downsizen.

derzeit liest man viel über diejenigen, die endlich gehört werden wollen, die endlich jemanden haben der ihnen zuhört und die deswegen rechts wählen, weil dort anscheinend eine menge zuhörer sitzen. und ich mache mir so meine gedanken, was dieses „gehört werden wollen“ eigentlich bedeutet, welches bedürfnis steckt da dahinter und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr möchte ich den blick von der masse über die berichtet wird runterbrechen auf den einzelnen. weil dort das verstehen liegt.

mir fällt der mann ein, der mails schreibt. immer wieder obwohl es ein klares nein gibt, eine klare abgrenzung, ein nicht-antworten und reagieren. und dennoch schreibt er, regelmäßig, immer wieder. schildert ungefragt seine sehnsucht, seine wünsche, sein leben und seinen frust.

mir fällt die frau ein, die unter einsamkeit leidet. die sich in allen gruppen fremd fühlt, die nicht weiß wohin sie gehört. die am wochenende in großraumdiscos menschennähe sucht und am sonntag abend völlig leer und alleine auf dem sofa sitzt.

die frau die jeden, wirklich jeden zutextet. die ungefragt zu einem kommt und viel zu distanzlos dinge aus ihrem leben erzählt, die keinen interessieren.

mir fallen zig menschen aus meinem beruflichen umfeld ein, menschen mit denen ich arbeite, die sich schreiend vor einen setzen, weil sie sich nicht gehört fühlen. menschen, die mit „ich weiss nicht mehr weiter“ anfangen und nach 30 minuten in tränen aufgelöst vor einem sitzen und von ihrer kindheit erzählen.

alle wollen sie gehört werden. wir alle wollen gehört werden. kaum einer der breiten masse der rechts wählenden gehört-werden-woller hat eine klassisch rechte haltung, hört rechte musik oder treibt sich haken.kreuz fahnen schwingend auf kundgebungen rum. wir reden hier nicht von politisch bewusst gebildeteten menschen, die sich intensiv mit inhalten auseinandersetzen und diese bewusst übernehmen. die breite masse, die gehört werden will kennzeichnet eine sache: sie alle werden bereits im allerkleinsten umfeld nicht gehört. nicht von ihrem ehepartner, lebenspartner, den kindern, den kollegen, den freunden. von niemandem. es ist eine große einsamkeit in ihnen und diese einsamkeit ist ein gesellschaftliches problem – und der rechtsruck das symptom welches aus ihr entsteht.

noch nie war einsamkeit ein so derart spürbares thema in unserer gesellschaft wie im moment. ich kann das seit jahren in meiner arbeit spüren, wie sie zunimmt. wie zb. gerichtsstreitereien in ihrer unsinnigkeit, vehemenz und aussichtslosigkeit geführt werden und sie sich in luft auflösen wenn ein rädchen im getriebe sich die mühe macht, mal zuzuhören. wir alle lassen uns in dieser zeit so ein auf die diskussionen um „wie links ist links“ und „wen muss ich verstehen“ und „was will rechts“ und „wem höre ich zu und wem nicht“ und „für wen muss ich verständnis aufbringen und für wen nicht“. das ist so unaushaltbar unsinnig für mich mittlerweile, weil das ein verschiebebahnhof der problematik ist. wir müssen viel tiefer tauchen, wir müssen das alles runterbrechen auf den einzelnen und damit ist nicht nur der andere gemeint sondern auch man selbst. mit wem rede ich eigentlich? wem höre ich zu? welchen kollegen lasse ich links liegen, weil mir sein geplapper auf den senkel geht? welche freundin habe ich nur, weil ich selbst einsam bin und was erzähle ich der eigentlich von mir? wie sehr lasse eigentlich ich mir in die karten sehen, erzähle von meinen sorgen und ängsten? was intellektualisiere ich vielleicht nur, damit nichts und niemand zu nah an mich rankommt? wo bin ich berührbar und wie zeige ich das? wo der andere? was bin ich bereit von meinem nächsten, in der direkten begegnung, anzunehmen? wieviel nehme ich wirklich wahr?

wir verheddern uns derat in metametameta diskussionen, in diskussionen um diskussionen über begriffsdefinitionen, während wir selbst zum 100.x im aufzug mit derselben personen stehen von der wir nichts wissen. der wir kein lächeln, keinen gruß, keine geste des „ich erkenne dich!“ senden.

wir sind kalte arschlöcher, die in der kleinsten zelle der begegnung von angesicht zu angesicht nicht in die karten sehen wollen und sich selbst nicht hineinblicken lassen und wir wundern uns ernsthaft warum es menschen gibt, die meinen ihnen wird nicht zugehört? wir führen super intellektuelle diskussionen über einen großteil der bevölkerung, schaffen uns ein bild ohne wirklich je sich auseinandergesetzt zu haben mit jedem einzelnen der uns begegnet. ich rede nicht von politischer aufklärung, herrgott es ist mir ehrlich gesagt mittlerweile wurscht wer afd wählt oder nicht – ich bekomme dieses thema nicht aus den menschen – nicht so!- , wenn ich nicht im ansatz bereit bin mich für sie sonst zu interessieren. wenn ich nicht irgendwo auf einer ebene erstmal einen kontakt herstelle, ein zuhören. wenn sich nirgends zuhörer finden für den frust, die sorgen und ängste, dann wende ich mich natürlich dem zu, der zuhört. und es sind eben nicht die großen themen wie zukunftsangst und fremdenangst die diese masse reitet, das sind nur schlagwörter unter denen sich die ganzen minifuzzikkleinen mikrothemen subsumieren: mein sohn schafft seine hausaufgaben nicht und ich kann es ihm nicht erklären, er wird keinen schulabschluss schaffen. mein mann geht ständig fremd und ich habe angst um unsere beziehung. meine freundin versteht mich nicht, wenn ich ihr sage dass ich nähe nicht aushalte. mein vater redet nicht mehr mit mir. meine mutter schlägt mich. ich bin überfordert von meiner arbeit.

ist das so schwer? es sind diese ununterbrochenen ängste, die ungehört und ungesagt in den menschen schwelen. ich weiss, ich habe den unendlichen vorteil, dass ich diese sorgen und ängste jeden tag höre und genau deswegen um sie weiss. aber können wir nicht einfach mal alle annehmen, dass der größte schreihals, der seine sorge über ausländer kundtut, vielleicht in seinem herzen der kleinste und ängstlichste mensch ist? der mit all dem scheiss in ihm nirgends hinkann? hat irgendeiner von euch wunderbar sozial eingebetteten und im notfall aufgefangenen, intellektuell ausreichend ausgestatteten menschen überhaupt einen blassen schimmer wie es in den allermeisten menschen tatsächlich aussieht? schliesst nicht immer von euch auf andere oder noch schlimmer – interpretiert das unverständliche verhalten andere nicht für euch auf basis eurer werte und normen sondern hört zu! redet endlich miteinander! setzt euch zu der person, mit der ihr noch nie kontakt hattet, fragt nach und noch viel mehr: fangt an von euch selbst zu reden. gebt einblick in eure konfusion, eure ängste, eure sorgen, schafft damit eine gemeinsamkeit, eine annäherung, selbst wenn sie sich unterscheiden. die gemeinsakeit ist nicht die gleiche sorge oder angst, es ist das gemeinse erleben, das gefühl, das damit verbunden ist.

werdet weich. öffnet euch, begegnet einander. nicht in irren intellektuellen diskussionen. sondern im fahrstuhl, an der kasse im supermarkt, im fitneßstudio oder auf der arbeit. die gesellschaft ändert sich nicht in der diskussion über sie. sie ändert sich auch nicht in der be- oder verurteilung derjenigen die man nicht versteht. sie ändert sich nicht über sozialstudien um „die“ zu verstehen. sie ändert sich noch nicht mal im politischen diskurs mit dem einzelnen.

noch tiefer! wir müssen noch tiefer gehen, noch mehr reduzieren: auf die begegnung mit dem gegenüber, dem sich selbst öffnen, mit dem nachfragen, dem wie geht’s dir, dem zuhören, dem aushalten, dem da sein – mit einem wortlosen freundlichen blick, einem lächeln oder einem wort. wollen wir was ändern, müssen wir gründlich arbeiten. ganz von vorne beginnen.

 

die frage ist ob wir das wirklich wollen. denn es wird uns hinterfragen. und das ist weitaus schwieriger und unangenehmer als immer den anderen zu hinterfragen.

 

 

 

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10 Gedanken zu “downsizen.

  1. „werdet weich. öffnet euch, begegnet einander. nicht in irren intellektuellen diskussionen. sondern im fahrstuhl, an der kasse im supermarkt“

    Das ist ein wunderschönes Mantra für die nächsten zwei, drei Tag… äh Jahre.

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  2. Auch wenn ich derlei aus eigener Erfahrung gar nicht kenne – also nicht mit Leuten in Kontakt zu treten, die durchaus auch mal anderer Meinung sein können, ein sicherlich nachdenkenswerter Beitrag. Wäre da nur nicht meine sehr geringe Toleranzgrenze bei manchen Dingen 😉 und die Frage nach der Umsetzung. Ist ja in der Regel nicht so, dass jemand an der Supermarktkasse „Scheiß Flüchtlinge“ brüllt. Ein Problem ist doch, dass diese diffusen Ängste weit eher im virtuellen Raum oder in einem in sich geschlossenen Rahmen geäußert werden, zu dem man im Normalfall auch kaum Zugang hat.

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    • es geht mir wirklich um den einen schritt vorher. nicht erst um den punkt wo es politisch wird.
      ich glaube das hinter vielen „scheiss flüchtlinge!“ ein konglomerat an sehr privatem steht. DA will ich ran. ich muss dazu gar nicht warten bis jemand irgendeinen rechten scheiss von sich gibt. ich habe das so bemerkt als wir letztes jahr hier im südlichen oberbayern von flüchtlingen überrannt wurden. ich habe mehrere dutzend gespräche mit einheimischen hier geführt – im zuge von wohnraumaquise und aufnahme von unbegleiteten minderjährigen flüchtlingen: da waren fragen, zt absurde, zt „rechtsorientierte“ bez solche die linksliberale als solche bezeichnen würden. in keinem einzigen fall blieb es dabei nachdem ich ohne ver oder beurteilung diese einfach als das beantwortet habe was sie waren und sind: fragen. das lief zb so, dass es um geld ging. ja da würden ja massen von kohle fliessen für die da. jaaa? und wie scheisse das ist. jaaa? und um was geht es wirklich. tja – da ging es dann zb um die sorge wie das landschulheim des kindes bezahlt werden soll oder woher man die infos für die teilhabe bekommt. bingo! es gibt ein reizwort „geld“ zb. und das wird in einen politisch-aktuellen kontext gesetzt, aber das eigentliche thema liegt im privaten.

      die familie die wegen dem geld so fragte – die haben damals 3!! umf aufgenommen als ich denen die töpfe für sie selbst erklärte…..

      reden!! es hilft einfach manchmal nur reden. 😉

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  3. Gut, das funktioniert dann aber nur, wenn man eben mit solchen Problemen konfrontiert wird. Gebe zu, dass mir das so noch nie passiert ist (und ich habe auch keine Töpfe, die ich verteilen oder erklären kann 😉 ). Auch die Trumpianer mit denen ich drüben Kontakt hatte, hatten jetzt alle nicht dieses „Leute-nehmen-uns-irgendwas-weg-Gerede – gut das ist bei Amerikanern generell weniger präsent, da man vom Staat einfach weniger erwartet. Wenn ich jetzt einfach nur für mich spreche, dann ist es schlicht so, dass ich hierzulande weder mit den Leuten generell noch mit deren persönlichen Problemen im Speziellen überhaupt in Kontakt komme.

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    • ich verkenne da vielleicht tatsächlich die realität vieler menschen…..ich habs einfach echt gut mit so vielen vielen menschen kontakt zu haben. und hab deswegen wohl leicht reden….

      (muss aber auch zugeben dass ich vom typ her auch die bin, die mit wildfremden sehr schnell sehr tief ins gespräch kommt.)

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  4. Vielen Dank! Ich bin über einen Hinweis von Jawl hierher gekommen. Über dieselben Dinge habe ich in der letzten Zeit auch viel nachgedacht, konnte es nur nicht so gut in Worte fassen.

    Was mir noch dazu einfiel ist aber, dass das reine (alleinige) Zuhören auf Dauer nicht reichen wird. Natürlich, es ist ein erster Schritt, aber wenn Menschen von ihrer Geschichte, ihren Problemen, Sorgen, Wünschen und Sehnsüchten sprechen, dann erwarten sie sich in den meisten Fällen (früher oder später) mehr als dass ihnen zugehört wird. Mehr Zuwendung, konkrete Hilfe, Unterstützung, etc. etc. Das erfordert dann Zeit vom Gegenüber, und da wird es dann bei den meisten, die evtl. noch bereit waren wenigstens zuzuhören, ganz schnell eng. Alle sind doch so beschäftigt, haben keine oder kaum Zeit, haben ihre eigenen Geschichten, Probleme, Sorgen, Wünsche und Sehnsüchte. Sich kümmern (zumal um Menschen, die nicht Familie oder schon Freunde sind), ist ziemlich aus der Mode gekommen. Das ist den meisten schlicht zu viel. Was dann bei denen, die erzählen, zu Frust und Enttäuschung führt. Nach dem Motto: Ich schütte mein Herz aus. Jemand hört mir zu und dann geht der- oder diejenige wieder, und ich bleibe zurück mit meiner Geschichte, meinen Problemen und Sorgen, Wünschen und Sehnsüchten. Es ist kompliziert.

    Trotzdem hast Du natürlich völlig recht: Wir müssen lernen wieder mehr zuzuhören.

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  5. Nach einem Tag mit diesen Worten im Hinterkopf merke ich, da formt sich noch ein Gedanke:
    „Werdet weich“ da steckt ja auch drin: „Versucht nicht immer, der starke zu sein“. Oder vielleicht sogar: „Zeigt mal Eure Schwächen.“
    Und das ist nicht wirklich populär – und auch nicht ohne Grund: Wir alle haben doch gelernt, dass der andere uns sofort ausnutzt, wenn wir schwächer sind. Wer schwächer ist, ist nichts wert.

    Das klingt gerade aussichtlos, aber an der Stelle fällt mir dann ein, dass ich mal ein Interview mit Irina Wirganskaja, der Tochter von Gorbatschow gelesen habe, in der sie beschrieb, wie groß eigentlich damals das maß war, in dem ihr Vater genau das tat: Nicht mehr der Starke sein. Dass er den kalten Krieg damit beendet hat, dass er dieses Risiko eingegangen ist.

    Mein Gott, da vernetzen sich ja Dinge in meinem Kopf.

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