nur ein satz.

ich tue mich in politischen diskussionen oft sehr schwer. das hat zum einen damit zu tun, dass ich in den allermeisten themen wirklich nur semi-gebildet bin. die dinge sind oft zu komplex um sagen zu können „oh hier! Ich hab meinung!“, es ist ein ständiges erneutes abwägen, umdenken und neu positionieren nötig, will man dieser komplexität gerecht werden. das fasert meinung ziemlich aus und macht mich gefühlt sehr unklar und fähnchenhaft. das widerrum mag ich nicht und weil ich keine zeit und energiekapazitäten habe, ignoriere ich eben einen großteil der wichtigen politischen themen und weiche den diskussionen über diese aus. darüberhinaus geht es in politischen fragen dieser tage recht schnell hoch her, es wird aggressiv und laut, beides dinge mit denen ich extrem schlecht umgehen kann. der, der es schafft trotz der komplexität „meinung!“ zu haben hats leicht und schreit die eben raus, ungeachtet aller anderen möglichen positionen zu diesem thema. und weil auch das nicht mein stil ist, hab ich irgendwie gar keinen stil in diskussionen sondern halte mich raus. so wie mir scheint es vielen zu gehen und ich glaube, viele sind damit nicht glücklich. ich zumindest bin es nicht.

neulich las ich einen artikel, den ich leider nicht mehr wiederfinde und daher nicht verlinken kann (doof, ja. ich ärgere mich auch.), der aber sinngemäß folgendes sagte: wenn man der laut hassenden masse die stimmführung überlässt, geht unter, dass die reflektierten und klugen eigentlich (noch) in der mehrzahl sind. aus verschiedenen gründen, unter anderem weil es jahrelang hiess „don`t feed the trolls“, schweigen mittlerweile immer mehr und ziehen sich zurück oder verstricken sich in nervenauftreibende und zugleich sinnlose trolldiskussionen. dadurch entsteht der eindruck einer schieflage, was widerrum dazu führt, dass die klugen und reflektierten und stillen und komplexer denkenden noch mehr verstummen weil dieses „es bringt eh nix“ gefühl so stark ist.

was also tun? der artikel macht da einen schönen vorschlag, der im grunde sehr simpel ist: er schlägt vor, jedem kommentar digital wie analog einen einzigen ausdruck des nicht-einverstanden seins entgegen zu setzen. das kann ein „ich stimme da nicht mit dir überein“ sein bis zu einer kurzen ergänzung „…weil….“ – aber mehr nicht. ein statement, das nicht darauf abzielt das gegenüber von der eigenen meinung überzeugen zu wollen oder davon, dass die meinung des gegenübers schlicht falsch ist. ein statement, das nicht unfruchtbare diskussionen und agressionen hervorruft sondern lediglich dazu dient im allerkleinsten die eigene haltung zum ausdruck zu bringen. mich hat das sehr angesprochen, weil es mich zum einen aus meiner sprachlosigkeit und hilflosigkeit rausholt. zum anderen, weil ich denke ein satz ist gut leistbar. ich habe ja eine haltung, ich habe ja eine meinungstendenz, auch wenn ich die nicht gut und meinen ansprüchen nach differenziert genug rüberbringe. dieser tendenz kann ich ausdruck verleihen, sie macht meine position klar ohne sie zu erklären. denn in meinen augen braucht es einfach auch nicht immer eine erklärung, es darf auch ok sein einfach zu sagen: nein. dem was du sagst stimme ich dir nicht zu.

und schlussendlich meine ich, dass man widerstand und seinen ausdruck damit gut im kleinen lernen kann, um ihn dann im großen auch vertreten zu können. wenn ich im kleinen „übe“ widerstand zu äussern und ihn auch auszuhalten, dann gerate ich erstmal nicht in die überforderung und anschliessend in die frustration und resignation, wie bei all den fruchtlosen diskussionen die nie, wirklich nie konsens bringen weil m.e. eh kaum einer auf konsens aus ist. es ist auch eine gute möglichkeit für das eigene positionieren und sich selbst ausloten. wo läuft eigentlich genau meine grenze? an welcher stelle positioniere ich mich ganz klar, an welcher stelle weiss ich eigentlich noch gar nicht genau wo die grenze langläuft? wo ist sie nachgiebig, wo braucht sie noch informationen? zwischen unklarheit und agressiver diskussion und ignoranz und frust liegt der eigene weg. und der darf in kleinen schritten verlaufen. erweitern kann ich meine meinung an den stellen, wo ich ahne oder weiß, dass es früchte tragen kann. im freundeskreis, vielleicht auch bei kollegen. da wo ich mich traue, wo ich auf eine gesprächskultur stoße, die eine auseinandersetzung und einen konsens möglich macht.

ich lerne im kleinen. sonst kann ichs im großen nie.

 

Advertisements

11 Gedanken zu “nur ein satz.

  1. Keine Lust auf Streit ;)? Ich mag das ja, aber nur von Angesicht zu Angesicht. Ernsthaft: So viel Mühe würd ich mir gar nicht machen. Ich geb ehlrich zu, dass ich mich vor allem im virtuellen Raum eigentlich nie auf politische Diskussionen einlasse, das kostet zu viel Energie.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s