nestnomade.

gestern hab ich mir ein video mit alten super8 filmen angesehen. alltagsszenen mit kindern, mutter, vater, mitte der 70er. bunte bilder, die in ausschnitten von familie erzählen, wie sie funktioniert, von dem festen rahmen in dem man gross wird zwischen weihnachten und dem sommerurlaub, dem ersten schwimmbadbesuch und hochzeiten. 

und mir wurde beim sehen ganz weh ums herz – denn ich besitze so etwas nicht. ich besitze lediglich eine handvoll bilder aus meiner kindheit. der rest der bilder beginnt mit meinem auszug aus meinem elternhaus. meine entscheidenden und prägenden jahre, die um die es den meisten interpretationsspielraum gibt, von denen ich gerne den ein oder anderen festen beweis meiner existenz gehabt hätte, sind für mich nicht greifbar und verloren. 

ich habe viele jahre nicht den verlust gesehen, was diese nicht-existenz ausdrückt. jahrelang lebte ich an so unterschiedlichen orten mit einer haltung, die es mir möglich machte wo immer ich gerade war auch schnell wieder verschwinden zu können. menschen, die jahrelang, gar ihr ganzes leben in einer stadt, gar in ihrer heimatstadt verbracht haben waren mir suspekt – die schienen ein problem zu haben nicht ich. meine mobilität demonstrierte mir meine unabhängigkeit. heute weiss ich, dass sie mehr meine bindungsunfähigkeit demonstrierte. 

im lauf der jahre änderte sich vieles und ich mich gleich mit. und gerade in den letztes jahren bemerkte ich immer öfter die grosse anziehungskraft von menschen, denen es tatsächlich gelungen war an ort und stelle sein und bleiben zu können ohne sich aufzulösen. die emanzipiert und frei ihr eigenes leben lebten, dennoch gebunden und aufgefangen in einem starken und lang gewachsenen nest. und ich begann langsam zu begreifen, was mir verloren gegangen ist. ein starker baum kann jedem sturm nur dann trotzen wenn er starke wurzeln hat. das ist eine ausgelutschte metapher, die aber leider einfach war ist. denn wenn man diese wurzeln nicht oder nur unzureichend hat, begleitet einen das für den rest seines lebens. es lässt einen schneller wanken und schneller umfallen oder anders formuliert – man hat es ungleich schwerer stehenzubleiben. natürlich gibt es auch ressourcen wie flexibilität, leichtigkeit, offenheit, als flachwurzler kommt man schneller rum, erlebt vielleicht auch mehr. aber je älter man wird umso weniger wichtig werden diese themen und die sehnsucht nach wurzeln, nach halt und beständigkeit und allem was damit verbunden ist, wird stärker. irgendann möchte auch der letzte nomade ankommen, erkannt werden, aufgenommen werden, sich fallen lassen können in eine gemeinschaft die ihn trägt und hält und zu der er sinnhaft seinen beitrag leisten kann. das macht menschenleben aus. deshalb gründen menschen immer noch familien, auch die kaputtesten menschen. es ist der tiefe wunsch im kleinsten kreis sein zu können wie man ist und angenommen zu werden als der, der man ist.

die tatsache, wie leichtfertig mit den abbildern meiner kindheit und jugend umgegangen worden ist, zeigt, dass die wenige verwurzlung, das wenige „nestige“ bereits eine generation zuvor in meiner familie verankert war und immer noch ist. und das ist eine spannende beobachtung – lauthals propagiert wurde nämlich was anderes. beobachte ich aber meine jahrzehntelange ambivalenz zum thema bindung, dann ahne ich in welchem spannungsfeld ich gross geworden bin und was ich übernommen habe. und wie schon meine eltern sich in demselben spannungsfeld zwischen „nur weg!“ und „aber das geht doch nicht!“ bewegten. hier lohnt, wie immer, der generationsübergreifende blick…..man versteht sich einfach besser wenn man weiss wer einem den eigenen rucksack gepackt hat und mit was.

und was ist jetzt die lösung? ich vermute der windhund anteil in mir wird bleiben und ich bin sehr versöhnt mit ihm. er macht mich schliesslich in vielem zu dem was ich bin. gleichzeitig aber habe ich den letzten jahren begonnen meine eigenen wurzeln wachsen zu lassen und noch viel wichtiger: ich bemühe mich, meinen kinder die möglichkeit zu geben starke bindungen wachsen zu lassen – zu uns eltern, zu ihrer heimat in der sie aufwachsen, zu all den kleinen dingen die ihnen halt geben und wurzeln. vorallem aber lasse ich sie selbt sein und selber herausfinden wo ihr weg langgeht. und alleine durch meine veränderte haltung hoffe ich darauf, dass sie die begriffe beständigkeit und halt und nest früher als ich positiv wahrnehmen und für sich annehmen.

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Ein Gedanke zu “nestnomade.

  1. Pingback: Wenn die Bilder fehlen … | jazzlounge

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