sommerschuhtränen.

jedes jahr stehe ich zu beginn des sommers in einem schuhladen und blicke mit tränen in den augen auf all die schuhe, die ich, aus gründen, nicht anziehen kann. es sind die feinen, zarten mit absätzen, riemchen und wenig material. die, die man zu luftigen sommerkleidern, kurzen röcken oder short anzieht, kombiniert mit feinen oberteilen. kurz – diese schuhe zieht man an, wenn man kleidung anzieht die weiblichkeit betonen soll.

ich ziehe sneakers an und wenn ich grosses glück habe und der modetrend es hergibt, passt dazu auch mal ein kleid.  oder eine bluse. mal. ich habe sandalen, aber die sind nicht fein oder mit riemchen sondern mit riemen. mein stil könnte man als sportlich bezeichnen und ich hasse diese bezeichnung mittlerweile aus tiefster seele. ich bin sportlich aber den dazugehörigen stil habe ich nicht gewählt, er ist mir quasi ab geburt aufgezwungen worden weil eine prothese nun mal nicht in riemchen passt sondern wenn überhaupt in riemen. es ist fast wie beim huhn und dem ei, nur das bei mir klar ist – zuerst war der schuh und dann der stil. andersherum ging nie. 

heute abend hörte ich das erstemal in meinem leben von jemandem der sich, ebenfalls aus gründen, exakt dieselben fragen stellt wie ich: wer wäre ich heute wenn ich nicht diese prothese hätte? und ich kann mit ziemlicher sicherheit behaupten, ich wäre nicht diesselbe. im guten wie schlechten.

von frühester kindheit an an entscheidender stelle nicht seine identität mitbestimmen zu können, weil vorbestimmt ist hosen tragen zu müssen damit man (damals noch) die eisen-holz-5kg-prothese nicht sieht, das prägt einen. schon gar als mädchen, das schon immer flatternde röcke und das geräusch von hochhackigen schuhen auf asphalt geliebt hat. mitbestimmend in dieser identitätsfindung ist auch, dass man sich den scheiss nicht freiwillig ausgesucht hat. viele dinge in unserem leben können wir mitbestimmen, auch wenn ws sich anders anfühlt manchmal. wir können den partner wählen den wir wollen, die ausbildung absolvieren die wir wollen, wir können uns den wohnort aussuchen – das alles prägt und die erfahrung der selbstbestimmtheit die unmittelbar mit der selbstwirksamkeit zusammenhängt formt unsere identität. fällt das weg, wie zb in meinem fall für eine findung von weiblichkeit und weiblicher identität, dann ist ein maßgeblicher anteil in mir fremdbestimmt. er eignete sich mir an, nicht ich habe ihn gewählt. er liess mich zur burschikosen werden mit der man pferde stehlen kann, die sensible antennen für die kleinen und grossen kerben und einschränkungen hat die ein mensch haben kann, zu der die immer sagte „nee lass mal schaff ich alleine, kann ich auch noch laufen, springe ich selbst hoch oder kletter ich runter.“ zu der, die sich immer getrennt fühlte und fühlt von den anteilen in weiblichkeit, die mit schwäche und bedürftigkeit aber eben auch mit schönheitsidealen einhergehen. zu der, die einen mangel gezwungenermaßen zum ideal erhob -„wer braucht schon diesen ganzen mädchenschnickschnack?!“zu der, die nie durch äusseres zu überzeugen wagte oder auch schlicht konnte sondern immer schon die kompensation in charme und liebenswürdigkeit fand. die dadurch aber nie wirklich abgrenzung und verweigerung lernte. und zu der, die genau deswegen menschen nie nach äusserlichkeiten beurteilt. und zu der, die jedes jahr im sommer in einem schuhgeschäft hart ihre tränen schlucken muss. 

man sollte wirklich nicht meinen wie sehr einen das nicht-vorhandensein von körperteilen prägen kann. 

(und im nächsten leben dann, isch schwör: nur kleider und röcken und feinstes schuhwerk. karmakonto ist schon angelegt.) 

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3 Gedanken zu “sommerschuhtränen.

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