digitale kommunikation. 

ich habe vor ein paar tagen frau hildes blogpost gelesen, der mir in den letzten tagen eine enorme hilfe war.

im internet kann man alles sein, in whats app, auf instagram, twitter und facebook, alles was man sein will, kann man sein. man kann facetten von sich zeigen die man in der kohlenstoffwelt zu feige zum zeigen ist. man kann der versteher sein, der zuhörer, die unberechenbare, die femme fatale, man kann alles sein was man will. die steigerung davon ist, nicht nur zu trennen zwischen dem menschen in der kohlestoffwelt und dem menschen in der digitalen welt sondern sich auch innerhalb der digitalen welt bestimmten menschen nur in ausschnitten zu zeigen. man kann sich filterblasen schaffen, in denen man jeweils andere eigenschaften von sich zeigt, in dem man in der einen etwas betont oder erzählt was man in der anderen verbirgt. man kann sich damit ein maximum an narzistischer selbstbestätigungszufuhr holen. auf kosten anderer, aber ok. die erfahren das ja nicht. denn man hält alles fein säuberlich voneinander getrennt. den preis den man dafür zahlt, realisiert man sehr spät – zu lange sonnt man msich in den bildern, die die menschen von einem haben, wärmt sich an den wunderbaren seelenstreicheleinheiten. zu spät realisiert man, dass es beginnt einen zu zerreissen, weil ein aufgeteilter mensch – selbst wenn es die eigenen facetten sind – kein ganzer mensch ist. man beginnt zu lügen, ohne lüge geht es ab einem bestimmten zeitpunkt nicht mehr. dass man damit menschen beschädigt, missbraucht und ausnutzt mag vielleicht bewusst sein, aber man kommt nicht mehr aus, die schienen sind längst gelegt, die bilder zementiert und noch immer geben sie einem soviel, dass man sie nicht missen möchte. 

die letzten wochen haben mir eine unermessliche wichtige, wenn auch nicht zu fassend harte erkenntnis gebracht und verbunden mit frau hildes text, beginne ich digitales leben völlig neu zu sehen. ich war so viele jahre meines lebens verwachsen mit digitalen welten, ich habe es genossen in ihnen zu schwimmen, auf dieser plattform, auf jener plattform, menschen kennenzulernen, sich in real zu treffen und zu erleben. und auch wenn ich mich für sehr authentisch halte in dem was ich zeige und schreibe (besonders da), ist es natürlich so, dass auch ich bilder hervorhebe und andere bilder von mir hintenanstelle. aber ich spüre, dass das erfahrene beginnt mich verändern. ich bemerke ein weitaus kritischeres hinterfragen bestimmter bilder die ein mensch egal in welchem netzwerk kreiiert. ich bemerke ein immer schnelleres schliessen der diversen accounts die ich mitlese, weil ich es nicht mehr aushalte, die fülle an informationen, meinungen und gezeichneten bilder zu verarbeiten. mir selbst meinung zu bilden. wahrscheinlich ist das die gefahr – alles ist so schnell, dass keine zeit mehr bleibt jemanden zu beobachten und einzuschätzen, zu hinterfragen, sich auseinanderzusetzen. ich meine nicht vorrangig meinungen politischer oder sozialer art. ich meine die begegnung mit dem menschen dahinter. das ist zumindest mir nicht mehr möglich.
ich habe immer gedacht, ich hätte auch für den digitalen menschen ein gutes gespür, und muss zugeben ich habe mich zutiefst getäuscht. es ist nicht möglich jemanden ohne persönliches gespräch oder mit nur wenigen gesprächen, ohne beobachten der gestik und mimik zu verstehen, jemanden wirklich zu begreifen, es bleibt lediglich ein austausch x-beliebiger worte die zwar in der sekunde in der sie geschrieben werden eine bedeutung haben mögen, die aber kein abbild der wirklichkeit sind – weder meiner wirklichkeit noch der des gegenübers. es ist eine digitale augenwischerei anzunehmen, man könne im netz wirkliche beziehungen haben und wer mich kennt, der weiss welche bedeutung diese worte für mich haben. keine noch so tiefe und offene form digitaler kommunikation ersetzt oder bildet auch nur annähernd die reale kommunikation von angesicht zu angesicht ab. sie bleibt lediglich an der oberfläche, weil sie all das non-verbale ausschliesst, dem ich bisher nicht die bedeutung zugestanden habe, die es aber hat.

kommunikation mit einem menschen ist die sammlung von tausenden von eindrücken, haptischen, visuellen, sogar olfaktorischen (kann ich mein gegenüber überhaupt gut riechen?), begleitet von einem sammelsurium von eindrücken, die drumherum sind, wo führe ich das gespräch, wie fühlt sich stille mit dem menschen an etcpp. – digitale kommunikation ist reduziert auf die kognitive erfassung eines menschen. und das reicht bei weitem nicht um einen menschen zu erfassen. die tiefe einer digitalen kommunikation gaukelt einem da manchmal einen guten ersatz vor, das enthüllen mancher zwischenmenschlicher geheimnisse lässt einen im glauben, dass man das gegenüber kennt.

das ist ja nun alles nichts neues. aber die konsequenz die es für mich hat ist neu. ich kann das was ich erlebt habe nicht ignorieren, es wirkt bereits und ich bin bei allem schmerz und aller trauer darüber extrem dankbar dafür, dass ich nun auf völlig neuer grundlage entscheiden kann was für eine art der kommunikation ich brauche um
wirklich zu kommunizieren. um selbst real zu bleiben, bei mir, mit mir und mit anderen zu sein.

das nehme ich mit, das ist meine verantwortung. den rest überlasse ich anderer verantwortung.

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5 Gedanken zu “digitale kommunikation. 

  1. Genau so scheint es zu sein 😕
    Und manchmal reicht die Zeit oder der Weg
    Von der Selbsterkenntnis zur Heilung nicht
    Mehr aus:(.
    Pass auf dich und deine Lieben auf.
    Herzliche Grüsse
    M.

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  2. Darüber würde ich – und das passt vielleicht auf sehr sehr vielen Ebenen – so gerne mit Dir sprechen. Unter anderem, weil ich immer noch anderer Meinung bin. „Noch“, weil sich aber natürlich auch mein Internet ändert und ich das gerne verstehen würde. Als ich hier ankam, da war ich sicher, dass ich niemand über lange Zeit verstellen kann; aber naja, das war noch die Zeit der Blogs und nicht der Social-Network-Snippets, die einem das Verstellen, das Ausschnitte-Zeigen ja so unendlich viel leichter machen.
    Und gleichzeitig erlebe ich, wie sich Menschen, viele Menschen und auch viele, die ich als Freunde bezeichne jeder nicht-digitalen, jeder synchronen Art der Kommunikation verweigern.
    Und das hinterlässt mich alles so ratlos.
    Einen traurigen Toast auf die abgesagten Abendessen also 😦

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  3. Mmh. Ich weiß, was Du meinst. Und ich denke, dass Onlineidentitäten nicht vollständig sind. Aber das sind vis-a-vis-Identitäten auch nicht immer.

    Es gibt mehr Menschen, die von Persönlichkeitsteil zu Persönlichkeitsteil hoppen – je nach Situation – als es Menschen gibt, die wirklich überall authentisch oder vollständig sie sind oder bereit sind, sich voll zu zeigen. Gerade im Berufsleben habe ich unglaublich viele Menschen kennengelernt, von denen ich auch in zwei, drei Jahren nur einen Teil ihres Wesens kennengelernt habe. Einfach auch deswegen, weil sie sich abgrenzen. Oder Teile von sich abgrenzen. Ohne dass man es wirklich merkt, weil sie seit zwanzig Jahren nach außen im Job das eine Gesicht zeigen und vielleicht zuhause ein anderes.

    Bei einigen war ich überrascht, dass sie Familie haben. Bei anderen, dass sie Alkoholiker sind. Bei wieder anderen beides.

    Dieser Spruch, dass man jemandem immer nur vor den Kopf gucken kann, stimmt für alle Bereiche.

    Für Onlineaccounts stimmt es nochmal mehr, weil jeder wirklich stark selektieren kann. Wie viele Menschen zeigen bei Instagram schöne Möbel, Klamotten, Autos, gefilterte Selfies und präsentieren sich. Wenn man sie trifft, merkt man, wie viel nicht passt oder übereinstimmt.

    Wenn derjenige es will…

    Was ich sagen möchte: man kennt kaum jemanden ganz. Das aber davon abhängig zu machen, ob man ihn live erlebt hat oder nur online, wird dem Gesamten und den Spielarten der Menschen nicht gerecht, finde ich. Ich glaube, beides sind in unserer heutigen Welt Teile des Ganzen. Puzzlestücke.

    Wenn jemand täuschen möchte, wenn jemand nur ein bestimmtes Bild vermitteln möchte, dann kann er es auf allen Ebenen: in SMS, in Telefonaten, von Angesicht zu Angesicht, bei Freunden oder auch jeden Tag zuhause gegenüber seinem Partner oder seinen Kindern.

    Insofern finde ich es gut, wenn Du Deinen Kommunikationsweg gefunden hast. Ich brauche irgendwie möglichst viele Kanäle, um mir ein Bild zu machen. Und ich freu mich sowieso immer sehr, wenn ich mich mit Menschen unterhalten kann. Persönlich für das direkte, wie Du schreibst, auf vielen Ebenen. Online, weil es oft eine spannende Seite eines Menschen zeigt, wenn er (theoretisch) Zeit hätte, sich zu überlegen, was er sagen möchte. Oder was der andere sagt.

    In einem Menschen täuschen kann man sich trotzdem sehr leicht…

    Ich freue mich schon sehr auf unser nächstes Treffen.

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  4. Pingback: Puh. | Petrolgrau

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