von vätern und filtern. 

betrachtet man seine eltern hat man in der regel ein konkretes bild vor augen – es ist geprägt von erfahrung, geschichte, ich-identität und rangiert zwischen „ohje.“ und „ohja.“ sterben eltern verändert sich das bild nochmal, es kommt der ein oder andere filter des vergessens drauf oder, bei näherer durchsicht der hinterlassenschaft, der ein oder andere filter wieder ab. 

gestern hielt ich ein bild meines verstorbenen vaters in meinen händen und mit einem mal waren alle bisherigen filter weg.

das bild stammte aus der vor-familienzeit. es zeigte einen sehr gut aussehenden, braungebrannten mitdreissiger auf einem berg. und während ich es betrachtete fiel es mir wie schuppen von den augen: das war mein vater wie er wirklich war. den vater den ich kannte war zeit seines lebens der mann, der wieder der mann auf dem berg sein wollte. 

und so simpel wie erschütternd stand plötzlich die schon immer gefühlte wahrheit in mir: mein vater war nicht nur physisch nicht anwesend, er war auch dann nicht anwesend wenn er anwesend war. weil er nicht da sein wollte. er wollte ohne familie auf einem berg stehen, alleine, er wollte weg sein, jemand anders sein. so unbedingt jemand anders sein. er wollte derjenige sein, der er war bevor es mich gab. 

das ist ein übles dilemma, denn ich denke mein vater hat mich geliebt. leider auf eine art und weise, die erst die erwachsene frau sehen konnte – dem kind war der rationale zugang zum dilemma des vaters verschlossen, es fühlte es nur und setzte abwesenheit und ambivalenz des vaters mit nicht-liebe und bedeutungslosigkeit gleich. und zog für die nächsten 41 jahre darauf seine konsequenzen. alles in seinem leben bestand unterm strich aus einer einfachen rechnung: ich tue alles was in meiner macht steht für mein gegenüber, liebe bedingungslos und aufrichtig und werde mit wert und bedeutung bedacht. leider habe ich dyskalkulie und wie die meisten meiner mathearbeiten war auch diese rechnung falsch. denn nichts  funktioniert in der liebe und der zwischenmenschlichen beziehung schlechter als der zusammenhang von „wenn….dann“ und so stand am ende meiner rechnung regelmäßig ein „siehste! ich kann machen was ich will, es reicht nie.“ weil nicht kam was ich erwartete.

ich weiss noch nicht genau, was jetzt passiert und wie ich dieses begreifen der abwesenheit von zuwendung und spürbarer und fühlbarer vaterliebe benutzen werden um mich neu auszurichten. aber ich spüre jetzt schon etwas ganz wesentliches: erleichterung. denn wenn jemand, warum auch immer, meine liebe und zuwendung nicht annimmt dann hat das was mit ihm zu tun. es ist seine entscheidung, seine verantwortung und vielleicht auch sein schicksal so wie bei meinem vater. und das bedeutet zeitgleich, dass ich aufhören kann mich darum zu kümmern und mich stattdessen um mich selbst kümmern kann. all meine energie, die über soviele jahre durch diese prägung immer auf mein gegenüber gerichtet war, die darf ich jetzt umlenken auf mich. ohne vorwürfe, ohne rache, ohne wut, sondern einfach im bewusstsein, dass es die aufgabe des gegenübers ist für sich zu sorgen sowie es meine aufgabe ist, für mich zu sorgen. 

heute sass ich am grab meines vaters und hatte zum ersten mal in 41 jahren und 5 jahre nach seinem tod den eindruck, dass ich ihn ohne jeglichen kindlichen filter sehen kann, mit all seinen facetten, mit all den vielen eigenschaften auch in denen wir uns sehr ähnlich sind. es hatte etwas sehr versöhnliches, ein erkennen auf augenhöhe, ein verstehen und anerkennen seines lebens. 

und meines lebens. 

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3 Gedanken zu “von vätern und filtern. 

  1. Das ist großartig, und so eine befreiende Erkenntnis. Ich kann das so gut nachvollziehen, weil es mir in einigen Punkten ähnlich geht. Vor allem das für sich selber sorgen, aber ich kenne auch dieses Ackern und Tun und Geben und bedingungslos lieben, nur für ein bisschen Liebe und Anerkennung.
    Und letzten Endes, übrig bleibt nur diese Erkenntnis: Wenn wir nicht für uns selber sorgen, wer sollte es denn dann tun?

    ❤️

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