muss es denn immer normal sein?

heute gedacht, dass ich so sehr versuche, normalität zu leben. und dabei erkannt, dass ein teil meines lebens aber einfach nicht der norm entspricht. und plötzlich eine enorme erleichterung gespürt.

es ist nun mal so, dass unser gelebtes familienmodell nach unserer trennung nicht mehr dem üblichen bild der familie entspricht. die kinder leben beim vater, dieser arbeitet von zu hause und hat dadurch eine alltagspräsenz, die ich als arbeitende frau mit vollem terminkalender in keinster weise erreichen kann. dennoch bin ich jeden tag im alten zu hause, mache hausaufgaben mit den kindern, esse gemeinsame mahlzeiten und bin durchaus auch am abend noch da und fahre erst später in meine eigene wohnung. ich bin jedes zweite wochenende weg und habe zumindest eines der beiden kinder 2x in der woche bei mir, das andere kommt wie es lust hat – was völlig ok ist.

wir leben familie aber nicht im klassischen sinne wie mutter vater kind(er) unter einem dach. seit wir so wohnen bemühe ich mich, unser modell als normalität zu begreifen und es als gleichberechtigt neben die normfamilie zu stellen. ich vollziehe dafür einen irren spagat zwischen mir, meinem individuellen leben, dem leben als mutter und dem leben als arbeitende person, zwischen zwei haushalten, einer neuen beziehung und einer sehr gut funktionierenden beziehung zwischen meinem mann und mir und zwischen allen ansprüchen die damit verbunden sind. und versuche sowohl mir als auch meinem umfeld ständig klar zu machen: „jaa, das ist nicht ganz so wie halt andere aber im grunde gibt es keinen unterschied.“ und merke heute plötzlich wie sehr ich im grunde am umstand leide, dass ich versuche so zu tun als sei das normal.

ist es nämlich nicht. man kann sich gegen das klassische familien bild der triade mutter-vater-kind wehren wie man will. man kann sämtliche patchwork-, wechsel- und andere lebensmodelle dagegen halten, sich für diversität aussprechen, werben und sie leben, toleranz einfordern und sich darüber aufregen wie hinterwäldlerisch das klassische modell sein mag, mit seinen klassischen rollenbilder und aufgabenverteilungen – frage ich am ende ein kind gleich welchen alters, gleich welcher familienstruktur es entspringt, die antwort auf die frage „wie sieht für dich familie aus“ wird immer lauten „mama und papa und kind, die alle zusammen in einem haus wohnen.“ man darf mir glauben, ich habe meine arbeit als empirisches feld für diese frage benutzt.

ich will damit nicht sagen, dass ich hinter diesem modell stehe und es bedauere, dass ich es nicht mehr lebe. ich will damit auch nicht sagen, dass dieses modell das alleine glücklichmachende ist und nicht hinterfragt werden muss, mit all seinem retrocharme und verbesserungsbedarf. aber: es ist nun mal das gängige und in dem fall normale modell. es ist das modell, das hier auf dem land nahezu alleingültig ist und damit jede andere form der familie als etwas nicht normales im sinne von nicht normativ darstellt. und natürlich weiß ich, dass es notwendig ist, dass es mehr diversität geben muss, mehr gelebte andersartigkeit um diese traditionellen krusten aufzulockern, um platz zu schaffen für vielfalt und andere lebensmodelle. ich trage ja im übrigen aktiv dazu bei, in dem ich bez wir unser modell in einem 1000 seelen dorf leben und vertreten.

was aber eine ganz wichtige erkenntnis für mich dabei ist: ich muss es vor mir selbst nicht als normal ansehen. ich darf zulassen, dass wir in einer besonderen situation leben, die kein vorbild hat (aber hoffentlich vorbildfunktion), in der ich fast täglich dazuangehalten werde meinen standpunkt, meine ideen und vorstellungen von familie und miteinander, von mutterrolle neu zu hinterfragen und zu definieren. ich lebe in einem nicht normativen modell, in dem wir die rollenbilder wenn nicht gar getauscht so doch erheblich verändert haben, zumindest für meine begriffe. es ist ein lebensmodell, in dem ich mich völlig auf mich alleine gestellt fühle, weil es niemanden gibt, der weiß wovon ich spreche. der meine versagensängste teilt, meine fragen und auch meine antworten. ich agiere auf völlig blankem papier, jeden tag aufs neue. ich habe keine sicherheit durch die masse, denn das ist es, was normalität gibt– sicherheit. es gibt immer noch irgendwo einen, der es auch so macht und schon ist man zu zweit und zu zweit ist man weniger alleine. meine anstrengungen, unser model so normal wie möglich zu leben ist der versuch, mir sicherheit zu verschaffen. normalität schafft tatsächlich sicherheit, sie kategorisiert und ordnet und erklärt somit die dinge, abgesegnet von der breiten masse. aber mein versuch ist utopisch – denn wir sind getrennt, wir wohnen nicht zusammen, wir teilen uns die kinder (zumindest hin und wieder) auf, ich bin nicht so präsent wie ich das war und wie andere mütter im klassischen modell es sind.

das was wir tun ist nicht normal. das ist gut so, für uns und vielleicht auch für den ein oder anderen, der nicht weiß wie ers anstellen soll mit der trennung und den kindern. ich muss nicht den anspruch an mich selbst erheben, unbedingte normalität zu schaffen. ich darf anders sein und ich darf deswegen auch scheitern. und muss nicht normalität propagieren, weil ich die spannung der andersartigkeit nicht aushalte.

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Ein Gedanke zu “muss es denn immer normal sein?

  1. 😘 Ja, ja, ja! Und übertragbar auf viele andere Lebensbereiche. Das hat mir auch die ganzen Jahre Angst gemacht mit meinem Thema. Ich wollte auch immer Normalität, ich hab sogar alles dafür getan, Normalität vorzutäuschen, aber ich konnte sie nicht leben. Und jetzt hab ich gemerkt, dass es gar nicht auf die Normalität ankommt. Sondern auf das bei sich sein.

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