ein kind kommt. 

am 11.1. 2017 wird ein kind auf die welt kommen. es gibt keine hebamme, keine eingekaufte kleidung, kein eingerichtetes zimmer, keinen kinderwagen, keinen namen, nichts. in der mutter des kindes ist grosse ratlosigkeit und es gibt wirklich keine vorstellung davon was das kind braucht, verändert, bedeutet. die mutter ist über 18, daher gibt es keine stelle die sich darum kümmert. ab geburt kümmert sich dann das jugendamt sprich ich werde das kind ab geburt aller voraussicht nach noch im krankenhaus in obhutnehmen. es wird zu pflegeeltern kommen, die selbst kinderlos sind. der säugling wird alle bindungsrelevanten schritte mit den pflegeeltern durchlaufen weil die junge mutter weiterhin keine ansätze von verhaltensänderung machen wird. wie auch, sie ist sozial gesehen ungefähr 14, woher also die reife nehmen wenn nicht stehlen. es wird umgänge geben, die nur deswegen stattfinden weil ich die junge mutter seit jahren kenne, ich ein bisschen einfluss nehmen kann und ich sie über meinen job hinaus ins auto verfrachte und den umgang begleiten werde. irgendwann wird sie mir wegbrechen, entweder weil sie einen neuen freund hat oder wegzieht oder abrutscht. die pflegeeltern derweil werden sich immer stärker ans kind binden und dieses an sie, mit glück schaffe ich es durch hunderte von gesprächen die tür zur leiblichen mutter offen zu halten, damit sie wenigstens die chance behält, als besuchsmutter im leben ihres kindes zu bleiben. nach 2 jahren pflege, in denen die bindungsrelevante zeit nahezu abgeschlossen ist, die mutter sich nicht gross verändert hat, ist dann auch das recht auf seiten der pflegeeltern und eine rückführung weder rechtlich noch pädagogisch noch psychologisch gerechtfertigt. wenn es nicht schon bis dahin passiert ist, ist das oft der zeitpunkt an dem die mutter erneut schwanger wird. das erste kind wird langsam ausgeblendet, die umgänge weniger, oft ganz eingestellt. die pflegeeltern sind mama und papa für das kind, jahre später wird über eine namensänderung nachgedacht werden. das kind wird wurzeln schlagen in einer familie, die nicht die seine ist und obwohl das gut und rettend fürs kind ist, wird es das sein leben lang spüren. die lücke in ihm, die seine mutter hinterlassen hat, wird bleiben und kann nicht gefüllt werden. mit glück verheilen.

vielleicht hatte bukowski ja pflegekinder im kopf als er schrieb

„there is a place in the heart that will never be filled.“

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18 Gedanken zu “ein kind kommt. 

  1. Hallo,

    Bukowski und Plegekinder, ich glaube eher nicht.
    Aber ich weiß, daß ich zu diesen Kindern gehöre,
    die in einer Pflegefamilie groß geworden sind und nach einigem
    hin und her adoptiert werden durften.
    Und nein, ich habe da nie eine Lücke gespürt die gefüllt werden muß
    und auch nie das Bedürfnis verspürt meine Erzeuger kennen zu lernen.

    Lieben Gruß

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  2. Warum muss das denn eigentlich sein, dass der Kontakt zur leiblichen Mutter ueberhaupt so ‚erzwungen“ wird? Waere es fuer das Kind nicht beschuetzdender das nicht zu forcieren und damit dann auch keine Luecke zu schaffen wenn der Kontakt irgendwann ganz wegbricht wie schon jetzt vorhersehbar?

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    • weil meiner erfahrung nach (und andere kluge menschen können das bindungstheoretisch begründen :)) die lücke genau deswegen entsteht, weil die leiblichen eltern „verschwinden“. und solange es, wie in dem fall, eine mutter ist die weder drogen nimmt noch psychisch schwer erkrankt oder sonstwie eingeschränkt und kindeswohlgefährdend ist, halte ich den kontakt für sehr wichtig. (aber sicher nicht um jeden preis in jedem fall.)

      der fall zeigt aber sehr gut die wirklich höchst individuelle gratwanderung meiner arbeit. das ist von fall zu fall unterschiedlich und in dem ahne ich es weil ich die leibliche mutter schon lange kenne. aber im grunde muss ich bei jedem kind bei jeden leibl. eltern neu schauen.

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      • ich denke es geht nicht unbedingt um glück – dazu braucht es die leiblichen eltern nicht. dazu tragen pflegeeltern oder andere bezugspersonen bei. aber ich zäum das mal anders auf:
        ich habe ein sehr kleines kind, welches in pflege kommt. jahrelang hat es entweder sporadisch oder gar kein kontakt zu seinen leiblichen eltern, es ist euhig in der pflege, alle sagen „wow! siehste! ohne leibliche eltern gehts auch!“. irgendwann ricvtung pubertät und identitätsfindung kommt aber unweigerlich die frage nach den wurzeln. und die liegen unabhängig vom glück bei den leiblichen eltern. und – fehlendes wissen bez. fehlende auseinandersetzung mit diesen wurzeln schafft unglück. es geht insofern vielleicht nicht um glück aber um ganzheit. ubd wenn ich einfach jetzt schon weiss wie es kommen wird (einfach aus entwicklungspsychologischer sicht) dann möchte ich die leibliche mutter als „wurzelvertreterin“ im system haben. weil es ein irre kraftakt ist, dem heranwachsenden die mutter (oder den vater) „wieder zu beschaffen“ wenn die einmal draussen ist. und dann bleibt die lücke. manchmal wird die lücke in den jahren nicht empfunden – dann bleibt es bei der rebellion gegenüber den pflegeeltern (ihr seid ja garnicht meine richtigen eltern!) und mehr passiert nicht. aber spätestens wenn die eigenen kinder kommen, dann kommen die fragen. ich habe ca. 1x im monat (!!!) eine anfrage eines früheren pflegekindes, welches kontaktdaten/infos zu den leiblichen eltern haben will – ca. 50% davon bekommen ein kind…..

        übrigens ist die rechtssprechung gegenläufig wieder – die reform des kjhg 2017 geht sehr in richtung pflegeeltern und weg vom recht der leiblichen. ich bedauere das sehr.

        erklärt dir das etwas?

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  3. Ja manches und keine Angst ich will hier in keiner Weise Deine Kompetenz in Zweifel ziehen 😉 Eine gewisse Skepsis hätte ich völlig laienmäßig ob einer Zwangsläufigkeit, wenn es um die Frage der Identitätsfindung in späteren Jahren geht, dennoch. Ich tu mich schwer mit der Annahme, dass „Identität“ „Wurzeln“ o.ä. sich so stark nach biologischer Abstammung richtet, aber Du kannst das natürlich aus der Empirie heraus sehr gut beurteilen.
    Mit der Rechtsprechung meinte ich jetzt auch nicht den Pflegeelternbereich. Es gibt andere Fragen (Beerdigungskosten für leibliche Eltern z.B.), die in Deutschland im Unterschied zu anderen Ländern sehr stark abstammungsrechtlich geregelt sind und das hinterlässt bei mir gerade in Deutschland immer ein ziemlich ungutes Gefühl.

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    • ich bin nicht so schnell in meiner fachlichkeit zu erschüttern :)) und ich mag den fachfremden blick sehr, das zwingt mich in die reflexion und das ist gut!

      ich denke es ist wirklich fallabhängig: es gibt fälle da muss das nicht so sein mit der identitätsfindung. aber in sehr vielen ist es so. man denke nur an adoptionskinder und deren suche nach den wurzeln. und da besteht ja (im gegensatz zu pflege) überhaupt kein kontakt zu den leiblichen. und dennoch beschäftigt sich eine adoptionsstelle zu einem grossen teil ihrer arbeit genau mit dieser suche nach den wurzeln. und es reicht auch schon wenn ich auf mich selbst blicke: als mein vater starb war plötzlich der grosse wunsch in mir nochmal ganz genau sein leben kennenzulernen, eben weil ich merkte dass es da lücken gibt die mich in meinem „ganz-sein“ sehr belasteten. als ich da meine wurzeln besser kannte und einordnen konnte ging es mir in vielen bereichen meines lebens besser. vielleicht kann ich es deshalb aus eigener erfahrung so nachfühlen, warum das wicvtig ist. ich habe zb viele kollegen mit einer super heilen familienwelt in der sie aufgewachsen sind. die haben keinerlei gespür für solche fragen – sie kennen das einfach nicht.

      das mit den verantwortlichkeiten bezüglich beerdigungen etc. finde ich auch sehr schwierig und ich merke, dass es für mich da eben einen riesen unterschied zwischen einer psychologisch notwendigen form der verantwortung und einer rein abstammungsmäßig begründeten verantwortung gibt….. letzteres lehne ich ab. ich tue mich, auch aus oersönlichen erfahrungen heraus, sehr schwer mit dieser form des generationsvertrages und meine da muss es wesentlich mehr luft zur abgrenzung (vom kind zu den eltern) geben.

      abgesehen davon denke ich gerade als ich dein kommentar nochmal lese, dass es natürlich geht, dass man als erwachsener ohne bezug zu den wurzeln überlebt. ich meine aber, dass es wieklich komplex ist – zb ist jemand in erwachsenen jahren sehr bindungsschwach. ständig wechselnde partnerschaften, angst vor nähe etc. viele leiden darunter, manche nicht – dafür dann aber das gegenüber 😉 die die leiden werden recht schnell herausfinden, dass es um die frühen offensichtlich schiefgelaufenen bindunfsjahre geht. und will man das fürs „jetzt“ reparieren muss man ans damals ran. und will man da ran, muss man zwangsläufig an die eigenen eltern ran denn die waren ja für die bindung verantwortlich. und selbst wenn es sie nie gab im leben des kindes, dann entsteht über das bindungsthema und seiner heilung eben der bezug zu den eigenen leiblichen eltern. man kommt da nicht dran vorbei. ich habe in meiner therapeutischen ausbildung gelernt, dass man selbst mit nicht mehr verhandenen eltern in der eigenen psychotherapie arbeiten kann, eben weil kind und eltern innerpsychisch gesehen untrennbar sind. mein exkollege hat immer gesagt, eltern und kinder sind die zwei seiten einer medaille, nicht trennbar. und ich finde er hat recht.

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      • Finde ich wirklich extrem spannend was du da schreibst, und Marko hat die Frage noch viel besser ausgeführt die ich versuchte zu stellen. Es ist richtig, gerade bei Adoptionen kommt man früher oder später meist immer auf die leibliche Eltern Thematik. Ich kenne das nur selber so dass da oft ganz viel Schuldgefühle und, ja, liebe bei den leiblichen Eltern ist die ihr Kind, aus welchen gründen auch immer, weggegeben haben. Wie das für ein Kind ist dessen Mutter kein großes Interesse an ihm hat konnte ich mich nur schlecht vorstellen und das meinte ich mit ‚beschützender‘, aber was du erzählst ist sehr einleuchtend – danke für die Ausführungen!

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  4. Ja in der Tat :). Ich hab tatsächlich durchaus auch meine Erfahrungen mit derlei Dysfunktionalitäten und würde das rein für mich persönlich einfach recht anders sehen. Zudem kommt, wenn es um Blut- und Abstammungsfragen geht, als Deutscher immer sehr schnell eine Historikerallergie zum Vorschein, die die grundsätzliche Denke in diesen Kategorien mit extremer Vorsicht betrachtet. Aber das ist wieder so ne Berufskrankheit 😉

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    • und ich finde deine berufskrankheit ein sehr hilfreiches gegenmittel für meine berufskrankheit, die mich ständig alles in bezug kindheit und eltern sehen lässt 🙂

      ich halt da mal gerade in diesem aktuellen fall innerlich die augen offen was das thema angeht! danke für den gedankenanstoss! ☺

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