herr a. 

der vater mit abgelehntem asylantrag aber geduldet, die letzten 2 jahre im gefängnis, ein 6 jähriges kind das ihn noch nie gesehen hat. und jetzt möchte er kontakt und er möchte seine tochter wieder zu sich holen. seine familie hier in deutschland wie in seinem heimatland weiss nichts von dem kind, wüssten sie etwas würden sie ihm die hölle heiss machen wieso er zugelassen hat, dass das kind erst bei der mutter und anschliessend in einer pflegefamilie untergebracht wurde. 

der mann steht unter druck, man merkt es ihm sofort an. er ist freundlich, sehr höflich, er hört angestrengt zu, fragt einzelne wörter nach, seine hände sind ineinander verknotet und es dauert eine zeit bis ich begreife, dass er angst hat. als ich ihn darauf anspreche, schiessen ihm die tränen in die augen, er erzählt von seinen schlechten erfahrungen mit der bürokratie, den paragraphen, dem jugendamt. ich fühle sehr mit ihm – das ist alles ein riesen mist und schwer zu verstehen wie so institutionen ticken, das geht ja mir schon so und ich sass nicht im knast und kann die sprache sprechen.

ich beschliesse völlig ehrlich die karten auf den tisch zu legen, erkläre ihm, dass es nie zu einer rückführung kommen wird, dass ich ein erstes treffen mit seiner tochter gerne planen werde, aber wirklich nicht sagen kann wie es danach weiter geht. er ist so gefangen in seinen erfahrungen mit behördlichen dinge, dass er ständig paragraphen hören will von mir und wie die anwaltlichen chancen sind. ich arbeite so nicht, ich hasse gerichte, ich vermeide jeden kontakt mit anwälten in meiner arbeit, also kann ich ihm damit nicht dienen und versuche immer wieder die welt seiner tochter zu erklären, warum sie dort wo sie ist zu hause ist, dass mich die erwachsenen bedürfnisse nur soweit interessieren wie sie zum wohl des kindes sind. 

ich merke wie er ungehalten wird, ich verstehe seinen druck, der aus seiner familiengeschichte und seiner herkunft, seinen werten und normen entspringt und in diesem kleinen beratungszimmer in einem oberbayerischen jugendamt ist es plötzlich mit den händen greifbar, wie schwierig integration ist, wie schwierig die balance zwischen deutschen regeln und einer kulturellen prägung die ihn als mann und vater ausmachen. wie starr es hier in diesem land manchmal sein kann wenn es um menschliche bedürfnisse geht. dass sie so oft keinen platz finden zwischen den paragraphen und vorschriften, wie sehr sie das gegenüber entpersonalisieren. das was plötzlich greifbar wird zwischen uns beiden, ist alles soviel mehr als „ja hätte er sich mal benommen und hätte sich um sein kind gekümmert!“ und „selbst schuld!“ und „scheiss aus.länder!“ – es übersteigt für einen moment völlig meinen eigenen horizont, mein ganzes denken, weil der unterschied und die abhängigkeiten und die ohnmacht die daraus resultiert, so heftig und unüberwindbar zwischen uns steht. 

ich schaue ihn bedauernd an, zimmer ihm einen fahrplan zurecht, etwas woran er sich halten kann, was ihm eine art augenhöhe verschafft, weil es ihm ein „tun“ ermöglicht, ein raus aus der ohnmacht. und habe dennoch den eindruck, dass er nur eins mitnimmt: ich krieg mein kind nicht und meine familie reisst mir deswegen den kopf ab.

und mit einem mal wird mir auch bewusst, was für eine arbeit integration ist. was es von beiden seiten abverlangt, wie entsetzlich langsam sie sein kann und wie ermüdend für alle beteiligten. und wieviel leichter es wäre manchmal einfach aufzugeben. 

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