wunsch. 

ich habe gestern den post von dasnuf gelesen und leider war das der tropfen der mein inneres fass zum überlaufen brachte. nicht, weil das prinzipiell was mit dem thema zu tun hätte, das ist gut und wichtig. nicht, weil das was mit ihrer wut zu tun hat, auch die ist gut und wichtig. vielmehr war genau dieser einzelne artikel einer von vielen seiner art, die ich in den letzten wochen und monaten gelesen habe – und nicht nur zum thema frauen/männer sondern genauso zum thema vereinbarkeit, veganismus, kindererziehung und jedes weitere thema, welches in meinen augen nicht mehr sachbezogen sondern viel zu emotional geführt wird. 

ich beobachte, dass der ton immer rauer und unversöhnlicher wird, von beiden seiten. so viele wertvolle und wichtige ideen und äusserungen gehen verloren oder verfehlen ihr ziel, weil sie sich derselben methoden der darstellung und sprache bedienen wie die seite, gegen die gewettert wird: es sind monologe statt dialoge, beleidigende und abwertende bezeichungnen, stereotype (was so unsinnig ist, weil doch beide seiten sich so sehr dagegen wehren)….

wer so etwas tut, verhindert die annäherung. er verhindert, dass menschen beginnen sich auseinanderzusetzen weil bereits die erste berührung mit dem thema soviel widerstand erzeugt, dass eine weitere auseinandersetzung mit dem thema verschenkt wird. man bewirkt, dass die personen, die sich von der auseinandersetzung mit dem thema noch nicht vollständig abgewandt haben, endgültig abwenden weil sie sich angegriffen und mißverstanden fühlen.

 und gleichzeitig keinerlei dialogbereitschaft signalisiert wird. ich beobachte oft in den kommentaren eine einzelne meinung (geschlechtsunabhängig!), die sich in der masse an zustimmung traut, in sehr ruhigem ton argumente dagegen zu schreiben. in nahezu 100% der fälle wird dann entweder ironisch dagegen angegangen oder aber beleidigt (in der regel nicht von dem oder der verfasser/in sondern von loyalen lesern) oder aber nicht reagiert. zumindest nicht in den kommentaren….dafür sehr oft mit zitat und abwertender reaktion („da hat schon wieder eine/einer….“) auf anderen plattformen wie twitter zb.

und ich frage mich zu welchem zweck eigentlich dann ein artikel verfasst wird und diskussion dazu stattfinden soll? geht es darum vielleicht letztendlich gar nicht (was legitim wäre) – gehts vielleicht um die wut die raus muss. um die tatsächliche und/oder gefühlte ungerechtigkeit, der man ausdruck verleihen möchte die aber überhaupt nicht zur diskussion steht. geht es um eine art ausgleichende gerechtigkeit – „wie du mir so ich dir! jahrelang fühle ich mich schon diskriminiert/beleidigt/nicht gesehen, jetzt schlage ich zurück“. oder geht es um polemik als stilmittel? ich hätte überhaupt kein problem damit, dass es um einen dieser oder anderer gründe geht. das wäre dann klar erkennbarund regt ja durchaus auch zum nachdenken an.

ich denke mir dann aber immer, ob wir nicht längst über diesen punkt hinaus sein sollten – sollten wir nicht allmählich eher mal mit einem dialog anfangen? einer offenen diskussion, in der es vielleicht noch nicht mal um die überzeugung der gegenseite geht, sondern nur um einen austausch der argumente? einer festlegung des standpunktes? oder sogar noch weiter gehen und es noch nicht mal als dialog angehen, sondern als eine art vorbildhafter solidarisierung, die sich innerhalb der jeweiligen gruppe zukunftsorientiert mit anstehenden fragen auseinandersetzt?

was ich damit meine lässt sich vielleicht ganz gut an einem beispiel festmachen. ich kenne einige blogs zb. von frauen, die aus unterschiedlichsten gründen in meinen augen sehr selbstbestimmte und feministische frauen sind und womöglich diese bezeichnung überhaupt nicht auf sich selbst anwenden würden. sie beschäftigen sich in der regel überhaupt nicht mit zb. genderfragen sondern leben diese. was ich damit meine? sie berichten aus ihrem arbeitsalltag, sie berichten von lösungsansätzen wie sie mit geschlechterrollen umgehen, sie erzählen von unabhängigkeit manifester rollenbilder und was sie dem entgegensetzen. das wäre so etwas was ich gelebten feminismus nennen würde und der in meinen augen zwei dinge ermöglicht: so etwas wie eine etablierung eines rollenvorbildes, was pädagogisch gesehen weitaus effizienter für eine veränderung ist als einseitige monologe und gleichzeitig eine offenheit für die gegenseite, die sich dem thema deshalb nähern kann, weil sie durch „du musst“ oder „ach du wieder!“ nicht in den widerstand getrieben wird. weil ja! es ist nun mal so, dass man das damit erreicht und ich kann noch hundertmal die augen rollen, so funktioniert mensch, unabhänigig von geschlecht. nochmal: man veliert sonst die, die noch bereit waren sich umstimmen zu lassen. die, bei denen man noch einen fuß in der tür hat, die man gewinnen kann für eine verhaltensänderung oder zumindest für ein überdenken der eigenen positionen. und im grunde geschieht derzeit in meinen augen dasselbe wie auf der angegangenen gegenseite: man schart sich zusammen und erzählt sich gegenseitig was man ohnehin schon weiss. das führt zu nichts.

vorgestern sah ich die folge 6.18 „glaubensfreiheit“, the good wife. in dieser wird eine demokratische anwältin aufgefordert, in einem, mit sehr republikanischen thema besetzten, scheinprozess die ankläger zu vertreten. dem voraus geht eine diskussion zwischen ihr und dem republikanischen auftraggeber, in der deutlich wird wie sehr diese beiden meinungen, haltungen, lebensvorstellungen auseinandergehen. und obwohl diese diskussion mit einer großen leidenschaft und vehemenz von beiden seiten geführt wird, bleibt die würdigung und anerkennung der jeweiligen position des anderen immer spürbar. das hat mit enorm viel respekt zu tun und ich hatte zu keinem zeitpunkt in der diskussion den eindruck, dass die demokratische anwältin etwas von ihrer kraft oder ihrer argumentation verliert. ganz im gegenteil. und das ist es was mir generell in dieser serie so auffällt: keiner der frauen muss irgendwo groß in die grundsatzdiskussion um feministische werte oder wünsche oder reformen oder ansprüche. alle diese frauen leben sie einfach und erreichen damit die gewünschte umsetzung.

ich weiß, wie wichtig diskussion ist. und auch wut und emotionalität in diskussionen. und gerade bei themen die für einen neu und auch wichtig sind, vielleicht weil man als betroffene oder betroffener besonders darunter leidet, sie als besonders vernachlässigt empfindet. das ist wichtig, deshalb zum beispiel mag ich das nuf auch für ihre wut bei vielen themen, weil nicht gleichmut aufrüttelt sondern eben diese wut.

 aber es fehlt mir das danach. es fehlt mir die lebenspraktische seite mit ihren vorbildern (an diesen stellen unabhängig vom thema zb frau brüllen oder sina trinkwalder oder auch journelle). es geht mir (noch) zuviel um abgrenzung. abgrenzung aber (und das gilt bis in die privatesten themen hinein) schafft keine ich-identität. wenn ich immer nur weiss, was ich nicht sein will oder bin, bedeutet das noch lange nicht zu wissen, was ich bin. in der abgrenzung definiere ich nur, was ich auf keinen fall sein will. damit bestimmt aber auch mehr als ich sicherlich will, mein gegenüber mit, wer ich bin. ein wünschenswertes ziel wäre es, sich von dieser abgrenzung zu lösen und sich zu fragen: „ok. was bin ich denn stattdessen?“

schaffe ich es die externen bilder von mir (bez. meiner rolle/meiner haltung/meiner überzeugung) abzustreifen, bleibe ich über. und das birgt die große chacne, ganz unabhängig von meinem jeweiligen gegenüber, zu überprüfen was ich wirklich will. was ich wirklich bin. damit kann ich mich gänzlich lösen von dem was mein gegenüber vertritt und dieses auch in seinem sein völlig seiner eigenen verantwortung überlassen. dann erst ist in meinen augen dialog möglich – und vielleicht noch nicht mal mehr nötig. dann kann gehandelt und vorgelebt werden, können zukunftsperspektiven und idee entwickelt werden. alles andere, in meinen augen, ist energieverschwendung in eine unnötige, weil nicht auflösbare verstrickung.

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6 Gedanken zu “wunsch. 

  1. Hui. Ich fühl mich geehrt! (ich denke den ganzen Tag auf dem rum, was der Artikel in mir ausgelöst hat. Ursprünglich sah ich mein „Ich mach einfach und schreib drüber“ eher ein wenig kritisch, weil zu wenig politisch und wir müssen doch verändern und diskutieren und fordern. Für die Diskussionen und Grüppchenbildung und „Wer nicht genauso denkt wie wir, ist unser Feind“ habe ich aber halt weder zeitlich noch nervlich noch emotional Resourcen, deshalb: mache ich halt. Und schreibe drüber. Und vielleicht ist das gar nicht schlechter? Die Standardkommentare „Boah, du bist ja irre“ und „Dieses Pensum ist aber verrückt“ und „Ja, du, du kannst das, das gilt aber nicht“ dazu lassen mich allerdings regelmässig ratlos zurück.)

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    • ich denke jeder sucht sich seinen für ihn passenden umgang mit den themen 🙂 und angesichts der (zumindest von mir wahrgenommenen) einseitigen problemzentrierten sichtweise, war mir sehr nach lösungsorientierter sichtweise. und ich denke gerade in deinem arbeitsbereich als frau hast du ganz andere anforderungen als zb ich in meinem arbeitsbereich als frau. deswegen mag ich den blick über den tellerrand sehr.
      mich würde zb mal interessieren, inwieweit dich dich arbeit in so einem männerdominierten geprägt hat. man sagt ja immer, dass frauen unter männern irgendwann selbst „typische“ männliche verhaltensweisen annehmen. ist das wirklich so? findet da eine anpassung statt? ist die bewusst iddr hast du zb schon so eine grundstruktur in dir, dass sich für die frage gar nicht stellt?

      du siehst, es ist nicht ohne grund, dass gerade du mir einfielst 😉

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      • Hm. Jetzt muss ich ja noch weiter denken. Anpassung: vermutlich zu einem gewissen Teil. Es gibt eine gemeinsame Sprache in der Produktion, die ist aber in der eher frauenlastigen Galenik ähnlich. Ich habe mir vielleicht eine hemdsärmligere Herangehensweise an verschiedene Themen/Probleme im allgemeinen angewöhnt, wobei sich hier wieder die Frage stellt: war ich schon immer so? Ich glaube fast. Ich merke diese Unterschiede in der Herangehensweise übrigens auch gegenüber Männern, die aus anderen Bereichen kommen und sehe sie genauso bei Frauen, die eben auch mehr von der Technik her kommen. Ich würde ja gerne glaube, dass sich Menschen eines bestimmten Schlags ungeachtet ihres Geschlechts in gewissen Berufssparten sammeln.
        Ich habe es übrigens eher andersrum beobachtet: man hat sich in unserem Betrieb mir (ein klitzekleines bisschen) angepasst. Auf einmal waren den Herren Machosprüche peinlich, es wurde nicht mehr so viel gebrüllt und geflucht, das war schon lustig zu sehen (und mir wurde berichtet, es hätte sich wieder zurück geändert, seit ich weg bin).
        Was mich ein wenig nervt, ist, dass ich als einzige Frau IMMER mit den vermeintlich weiblichen Themen verbandelt werde. Ich durfte die unangenehmen Gespräche führen, ich durfte zu den Case Management Fällen gehen, ich wurde nicht mal gefragt, ob ich „People“ oder „New Technologies“ betreuen möchte…
        Nun ja.

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  2. Sehr toll geschrieben. Ich find’s faszinierend weil eigentlich sagtest Du ja vorgestern das ist Dein Thema und deshalb find ich es spannend, wie sehr es doch irgendwie auf die vielen gesellschaftlichen Dialoge übertragen werden kann. Vielleicht steckt das wirklich in jedem von uns, ich bin z.B. bisher oft Konflikten und Dialogen aus Angst aus dem Weg gegangen und je mehr ich lerne wer ich selber bin, desto mehr kann ich auch meine Meinung sagen und trotzdem die Verantwortung

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