung zu bekommen und, in meinem fall, um den depressiven vater vor dem verschwinden zu retten. ich konnte zuhören. ich konnte früh gut beobachten, ich ahnte stimmungen lange bevor sie zum ausdruck gebracht wurden. ich konnte trösten, ich war stark, belastbar und vorallem – ich blieb mit zunehmendem alter in krise ruhig. ich belastete nicht. ich half stattdessen. ich hatte humor und konnte eines besonders gut – ich konnte vergeben. jeden schlag. jedes bösen wort. jede nicht ausgesprochene entschuldigung. jedes wegsein. jedes unausgesprochene wort der zuwendung. jede verweigerung von nähe. ich litt, ich hatte angst, aber ich blieb standhaft. bis zum tod meines vaters änderte sich im grunde nichts an unserem umgang miteinander. im gegenteil, je älter ich wurde, je mehr ich auch beruflich den „helfenden“ weg ging, je komplexer die lebensthemen wurden, je mehr ich begriff und sah, wenn ich ihn ansah – um so stärker bestätigte sich immer wieder mein verhalten. denn meine art erbrachte mir die wenige anerkennung von ihm, aber immerhin, und zog ihn in manchem gespräch wieder aus der dunkelheit. selbst wenn ich gewollt hätte aus diesem muster auszubrechen – das ineinandergreifen von anerkennung bekommen und zeitgleichem verhindern des gehens verhinderte jeden ausbruch. es ist kein wunder, dass ich mit der aufarbeitung des themas erst nach dem tod meines vaters beginnen konnte.

warum erzähle ich das alles?

ich glaube, dass meine geschichte sehr gut zeigt, wieviel an heutiger haltung aus den erfahrungen der kindheit kommt. und wie sinnvoll es ist, dort einen anfang zu machen wenn man lernen will als angehörige eines depressiven empathisch und dennoch abgegrenzt mit ihm zu leben. die erfahrungen mit meinem depressionserkrankten vater, die permanente bedrohung durch verlust und meine persönlichen „lösungsstrategien“ haben mich auf eine art und weise geprägt, die dazu führen, dass die depression und ich bis heute immer wieder eng miteinander verwoben sind. auf bestimmte depressive grundmuster meines gegenübers reagiere ich bis bis heute im prinzip mit denselben strategien wie vor 30 jahren bei meinem vater. meine prägung hat mich immer wieder in die nähe von depressiven menschen gebracht – wobei es sicher eine wechselwirkung dabei gibt. ich weiß, dass meine stärke und lebendigkeit eine hohe anziehungskraft auf depressive hat. sowie eben auch die depression eines menschen ein mir sehr vertrautes muster bietet, in dem ich mich auskenne und zu hause fühle. das problem dabei ist nur, dass es mich überfordert und ich in alten haltungen lebe, die mich über meine grenzen gehen lassen, weil ich bis heute im umgang mit depressiven einen inneren auftrag zu erfüllen habe: “ ich mache dich wieder heil.“ dieser auftrag ist aber nicht mehr aktuell, er ist der auftrag des kindes, nicht der der erwachsenen und meiner erfahrung nach auch nicht der auftrag des depressiven gegenübers. mein erlernter umgang mit depression lautet also: ich tue alles um dich vor dem weiteren abrutschen in die dunkelheit zu bewahren und gehe dabei über meine eigenen grenzen und bedürfnisse, zum einen weil ich mich dir verpflichtet und verantwortlich fühle und zum anderen, weil ich im grunde große angst davor habe, verlassen zu werden.

jeder von uns hat diese grundstrukturen, die einen auf dinge reagieren und einen dinge tun lassen – die bewusstmachung dieser, im kontext der depression, ist der erste schritt zum neuen umgang. 

und damit kann man doch arbeiten.

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2 Gedanken zu “mitgehangen, mitgefangen? depression ist ein arschloch und ich eine angehörige – teil II.

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