was jetzt wichtig ist.

soviele ereignisse in den letzten 10 tagen haben in mir so etwas wie eine weltmüdigkeit entstehen lassen die gestern abend mit dem amoklauf in münchen sicher ihren höhepunkt finden lassen. blättere ich durch die social media kanäle entdecke ich viel gutes – allein der pressesprecher der münchner polizei ist ein paradebeispiel dafür, der hashtag offene türen ebenso. ich entdecke aber auch sehr viel hilflosigkeit und viel aktionismus der dem schrecken was entgegensetzen will, mit welchen mitteln auch immer. all das ist viel, im grunde zuviel. und so habe ich mir heute früh überlegt was jetzt notwendig wäre – nicht global, nicht politisch oder gesellschaft, sondern auf jeden einzelnen von uns bezogen. 

1. nach der ersten information über eine wie auch immer geartete tat, geräte abschalten. 

hat man von einer krise erfahren und gecheckt ob es evtl. bekannte oder verwandte betrifft, sich einen ersten kurzen überblick verschafft hat kann man sich selbst von allen weiteren nachrichten entkoppeln. mehr verwertbare infos kommen für die nächsten stunden in der regel nicht rein, oft wird ohnehin erst nach tagen klar wer oder was für die krise verantwortlich ist. jede weitere zusätzliche information regt in uns nur einen destruktiven, spekulierenden kreislauf an, den tausende von anderen auch haben und der zusammen eine dynamik ergibt, die zu einem hohen maß zu ohnmacht und völligem ausgeliefertsein führt. insbesondere letzteres ist ein kennzeichen von trauma und ich halte es gar nicht für so abwegig im falle von amokläufen und terroristischen anschlägen davon zu sprechen, dass alleine das erfahren dieser geschehnisse ins uns, obwohl unbeteiligt, mikro-traumen auslöst. deswegen ist punkt 2 so wichtig.

2. wahrnehmen der eigenen gefühlslage.

ein sehr lieber mensch schrieb mir heute früh „man muss wut und trauer und auch diesen dreck einfach mal aushalten“ und damit hat er recht. dieses stehenbleiben in stille, dem nachspüren welcher dreck da gerade schon wieder passiert ist, was das mit mir macht ist ungeheuer wichtig. übergehe ich diesen schritt, manifestiert sich in mir auf dauer jeder anteil dieser ungelebten wut aber besonders trauer zu einer form von depression. nochmal – die allermeisten von uns sind nicht unmittelbar betroffen. aber die nähe zum geschehen durch bilder, ständige infos, live-twittern, videos etc. erzeugt eine teilhaberschaft die zwar nicht der realität entspricht aber unserer seele und unserem nervensystem signalisiert als wären wir mittendrin. kümmern wir uns nicht um die damit verbundenen gefühle durch zulassen, wahrnehmen und auseinandesetzen bleiben sie in uns. wir mögen sie nicht sofort als depression oder sagen wir verstimmung wahrnehmen, aber das andauernde auffüllen des fasses in uns, bringt es irgendwann zum überlaufen. wenden wir uns also dem zu was wir fühlen, wenn wir alles abgeschaltet haben und in stille sitzen. verbannen wir verdrängen durch aktionimus, und spüren all den emotionen nach und machen sie uns bewusst. leben wir für einen moment die wut und die trauer und die angst und sorge. vielleicht auch den hass, die resignation und frustration. oder auch den wunsch nach gleichgültigkeit. wichtig dabei ist: alles darf sein. es gibt keine guten und schlechten gefühle.

3. wenden wir uns bewusst dem zu, was im kleinstmöglichen umkreis in unserem leben gut ist.

wenn wir wahrgenommen haben was in uns ist und dem raum gegeben haben, ist es wichtig sich selbst in all dem chaos in einem und um einen herum wieder einzunorden. wer bin ich in meinem leben trotz dieser geschehnisse? wer begleitet mich? wer tut mir gut? was tut mir gut? was hält mich? was gibt mir kraft? ich halte es in krise und trauma für unabdingbar, dass man den gesamten „kreislauf“ durchläuft – von schock, über bewusstmachung hin zum ressourcenorientierten ausblick auf das was eben auch alles gut ist trotz allem schlechten. man kann zwischen den schritten pendeln, das bringt seele mit sich, dass sie sich nicht immer an abläufe hält. wichtig dabei ist das still sein, in ruhiger umgebung nur für sich, die bewusstmachung und das zulassen.

4. selbstfürsorge

als letzten wichtigen schritte sehe ich die selbstfürsorge und die damit verbundene frage was brauche ich jetzt, damit ich gut weitermachen kann? brauche ich tatsächlich informationen? dann kann man den fernseher oder die anderen kanäle wieder vorsichtig (!!) aufdrehen und schauen was der stand ist. brauche ich struktur? dann einfach den tag planen und dem folgen. brauche ich etwas für meinen körper? ein gutes essen? ein bad? einen lauf? für meine seele? ein treffen mit freunden, ein spaziergang mit der familie oder ein telefonat mit einem menschen der mir nah ist?
was immer es ist – tut es bewusst. nehmt wahr, was euch gut tun würde und folgt dem. tut auch das bewusst und mit einem guten blick auf euch – es ist das gute recht eines jeden einzelnen für sich gut zu sorgen. auch und gerade in krise.

alles gute für uns alle.

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würzburg.

die berichterstattung im fall des 17 jährigen, der in würzburg vier menschen angegriffen und zt lebengefährlich verletzt hat, macht mich sehr verrückt. mir gefällt das nahezu schon reflexhafte verorten in is nähe überhaupt nicht – in meinen augen wird zuviel gemutmasst, zuviel ausser acht gelassen….fast wirkt es so als ob dieser junge mensch jetzt einfach terrorist sein muss also schreibt man ihn zu einem. es versteht sich von selbst, dass ich die tat verurteile. aber die be-urteilung geht eben nicht immer so einfach, wie sie sich gerade gemacht wird.

ich möchte dem gerne ein paar gedanken entgegensetzen.

die bildzeitung spekuliert heute, dass der junge mann gar nicht 17 gewesen sei sondern älter und sich mit absicht jünger gemacht hat um leichter nach deutschland zu kommen. intendiert wird durch den tonfall des berichtes, dass hier etwas schlimm illegales, bereits terroristisches motiviertes unternommen worden ist.

ich habe den letzten sommer vermehrt in einer polizeiinspektion an einer autobahn und direkter grenznähe zu österreich verbracht. ich musste dort bei jugendlichen, die schleuser irgendwo ausgesetzt hatten, eine alterseinschätzung vornehmen, denn – unter 18 jugendhilfe (und damit ist das jugendamt zuständig) über 18 sozialamt. in der konkreten umsetzung bedeutet das ganz kurz gefasst: jugendhilfe gleich unterkunft in sozialverträglichem gut begleiteten rahmen mit unterstützung in behördengängen etc sowie schulbesuch sowie unterstützung bei lehrstellensuche sprich versorgt und aufgehoben. sozialamt gleich sammelunterkunft, einer von vielen, keine unterstützung. alle wussten das und wo wir zu beginn als wir noch nicht abschätzen konnten welche massen da kommen, noch genau geschaut und gefragt haben was das alter angeht, war spätestens ab mai nur noch durchwinken angesagt. natürlich wurden die wirklich alt aussehenden nicht durchgewunken, aber ob der angeblich 17 jährige in wirklichkeit 19 oder 20 war – wer konnte das denn schon wissen so ohne papiere und das örtliche gesundheitsamt, welches eine genauere alterermittlung hätte durchführen können, komplett überlastet. es ist also durchaus ohne irgendwelche terroristische und betrügerische absicht möglich, dass es afghanen, syrer, somalis etc in deutschland gibt, die älter als 18 sind und dennoch unter 18 aufgeführt sind. wahrscheinlich war da einfach jemand genauso menschlich oder auch überfordert wie wir damals an der ö-d grenze und hat gedacht „welchen sinn macht flucht für so einen jungen menschen wenn er sofort in der perspektivlosigkeit landet?“

ich denke darüber nach, dass der 17 jährige zwei tage zuvor eine todesnachricht eines guten freund übermittelt bekommen hat, denke an eventuelle traumatisierungen die zuvor bereits durch flucht und krieg bez. politische bedrohung entstanden sein könnten und überlege mir, inwieweit eine solche nachricht auch re-traumtisierend wirken kann. was genau wissen wir, was in einem jungen passiert, der bisher als ruhig, freundlich und kein bisschen politisiert bis radikalisiert beschrieben wird und der nur zwei tage nach einer solchen nachricht urplötzlich in dieser form gewalttätig ausbricht? was wissen wir von seinem kontext in dem er aufgewachsen und sozialisiert worden ist? was wissen wir genau von seinen innerpsychischen prozessen, die bereits ein deutscher muttersprachler oft nicht zu formulieren weiss geschweige denn ein junger mann aus einem anderen kulturkreis, mit anderer sprache?

ich denke daran, dass er seit zwei wochen in einer pflegefamilie untergebracht war. und ich denke daran, dass ich selber in diesem bereich im jugendamt arbeite und sehr genau weiß, wie pflegeeltern im vorfeld geprüft werden, aber auch wie jugendliche überprüft werden ob sie in diese familien passen. einer solchen unterbringung geht ein mindestens 3 monatiger in 90% der fälle aber eine mehrmonatiger aufenthalt in einer sozialen einrichtung voraus. dort arbeiten sozialpädagogen eng mit den jugendlichen zusammen. natürlich ist damit nicht gewährleistet, dass diese eine radikalisierung oder sagen wir problematisierung erkennen können aber sicher ist, dass er bei einer auffälligkeit in irgendeiner form unterstützung bekommen hätte und klar ist auch, dass es defitnitv ein engmaschiges helfernetz gab. dh. gab es anzeichen, dann kann man durchaus nochmal andere rückschlüsse auf die tat ziehen, gab es keine, dann ist die tat nicht mit radikalisierung oder is-verbundenheit zu begründen. aber man muss auch auf diese seite blicken – da liegt eine fülle von informationen, zu denen ich bisher noch kein einziges wort gehört habe.

der zentralrat der muslime in deutschland sprach heute davon, dass dieser jugendliche genau in die kerbe der verunsicherung gehauen hätte und damit maßgeblich und absichtlich zum mißtrauen gegen menschen mit islamischen glauben beigetragen hätte. Ich halte das für eine sehr schwerwiegende einschätzung – ich denke mit derartiger gedanklicher vorsetzlichkeit überschätzt man die gedankenleistung eines 17 jährigen erheblich. zum anderen denke ich gehört dieser vorwurf den medien gemacht, die ohne viel zu wissen viel schreiben, kaum mehr fragen stellen, vorverurteilen, tendenziös berichterstatten und damit in meinen augen diejenigen sind, die maßgeblich zur vorverurteilung von muslimen in deutschland beitragen.

ich bin zutiefst davon überzeugt, dass diese tat nur ein vorgeschmack sein wird auf das was unsere gesellschaft in zukunft erwartet. nicht, weil wir es mit einer sich einschleichenden radikalisierung zu tun haben (die läuft an anderer stelle), sondern weil im letzten jahr unsere gesellschaft junge, vorwiegend männliche jugendliche aufgenommen hat von denen sie so gut wie nichts weiß – nichts über deren herkunft und sozialisation und prägung, nichts über deren psychischen innenleben, nichts über deren traumatisierungen. wir werden in zukunft vermehrt gewaltausbrüche erleben, die hoffentlich nicht immer in dieser gewalttäigkeit einhergehen, aber die uns erschrecken werden. was wir brauchen sind dolmetscher und traumatherapeuten – nichts davon ist in ausreichender zahl vorhanden. nichts von beidem, insbesondere letzteres, wird als wichtig genug erachtet um beschafft zu werden.

 

wir werden uns noch wundern. und brauchen uns nicht zu wundern.

 

 

 

brandnew feature.

seit einigen wochen beobachte ich mich dabei, wie ich weniger sport treibe. und ich beobachte, wie mein körper an manchen stellen runder wird. und ich beobachte wie gänzlich egal mir das geworden ist. sport war für mich immer ein ventil – lange zeit die möglichkeit dem häuslichen stress mit zwei kindern und haushalt mal wenigstens für eine stunde zu entkommen. dann lange zeit die möglichkeit, die ungeheure wut auszuleben die in mir wohnte, die mich antrieb so viel und so schnell wie möglich zu laufen. lange zeit auch die möglichkeit es mit sport möglich zu machen, einfach zu essen was ich will und auf nichts verzichten zu müssen um mein gewicht zu halten.

fast unmerklich änderte sich in den letzten monaten mein sportverhalten. und mein essverhalten. vorallem aber mein verhältnis zu meinem körper.es begann damit, dass ich zwar weiter joggte aber nur noch wenn es mich hinaustrieb. das verbissene „aber du warst dienstag das letzte mal und heute ist bereits donnerstag, du musst jetzt ob du willst oder nicht!“ verschwand mehr und mehr. was zur folge hatte, dass ich meinem körper ansah, dass er weniger sport trieb. er wurde runder, weicher und veränderte seine form. wahrscheinlich nicht mal wahrnehmbar von aussen, aber so dass ich nackt vor dem spiegel sehr deutlich sah was sich geändert hatte. und es war jedesmal ein kurzes zusammenzucken, ein mahnender zeigefinger meines inneren antreibers und dann plötzlich gelassenheit. so ein inneres zurücklehnen und sich wohlfühlen in meinem körper. als ob mein kopf als erstes die übliche reaktion abspult, bis der körper mit dem brandneuen signal hinterher kommt „es ist alles gut! du fühlst dich sauwohl mit mir!“

jahrelang blieb es beim ersten impuls. ein unzufriedener, fieser, abwertender blick auf meinen körper – der dazu da war, zu funktionieren, schlank zu sein. ein sehr großer anteil meines selbstwertgefühls basierte auf der wahrnehmung meines körpers durch mein gegenüber. damit verbunden war essen immer eine heikle sache – ich konnte mir durchaus gut leisten zu essen was ich wollte, ich machte ja als ausgleich sport. in mir gab es eine genaue waage, die es in der balance zu halten galt: eine tafel schokolade? kein problem, aber dann ist klar, was du morgen tun musst. ein burgermenü beim goldenen m? kein ding, aber dann mindestens die große runde. es ging soweit, dass ich die tage direkt nach dem sporttag befreit essen konnte, weil ich ja wusste sport gemacht zu haben. aber bereits der darauffolgende tag war schon schwer bez. untrennbar mit sport verbunden. genuß, lust am essen, spontanität auch war völlig eingewoben in ein austariertes system von kontrolle und gängelung. wie auch bei anderen themen zerfiel mein ich in zwei teile, meinen kopf und meinen körper.

und es ist wohl kein wirkliches wunder, dass nach der letzten sitzung bei der traumatherapeutin, in der es um die integration des einen ins andere, sich plötzlich alles ins bewusstsein schob – mein sport und meine ungute körperwahrnehmung als kompensation für meine wut, die nun endlich ihren blick auf die tatsächliche quelle richten konnte und nicht mehr diffus gegen meinen körper gerichtet werden musste. ein sanftwerden gegenüber mir selbst und in der folge auch gegenüber anderen. (meine kinder können wohl ein lied davon singen zur zeit….)

ich hätte im leben nicht gedacht, dass ich die gesundung an dieser stelle so sehr in so vielen bereichen spüre. mein essverhalten entwickelt sich ohne bewusstes zutun zu einem gesunden stil in dem alles vorkommen darf, ohne innere waage, allein mein körpergefühl zeigt mir was ich essen will, was ich brauche und auch wann ich genug habe. und das funktioniert hervorragend! mein körpergefühl vermittelt mir aber auch ein neues gefühl für mich als frau, wie ich wirke, mit was ich wirken will, aber auch ein neues gefühl für so ein profanes ding wie den kleidungsstil, der sich gerade auch verändert. mein kopf steht plötzlich auf eine andere art und weise im fokus – ich beobachte mich, wie unabhängig ich werde von der bewertung meines erscheinens durch mein gegenüber und wieviel wichtiger es mir wird mit meiner Meinung, meinem können, meinem tun in verbindung gebracht zu werden.

so richtig bewusst aber wurde es mir, als ich vor ein paar tagen bei anke gröner einen blogbeitrag las, in dem der wunderbare satz vorkam „dicksein ist eine körperform, keine charaktereigenschaft“. jahrelang, ich muss das ehrlich zugeben, hatte ich den satz andersrum in mir. ich habe mich sehr dagegen gewehrt aber er stand sehr unerschütterlich, ausgeprägt und anerzogen in mir. nun aber steht er plötzlich richtig da und das ganze thema körper/körperwahrnehmung bekommt seinen angemessenen platz.

es gibt zur zeit fast nichts, was mich glücklicher macht als diese neue innere ruhe und gelassenheit mir selbst gegenüber.

(sehr schöner artikel übers thema auch hier.)

 

luftdingsi. 

ich hatte gestern supervision. ein eingebrachtes thema von meinem kollegen führte zu der vorstellung der 4 elemente-lehre. ich halte wenig von modellen dieser art. mir ist das zu festgelegt, das erinnert mich immer alles ein bisschen an sternzeichen – da sagen dann immer alle ach ja klar bist du das! du bist ja voll so und so und derjenige nickt dann, weil klar ist immer irgendwas dabei was passt. man kann einen zwilling auch als wassermann verkaufen wenn man das will. lustig sind diese modelle dennoch, besonders bei menschen, die ansonsten nicht viel reflektieren – für die ist es oft ein gute gerüst um überhaupt mal in so etwas wie eine selbsterkundung zu kommen. und mir persönlich macht es spass, weil es manchmal ganz aufschlußreich ist in sehr plakativen bildern zu sprechen, sowohl in der rückmeldung für andere als auch für mich.jedenfalls ging es recht schnell um die konstellation kollege und ich. denn wir beide sind scheints prototypen zweier elemente. er erde, ich luft – wer hätte es gedacht. es gibt immer zwei gegensätze die sich besonders anziehen, einmal erde-luft, einmal wasser-feuer. jeder mensch hat ein hauptelement, zwei begleitende elemente und ein element, das kein bisschen in einem vorhanden ist, wohin aber – und das finde ich spannend – das sehnen hingeht. mein hauptelement ist luft, die begleiter feuer (wenig) und wasser (viel) und mein gegensatz ist erde. deshalb klappt das zb. auch so wunderbar mit meinem kollegen. wir kollidieren quasi nie. bei gegensätzen ist theoretisch (denn niemand ist „nur“) die anziehungskraft so groß, dass sie sich perfekt ergänzen bez. sich nicht stören. und weil er seeehr erde und ich seeehr luft bin führen wir eine sehr entspannte arbeitsehe, wenn wir nicht weiterkommen wird er einfach still und ich gehe. beste beziehungsvoraussetzungen. so in etwa. kollisionen entstehen, wenn die elemente sich beginnen zu stören. wenn zb. ein sehr luftiger mensch mit einem sehr feurigen zusammen kommt. das kann zu beginn sehr leidenschaftlich und passend sein, aber zuviel wind bei feuer….fläschenbrandgefaahr! oder wenn ein wassermensch mit einem erdmenschen zusammen kommt, da kanns dann durchaus auch mal zu überschwemmungen kommen, wenn der wassermensch zu überbordend sensibel aufgetreten ist.

clou dieses modell ist nun, dass man sich erstens selber einzuschätzen weiss und zweitens sein gegenüber. denn davon kann ich gut ableiten, was ich zb. als luftmensch tunlichst unterlassen sollte. so weiß ich aus eigener erfahrung, dass erdmenschen mit widerstand und verweigerung reagieren, wenn ich zu schnell wehe. erdmenschen brauchen eeeeineee laaaangsaaaaame aaanääääheeeeruuuung uuunddd viiiieeeeeeeeeeeeeeeeeel zeeeiit. die ich als wind echt nicht habe. weiß ich das aber, dann kann ich zumindest vorbereitend schon mal ein bisschen luft ablassen und mich dem erdmenschen für ihn angemessen nähern.

wir hatten gestern ziemlich viel spass, uns gegenseitig in diesem modell zu positionieren. und dabei ist mir eine frage eingefallen – was wäre eigentlich, wenn ich gar kein luftmensch bin. wenn ich zwar handle wie einer und das tue ich mit großer sicherheit und jeder mich auch recht schnell als so einen wahrnimmt, ich das aber nicht bin. sondern mein leben und meine prägung mich zu einem solchen gemacht haben. was wäre wenn ich eigentlich in meinem grundelement ein erdmensch bin, da wo meine tatsächliche wirklich große sehnsucht hingeht, wo die höchste anziehungskraft herrscht und mich nur mein leben dazugebracht hat, luftmenschzu werden, weil nur mit diesen eigenschaften meine kindheit und jugend zu meistern waren? ist vielleicht jedes sehnen in einem nicht genau der anteil, der eigentlich ganz unverbrüchlich zu einem gehört, von dem man aber meint man hat ihn sicher nicht? liegt dann vielleicht all unser sehnen nach einem bestimmten „sein“ nicht schon längst in uns und wir müssen nichts antrainieren oder erarbeiten sonder „nur“ befreien?

schaue ich auf mich, so beginne ich erst seit kurzer zeit zu verstehen, welche sehnsucht ich nach diesen ich sag mal „erdanteilen“ ich habe. ich habe so viele jahre unstets und alles andere als statisch verbracht. selbst jetzt ist mein leben ein einziges mobile aus unglaublich vielen teilen, die fein austariert in mir sind und die mich selten zur ruhe kommen lassen. aber gleichzeitig kommen in den letzten 2-3 jahren menschen in mein leben, die genau diese erdanteile haben. die beständigkeit, ruhe und gelassenheit ausstrahlen. die bleiben, statt zu gehen. die ruhen statt zu hetzen. die es geschafft haben, altes in neues zu integrieren und nicht einfach altes wegschmeissen oder durch neues ersetzen. ich bin vor ein paar wochen mit dem freund durch den stadtteil gelaufen in dem er wohnt und er konnte mir an nahezu jedem haus eine geschichte erzählen die mit dem satz begann „als kind war da…“ ich finde das ungemein anziehend, denn ich halte den freund zeitgleich für einen sehr neugierigen und offenen menschen. er hat auf eine art und weise altes in neues integriert und miteinander verbunden, was ihn im kopf frei macht, aber mit tiefen wurzeln stehen lässt. ich finde das unglaublich beneidenswert und sehr anziehend und spüre, wie sehr mein eigenes sehnen dahin geht. ich habe in meinem leben so oft altes abgestriffen, niedergerissen und wirklich aus meinem leben geworfen um neues hineinzulassen. ich dachte immer das gehört so – altes muss weg, damit neues platz hat. und ich erkenne plötzlich, dass das nicht so sein muss. ganz im gegenteil: dass es mir nicht gut tut. emanzipation ist nicht die beseitigung von altem sondern die integration ins neue. trenne ich das eine vom andere, zerreisse ich mich. (das lässt sich übrigens prima auf feminismus, genderfragen und ähnliches übertragen…..) das ist, wenn ich noch einen schritt für mich weiter schaue, vielleicht auch das problem für mich bei diesem trend zum minimalimus in unserer gesellschaft im moment. was mich schon immer daran so gestört hat, ist das verbannen des alten und abgelegten, auch wenn ich weiß, dass der vergleich nicht ganz stimmt und ich den sehr guten und notwendigen seiten des minimalismus auch als konsumkritik damit unrecht tue. aber für mich hat er nie gepasst, ich könnte dieses konzept schlecht für mich umsetzen, vielleicht genau aus dieser haltung heraus die ich bei mir beobachte. es ist sozusagen nur ein weiterer beweis für meine persönliche veränderung in dieser hinsicht.

vielleicht bin ich ja schon immer erdmensch gewesen und all die menschen im moment in meinem leben, die so verwurzelt sind in dem wo sie herkommen, was sie geprägt hat und was sie verbindet, sind dazu da, um mich daran zu erinnern und mir zu zeigen, wie man es schafft das alte ins neue zu integrieren.

„melde hohes aggressionspotential!“

ich habe ein sehr ambivalentes gefühl zu wut. auf der einen seite fürchte ich wut sehr, es ist ein erfahrungswert in meinem leben was wut anrichten kann, wieviel sie nachhaltig zerstören kann. auf der anderen seite bewundere ich menschen die wüten können. manchmal denke ich, dass es kein wunder ist, mit welchem – oft sehr wütendem – klientel ich arbeite. ich mag deren spontanität, die unreflektiertheit und ungefilterheit von wut. ich selber hätte mich nicht als wütenden menschen bezeichnet, zumindest bis gestern.

denn gestern wurde mir bewusst, dass es seit jahren in mir kocht. klar habe ich mich früher auch schon aufgeregt, ich konnte und kann sehr wütend werden wenn es um themen geht, die weg von mir sind – gesellschaftliche, soziale, politische. das ist eine sehr kontrollierbare und ungefährliche wut. gefährlich wird wut für mich dann, wenn sie zu nah an mir selbst ist. ich hatte gestern einen termin bei einer traumatherapeutin, die nach dem sehr körperorientierten konzept von peter levine arbeitet. es geht darum, dass traumaerfahrung durchaus kognitiv verarbeitet werden kann und man damit eine zeit gut leben kann, dass aber der körperliche stress, den trauma verursacht und den wir in sehr also wirklich sehr frühen Zeiten durch fluchtreaktionen ausagieren konnten, in uns „steckengeblieben“ ist. es ist der zustand der erstarrung, den wir aus dem Tierreich kennen – von allen möglichen Reaktionen wie fight – flight – freeze, stecken traumatisierte körperlich gesehen im freeze zustand. levine sagt, jetzt sehr verkürzt, dass zur auflösung von trauma, der körper aus dem zustand des freeze in den fluchtmodus gebracht werden muss. dazu durchlebt der klient in kleinen prozessschritten die körperlich manifestierten emotionen zu der jeweilig traumatisierenden situation und agiert sie körpelich bewusst aus. das kann in spontanen bewegungsimpulsen geschehen oder aber durch gezielte führung durch den therapeuten. levine hat damit in den 70ern  in den USA eine relativ neue richtung in der traumatherapie geschaffen, die bis heute zu den führenden traumatherapien zählt. er arbeitet bis heute vorrangig mit kriegsveteranen – wer sich da mal einlesen möchte dem empfehle ich das buch „sprache ohne worte“. ich bin, obwohl aus persönlichen gründen kein fan von körperarbeit, davon mittlerweile sehr überzeugt. zumal es für die therapie nicht notwendig ist, zu tief ins trauma einsteigen zu müssen – der körper erinnert ohnehin besser als jeder kopf und jede seele. das war und ist einer der großen vorteile, da diese therapieform eine retraumatisierung durch therapie (was sehr oft vorkommt) nahezu ausschliesst. soviel zur theorie.

in der praxis stand ich also gestern da und konnte spüren, wie meine wut zu kochen begann. und in dem augenblick, als mir das bewusst wurde, verzog sie sich auch schon wieder beziehungsweise wurde verdrängt von zwei sehr wunderbaren, aber leider auch sehr wutverhindernden anteilen in mir: dem zwang nach radikaler ehrlichkeit mir selbst gegenüber, die jede meiner spontanen wahrnehmung in sekunden zerpflückt in „aber ehrlicher weise musst du zugeben, dass das ja jetzt eher daher kommt und nicht so ist….“ verbunden mit dem anderen anteil, der ein nahezu episches verständnis für jede person und jede haltung und jede meinung hat. ich kann aus der größten gequirlten scheiße die eine person von sich gibt noch irgendwas herausziehen, wo ich sie verstehe. oder zumindest will. das macht mich zu einem sehr angenehmen gegenüber denke ich, verhindert aber in hohem maße meine wut über die gequirlte scheisse. ich habe diese anteile aus gründen entwickelt, sie sind gut und wichtig (wie übrigens alle in anteile in einem, man muss nur hinter ihren sinn kommen), aber als ich gestern sie für eine weile zur seite legen konnte – war sie da, diese helle, lodernde wut. in teilen zielgerichtet, in teilen auch nicht. und ich habe mich selten so lebendig und im einklang mit mir empfunden.

und da kamen mir mehrere gedanken. der erste war, dass mir plötzlich auffiel in was für einer extrem wutarmen gesellschaft wir eigentlich leben. und wie gross die gesellschaftlichen anteile sind, die den meinen gar nicht so unähnlich sind und die eine konstruktive wut und den umgang mit ihr verhindern: eine nahezu schon extremistisch eingeforderte toleranz gegenüber alles und jedem und jeder meinung. bist du nicht für bist du gegen. und wos kompliziert wird, wird so lange und verzweifelt nach konsens gesucht, dass man darüber leicht vergisst um was es eigentlich ging. das steht in krassem gegensatz zu einer art „wutspitzen“, in denen wut gewalttätig und destruktiv ausgelebt wird – wutbürger haben diese wut oft, sie zeigt sich in ubahn überfällen, angriffen auf migranten, frauen, queere menschen. sie ist eruptiv und gefährlich. und schlage ich nochmal den bogen zu mir (denn alles beginnt immer in einem selber und will ich das große ganze verstehen, muss ich mich verstehen), dann kenne ich das im kleinen auch. all die jahre in denen ich so wenig wütend über bestimmte themen war, obwohl so offensichtlich ungerecht und verletztend, war ich an anderer, völlig uneinsichtiger stelle wütend. statt meinen vater anzuschreien, schrie ich meine partner an. statt meine mutter anzuschreien, schrie ich meine kinder an. ich lebte meine wut ständig mit stellvertretern aus und nicht bei denen, zu denen meine wut gehörte. das machte mich zu einem im grunde sehr wütenden menschen, aber dadurch, dass ich aus gründen die wut nicht dort lebte wo sie hingehörte, war die wut destruktiv und völlig falsch angebracht. ich habe gestern in einem ersten schritt erfahren wie es ist, die wut dort zu lassen und auszuagieren wo sie entstand und wo sie hingehört. es befreit ungemein und machte mir etwas anderes klar: um mit dingen zu einem abschluß zu kommen oder zu einer lösung muss man die wut darüber erfahren, erlebt und gespürt haben. man kann die wut nicht auslassen und gleich in die klärung kommen – dann ist die klärung keine klärung sondern nur eine vertagung. wer nicht sagt was ihn stört, wer nicht wütet, gegen das was ihn belastet, ärgert, frustriert und ungerecht behandelt, bleibt damit alleine und nimmt sich damit selbst die chance auf wachstum. und läuft darüber hinaus gefahr, die wut an einer stelle auszuagieren, wo sie nicht hingehört.

ich wünsche mir selbst nach der erfahrung von gestern, dass mein mut wächst, meine wut mehr zu zeigen. das ich aus einer schonhaltung mir selbst und anderen gegenüber rauskomme. was nicht heissen soll, dass ich jetzt unreflektiert und voller boshaftigkeit wie rumpelstilzchen durch die gegend laufe und meine wut vor mir hertrage. das ist nämlich auch so ein trugschluss, dass ich meinte das gegenteil von verständnisvoll und tolerant sei wütend und unfair. man kann auch in wut fair und gerecht sein. ich glaube sogar man kann nur mit wut auch fair und gerecht sein.

wütend zu sein macht einen klarer, sich selbst und anderen gegenüber. man ist einschätzbarer und pointierter. man verliert nicht seine diplomatie und sein geschick in konflikten – es ist wie immer im leben eine frage der balance. aber sie beginnt im kleinen, bei sich. 

wir sollten alle viel öfter einen wutausbruch haben.

 

komfortzone, die.

vor jahren hatte ich mal ein shirt mit dem spruch „das schiff liegt sicher im hafen doch nicht dazu wurde es gebaut.“ der spruch fällt mir immer ein wenn ich merke, dass mir meine komfortzone zu cosy und flauschig wird. das kann in sehr verschiedenen bereichen sein und ist sicher höchst individuell – manch einer verlässt die komfortzone und läuft den pacific crest trail, ein anderer verlässt sie vielleicht bereits bei einem waldspaziergang. 

ich verlasse immer wieder gerne meine komfortzone, ich mag den kick den ich dabei bekomme. ich tue das auf sehr unterschiedliche art und weise zb. habe ich meine komfortzone verlassen als ich mich letztes jahr bei einer dating-app anmeldete und damit eine gewisse form der beurteilung meiner person mal zugelassen habe, die ich bisher immer gemieden habe – heraus kam eine wunderbare, mitunter aber auch durchaus komfortzonenverlassende beziehung. zwei kinder im abstand von 14 monaten zu bekommen ist auch so eine komfortzonenverlassung oder auch eine therapieausbildung zu machen. jemandem die meinung sagen oder sich was einzugestehen – auch das verstehe ich unter dem verlassen meiner komfortzone. im grunde alles was mit einer gewissen subjektiven hemmschwelle verbunden ist und einen herausfordert mal eine andere richtung einzuschlagen – kontraphobisch. das müssen nicht immer die grossen dinge sein, ich glaube diese vorstellung vom verlassen der komfortzone hindert oft, sie dann auch tatsächlich zu verlassen. es ist nicht wichtig, was man macht, sondern das man es macht.  

komfortzonen zu verlassen ist also etwas höchst individuelles, physisch wie psychisch. und ich habe mir vorgenommen, noch bewusster an die sache ranzugehen. so wie heute als ich nach knappen 10 jahren regelmässigem laufen das erste mal an einem laufwettbewerb teilgenommen habe. ich habe immer die wettbewerbssituation vermieden, hatte angst vor dem verlieren, angst vor den massen, angst vor dem scheitern, diesem rennen gegen die uhr. dabei gibt es einen nicht zu verachtenden wettbewerbsanteil in mir – der der insgeheim sowieso ständig alles in konkurrenz setzt. also habe ich mich angemeldet, nicht ohne schubser durch den freund, und fieberte dem heutigen tag entgegen. und siehe da – ich habe es überlebt. ich bin einfach gelaufen, ich hatte spass und meine innere wertbewerbssau kam voll auf ihre kosten.
und während ich da heute so lief, da dachte ich, dass es ja noch so einige andere ideen in mir gibt, die ich doch mal nach und nach angehen könnte – da gibt es den wunsch einer bergüberquerung, die konzeption und durchführung eines bestimmten seminars, das eine thema in mir, das ich schon so lange mit mir rumtrage und nun angehe mit einer bestimmten therapieform, das wochenende im schweigekloster, die begegnung mit bestimmten personen und und und. die liste ist endlos – die einen dinge leichter, die anderen schwerer.
und mal sehen was als nächstes dran ist.

aus eigener erfahrung – vereinbarkeit.

nach einigen sehr guten texten zum thema vereinbarkeit, die ich in letzter zeit gelesen habe, ist im grunde alles gesagt – ich kann allen drei texten in vielen gedanken zustimmen. besonders den immer wiederkehrenden gedanken n den texten, dass es nicht mit einem „das ist so, das musst du halt schaffen!“ und dem wirklich kotzigen „man muss es nur wollen, dann klappt es auch“ getan ist. mit diesen haltungen ist nämlich wirklich niemandem geholfen, denn selbst wenn leid eine subjektive sache ist, so bleibt es dennoch leid und geht nicht weg indem man ignoriert beziehungsweise in einen versagenskontext bringt. nur weils in der einen familie funktioniert, funktioniert es nicht woanders, dazu ist system familie mit all seinen individualitäten einfach zu komplex.

ich habe den politischen, sozialen und auch finanziellen unterstützungsforderungen nichts hinzuzufügen, habe aber nochmal versucht von einer anderen perspektive aus, auf die thematik zu schauen.

ich selbst komme aus einer mittlerweile beendeten ehe mit zwei kindern, in der beide elternteile gearbeitet haben, ich in teilzeit, vornehmlich aus finanziellen gründen. darüberhinaus würde ich im rückblick sagen, war ich neben arbeit und dreijähriger berufsbegleitender therapeutenausbildung zu sagen wir 90% für die carearbeit zuständig. die wut darüber kam sehr langsam. es war eher so ein langsames einsickern des ungerechtigkeitsgefühls und so richtig bewusst wurde es mir erst in der zeit der trennung und danach. zudem glaube ich, dass diese jahrelange ungerechtigkeit einen großteil am scheitern unserer beziehung ausmachte. jetzt – 3 jahre nach der trennung – funktioniert die verteilung von care und erwerbsanteilen wesentlich besser, im sinne von gerechter. und ich frage mich, was eigentlich eine frau machen soll, die all die artikel über vereinbarkeit, gerechte aufteilung, carearbeit etcpp. liest denken soll, der es so ergeht wie es mir ergangen ist.

es ist doch so: wenn ich einen partner kennenlerne, dann checke ich in kinderlosen zeit nicht ab, ob dieser mann potentiell dazu in der lage ist, gerecht und fair im sinne einer 50:50 aufteilung (oder welche andere gerechte individuelle aufteilung es für die familie geben kann) am familienleben teilzunehmen. ohne näher darauf einzugehen, ich hätte meinen mann in der ersten kinderlosen zeit auch anders eingeschätzt. das also ist keine lösung, zumal man sich kinderlos auch nicht vorstellen kann, wie familienleben einmal aussehen soll geschweige denn, dass man bereits tatsachen wie arbeitssituation und auch individuelles betreuungsmaß eines kindes weiss. es ist auch keine lösung, betroffenen frauen zu raten, sich zu trennen. um meine situation als beispiel zu nehmen: ich hatte zwei kleinkinder mit einem jahr altersunterschied, war finanziell abhängig von meinem mann und hatte nicht zuletzt auch einfach ein familienbild in meinem kopf, in dem trennung mit kleinen kindern nicht vorkam. die kinder waren dann im grundschulalter als ich mich trennte, das war in ordnung weil wir die trennung bis heute auch wirklich so leben, dass im familienalltag kaum ein unterschied spürbar ist für die kinder. bei anderen paaren geht das nicht und ich verstehe sehr sehr gut die scheu von frauen, den kindern trennung zuzumuten und lieber selbst zurückzustecken als den kindern schaden zuzufügen. das ist also auch keine lösung.

ich bin daher mal in mich gegangen und habe überlegt, was ich damals gebraucht hätte um durch diese zeit zukommen und vielleicht an der ein oder anderen stelle besser für mich zu sorgen.

entlastung wäre ein wichtiger punkt gewesen. wenn ich von meinem partner (und ohne familie vor ort) keine entlastung bekomme, dann muss ich sie suchen. familienpaten des kinderschutzbundes, familienstützpunkte mit kinderbetreuungsangeboten, leihomas und opas, ehrenamtsagenturen, die spontane unterstützungen anbieten können um ein paar zu nennen. ich komme aus dem ländlichen bereich, bei uns hat sich extrem viel in den letzten jahren getan – ich bin mir sicher, dass das in städtischem umfeld mindestens genauso gut aussieht.

ich hätte gute männliche, lautstarke, wahrnehmbare männervorbilder gebraucht. warum eigentlich sind männer, die sich in familie gerecht einbringen, so wenig zu hören? warum wird so wenig werbung dafür unter männern gemacht, warum wird an der stelle so wenig aufmerksamkeit auf die eigene haltung gelenkt? ich kenne einen mann, der seit geburt des ersten kindes zu hause ist, mit einer fröhlichen, gelassenen und sehr coolen haltung den laden schmeisst und seiner frau den rücken freihält bez. sie unterstützt – von dem wissen bis heute die allerwenigsten menschen, dass er das tut, er hält das ganz klein. es ist schon fast merkwürdig wie leise männer, die ja sonst auch wegen der kleinsten kleinigkeit ihr fähnlein hochhalten, an der stelle ganz zurückhaltend sind. ich hätte es gebraucht, dass männer die anders handelten als mein mann, diesem einfach mal deutlich gesagt hätten, wie sie die dinge sehen. die durchaus auch mutig und konfrontativ in die auseinandersetzung um diese themen gegangen wären oder auch einfach nur von sich erzählt hätten. ich halte es für einen trugschluss, dass es aufgabe der frau ist ihrem mann ständig in den ohren zu liegen, was er denn machen soll wo er mithelfen soll, nur weil die ihn ja schliesslich geheiratet hat. das ist ein bisschen wie diese hausaufgabensache mit kindern – die lagert man besser auch aus, damit das verhältnis zwischen eltern und kind bei hausaufgabenschwierigkeiten nicht dauerhaft beschädigt wird. ich weiß noch, dass ich so oft um mitwirkung gebeten habe und wie oft daraufhin streit entstand und wie oft ich am ende ohne lösung, aber völlig frustriert und verletzt da stand.

frauensolidarität wäre auch eine wichtige unterstützung gewesen. es ist schön, wenn anderer frauen männer super zu hause mithelfen, alles richtig toll aufgeklärt, aufgeteilt und verteilt ist. aber diejenigen unter den frauen, denen es nicht so geht, für die sind solche gespräche über vorzeigemänner und ehen ein tiefer stachel. gespräche mit diesen frauen hinterließen bei mir früher eine tiefe scham und ein gefühl der wertlosigkeit. scham, weil mit mir so anders umgegangen wurde, wertlosigkeit, weil ich es scheints nicht wert war, dass man sich für mich (und die familie) ändert und anstrengt. ich lege es daher gerade den frauen ans herz, die diese „man muss nur wollen“ haltung haben:  ich kann wollen was ich will, wenn mein partner das nicht auch will, ist es ein scheiss wert weil es phasen im leben gibt, in denen ich daraus nicht mal einfach eine konsequent ziehen kann, sondern schlicht alleine bin und klarkommen muss. frauen, die in so belasteten familiensituationen sind brauchen unterstützung und nicht noch mehr das gefühl, sie würden versagen. sie brauchen verständnis, eine gelegenheit ihren frust loszulassen, vielleicht anregungen oder einen rat. sie brauchen das gefühl, dass ihre wahrnehmung der situation verstanden und mitgefühlt wird, dass sie einen raum haben wo sie sein dürfen mit all den verbunden sorgen und zukunftsängsten die nämlich mit sowas scheints profanem wie einem nicht mithelfendem mann und vater verbunden sind. damit verbunden ist der wunsch nach mehr ehrlichkeit, die mir in dieser gefühlten einsamkeit geholfen hätte. ich weiß jetzt so im nachhinein, dass es mancher frau in meinem umfeld ähnlich ging wie mir, sie aber ein ganz anderes bild geschaffen hat. diese ehrlichkeit würde auch vielleicht frauen erreichen, die noch ganz am anfang der familienplanung stehen und so noch das ein oder andere schräubchen drehen oder vorbauen könnten. oder die eben einfach auch nochmal über familienplanung mit genau diesem mann nachdenken können.

und als letzten, noch sehr unausgegorenen punkt, habe ich noch den gedanken der entwicklung weiblicher identität. ich habe von dem moment an, als ich anfing mit mich meiner weiblichen identität auseinanderzusetzen, erst wirklich die diskrepanz in unserer rollenverteilung gespürt. ich halte es nicht für zufall, dass so viele frauen nach dem scheitern der ehe/beziehung plötzlich den feminismus für sich entdecken – weil in ersterem sehr viel ich-findung und neudefinition liegt. bei mir war das zumindest so und ich meine es auch bei anderen in vergleichbarer situation zu beobachten. wie viele jahre habe ich quasi als gottgegeben meine rolle als mutter und frau angenommen, im grunde völlig unbewusst. ich bin da drin rumgestolpert, ohne überhaupt je wirklich darüber nachgedacht zu haben, was ich will, was ich mir als mutter so wünsche (als mutter für mich, nicht für meine kinder! großer unterschied….), was als frau mit einer neuen, zusätzlichen, rolle. ich bin allen inneren und äusseren bilder und prägungen von muttersein und frausein gefolgt und erst als diese „brachen“ und schwankten kam mir in den sinn, eigene definitionen zu finden. was darin mündete, dass ich mich trennte. ließe sich das verhindern, wenn man früher schon ein bewusstsein dafür schafft, dass es fragen gibt, die am besten vor dem kinderkriegen geklärt werden? oder kann man diese fragen gar nicht vorher klären, weil es keine konkreten vorstellung zu ihnen gibt? wo sind orte für junge frauen, wo sie genau diese fragen stellen können? wo sind die rollenvorbilder?

ich bin noch nicht am ende meiner überlegungen, das thema treibt mich sehr um, weil ich zutiefst davon überzeugt bin, dass eine hohe zahl von trennungen/scheidungen im grunde auf genau das vereinbarkeitskonto gehen und ich große lust hätte, in irgendeiner form da abhilfe zu schaffen. ich habe nur (noch) keine ahnung wie.