realität ist was ich für sie halte.

ich lese zur zeit ein buch einer amerikanischen systemikerin (meine herren, wie anders – man muss sich schon sehr an das amerikanische empowerment gewöhnen, so als eher rationale und spröde europäerin). grundgedanke des buches ist die iIdee, dass gedanken die wir denken, nicht der realität entsprechen sondern unsere eigene interpretation abbilden – so geraten wir in ständigen streit mit der realität. warum ruft er nicht an? und zack entstehen durch unsere gedanken eine ganz eigene interpretation (sie nennt sie geschichten) um die frage. wir können die frage aber nicht beantworten, es sei denn wir würden anrufen zb und fragen. alles andere ist interpretation, die leid bringt – denn „geschichten sind ungeprüfte theorien, die uns sagen, was diese dinge angeblich bedeuten. dabei ist uns nicht einmal klar, dass es sich nur um theorien handelt.“*

so las ich das gestern abend und war durchaus angefixt von der Idee. es war ein erkennen nach dem motto „was für eine erleichterung es wäre wenn das stimmen würde“ da, aber auch enormer rationaler widerstand: „wie jetzt? aber wenn doch meine kollegin tatsächlich im Büro sitzt und gerade über mich lästert! das weiß ich doch! ich kenn sie doch!“….man kennt das. irgendwann legte ich das buch mit so einem latenten verwörrungsgefühl zur seite,  die sache noch nicht ganz durchstiegen zu haben.

und dann träumte ich. ich träumte, dass man mir eine tüte neuerworbener schuhe geklaut hätte. von einem mann, der in keinster weise irgendwie auf mein bitten reagierte mir die tüte wieder auszuhändigen und auch keinen hehl daraus machte, dass er die tüte in seinem besitz hatte. er sass zusammen mit seinen freunden an einem tisch, wälzte reisekataloge zu den teuersten reisezielen der welt und ich versuchte von charme über diplomatie bis hin zu aggression (am besten gefiel mir mein wütender ausspruch, ich wäre sozialpäpdagogin und würde so derart wenig verdienen im gegensatz zu ihnen, die hier teure reiseziele aussuchen könnten, sie sollen mir jetzt die scheißschuhe aushändigen!) – nichts half. alle blieben freundlich, aber ich erreichte nichts. dann fiel mein blick auf einen kinderwagen mit älterem kind drin. also packte ich die ganz heftige keule aus: ich würde sofort das örtliche jugendamt verständigen, wenn ich jetzt nicht sofort meine schuhe zurückbekommen würde, denn der kinderwagen hätte nicht mal eine bremse und außerdem hätte das kind in dem alter noch einen schnuller (und nein, diese argument bilden nicht meine tatsächliche professionelle haltung ab…) plötzlich kam bewegung in den mann – ja na guuuut, er würde dann mal die schuhe holen. ich kündigte an von 10 abwärts zu zählen und bei 0 sofort die polizei zu verständigen, wenn ich die schuhe bis dahin nicht in der hand hätte. ich begann zu zählen und beobachtete dabei den mann, wie er betont langsam losging und die schuhe suchte. bei null angekommen, hielt ich mein handy in der hand und rief, ebenfalls ziemlich betont, die polizei an. diese meldete sich und zeitgleich merkte ich, dass der mann an dem ich mir bisher die zähne ausgebissen hatte lachend auf mich zukam und „reingelegt!“ rief – ich war bei versteckter kamera gelandet. was ich für die realität gehalten hatte, war einzig meine interpretation der situation, die aber nicht der realität entsprach.

beim aufwachen musste ich erstmal schallend lachen – zum einen, weil das ein ganz wunderbar lustiger traum war, weil mein unterbewusstsein so ein schönes beispiel gefunden hatte und weil mir mit einem schlag klar wurde, was katie byron meint.

wie wunderbar doch das unterbewusstein sein kann. und jetzt probiere ich das heute einfach aus – und sehe meine gedanken mal als geschichten, die ich mir um die realität spinne. mal sehen was passiert.

 

 

  • aus byron katie „lieben was ist.“ ich halte die methode nicht für besonders neu, ich muss nur in den buddhismus oder die zen-lehre schauen, da finde ich sie wieder. das macht das buch aber nicht weniger hilfreich – ich kann es allen wärmstens empfehlen, die sich gerne heftig destruktiv in gedankenschlaufen verheddern. allerdings mit dem nochmaligen hinweis auf die amerikanische art und weise der buchsprache:) phasenweise kam ich mir vor wie in den systemischen schulen der 70er jahre, das muss man aushalten, ich fands amüsant.
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4 Gedanken zu “realität ist was ich für sie halte.

  1. Ich muss mich jetzt auch mal revanchieren, Du schreibst großartig. Und das jetzt find ich nun besonders spannend – ohne die Dame in irgendeiner Form zu kennen. Aber die Idee, dass Gedanken immer nur die Interpretation derselben sind, überzeugt mich jetzt als postmodern inspirierten Historiker mal auf Anhieb (würde auch sagen, dass einzige worauf man sich einigen kann, sind inter-subjektive Verständigungen „ja, das ist ein Tisch“, mehr geht nicht. Das sorgt bei vielen für Unbehagen, fallen doch lieb gewonnene Eindeutigkeiten weg). Interessant finde ich tatsächlich die deutlich größere Verbreitung derlei Gedankenguts in den USA, da hatte schon Baudrillard mal drauf hingewiesen: eine teilweise sehr viel größere Toleranz für das Flüchtige.
    Gruß.

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    • oh! danke schön. die „retourkutsche“ freut mich sehr!
      ja, wenn man mal wirklich aktiv seine gedanken auf interpretationen hin untersucht, merkt man recht schnell, dass es für alles zwischenmenschliche echt am besten wäre, man bleibe bei „es ist ein tisch.“ :))

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