was tust du? ich eier.

gestern sass ich in einem gespräch mit einer person, die unerträglichen blödsinn erzählte. es ging im grunde nur darum, verantwortung von sich zu schieben und nicht zu dem zu stehen, was sie verbockt hatte. in gedanken war ich sehr klar „himmel herr gott! kannst du jetzt nicht einfach mal sagen was wirklich ist! sag die wahrheit und gut!“ gesagt habe ich – nichts. beziehungsweise ich eierte rum, was unterm strich auf dasselbe rauskommt. jeder meiner sätze ein feuerwerk an „könnten“ „eventuell“ „wäre“ „vielleicht“ „unter umständen“ – ich war schwerst genervt von mir. heraus kam bei dem gespräch nichts. alle in watte gepackten wörter fielen federleicht auf komplett unfruchtbaren boden und am ende waren alle befriedet, nicht aber befriedigt in ihrem anliegen. 

neulich stolperte ich über ein video aus einer deutschen talksendung aus den 70ern. ich kann nicht mal sagen worum es ging – es stritten alle heillos miteinander, ständig fiel „scheisse“ oder „kapitalistische dreckschweine“ und am ende wurde ein tisch mit einer axt malträtiert. und ich sass mit offenem mund und vor aufregung roten bäckchen vor dem video und dachte nur „geil!“. eine talkshow, in der menschen wirklich komplett ungefiltert ihre meinung sagen. gut man mag sich darüber streiten ob es sinnig ist am ende mit der axt zuzuhauen – aber hej! meinung! streit! auseinandersetzung! schimpfwörter! und plötzlich spürte ich sowas wie erleichterung. was für eine entlastung, die „du arschloch!“- haltung nicht mehr aus gestik und mimik zu lesen aber aus den mündern weichspülerblasen zu hören. endlich mal keine gespürte diskrepanz zwischen dem gesehenen und dem gesagten. endlich mal spüren und hören – da sitzt ein mensch, der brennt für eine sache. so sehr, dass ihm jede weichgespülte phrase ein solcher graus ist, dass er ohne umweg und ohne schonung loslegt mit seiner meinung. 

man muss nicht den frontmann von ton, steine scherben sehen und auch nicht nina hagen, die ja heute noch mit grosser verve jede gruppe sprengen kann – bleibt man im politischen deutschland der 70er (was sich oftmals gar nicht so trennen lässt vom kulturellen deutschland der 70er) dann fallen einem genügend andere streibare geister ein. allen war eines gemein: sie eierten nicht. sie hatten eine meinung. die muss nicht immer der eigenen entsprochen haben, aber es war eine meinung an der man sich reiben konnte. meinung hat ja immer den vorteil, dass man sie zu zwei seiten nutzen kann – zum zustimmen und zum abgrenzen. etwas was ich heute extrem vermisse. als ich neulich nach langer zeit mal wieder eine talkshow sah fiel mir das so auf: alles ein meinungeinheitsbrei, jeder ausbruch wird wegnivelliert mit einem fast schon unerträglichem anspruch an konsens. und die wenigen ausbrüche die sich dann noch zeigen machen sich fest an details auf denen dann so lange rumgeritten wird, bis sie eine riesengrosse aber völlig unerhebliche blase sind. man nennt das dann skandal und wird einige tage als sau durchs mediale dorf gejagt. man denke zb an die deutschland flagge irgendeines afd-wichtigtuers über der stuhllehne während einer talkshow. ich vermute herr ton steine scherben hätte mit der axt zugeschlagen….

ich habe vor einiger zeit aufgehört mir was für den gesellschaftlichen diskurs zu wünschen und angefangen mich auf mich und mein kleines lebens zu konzentrieren. und so dachte ich gestern nach dem gespräch, dass ich in zukunft mehr den axt schwingenden, schimpfenden und meinung habenden frontmann von ton steine scherben im kopf haben will, mich klarer positioniere, reibungsfläche biete und aushalte, dass am ende vielleicht nicht unbedingt alles  befriedet ist, aber dafür konstruktiv angegangen und gelöst. 

meinung ftw! 

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