damn. but – 


vielleicht ist die bisherige idee der EU einfach veraltet und jetzt die zeit, sich gedanken über eine jüngere, neue EU zu machen. ich persönlich halte krise ja immer auch für eine grosse chance. 

diese statistik macht zumindest hoffnung, ich halte sie durchaus für übertragbar auf andere EU länder: 

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die grosse kampflinie.

ein bewegendes und sehr grossartiges interview in der aktuellen printausgabe des spiegel mit lea delaria. 

sp: die grosse kampflinie unserer zeit scheint über die sexualität zu verlaufen. 

delaria: nach innen wie in der abgrenzung nach außen, ja. 

sp: die debatte darüber, welche öffentlichen toiletten transsexuelle benutzen sollen, der streit um die homosexuelle ehe, der aufschrei über das geringe strafmaß für einen studenten der universität oxford, jetzt das massaker in orlanda. 

delaria: sexualität hat damit zu tun, wer wir sind. und wenn uns das fremd erscheint oder anders, ist es bedrohlich. das große andere.

ich spüre diese kampflinie schon länger, hätte das aber nie so formulieren können. und auch wenn dieses bild im kontext des interviews eher gesamtgesellschaftlich verwendet wird, fielen mir seltsamerweise zb. als alles erstes ehen ein und das dortige bemühen über sexualität wieder zueinander zu finden. bez. wegen sexualität auseinander zu gehen. polyamourie, affären, swingen etc. das alles ist in meinen augen ein sehr konzentrierter versuch gelingende oder scheiternde sexualität über ehe entscheiden zu lassen. die wenigsten paare versuchen es mit kommunikationsworkshops.

und sieht man attraktivität und körperkult auch noch im erweiterten kontext von sexualität, dann kann man auch da eine kampflinie finden.

ich bin noch nicht durch mit dem denken, ist nur mal so angedacht – das interview lege ich darüberhinaus aber wirklich sehr ans herz.

von vätern und filtern. 

betrachtet man seine eltern hat man in der regel ein konkretes bild vor augen – es ist geprägt von erfahrung, geschichte, ich-identität und rangiert zwischen „ohje.“ und „ohja.“ sterben eltern verändert sich das bild nochmal, es kommt der ein oder andere filter des vergessens drauf oder, bei näherer durchsicht der hinterlassenschaft, der ein oder andere filter wieder ab. 

gestern hielt ich ein bild meines verstorbenen vaters in meinen händen und mit einem mal waren alle bisherigen filter weg.

das bild stammte aus der vor-familienzeit. es zeigte einen sehr gut aussehenden, braungebrannten mitdreissiger auf einem berg. und während ich es betrachtete fiel es mir wie schuppen von den augen: das war mein vater wie er wirklich war. den vater den ich kannte war zeit seines lebens der mann, der wieder der mann auf dem berg sein wollte. 

und so simpel wie erschütternd stand plötzlich die schon immer gefühlte wahrheit in mir: mein vater war nicht nur physisch nicht anwesend, er war auch dann nicht anwesend wenn er anwesend war. weil er nicht da sein wollte. er wollte ohne familie auf einem berg stehen, alleine, er wollte weg sein, jemand anders sein. so unbedingt jemand anders sein. er wollte derjenige sein, der er war bevor es mich gab. 

das ist ein übles dilemma, denn ich denke mein vater hat mich geliebt. leider auf eine art und weise, die erst die erwachsene frau sehen konnte – dem kind war der rationale zugang zum dilemma des vaters verschlossen, es fühlte es nur und setzte abwesenheit und ambivalenz des vaters mit nicht-liebe und bedeutungslosigkeit gleich. und zog für die nächsten 41 jahre darauf seine konsequenzen. alles in seinem leben bestand unterm strich aus einer einfachen rechnung: ich tue alles was in meiner macht steht für mein gegenüber, liebe bedingungslos und aufrichtig und werde mit wert und bedeutung bedacht. leider habe ich dyskalkulie und wie die meisten meiner mathearbeiten war auch diese rechnung falsch. denn nichts  funktioniert in der liebe und der zwischenmenschlichen beziehung schlechter als der zusammenhang von „wenn….dann“ und so stand am ende meiner rechnung regelmäßig ein „siehste! ich kann machen was ich will, es reicht nie.“ weil nicht kam was ich erwartete.

ich weiss noch nicht genau, was jetzt passiert und wie ich dieses begreifen der abwesenheit von zuwendung und spürbarer und fühlbarer vaterliebe benutzen werden um mich neu auszurichten. aber ich spüre jetzt schon etwas ganz wesentliches: erleichterung. denn wenn jemand, warum auch immer, meine liebe und zuwendung nicht annimmt dann hat das was mit ihm zu tun. es ist seine entscheidung, seine verantwortung und vielleicht auch sein schicksal so wie bei meinem vater. und das bedeutet zeitgleich, dass ich aufhören kann mich darum zu kümmern und mich stattdessen um mich selbst kümmern kann. all meine energie, die über soviele jahre durch diese prägung immer auf mein gegenüber gerichtet war, die darf ich jetzt umlenken auf mich. ohne vorwürfe, ohne rache, ohne wut, sondern einfach im bewusstsein, dass es die aufgabe des gegenübers ist für sich zu sorgen sowie es meine aufgabe ist, für mich zu sorgen. 

heute sass ich am grab meines vaters und hatte zum ersten mal in 41 jahren und 5 jahre nach seinem tod den eindruck, dass ich ihn ohne jeglichen kindlichen filter sehen kann, mit all seinen facetten, mit all den vielen eigenschaften auch in denen wir uns sehr ähnlich sind. es hatte etwas sehr versöhnliches, ein erkennen auf augenhöhe, ein verstehen und anerkennen seines lebens. 

und meines lebens. 

gestern. 


ich bin gerade in meiner heimatstadt, nach sehr langer zeit und aus gründen. und irgendwie packt es mich – orte die ich seit 1994 nicht mehr gesehen habe, ziehen mich plötzlich magisch an und an jedem kann ich spüren wie weit ich weggewachsen bin und wie sehr ich gerade wieder einen dieser wachstumsschübe habe. meine mutter, die ich aus dem krankenhaus geholt habe, alt geworden und sehr schwach – auch sie so ein bild von längst vergangenem. ich war nie ein mensch, der an viel hängt („….an keinem wie an einer heimat hängen.“ schrieb hesse und er schrieb es für mich.) aber je älter ich werde desto besser halte ich den blick zurück aus und spüre so sehr die frage in mir „und was ist meine heimat?“. ich glaube nur wer gut zurückblicken kann, kann sich gut einhakeln im jetzt, geborgen zwischen dem was war und ist. und 20 jahre habe ich den blick auf diesen teil meines lebens mit all seinen orten vermieden – und seltsam mit was für einem trieb ich es jetzt tue, fast schon tun muss als gingen die orten für immer verloren wenn ich sie nicht nochmal betrachte. 

und es liegt die chance der korrektur im blick auf das vergangene. dinge, die aus der ferne so schnell interpretiert und katalogisiert sind, erscheinen in anderem licht wenn man vor ihnen steht und hinblicken muss. und zum ersten mal in meinem leben will ich hinblicken. will raus aus dem kopf, den interpretationen, den filtern und hinein ins fühlen und nachspüren wer ich war als ich hier war. das ist eine sehr spannende reise gerade, das macht mich ganz kribbelig vor neugierde.

(das ist übirgens der korridor meines gymnasiums – alles beim alten. ein museales stückchen meines lebens.) 

consent is everything. 

Bis vor wenigen Jahren galt eine vergewaltigte Frau als „geschändet“, also mit Schande behaftet. Der Makel der Tat wurde auf das Opfer übertragen, das fortan als „beschmutzt“ galt, als im Wert geminderte, beschädigte Ware, als „Schande“. Die Reality-TV-Darstellerin Gina-Lisa Lohfink, 29, wurde demnach im Wortsinn „geschändet“: von zwei Straftätern, die ihr nicht nur Gewalt antaten, sondern sie zusätzlich aus Gewinnsucht bloßstellten, von bestimmten Medien, vom Social-Media-Mob – und, so lautet der Vorwurf von Prozessbeobachtern, auch vom Berliner Amtsgericht, vor dem der Fall am 27. Juni weiter verhandelt wird.

hier der ganze stern-artikel.

ich hoffe sehr, dass der schritt in die öffentlichkeit und die aufmerksamkeit die der fall jetzt erfährt, das thema und den immer noch furchtbaren umgang damit mehr ins bewusstsein rückt, mehr wissen und vorallem mehr feinfühligkeit im umgang mit den betroffenen frauen schafft. 

und hier noch ein wunderbares video der britischen polizei, das anhand von tee machen erklärt was einvernehmlicher sex bedeutet. falls das jemandem noch unklar wäre. so simple, so clever. 

und manchmal….

…..kommt aus ganz unerwarterer ecke eine umarmung und ein angebot und genau die richtigen worte. und so ungelenk wie ich bei plötzlicher nähe und zuwendung werden kann, weil ich so überwältigt bin wenn mans gut mit mir meint und mir das zeigt, so sehr freue ich mich und so sehr will ich lernen das einfach auch mal stehen zu lassen und anzunehmen. 

(aber herrje, wie sie sich die einzelkämpferin in mir sträubt. und wie schnell ich im eigene gefühle wegwischen bin. *wusch* und schon ist wieder die starke allesschafferin am start. und gerade denke ich so, dass es doch aber gerade die verletzlichkeit ist die menschen einander näher bringt. und auch wenn ich mit verletzlichkeit zeigen extrem schlechte erfahrungen gemacht habe, vielleicht ist es an der zeit diese mehr zuzulassen. ich dachte das neulich schon mal als ich mich dabei ertappte wie ich versuchte meine gefühle zu drosseln, um in beziehung nicht verletzt zu werden. da fühlte ich, wie sehr ich mich damit letztendlich aber auch selbst einschränke und mir was nehme an erfahrungstiefe. ich hatte dann den gedanken, dass ich darauf vertrauen kann, dass ich verletzung überlebe weil ich erwachsen, weise und klug *räusper* bin und man solche dinge einfach auch überlebt. dann gings. ich wäre aber bis eben gar nicht auf den gedanken gekommen, diese erkenntnis einfach auch auf alle anderen formen von beziehung zu übertragen. sich verletzlich zu zeigen, sich mutig und offen in beziehung zu begeben, berührbar, schwach – das ist es doch was uns menschen ausmacht. das ist zumindest auch bei mir immer etwas, was ich im gegenüber sehr schätze und auch bewundere, egal in welcher beziehung ich zum gegenüber stehe. am ende ist es wie mit allem, es geht um gleichgewicht, um die integration aller anteile in einem. es ist auf dauer einfach auch anstrengend und energieraubend immer nur das eine zu sein und das andere zur seite zu schieben. dann fehlt den dingen die mitte. das leben ist ein „und“ – kein entweder oder.)

and then, maybe, the end is eventually near….

meine mutter wird operiert. von allen möglichen ops in ihrem alter hat sie sowohl bei der krebsart als auch bei der notwendigen operation mal richtig in die vollen  gelangt: seltener krebs, noch seltenere op und auch sonst alles eher kacke.

nun laufen die letzten vorbereitungen vor der op und dazu gehören eben auch die fragen die geklärt werden müssen falls sie stirbt. mein vater ist vor gut 4 jahren gestorben, also müssen wir geschwister ran, was heisst ich muss ran. und so dinge klären wie grabsteinfarbe, gravur, sterbeanzeige etcpp. bis ins kleinste detail erklärt mir meine mutter wie sie die beerdigung haben will, welche lieder, welche sprüche, bis hin zu den inhalten der traueransprache. 

und mir wird plötzlich bewusst, wie unglaublich wichtig das für sie ist – und so fern es mir selbst liegt, so sehr verstehe ich ihre hartnäckigkeit im leben noch zu wissen, wie sie im tode begleitet wird. da gibt es durchaus anteile, die ich niemals so machen, in denen sich nicht meine trauer ausdrücken würde. aber ich merke wie sehr ich ihr ihre vorstellungen lassen kann: wo, wenn nicht im tod hat der einzelne sein letztes wort. und auch wenn ich das nicht verstehe oder es nicht das meine ist, will ich ihr die sicherheit geben, dass es so kommen wird. es liegt darin eine grosse sicherheit für sie, sich auf das kommende vorzubereiten. ein stückweit loszulassen im wissen, dass auch im tod ihren wünschen noch ein letztes mal stattgegeben und respektiert werden. 

diese trauerfeier wäre nicht für uns, die wir bleiben. und das ist gut so. ausgerechnet im tod fremdbestimmt zu werden, wäre auch mir ein graus. wir angehörigen fänden schon jeder für sich einen eigenen weg der trauerbewältigung, da muss ich nicht plötzlich meinen abschied meiner mutter choreographieren, sondern ihr ihren lassen. meinen vater habe ich in hunderten von läufen verarbeitet, alleine im wald oder auf bergen. und so wäre es auch bei meiner mutter. 

also werde ich dafür sorgen, wenn eventuell vielleicht, dass sie exakt die lieder und sprüche und gedanken bekommt die sie will. damit sie sich mit meinem versprechen jetzt sicher fühlen kann.

(abgesehen davon habe ich ihr einfach verboten zu sterben, soviel fremdbestimmtheit darf dann doch sein.)