sind wir nicht alle ein bisschen extremistisch?

extremismus ist vorallem der ausdruck nicht befriedigter grundbedürfnisse wie anerkennung, zuwendung, identität oder lebensperspektive und sinnhaftigkeit. das sagte sinngemäß die leitung einer beratungsstelle extremismus.

diese erkenntnis lässt sich weit ab von dschihadismus oder rechtsradikalität auf alle formen von erbittertem streit um und seltsam starrer beschäftigung mit lebensmodellen übertragen. beobachte ich zb die wenig flexiblen argumentationen und diskussionen rund um feminismus, gender, mutter/vaterrolle, dann kommt mir diese erkenntnis (abseits von tatsächlich notwendiger poltischer und sozialer arbeit an den themen)  als sehr erhellend vor und ich kann manches eigene innere aufwallen von „himmelherrgott! das ist eine diskussion und keine feindbildmanifestation!“ – gefühlen zur seite schieben.

die anerkennung eventueller persönlicher, unbefriedigter bedürfnislagen könnte den dialog egal über welches thema friedlicher gestalten und den fokus wieder auf den oft notwendigen und wichtigen inhaltlichen diskurs legen. es würde unter umständen auch dieses „allianzieren“ innerhalb der einzelnen gruppierungen unterbinden, gegen deren front man nicht mehr ankommt in diskussionen. ich gewinne bei vielen diskussionen in den kommentarspalten mittlerweile den eindruck, dass es zum einen um „bist du nicht für mich bist du gehen mich“ geht, mit einem anscheinend interesse am offenen dialog, der aber tatsächlich nicht gewünscht ist. und zum anderen, dass es gerade bei der bestätigung durch die allianzen um eben diese og. bedürfnisbefriedigung geht und nicht um eine tatsächliche inhaltliche auseinandersetzung.

und noch was ist mir aufgefallen: ich habe in den vergangenen zwei tagen im zuge der tagung „extremismus“ oft von der gesprächskultur extremistischer vereinigungen gehört und vieles erinnerte mich an die diskussionskultur im netz – ohne einer extremistischen gruppierung anzugehören, unterscheidet sich zb. die kultur des diskurses zwischen müttern, frauen, vätern und müttern etc. kaum von der einer extremistischen gruppierung und ihrer diskurssprache. hüben wie drüben werden feindbilder geschürt, fakten ausser acht gelassen oder vollkommen neu geschaffen und andersdenkende ausgeschlossen oder offen angefeindet. im umgang mit jugendlichen, die im begriff sind sich einer extremistischen vereinigung anzuschliessen oder dies bereits getan haben, wird genauso daran gearbeitet wie ich oben beschrieb: es findet eine bedürfniserkundung statt, eine auseinandersetzung mit dem was fehlt und warum man es unbedingt auf diese art kompensieren will. ich glaube, dass der wunsch nach gruppenzugehörigkeit und gruppenidentität in den einzelnen filterblasen genauso hoch ist wie bei vielen der menschen, die sich extremistischen gruppierungen und ihren „vorläufern“ wie zb der afd oder in österreich der fpö anschliessen. es ist nur anders kaschiert, weil man zb. einer stillenden mutter, die sich über nicht-stillende mütter echauffiert und sich dazu in gruppe zusammenfindet, nun mal keinen extremismus vorwirft – die still-mafia ist noch nicht indiziert 😉 aber der wunsch nach identität durch gruppenzugehörigkeit und vorallem auch der wunsch sich abgrenzen zu wollen, ist derselbe. an dem ist ja auch nichts schlechtes – ton, haltung und ausdruck ist aber genauso vergiftend ist wie der des extremismus.

ich komme da noch nicht weiter, das liegt alles noch sehr brach in mir – ich habe in den letzten zwei tagen so viele eindrücke und gedanken gesammelt. aber irgendwie wurde ich den eindruck nicht los, dass sich vieles überschneidet in der art wie ein thema betrachtet und verargumentiert wird. und nur weil die konsequenzen darauf andere sind, macht es das nicht besser.

 

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downsizen.

derzeit liest man viel über diejenigen, die endlich gehört werden wollen, die endlich jemanden haben der ihnen zuhört und die deswegen rechts wählen, weil dort anscheinend eine menge zuhörer sitzen. und ich mache mir so meine gedanken, was dieses „gehört werden wollen“ eigentlich bedeutet, welches bedürfnis steckt da dahinter und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr möchte ich den blick von der masse über die berichtet wird runterbrechen auf den einzelnen. weil dort das verstehen liegt.

mir fällt der mann ein, der mails schreibt. immer wieder obwohl es ein klares nein gibt, eine klare abgrenzung, ein nicht-antworten und reagieren. und dennoch schreibt er, regelmäßig, immer wieder. schildert ungefragt seine sehnsucht, seine wünsche, sein leben und seinen frust.

mir fällt die frau ein, die unter einsamkeit leidet. die sich in allen gruppen fremd fühlt, die nicht weiß wohin sie gehört. die am wochenende in großraumdiscos menschennähe sucht und am sonntag abend völlig leer und alleine auf dem sofa sitzt.

die frau die jeden, wirklich jeden zutextet. die ungefragt zu einem kommt und viel zu distanzlos dinge aus ihrem leben erzählt, die keinen interessieren.

mir fallen zig menschen aus meinem beruflichen umfeld ein, menschen mit denen ich arbeite, die sich schreiend vor einen setzen, weil sie sich nicht gehört fühlen. menschen, die mit „ich weiss nicht mehr weiter“ anfangen und nach 30 minuten in tränen aufgelöst vor einem sitzen und von ihrer kindheit erzählen.

alle wollen sie gehört werden. wir alle wollen gehört werden. kaum einer der breiten masse der rechts wählenden gehört-werden-woller hat eine klassisch rechte haltung, hört rechte musik oder treibt sich haken.kreuz fahnen schwingend auf kundgebungen rum. wir reden hier nicht von politisch bewusst gebildeteten menschen, die sich intensiv mit inhalten auseinandersetzen und diese bewusst übernehmen. die breite masse, die gehört werden will kennzeichnet eine sache: sie alle werden bereits im allerkleinsten umfeld nicht gehört. nicht von ihrem ehepartner, lebenspartner, den kindern, den kollegen, den freunden. von niemandem. es ist eine große einsamkeit in ihnen und diese einsamkeit ist ein gesellschaftliches problem – und der rechtsruck das symptom welches aus ihr entsteht.

noch nie war einsamkeit ein so derart spürbares thema in unserer gesellschaft wie im moment. ich kann das seit jahren in meiner arbeit spüren, wie sie zunimmt. wie zb. gerichtsstreitereien in ihrer unsinnigkeit, vehemenz und aussichtslosigkeit geführt werden und sie sich in luft auflösen wenn ein rädchen im getriebe sich die mühe macht, mal zuzuhören. wir alle lassen uns in dieser zeit so ein auf die diskussionen um „wie links ist links“ und „wen muss ich verstehen“ und „was will rechts“ und „wem höre ich zu und wem nicht“ und „für wen muss ich verständnis aufbringen und für wen nicht“. das ist so unaushaltbar unsinnig für mich mittlerweile, weil das ein verschiebebahnhof der problematik ist. wir müssen viel tiefer tauchen, wir müssen das alles runterbrechen auf den einzelnen und damit ist nicht nur der andere gemeint sondern auch man selbst. mit wem rede ich eigentlich? wem höre ich zu? welchen kollegen lasse ich links liegen, weil mir sein geplapper auf den senkel geht? welche freundin habe ich nur, weil ich selbst einsam bin und was erzähle ich der eigentlich von mir? wie sehr lasse eigentlich ich mir in die karten sehen, erzähle von meinen sorgen und ängsten? was intellektualisiere ich vielleicht nur, damit nichts und niemand zu nah an mich rankommt? wo bin ich berührbar und wie zeige ich das? wo der andere? was bin ich bereit von meinem nächsten, in der direkten begegnung, anzunehmen? wieviel nehme ich wirklich wahr?

wir verheddern uns derat in metametameta diskussionen, in diskussionen um diskussionen über begriffsdefinitionen, während wir selbst zum 100.x im aufzug mit derselben personen stehen von der wir nichts wissen. der wir kein lächeln, keinen gruß, keine geste des „ich erkenne dich!“ senden.

wir sind kalte arschlöcher, die in der kleinsten zelle der begegnung von angesicht zu angesicht nicht in die karten sehen wollen und sich selbst nicht hineinblicken lassen und wir wundern uns ernsthaft warum es menschen gibt, die meinen ihnen wird nicht zugehört? wir führen super intellektuelle diskussionen über einen großteil der bevölkerung, schaffen uns ein bild ohne wirklich je sich auseinandergesetzt zu haben mit jedem einzelnen der uns begegnet. ich rede nicht von politischer aufklärung, herrgott es ist mir ehrlich gesagt mittlerweile wurscht wer afd wählt oder nicht – ich bekomme dieses thema nicht aus den menschen – nicht so!- , wenn ich nicht im ansatz bereit bin mich für sie sonst zu interessieren. wenn ich nicht irgendwo auf einer ebene erstmal einen kontakt herstelle, ein zuhören. wenn sich nirgends zuhörer finden für den frust, die sorgen und ängste, dann wende ich mich natürlich dem zu, der zuhört. und es sind eben nicht die großen themen wie zukunftsangst und fremdenangst die diese masse reitet, das sind nur schlagwörter unter denen sich die ganzen minifuzzikkleinen mikrothemen subsumieren: mein sohn schafft seine hausaufgaben nicht und ich kann es ihm nicht erklären, er wird keinen schulabschluss schaffen. mein mann geht ständig fremd und ich habe angst um unsere beziehung. meine freundin versteht mich nicht, wenn ich ihr sage dass ich nähe nicht aushalte. mein vater redet nicht mehr mit mir. meine mutter schlägt mich. ich bin überfordert von meiner arbeit.

ist das so schwer? es sind diese ununterbrochenen ängste, die ungehört und ungesagt in den menschen schwelen. ich weiss, ich habe den unendlichen vorteil, dass ich diese sorgen und ängste jeden tag höre und genau deswegen um sie weiss. aber können wir nicht einfach mal alle annehmen, dass der größte schreihals, der seine sorge über ausländer kundtut, vielleicht in seinem herzen der kleinste und ängstlichste mensch ist? der mit all dem scheiss in ihm nirgends hinkann? hat irgendeiner von euch wunderbar sozial eingebetteten und im notfall aufgefangenen, intellektuell ausreichend ausgestatteten menschen überhaupt einen blassen schimmer wie es in den allermeisten menschen tatsächlich aussieht? schliesst nicht immer von euch auf andere oder noch schlimmer – interpretiert das unverständliche verhalten andere nicht für euch auf basis eurer werte und normen sondern hört zu! redet endlich miteinander! setzt euch zu der person, mit der ihr noch nie kontakt hattet, fragt nach und noch viel mehr: fangt an von euch selbst zu reden. gebt einblick in eure konfusion, eure ängste, eure sorgen, schafft damit eine gemeinsamkeit, eine annäherung, selbst wenn sie sich unterscheiden. die gemeinsakeit ist nicht die gleiche sorge oder angst, es ist das gemeinse erleben, das gefühl, das damit verbunden ist.

werdet weich. öffnet euch, begegnet einander. nicht in irren intellektuellen diskussionen. sondern im fahrstuhl, an der kasse im supermarkt, im fitneßstudio oder auf der arbeit. die gesellschaft ändert sich nicht in der diskussion über sie. sie ändert sich auch nicht in der be- oder verurteilung derjenigen die man nicht versteht. sie ändert sich nicht über sozialstudien um „die“ zu verstehen. sie ändert sich noch nicht mal im politischen diskurs mit dem einzelnen.

noch tiefer! wir müssen noch tiefer gehen, noch mehr reduzieren: auf die begegnung mit dem gegenüber, dem sich selbst öffnen, mit dem nachfragen, dem wie geht’s dir, dem zuhören, dem aushalten, dem da sein – mit einem wortlosen freundlichen blick, einem lächeln oder einem wort. wollen wir was ändern, müssen wir gründlich arbeiten. ganz von vorne beginnen.

 

die frage ist ob wir das wirklich wollen. denn es wird uns hinterfragen. und das ist weitaus schwieriger und unangenehmer als immer den anderen zu hinterfragen.

 

 

 

nur ein satz.

ich tue mich in politischen diskussionen oft sehr schwer. das hat zum einen damit zu tun, dass ich in den allermeisten themen wirklich nur semi-gebildet bin. die dinge sind oft zu komplex um sagen zu können „oh hier! Ich hab meinung!“, es ist ein ständiges erneutes abwägen, umdenken und neu positionieren nötig, will man dieser komplexität gerecht werden. das fasert meinung ziemlich aus und macht mich gefühlt sehr unklar und fähnchenhaft. das widerrum mag ich nicht und weil ich keine zeit und energiekapazitäten habe, ignoriere ich eben einen großteil der wichtigen politischen themen und weiche den diskussionen über diese aus. darüberhinaus geht es in politischen fragen dieser tage recht schnell hoch her, es wird aggressiv und laut, beides dinge mit denen ich extrem schlecht umgehen kann. der, der es schafft trotz der komplexität „meinung!“ zu haben hats leicht und schreit die eben raus, ungeachtet aller anderen möglichen positionen zu diesem thema. und weil auch das nicht mein stil ist, hab ich irgendwie gar keinen stil in diskussionen sondern halte mich raus. so wie mir scheint es vielen zu gehen und ich glaube, viele sind damit nicht glücklich. ich zumindest bin es nicht.

neulich las ich einen artikel, den ich leider nicht mehr wiederfinde und daher nicht verlinken kann (doof, ja. ich ärgere mich auch.), der aber sinngemäß folgendes sagte: wenn man der laut hassenden masse die stimmführung überlässt, geht unter, dass die reflektierten und klugen eigentlich (noch) in der mehrzahl sind. aus verschiedenen gründen, unter anderem weil es jahrelang hiess „don`t feed the trolls“, schweigen mittlerweile immer mehr und ziehen sich zurück oder verstricken sich in nervenauftreibende und zugleich sinnlose trolldiskussionen. dadurch entsteht der eindruck einer schieflage, was widerrum dazu führt, dass die klugen und reflektierten und stillen und komplexer denkenden noch mehr verstummen weil dieses „es bringt eh nix“ gefühl so stark ist.

was also tun? der artikel macht da einen schönen vorschlag, der im grunde sehr simpel ist: er schlägt vor, jedem kommentar digital wie analog einen einzigen ausdruck des nicht-einverstanden seins entgegen zu setzen. das kann ein „ich stimme da nicht mit dir überein“ sein bis zu einer kurzen ergänzung „…weil….“ – aber mehr nicht. ein statement, das nicht darauf abzielt das gegenüber von der eigenen meinung überzeugen zu wollen oder davon, dass die meinung des gegenübers schlicht falsch ist. ein statement, das nicht unfruchtbare diskussionen und agressionen hervorruft sondern lediglich dazu dient im allerkleinsten die eigene haltung zum ausdruck zu bringen. mich hat das sehr angesprochen, weil es mich zum einen aus meiner sprachlosigkeit und hilflosigkeit rausholt. zum anderen, weil ich denke ein satz ist gut leistbar. ich habe ja eine haltung, ich habe ja eine meinungstendenz, auch wenn ich die nicht gut und meinen ansprüchen nach differenziert genug rüberbringe. dieser tendenz kann ich ausdruck verleihen, sie macht meine position klar ohne sie zu erklären. denn in meinen augen braucht es einfach auch nicht immer eine erklärung, es darf auch ok sein einfach zu sagen: nein. dem was du sagst stimme ich dir nicht zu.

und schlussendlich meine ich, dass man widerstand und seinen ausdruck damit gut im kleinen lernen kann, um ihn dann im großen auch vertreten zu können. wenn ich im kleinen „übe“ widerstand zu äussern und ihn auch auszuhalten, dann gerate ich erstmal nicht in die überforderung und anschliessend in die frustration und resignation, wie bei all den fruchtlosen diskussionen die nie, wirklich nie konsens bringen weil m.e. eh kaum einer auf konsens aus ist. es ist auch eine gute möglichkeit für das eigene positionieren und sich selbst ausloten. wo läuft eigentlich genau meine grenze? an welcher stelle positioniere ich mich ganz klar, an welcher stelle weiss ich eigentlich noch gar nicht genau wo die grenze langläuft? wo ist sie nachgiebig, wo braucht sie noch informationen? zwischen unklarheit und agressiver diskussion und ignoranz und frust liegt der eigene weg. und der darf in kleinen schritten verlaufen. erweitern kann ich meine meinung an den stellen, wo ich ahne oder weiß, dass es früchte tragen kann. im freundeskreis, vielleicht auch bei kollegen. da wo ich mich traue, wo ich auf eine gesprächskultur stoße, die eine auseinandersetzung und einen konsens möglich macht.

ich lerne im kleinen. sonst kann ichs im großen nie.

 

das gute im leben am wochenende 11.-13.11.2016

es fällt mir nach letzter woche sehr schwer, im moment wieder auf diesen alltags und alles wird gut zug aufzuspringen. ich merke wie gefangen ich in den gedanken rund um die präsidentschaftswahl bin. vielleicht ist das das gute daran, dass ich merke wie ich meine im letzten jahr sehr ausgiebig gepflegte ignoranz gegenüber jeglichen politischen themen aufgebe. christian hat dazu einen sehr guten artikel geschrieben, mit weiteren guten links. ebenso empfehle ich journelles artikel „verständnis ist keine option“ und kopfzeilers „american hustle“ – ein artikel über die präsidentschaftswahl und deren ausgang aus sicht eines deutschen in den usa. desweiteren einem faz-artikel von jürgen kaune „die irrtümer der wähler-beschimpfer„. ich merke wie sehr mir angesichts der komplexität der schädel zu platzen droht, vieles geht weit über meine vorstellungskraft hinaus, manches lässt mich so erschrecken, dass ich mich nicht näher damit beschäftigen will. und dennoch muss. denn die zeit der vogelstrauss-taktik muss nun vorbei sein. zeit die filterblase zu verlassen. all diese artikel gehören für mich zum guten an diesem wochenende und in dieser zeit, zeigen sie doch die klugheit und unermütlichkeit in der auseinandersetzung mit all den facetten, die mit diesem katastrophalen wahlergebnis verbunden sind. das macht mir hoffnung.

ein sehr persönliches gutes gibts auch noch mitten in dieser zeit. die beste überprüfung, ob eine verhaltensänderung an einem selbst schon spürbar ist, ist ja das umfeld in dem man sich bewegt. und seit in letzter zeit immer öfter die rückmeldung kommt „gehts dir nicht gut? du bist so still!“ freue ich mich sehr, dass sich wohl gerade was spürbar ändert. jahrzehntelang verschüttete anteile dürfen endlich ihren platz einnehmen und bringen mich in eine gute balance. schräg, wenn das im moment bei menschen so ankommt, als ob es mir schlecht ginge. es geht mir nämlich sehr gut damit.

wut.

Whatever your personal opinion of the Clintons, as politicians or as human beings, that dynamic is real. We, as a culture, do not take women seriously on a profound level. We do not believe women. We do not trust women. We do not like women. I understand that many men cannot see it, and plenty more do not care. I know that many men will read this and laugh, or become defensive, or call me hysterical, or worse, and that’s fine. I am used to it. It doesn’t make me wrong.

The fact that we lost doesn’t make us wrong; the fact that they don’t believe in us doesn’t make us disappear.

lindy west in „the new york times“

es ist spannend zu beobachten wie jede gesellschaftliche gruppe ihr eigenes bild von hillary clinton hat, welche hoffnungen wie sehr an diese frau geknüpft waren. mir wird erst allmählich klar, was der sieg von trump für wen genau was bedeutet – und auch mein erstes entsetzen weicht langsam einer grossen wut, die durch begreifen und erfassen der tatsachen entsteht. ich muss gestehen, dass ich trump völlig ignoriert habe, er bewegte sich so sehr ausserhalb meiner denkmuster. das schreibe ich mir hinter die ohren, vorallem in bezug auf die bundestagswahl 2017. 

ansonsten möchte ich noch auf anke gröners wut verweisen, der ich vollumfänglich zustimme – gestern stolperte ich bei instagram über ein bild von zwei frauen, die sich im arm lagen: die eine hatte clinton gewählt, die andere trump. tenor des post war, dass man die position des jeweils anderen ernstnehmen soll, es gäbe auch gute gründe warum jemand trumpf gewählt hat. dem möchte ich ein sehr wütendes nein entgegen setzen: gerade für eine frau gibt es keinen einzigen sinnvollen grund trump gewählt zu haben. es sei denn man hasst sein eigenes geschlecht so sehr, dass man seine stimme einem frauenverachtendem sexisten geben möchte. (abseits aller anderen guten gründe ihn nicht zu wählen, ich beziehe mich als weisse frau auf eben diesen.) 

der umgang mit hass. 

Im Ernst: hört auf. Hört auf, in allem nur das zu hören, was nach maximaler Gegnerschaft klingt. Sucht zur Abwechslung mal nicht Unterschiede, sondern Gemeinsamkeiten. Nicht jeder, der sich die Welt von vor 50 Jahren zurückwünscht, ist ein hasserfüllter Hooligan oder demagogischer Seelenfänger, so simpel ist die Welt heute einfach nicht mehr. Wenn Ihr Pluralismus wollt, dann haltet ihn auch aus. Wenn Ihr Respekt einfordert, gebt ihn auch selber. Wenn Ihr eine Mitte wollt, hört auf, jeden, der weniger links ist als Ihr, als extrem rechts zu bezeichnen. Erkennt endlich, dass Ihr, obwohl Ihr für eine gerechte und gute Welt eintretet, Gefahr lauft, rechtspopulistische Trends mit Eurem undifferenzierten Ausgrenzungswillen zu befördern.

via meike lobo

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wer einen guten (ein)blick in die amerikanische gesellschaft im kontext ihrer geschichte haben möchte, dem empfehle ich sehr marcos blog southboundhiker. neben seinen erfahrungen auf dem pacific crest trail, die ebenfalls zu empfehlen sind, schreibt er als historiker über seine erfahrungen mit land und leuten (und in weiteren posts). ich denke gerade im zuge der aktuellen entwicklungen, kann es für uns europäer wichtig werden, uns mehr mit dem „spirit“ dieses landes auseinanderzusetzen statt nur ungläubig den kopf zu schütteln. was man immer noch tun kann. aber zu begreifen was in den köpfen vorgeht und in wieweit das auch historische prägung ist, halte ich für eine gute grundlage um sich mit der aktuellen lage adäquat auseinandersetzen zu können. wir können uns unsere ignoranz nicht länger leisten. 

wunsch. 

ich habe gestern den post von dasnuf gelesen und leider war das der tropfen der mein inneres fass zum überlaufen brachte. nicht, weil das prinzipiell was mit dem thema zu tun hätte, das ist gut und wichtig. nicht, weil das was mit ihrer wut zu tun hat, auch die ist gut und wichtig. vielmehr war genau dieser einzelne artikel einer von vielen seiner art, die ich in den letzten wochen und monaten gelesen habe – und nicht nur zum thema frauen/männer sondern genauso zum thema vereinbarkeit, veganismus, kindererziehung und jedes weitere thema, welches in meinen augen nicht mehr sachbezogen sondern viel zu emotional geführt wird. 

ich beobachte, dass der ton immer rauer und unversöhnlicher wird, von beiden seiten. so viele wertvolle und wichtige ideen und äusserungen gehen verloren oder verfehlen ihr ziel, weil sie sich derselben methoden der darstellung und sprache bedienen wie die seite, gegen die gewettert wird: es sind monologe statt dialoge, beleidigende und abwertende bezeichungnen, stereotype (was so unsinnig ist, weil doch beide seiten sich so sehr dagegen wehren)….

wer so etwas tut, verhindert die annäherung. er verhindert, dass menschen beginnen sich auseinanderzusetzen weil bereits die erste berührung mit dem thema soviel widerstand erzeugt, dass eine weitere auseinandersetzung mit dem thema verschenkt wird. man bewirkt, dass die personen, die sich von der auseinandersetzung mit dem thema noch nicht vollständig abgewandt haben, endgültig abwenden weil sie sich angegriffen und mißverstanden fühlen.

 und gleichzeitig keinerlei dialogbereitschaft signalisiert wird. ich beobachte oft in den kommentaren eine einzelne meinung (geschlechtsunabhängig!), die sich in der masse an zustimmung traut, in sehr ruhigem ton argumente dagegen zu schreiben. in nahezu 100% der fälle wird dann entweder ironisch dagegen angegangen oder aber beleidigt (in der regel nicht von dem oder der verfasser/in sondern von loyalen lesern) oder aber nicht reagiert. zumindest nicht in den kommentaren….dafür sehr oft mit zitat und abwertender reaktion („da hat schon wieder eine/einer….“) auf anderen plattformen wie twitter zb.

und ich frage mich zu welchem zweck eigentlich dann ein artikel verfasst wird und diskussion dazu stattfinden soll? geht es darum vielleicht letztendlich gar nicht (was legitim wäre) – gehts vielleicht um die wut die raus muss. um die tatsächliche und/oder gefühlte ungerechtigkeit, der man ausdruck verleihen möchte die aber überhaupt nicht zur diskussion steht. geht es um eine art ausgleichende gerechtigkeit – „wie du mir so ich dir! jahrelang fühle ich mich schon diskriminiert/beleidigt/nicht gesehen, jetzt schlage ich zurück“. oder geht es um polemik als stilmittel? ich hätte überhaupt kein problem damit, dass es um einen dieser oder anderer gründe geht. das wäre dann klar erkennbarund regt ja durchaus auch zum nachdenken an.

ich denke mir dann aber immer, ob wir nicht längst über diesen punkt hinaus sein sollten – sollten wir nicht allmählich eher mal mit einem dialog anfangen? einer offenen diskussion, in der es vielleicht noch nicht mal um die überzeugung der gegenseite geht, sondern nur um einen austausch der argumente? einer festlegung des standpunktes? oder sogar noch weiter gehen und es noch nicht mal als dialog angehen, sondern als eine art vorbildhafter solidarisierung, die sich innerhalb der jeweiligen gruppe zukunftsorientiert mit anstehenden fragen auseinandersetzt?

was ich damit meine lässt sich vielleicht ganz gut an einem beispiel festmachen. ich kenne einige blogs zb. von frauen, die aus unterschiedlichsten gründen in meinen augen sehr selbstbestimmte und feministische frauen sind und womöglich diese bezeichnung überhaupt nicht auf sich selbst anwenden würden. sie beschäftigen sich in der regel überhaupt nicht mit zb. genderfragen sondern leben diese. was ich damit meine? sie berichten aus ihrem arbeitsalltag, sie berichten von lösungsansätzen wie sie mit geschlechterrollen umgehen, sie erzählen von unabhängigkeit manifester rollenbilder und was sie dem entgegensetzen. das wäre so etwas was ich gelebten feminismus nennen würde und der in meinen augen zwei dinge ermöglicht: so etwas wie eine etablierung eines rollenvorbildes, was pädagogisch gesehen weitaus effizienter für eine veränderung ist als einseitige monologe und gleichzeitig eine offenheit für die gegenseite, die sich dem thema deshalb nähern kann, weil sie durch „du musst“ oder „ach du wieder!“ nicht in den widerstand getrieben wird. weil ja! es ist nun mal so, dass man das damit erreicht und ich kann noch hundertmal die augen rollen, so funktioniert mensch, unabhänigig von geschlecht. nochmal: man veliert sonst die, die noch bereit waren sich umstimmen zu lassen. die, bei denen man noch einen fuß in der tür hat, die man gewinnen kann für eine verhaltensänderung oder zumindest für ein überdenken der eigenen positionen. und im grunde geschieht derzeit in meinen augen dasselbe wie auf der angegangenen gegenseite: man schart sich zusammen und erzählt sich gegenseitig was man ohnehin schon weiss. das führt zu nichts.

vorgestern sah ich die folge 6.18 „glaubensfreiheit“, the good wife. in dieser wird eine demokratische anwältin aufgefordert, in einem, mit sehr republikanischen thema besetzten, scheinprozess die ankläger zu vertreten. dem voraus geht eine diskussion zwischen ihr und dem republikanischen auftraggeber, in der deutlich wird wie sehr diese beiden meinungen, haltungen, lebensvorstellungen auseinandergehen. und obwohl diese diskussion mit einer großen leidenschaft und vehemenz von beiden seiten geführt wird, bleibt die würdigung und anerkennung der jeweiligen position des anderen immer spürbar. das hat mit enorm viel respekt zu tun und ich hatte zu keinem zeitpunkt in der diskussion den eindruck, dass die demokratische anwältin etwas von ihrer kraft oder ihrer argumentation verliert. ganz im gegenteil. und das ist es was mir generell in dieser serie so auffällt: keiner der frauen muss irgendwo groß in die grundsatzdiskussion um feministische werte oder wünsche oder reformen oder ansprüche. alle diese frauen leben sie einfach und erreichen damit die gewünschte umsetzung.

ich weiß, wie wichtig diskussion ist. und auch wut und emotionalität in diskussionen. und gerade bei themen die für einen neu und auch wichtig sind, vielleicht weil man als betroffene oder betroffener besonders darunter leidet, sie als besonders vernachlässigt empfindet. das ist wichtig, deshalb zum beispiel mag ich das nuf auch für ihre wut bei vielen themen, weil nicht gleichmut aufrüttelt sondern eben diese wut.

 aber es fehlt mir das danach. es fehlt mir die lebenspraktische seite mit ihren vorbildern (an diesen stellen unabhängig vom thema zb frau brüllen oder sina trinkwalder oder auch journelle). es geht mir (noch) zuviel um abgrenzung. abgrenzung aber (und das gilt bis in die privatesten themen hinein) schafft keine ich-identität. wenn ich immer nur weiss, was ich nicht sein will oder bin, bedeutet das noch lange nicht zu wissen, was ich bin. in der abgrenzung definiere ich nur, was ich auf keinen fall sein will. damit bestimmt aber auch mehr als ich sicherlich will, mein gegenüber mit, wer ich bin. ein wünschenswertes ziel wäre es, sich von dieser abgrenzung zu lösen und sich zu fragen: „ok. was bin ich denn stattdessen?“

schaffe ich es die externen bilder von mir (bez. meiner rolle/meiner haltung/meiner überzeugung) abzustreifen, bleibe ich über. und das birgt die große chacne, ganz unabhängig von meinem jeweiligen gegenüber, zu überprüfen was ich wirklich will. was ich wirklich bin. damit kann ich mich gänzlich lösen von dem was mein gegenüber vertritt und dieses auch in seinem sein völlig seiner eigenen verantwortung überlassen. dann erst ist in meinen augen dialog möglich – und vielleicht noch nicht mal mehr nötig. dann kann gehandelt und vorgelebt werden, können zukunftsperspektiven und idee entwickelt werden. alles andere, in meinen augen, ist energieverschwendung in eine unnötige, weil nicht auflösbare verstrickung.

das gute am 5.11.2016

die kinder weilen seit dienstag bei oma (das war wirklich gut – für die kinder und für mich weil schallala! freiheit! verantwortungslosigkeit!) und wurden heute in münchen auf der hälfte der strecke wieder zurückgegeben. zeit, um vorher einen anstecher ins house of flames münchen zu machen. ich bin ja beim führerschein machen und strecke immer mal wieder meine fühler nach motorrädern aus. ich will keine harley und dennoch macht es spass mir die bikes dort anzusehen – und probe zu sitzen. der ultimative motivationsschub fürs weitere lernen der theorie…. (man glaubt es nicht: mit 22 jahren autoerfahrung interpretiert man manche situation wirklich äh gänzlich anders als erwünscht. ich sitz dann immer da und denke „och na aber da kann man ja mal locker noch rüber/vorbei/hinterher/vorwegfahren. bäm! 4 fehler. und ich darf bei 30 fragen nur 6 fehlerpunkte haben, eben weil ich bereits den autoführerschein habe.) 


jedenfalls war das was wirklich gutes heute. ebenso wie die kinder wieder in die arme zu nehmen, den kleinen bruder und den sehr kleinen neffen zu sehen, das gemeinsame essen, ein sehr wichtiges gespräch mit gänzlich unvermutetem gesprächspartner über den selbstwert und seine spiegelung und die kalte pizza am abend. kalte pizza und ein glas rotwein – das gute liegt manchmal sehr nah.