mitgehangen, mitgefangen? depression ist ein arschloch und ich eine angehörige – teil I. 

die grösste schwierigkeit im umgang mit depressiven angehörigen ist ja, dass man nicht der natürlichen seelendynamik des einfühlen und mitgehen folgen darf, sondern in eine bewusste abgrenzung gehen muss. das klingt widersinnig und fühlt sich noch widersinniger an. der mensch den ich liebe berichtet von seinen schwärzesten gedanken und ich soll mich abgrenzen? die bewegung ist bei jedem halbwegs empathischen menschen die, alleine aus sorge und angst voll in die spirale des depressiven miteinzusteigen. sie begleiten zu wollen und aus der eigenen, nicht-depressiven haltung heraus lösungsvorschläge zu machen, ideen zu entwickeln und vorallem mit der kraft für zwei diese krise zu bewältigen. was aber in der folge passiert, ist ein noch tieferes reinschrauben in die depression, weil der erkrankte die schuldgefühle und das eigene unvermögen die lösungsvorschläge umzusetzen, nicht aushält und sich selbst dafür noch mehr hasst. dazu kommt das stete gefühl, schuld zu sein am kraftakt des gesunden und die verantwortung dafür zu haben. der angehörige widerrum folgt dieser abwärtsbewegung erneut, weil jede verschlechterung des depressiven zustandes ihn noch mehr in die lösung drängt – denn so funktioniert es doch: problem – nachdenken – lösung – gut. es ist als ob versucht wird, zwei völlig unterschiedliche schablonen überein zu bekommen. am ende aller versuche diese aneinander anzupassen, was im leben nicht funktioniert (man darf mir glauben ich hab das mit verbissener ernergie und kraft für zwei, jahrelang bis heute immer wieder bei den unterschiedlichsten  mir nahen menschen versucht), steht immer ein nach wie vor depressiver mensch und ein völlig erschöpfter angehöriger, dessen bisherige mutige und positive entschlossenheit zur lösung, umgeschlagen ist in wut, resignation und ja, auch hass. denn menschlich wie wir sind, koppelt der gesunde angehörige seine lösungsvorschläge nicht nur an selbstlosigkeit sondern eben auch an liebe und deren beweis. natürlich ist jedes mitdenken, jede idee, jeder vorschlag zeichen der liebe und fruchtet dieses so gar nicht, mehr noch wird nicht angenommen oder umgesetzt – dann kommt das nicht selten als beweis der angeblich mangelnden liebe des depressiv erkrankten zu seinem sich bemühenden angehörigen an. dh. der immer ratloser werdende angehörige muss aushalten, dass er offenbar nicht so geliebt wird, denn würde er das, würde der depressive doch jede hilfe dankbar annehmen und umsetzen! ich kann es keinem angehörigen verübeln, in diesen momenten der absoluten hilflosigkeit auch so etwas wie hass zu empfinden – ich denke mir manchmal, das sind diese situationen in denen die divergenz der schablonen am deutlichsten spürbar ist. und wo es auch gleichzeitig am legitimaten ist so zu fühlen. zu dürfen. 

es sind diese situationen, in denen der gesunde die spirale des erkrankten verlassen muss. zum eigenen schutz aber auch zum schutz der beziehung. ein zu langes verweilen im gedankenstrom des depressiven sowie ein zu langes kräftezehrendes sich dagegen anstemmen des gesunden führt zu verschleißerscheinungen, die – im fall einer partnerschaft – oft in trennung endet. 

was der angehörige hinkriegen muss ist, es auszuhalten, dass man weiter sein eigenes leben führen kann, darf und sogar muss. auch wenn es sich wie verrat am geliebten menschen anfühlt. „wie kannst du nur selbst so gut gelaunt sein, wenn es deinem partner so schlecht geht!“ ist ein innerer satz, den sicher viele angehörige kennen werden. es fühlt sich wider jeder humanen liebenden regung an, wie verrat und aufgabe, illoyalität und desinteresse. es steht konträr zur verinnerlichten haltung (die nicht nur im einzelnen sondern auch gesellschaftlich tiefverankert ist) des helfen wollens und müssen – jemand ist in not, ich helfe. gerade für angehörige mit starken inneren helfer-anteilen ist es zu beginn einer depression eines angehörigen ein ding der unmöglichkeit nicht zu helfen. eventuelle starke moralische anteile verstärken die dynamik noch zusätzlich. 

aus eigener erfahrung ist die durchbrechung dieser dynamik lange zeit nicht möglich. zum einen weil sie so selbstverständlich ist, dass man sie lange nicht hinterfragt. zum anderen weil die kräfte des gesunden angehörigen oft enorm sind, was durchhaltefähigkeit und selbstaufgabe angeht. und selbst wenn diese schwinden, ist die gefühlte moralische verpflichtung ein enormer antrieb über die eigenen kräfte hinaus weiterzumachen. ich bin ja gesund, der andere ist krank. ergo bin ich stark und er ist schwach. das ist das tiefverwurzelte bild dem beide – der depressiv-erkrankte wie der gesunde – aufsitzen. 

und dieses gilt es zu durchbrechen. und die frage die einen in diesem prozess begleitet lautet „wie kann ich eigentlich gleichzeitig empathisch sein und mich abgrenzen?“ 

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5 Gedanken zu “mitgehangen, mitgefangen? depression ist ein arschloch und ich eine angehörige – teil I. 

  1. Ich kenn das Problem von der anderen seite. Ich habe diese ekelhafte Krankheit und es ist nicht einfach aber tatsächlich habe ich gelernt mich über kleine Dinge zu freuen; der tag ist manchmal durch eine einfach Umarmung gerettet. Ich hab das Gefühl viel weniger von anderen zu verlangen und gleichzeitig mit Kleinigkeiten zufrieden zu werden; selbst wenn es mal schwer ist.

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