„melde hohes aggressionspotential!“

ich habe ein sehr ambivalentes gefühl zu wut. auf der einen seite fürchte ich wut sehr, es ist ein erfahrungswert in meinem leben was wut anrichten kann, wieviel sie nachhaltig zerstören kann. auf der anderen seite bewundere ich menschen die wüten können. manchmal denke ich, dass es kein wunder ist, mit welchem – oft sehr wütendem – klientel ich arbeite. ich mag deren spontanität, die unreflektiertheit und ungefilterheit von wut. ich selber hätte mich nicht als wütenden menschen bezeichnet, zumindest bis gestern.

denn gestern wurde mir bewusst, dass es seit jahren in mir kocht. klar habe ich mich früher auch schon aufgeregt, ich konnte und kann sehr wütend werden wenn es um themen geht, die weg von mir sind – gesellschaftliche, soziale, politische. das ist eine sehr kontrollierbare und ungefährliche wut. gefährlich wird wut für mich dann, wenn sie zu nah an mir selbst ist. ich hatte gestern einen termin bei einer traumatherapeutin, die nach dem sehr körperorientierten konzept von peter levine arbeitet. es geht darum, dass traumaerfahrung durchaus kognitiv verarbeitet werden kann und man damit eine zeit gut leben kann, dass aber der körperliche stress, den trauma verursacht und den wir in sehr also wirklich sehr frühen Zeiten durch fluchtreaktionen ausagieren konnten, in uns „steckengeblieben“ ist. es ist der zustand der erstarrung, den wir aus dem Tierreich kennen – von allen möglichen Reaktionen wie fight – flight – freeze, stecken traumatisierte körperlich gesehen im freeze zustand. levine sagt, jetzt sehr verkürzt, dass zur auflösung von trauma, der körper aus dem zustand des freeze in den fluchtmodus gebracht werden muss. dazu durchlebt der klient in kleinen prozessschritten die körperlich manifestierten emotionen zu der jeweilig traumatisierenden situation und agiert sie körpelich bewusst aus. das kann in spontanen bewegungsimpulsen geschehen oder aber durch gezielte führung durch den therapeuten. levine hat damit in den 70ern  in den USA eine relativ neue richtung in der traumatherapie geschaffen, die bis heute zu den führenden traumatherapien zählt. er arbeitet bis heute vorrangig mit kriegsveteranen – wer sich da mal einlesen möchte dem empfehle ich das buch „sprache ohne worte“. ich bin, obwohl aus persönlichen gründen kein fan von körperarbeit, davon mittlerweile sehr überzeugt. zumal es für die therapie nicht notwendig ist, zu tief ins trauma einsteigen zu müssen – der körper erinnert ohnehin besser als jeder kopf und jede seele. das war und ist einer der großen vorteile, da diese therapieform eine retraumatisierung durch therapie (was sehr oft vorkommt) nahezu ausschliesst. soviel zur theorie.

in der praxis stand ich also gestern da und konnte spüren, wie meine wut zu kochen begann. und in dem augenblick, als mir das bewusst wurde, verzog sie sich auch schon wieder beziehungsweise wurde verdrängt von zwei sehr wunderbaren, aber leider auch sehr wutverhindernden anteilen in mir: dem zwang nach radikaler ehrlichkeit mir selbst gegenüber, die jede meiner spontanen wahrnehmung in sekunden zerpflückt in „aber ehrlicher weise musst du zugeben, dass das ja jetzt eher daher kommt und nicht so ist….“ verbunden mit dem anderen anteil, der ein nahezu episches verständnis für jede person und jede haltung und jede meinung hat. ich kann aus der größten gequirlten scheiße die eine person von sich gibt noch irgendwas herausziehen, wo ich sie verstehe. oder zumindest will. das macht mich zu einem sehr angenehmen gegenüber denke ich, verhindert aber in hohem maße meine wut über die gequirlte scheisse. ich habe diese anteile aus gründen entwickelt, sie sind gut und wichtig (wie übrigens alle in anteile in einem, man muss nur hinter ihren sinn kommen), aber als ich gestern sie für eine weile zur seite legen konnte – war sie da, diese helle, lodernde wut. in teilen zielgerichtet, in teilen auch nicht. und ich habe mich selten so lebendig und im einklang mit mir empfunden.

und da kamen mir mehrere gedanken. der erste war, dass mir plötzlich auffiel in was für einer extrem wutarmen gesellschaft wir eigentlich leben. und wie gross die gesellschaftlichen anteile sind, die den meinen gar nicht so unähnlich sind und die eine konstruktive wut und den umgang mit ihr verhindern: eine nahezu schon extremistisch eingeforderte toleranz gegenüber alles und jedem und jeder meinung. bist du nicht für bist du gegen. und wos kompliziert wird, wird so lange und verzweifelt nach konsens gesucht, dass man darüber leicht vergisst um was es eigentlich ging. das steht in krassem gegensatz zu einer art „wutspitzen“, in denen wut gewalttätig und destruktiv ausgelebt wird – wutbürger haben diese wut oft, sie zeigt sich in ubahn überfällen, angriffen auf migranten, frauen, queere menschen. sie ist eruptiv und gefährlich. und schlage ich nochmal den bogen zu mir (denn alles beginnt immer in einem selber und will ich das große ganze verstehen, muss ich mich verstehen), dann kenne ich das im kleinen auch. all die jahre in denen ich so wenig wütend über bestimmte themen war, obwohl so offensichtlich ungerecht und verletztend, war ich an anderer, völlig uneinsichtiger stelle wütend. statt meinen vater anzuschreien, schrie ich meine partner an. statt meine mutter anzuschreien, schrie ich meine kinder an. ich lebte meine wut ständig mit stellvertretern aus und nicht bei denen, zu denen meine wut gehörte. das machte mich zu einem im grunde sehr wütenden menschen, aber dadurch, dass ich aus gründen die wut nicht dort lebte wo sie hingehörte, war die wut destruktiv und völlig falsch angebracht. ich habe gestern in einem ersten schritt erfahren wie es ist, die wut dort zu lassen und auszuagieren wo sie entstand und wo sie hingehört. es befreit ungemein und machte mir etwas anderes klar: um mit dingen zu einem abschluß zu kommen oder zu einer lösung muss man die wut darüber erfahren, erlebt und gespürt haben. man kann die wut nicht auslassen und gleich in die klärung kommen – dann ist die klärung keine klärung sondern nur eine vertagung. wer nicht sagt was ihn stört, wer nicht wütet, gegen das was ihn belastet, ärgert, frustriert und ungerecht behandelt, bleibt damit alleine und nimmt sich damit selbst die chance auf wachstum. und läuft darüber hinaus gefahr, die wut an einer stelle auszuagieren, wo sie nicht hingehört.

ich wünsche mir selbst nach der erfahrung von gestern, dass mein mut wächst, meine wut mehr zu zeigen. das ich aus einer schonhaltung mir selbst und anderen gegenüber rauskomme. was nicht heissen soll, dass ich jetzt unreflektiert und voller boshaftigkeit wie rumpelstilzchen durch die gegend laufe und meine wut vor mir hertrage. das ist nämlich auch so ein trugschluss, dass ich meinte das gegenteil von verständnisvoll und tolerant sei wütend und unfair. man kann auch in wut fair und gerecht sein. ich glaube sogar man kann nur mit wut auch fair und gerecht sein.

wütend zu sein macht einen klarer, sich selbst und anderen gegenüber. man ist einschätzbarer und pointierter. man verliert nicht seine diplomatie und sein geschick in konflikten – es ist wie immer im leben eine frage der balance. aber sie beginnt im kleinen, bei sich. 

wir sollten alle viel öfter einen wutausbruch haben.

 

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3 Gedanken zu “„melde hohes aggressionspotential!“

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