würzburg.

die berichterstattung im fall des 17 jährigen, der in würzburg vier menschen angegriffen und zt lebengefährlich verletzt hat, macht mich sehr verrückt. mir gefällt das nahezu schon reflexhafte verorten in is nähe überhaupt nicht – in meinen augen wird zuviel gemutmasst, zuviel ausser acht gelassen….fast wirkt es so als ob dieser junge mensch jetzt einfach terrorist sein muss also schreibt man ihn zu einem. es versteht sich von selbst, dass ich die tat verurteile. aber die be-urteilung geht eben nicht immer so einfach, wie sie sich gerade gemacht wird.

ich möchte dem gerne ein paar gedanken entgegensetzen.

die bildzeitung spekuliert heute, dass der junge mann gar nicht 17 gewesen sei sondern älter und sich mit absicht jünger gemacht hat um leichter nach deutschland zu kommen. intendiert wird durch den tonfall des berichtes, dass hier etwas schlimm illegales, bereits terroristisches motiviertes unternommen worden ist.

ich habe den letzten sommer vermehrt in einer polizeiinspektion an einer autobahn und direkter grenznähe zu österreich verbracht. ich musste dort bei jugendlichen, die schleuser irgendwo ausgesetzt hatten, eine alterseinschätzung vornehmen, denn – unter 18 jugendhilfe (und damit ist das jugendamt zuständig) über 18 sozialamt. in der konkreten umsetzung bedeutet das ganz kurz gefasst: jugendhilfe gleich unterkunft in sozialverträglichem gut begleiteten rahmen mit unterstützung in behördengängen etc sowie schulbesuch sowie unterstützung bei lehrstellensuche sprich versorgt und aufgehoben. sozialamt gleich sammelunterkunft, einer von vielen, keine unterstützung. alle wussten das und wo wir zu beginn als wir noch nicht abschätzen konnten welche massen da kommen, noch genau geschaut und gefragt haben was das alter angeht, war spätestens ab mai nur noch durchwinken angesagt. natürlich wurden die wirklich alt aussehenden nicht durchgewunken, aber ob der angeblich 17 jährige in wirklichkeit 19 oder 20 war – wer konnte das denn schon wissen so ohne papiere und das örtliche gesundheitsamt, welches eine genauere alterermittlung hätte durchführen können, komplett überlastet. es ist also durchaus ohne irgendwelche terroristische und betrügerische absicht möglich, dass es afghanen, syrer, somalis etc in deutschland gibt, die älter als 18 sind und dennoch unter 18 aufgeführt sind. wahrscheinlich war da einfach jemand genauso menschlich oder auch überfordert wie wir damals an der ö-d grenze und hat gedacht „welchen sinn macht flucht für so einen jungen menschen wenn er sofort in der perspektivlosigkeit landet?“

ich denke darüber nach, dass der 17 jährige zwei tage zuvor eine todesnachricht eines guten freund übermittelt bekommen hat, denke an eventuelle traumatisierungen die zuvor bereits durch flucht und krieg bez. politische bedrohung entstanden sein könnten und überlege mir, inwieweit eine solche nachricht auch re-traumtisierend wirken kann. was genau wissen wir, was in einem jungen passiert, der bisher als ruhig, freundlich und kein bisschen politisiert bis radikalisiert beschrieben wird und der nur zwei tage nach einer solchen nachricht urplötzlich in dieser form gewalttätig ausbricht? was wissen wir von seinem kontext in dem er aufgewachsen und sozialisiert worden ist? was wissen wir genau von seinen innerpsychischen prozessen, die bereits ein deutscher muttersprachler oft nicht zu formulieren weiss geschweige denn ein junger mann aus einem anderen kulturkreis, mit anderer sprache?

ich denke daran, dass er seit zwei wochen in einer pflegefamilie untergebracht war. und ich denke daran, dass ich selber in diesem bereich im jugendamt arbeite und sehr genau weiß, wie pflegeeltern im vorfeld geprüft werden, aber auch wie jugendliche überprüft werden ob sie in diese familien passen. einer solchen unterbringung geht ein mindestens 3 monatiger in 90% der fälle aber eine mehrmonatiger aufenthalt in einer sozialen einrichtung voraus. dort arbeiten sozialpädagogen eng mit den jugendlichen zusammen. natürlich ist damit nicht gewährleistet, dass diese eine radikalisierung oder sagen wir problematisierung erkennen können aber sicher ist, dass er bei einer auffälligkeit in irgendeiner form unterstützung bekommen hätte und klar ist auch, dass es defitnitv ein engmaschiges helfernetz gab. dh. gab es anzeichen, dann kann man durchaus nochmal andere rückschlüsse auf die tat ziehen, gab es keine, dann ist die tat nicht mit radikalisierung oder is-verbundenheit zu begründen. aber man muss auch auf diese seite blicken – da liegt eine fülle von informationen, zu denen ich bisher noch kein einziges wort gehört habe.

der zentralrat der muslime in deutschland sprach heute davon, dass dieser jugendliche genau in die kerbe der verunsicherung gehauen hätte und damit maßgeblich und absichtlich zum mißtrauen gegen menschen mit islamischen glauben beigetragen hätte. Ich halte das für eine sehr schwerwiegende einschätzung – ich denke mit derartiger gedanklicher vorsetzlichkeit überschätzt man die gedankenleistung eines 17 jährigen erheblich. zum anderen denke ich gehört dieser vorwurf den medien gemacht, die ohne viel zu wissen viel schreiben, kaum mehr fragen stellen, vorverurteilen, tendenziös berichterstatten und damit in meinen augen diejenigen sind, die maßgeblich zur vorverurteilung von muslimen in deutschland beitragen.

ich bin zutiefst davon überzeugt, dass diese tat nur ein vorgeschmack sein wird auf das was unsere gesellschaft in zukunft erwartet. nicht, weil wir es mit einer sich einschleichenden radikalisierung zu tun haben (die läuft an anderer stelle), sondern weil im letzten jahr unsere gesellschaft junge, vorwiegend männliche jugendliche aufgenommen hat von denen sie so gut wie nichts weiß – nichts über deren herkunft und sozialisation und prägung, nichts über deren psychischen innenleben, nichts über deren traumatisierungen. wir werden in zukunft vermehrt gewaltausbrüche erleben, die hoffentlich nicht immer in dieser gewalttäigkeit einhergehen, aber die uns erschrecken werden. was wir brauchen sind dolmetscher und traumatherapeuten – nichts davon ist in ausreichender zahl vorhanden. nichts von beidem, insbesondere letzteres, wird als wichtig genug erachtet um beschafft zu werden.

 

wir werden uns noch wundern. und brauchen uns nicht zu wundern.

 

 

 

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4 Gedanken zu “würzburg.

  1. Ich habe heute – und das passt irgendwie ganz gut – über diesen schönen alte Ärzte-Song nachgedacht und darüber, wie wir damals dieses „Gewalt erzeugt Gegengewalt“ immer verstanden haben. Da ging die Gewalt immer vom bösen Nazijungen aus und wir waren die guten.

    Und so dachte ich heute so: Vielleicht müssten wir alle mal begreifen, dass „wir“ ( = westliche Wohlstandswelt) viel zu lange auf Kosten des Restes der Welt gelebt haben. Oder auch: Gewalt ausgeübt haben. Strukturelle Gewalt natürlich nur, die ist ja unauffälliger, wir haben ja schließlich keine Kriege geführt, und wenn dann nur für die Freiheit. (Sorry, ich werde sarkastisch)
    Und vielleicht erleben wir gerade den Backslash – auf ganz vielen Ebenen. Die Menschen kommen hier her, obwohl sie hier niemand will. Die anderen stellen fest, dass sie lange abgehängt wurden und gehen auf einmal auf die Straße und rücken nach rechts. Und so weiter. Denn Gewalt erzeugt ja nunmal Gegengewalt.

    Mich wundert das alles irgendwie gar nicht, mich wundert eigentlich nur, dass es erst jetzt knallt.
    Und dass tatsächlich noch so viele glauben, man könne sich weiter mit Gewalt „schützen“

    Gefällt 2 Personen

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