über fragen. und fehlende antworten.

heute auf einer langen, einsamen wanderung in der toskana gedacht, dass ich die suche nach den antworten loslassen muss um wieder zur ruhe zu kommen.

ein suizid hat eine tür in mir aufgestossen zu einem raum, den es schon sehr lange in meinem leben gibt. seit ich denken kann, gibt es in meinem nahen umfeld menschen mit depressionen. der erste war mein vater – jahrzehntelang, immer wieder in schüben, schlich sich die depression in unsere familie. sie hatte nicht diesen namen, sie hiess „papa muss viel arbeiten und ist gerade deswegen müde.“ oder „wir streiten nicht wegen euch.“ oder „reiss dich zusammen, du kannst jetzt hier nicht rumjammern.“ über all die jahre bis heute war ich angehörige von depressiven menschen, die mir nahestanden beziehungsweise stehen. ich war gezwungen dieses thema auszuhalten und irgendwie damit klarzukommen. ich habe mich auf genau die art und weise mit dem thema beschäftigt, wie ich es von kindesbeinen an gelernt hatte: ich negierte es. ich riss mich zusammen, wenn die wut mich übermannte. dachte „faulheit! bequemlichkeit! rumjammern!“ und sagte „alles wird gut, ich mach das schon.“ ich verdrängte alles was mit diesem thema zusammenhing und wurde wahrscheinlich genau deshalb immer wieder damit konfrontiert. unausweichlich wurde es dann vorletzte woche – er, den ich so lange mit seinen depressionen kannte, brachte sich um. und die tür war aufgestossen und liess sich nicht mehr schliessen.

aus dem raum, den die tür bisher immer verschlossen hielt, drang vorallem ein: meine eigene unglaubliche angst. jeder bisherige widerstand gegen das thema depression schnurrte zusammen und enthüllte was in wirklichkeit dahinter stand, eine tiefe, grauenhafte angst vor verlust.

depression ist bereits ohne suizid durchgehend von verlust geprägt. man verliert den menschen an seiner seite an sie. sie verschlingt ihn vollständig und lässt einen selbst einsam zurück. man führt eine beziehung, die in sehr vielen bereichen im grunde keiner beziehung entspricht sondern einem alleingang, verbunden mit einem damoklesschwert über einem, dass der andere geht, psychisch wie physisch. wenn nicht für immer, dann aber doch in die untiefen seiner seele, wohin ihm niemand – trotz allem
verständnis, trotz aller beschäftigung, trotz allem willen – folgen kann. und soll. die depression des einen, ist die verlustangst des anderen. zumindest war und ist es bei mir so. die unerreichbarkeit des depressiven für alle überlebensstrategien eines nicht-depressiven, beraubt den angehörigen nach und nach seiner kraft und hinterlässt am ende, wenn wieder und wieder alle ideen und alle aktion versagt hat, eine grosse, unbeschreibliche angst.

diese angst ist es, die in meinem raum herrschte, die ich zu kontrollieren versuchte durch aktionismus, ratschläge, trotz und verweigerung. und mit der ich jetzt konfrontiert bin, mit der verschärfung, dass ich nun auch weiss, dass das „es geht schon.“ und funktionieren eines depressiven nichts, absolut nichts über seinen inneren seelenzustand aussagt. ich wage soweit zu gehen und zu sagen, dass vertrauen an der stelle kaum mehr möglich ist.

in den tagen nach dem suizid wollte ich alles wissen über depression. ich befragte zwei menschen in meinem leben, die mir sehr nahestehen und beide an depression leiden, was sie von dem thema halten. beide bestätigten mir, dass diese gedanken existieren, dass sie in einem sind, als letzte option dem leid ein ende zu bereiten. das war ein weiterer schlag in meine angst, auch wenn ich beiden unglaublich dankbar bin für ihre schonungslose ehrlichkeit, ich bin zutiefst davon überzeugt: ohne geht es nicht.

seitdem habe ich fragen, tausende, und kriege keine antworten. ich lese, ich denke nach, ich führe gespräche aber der depression komme ich keinen deut näher. sie hat zwei ebenen, die rationale und die emotionale, letztere ist in meinem augen nicht zu erfassen, so sehr ich es auch versuche. diese offenen fragen haben mich die letzten zwei wochen an den rand der erschöpfung gebracht. den der sich umbrachte kann ich nicht mehr fragen, warum er sich selbst das leben nahm, die lebenden will ich nicht mehr fragen weil ihre antworten mich zu tode ängstigen und ihre antworten sie selbst beschämen. ein depressiver mensch weiss sehr genau darum, was er seinem angehörigen zumutet und leidet darunter in einem kaum vorstellbaren ausmaß. das zumindest habe ich verstanden, das kann ich sogar nachfühlen, das ist mein licht wenn es für mich schwer wird in der begleitung.

und heute auf der wanderung plötzlich der eine satz in mir „Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten.“ und ich denke ja, so ist der weg. der weg ist das stehenlassen der fragen, weil die antworten noch nicht da sind und vielleicht auch nie kommen werden und weil ich vielleicht auch mit ihnen im moment nicht umgehen könnte. es ist ein leben mit den offenen fragen, in der hoffnung, so wie rilke es schreibt, eines tages, ohne es zu merken in die antworten hineinzuwachsen.

bis dahin will ich begreifen was zu begreifen geht. und das auszuhalten und loszulassen, für das es keine antworten gibt.

Sie sind so jung, so vor allem Anfang, und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.
rilke, brief an franz xaver kappus

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